Seit Generationen wissen die Leute auf der Insel Rügen, daß mit den Gäntschows nicht gut Kirschen essen ist. Johannes, der letzte Sproß dieser Ahnenreihe eigenwilliger Kauze, macht keine Ausnahme. Aber er will anders leben als seine Vorfahren: selbständig und frei. Nur Christiane, die große Liebe seit seiner Kindheit, nimmt es mit ihm auf. Zu spät erkennt Gäntschow, was er mit ihr verliert.
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Rudolf Ditzen alias HANS FALLADA (1893–1947), zwischen 1915 und 1925 Rendant auf Rittergütern, Hofinspektor, Buchhalter, zwischen 1928 und 1931 Adressenschreiber, Annoncensammler, Verlagsangestellter, 1920 Roman-Debüt mit "Der junge Goedeschal“. Der vielfach übersetzte Roman "Kleiner Mann – was nun?" (1932) machte Fallada weltberühmt. Sein letztes Buch, „Jeder stirbt für sich allein“ (1947), avancierte rund sechzig Jahre nach Erscheinen zum internationalen Bestseller. Weitere Werke u. a.: »Bauern, Bonzen und Bomben« (1931), »Wer einmal aus dem Blechnapf frißt« (1934), »Wolf unter Wölfen« (1937), »Der eiserne Gustav« (1938).
ERSTER ABSCHNITT
Die Urgeschichte des Helden
Johannes Gäntschow wurde am zwölften März 1893 als Sohn einfacher Bauersleute auf der
Insel Rügen, und zwar auf deren Halbinsel Fiddichow, geboren. Der Hof Warder, auf dem
diese Geburt stattfand, liegt etwa fünfzehnhundert Meter von Kirchdorf entfernt, allein unter
uralten Linden und Pappeln. Auch von der Landstraße zum Suhler Hafen hält er sich eine
Schlagbreite ab. Dort, wo der Fahrweg zum Hof von dieser Straße abzweigt, hatte schon
Malte Gäntschow, des Johannes Großvater, das Schild auf einen Pfahl gestellt:
Hier wohnt Malte Gäntschow Kauft nichts - Verkauft nichts und empfängt auch keine
Besuche.
Da er aber den Lesekenntnissen seiner Mitmenschen mißtrauen mochte, da er auch als
Bibelkundiger den Spruch kannte »Verstehest du auch, was du liesest?«, so wurde weiterhin
auf dem Hof stets eine ganze Meute von Hunden gehalten, die jeden leichtsinnig die Tafel
Mißachtenden heulend, zähnefletschend, anspringend, kleiderzerreißend empfing. Diese
Hunde, wahre Nachkommen des deutschen Schäferspitzes, in weißen, hell- wie
dunkelbraunen, sowie schwarzen Färbungen, mit listig verschlagenen, aber auch mutigen
Wolfsköpfen, hatten sich schon unter des Johannes Großvater Malte so vermehrt, daß ihrem
Tätigkeitsdrang wie ihrer Freßlust der heimische Ausbauhof zu eng wurde. In Banden zu
zwölf und fünfzehn durchstreiften sie die ganze Halbinsel, sie wurden ebenso auf Sagitta
gesehen wie in Schranske, sie jagten in Leerhof die geängsteten Schafe um den Tüder, bis sie
zusammenbrachen, und veranstalteten auf der Kerbe Treibjagden auf Kaninchen. Rauh und
zottig, mit wild funkelnden Augen, die Narben vieler Schlachten auf dem Leibe, mit
zerrissenen Ohren und hinkend von den Schrotschüssen ihrer Feinde, versteckten sie sich
abenteuernd längs des Feldwegs in einem Kornfeld. Kam dann ein Bauernmädchen mit
seinem Einholkorb von Kirchdorf, so sah es plötzlich einen schmutzigen, demütigen Hund
vor sich auf dem Boden kriechen, hilfeflehend zu ihr emporlechzen. Setzte sie den Korb ab,
beugte sich mitleidig zu dem Verendenden, so war plötzlich die ganze, gespenstisch von
hinten angeschlichene Meute in ihren Röcken, kniff und fetzte, und, während sie aufschreiend
sich zu retten suchte, der vermeintlich Sterbende durch ihre Beine kroch und sie zu Fall
brachte, rollte der Korb mit den Einkäufen im Gras. Die Hunde entflohen, lautlos wie ein
Spuk, das Freßbare mit sich schleppend. Das arme Mädchen aber hatte im Korn die Nacht mit
ihrem verhüllenden Dunkel zu erwarten, da es nicht rocklos in Büxen, manchmal auch
sommertags ohne Büxen, heim ins Dorf konnte. Aber ging sie auch noch so spät heim, es kam
doch immer heraus, und dröhnendes Gelächter und grobe Spaße folgten ihr noch lange.
Wasser und Wind, ein unbeständiger, meist grauer Himmel, endloser rauher Winter und
spätes Frühjahr, schwieriger Ackerbau, von Schiffbruch bedrohte Seefahrt haben die
Bewohner dieser Halbinsel wohl wortkarg und rauh, aber auch derben Spaßen und lautem
Gelächter geneigt gemacht. Zwar wehrten sie sich mit Steinen, Stöcken und Schießprügeln
gegen die Gäntschowsche Hundepest, erschlugen und vergifteten, so viele sie nur konnten,
aber den Gäntschows nahmen sie das nicht weiter übel: wer keinen Sparren im Hirnboden hat,
ist kein Fiddichower, doch wer einen derben hat, ist den Fiddichowern grade recht. Es ist
eigentlich eine Zufallssache: entweder wird man bei solchem Klima hintersinnig und ein
Spökenkieker, oder man läßt ein paar Fliegen burren, sich und der Nachbarschaft zur Freude.
Einmal wurde von einem ahnungslosen Nichteingeborenen der Landjäger, der damals noch
Landgendarm hieß, in Sachen Gäntschowscher Hunde mit einem Einspruch bemüht. Er
lauerte den Bauern Malte listig in einem Wasserloch ab, wie sie dort häufig in die Äcker
eingesprengt sind, von Weiden und Espen umstanden. Es war ein heißer Sommertag, der
Bauer stand nackt im Loch und spülte sich die schwarzzottige Brust. Zwei Hunde lagen rasch
atmend im grünen kühlen Gras, der eine schön schwarzbraun wie ein kühner Löwe, der
andere sanft weißgelb, als könnte er kein Wässerchen trüben, doch mit listigem Auge. Beide
Hunde klopften freudig mit den Schwänzen ins Gras, als sie den Gendarmen sahen. Der aber
hätte schwören mögen, daß es eben dieses weißgelbe Katzenauge gewesen war, das vor ein
paar Tagen in der Dämmerung eine wütende Attacke auf seine schwarzledernen Gamaschen
gemacht hatte. Was er, der Bauer Gäntschow, sich nun eigentlich denke mit seinen Hunden,
Hettitern und Amalekitern, wieder sei eine Stadthose zerrissen und eine städtische Wade
zerbissen. Woran man es denn wohl gesehen habe, daß es seine, die Gäntschowschen Hunde,
gewesen seien, fragte der Bauer dagegen. Er möge nur fein ruhig sein, seine Hunde seien
bekannt auf der ganzen Halbinsel, da brauche es keine Visitenkarte, sagte der Gendarm, aber
er setzte sich doch ausruhend ins grüne Gras. Der Bauer riß eine Handvoll frischen Rohrs aus,
knudelte es zusammen und fing an, sich den Rücken zu scheuern. Er müsse sich wundern,
meinte er, was man da so leichtsinnig hinrede, er habe nur zwei Hunde, und daß das ganz
harmlose Viecher seien, das habe der Gendarm ja eben erst gesehen: selbst bei seinem
Anblick hätten sie freudig mit dem Schwänze gewedelt. - Wo doch die Hunde bekannterweise
Uniformen gar nicht möchten, setzte er bedachtsam hinzu und verschwand mit dem Kopf
unter Wasser. Der Gendarm mußte seinen Zornesausbruch ob solcher Verlogenheit
aufschieben, bis der Bauer wieder aufgetaucht war. Da der Bauer aber einen breiten
Brustkasten hatte, dauerte es ziemlich lange. - Nicht nur der Bauer, auch der Zorn war danach
etwas wäßrig geworden. Was man da sagen solle, meinte der Gendarm, wo es doch auf der
ganzen Insel bekannt sei, daß der Gäntschow über dreißig Hunde habe. Er müsse sich immer
mehr wundern, sagte der Bauer, seine Kopfhaut reibend, wie auch die Obrigkeit auf solch
dummes Geklätsch hören möge. Zwei Hunde habe er, der Gendarm möge nur mit dem
Gemeindevorsteher sprechen, zweie habe er auch nur versteuert. Und damit würde jetzt
Schluß sein, versicherte der Gendarm zornrot, er selbst nehme es auf seinen Diensteid, daß er
über zwanzig Hunde auf dem Warderhofe habe fressen sehen. Wohl, wohl, dies sei schon
möglich, aber so sei er nun mal, er, der Bauer Gäntschow: bei ihm hätten alle Hunde aus ganz
Fiddichow freien Tisch. Die Bauern auf dieser gesegneten Insel gäben ja ihren Hunden nie
richtig zu fressen, er erbarme sich der Kreatur und zum Dank schöbe man ihm das ganze
Hundepack der Halbinsel in die Schuhe. Jetzt war der Gendarm sprachlos und der Bauer trat
gewaltig aus dem Wasserloch. Die Feuchte rann von seinen Lenden, er lockte den
löwenartigen Hund und fragte den Gendarmen, ob er wohl glaube, daß dieser Hund sein
eigener Vater, ja, er wolle es frei sagen, sein eigener Großvater sei? Ihm sei nicht nach
Spaßen zumute, sagte der Gendarm mürrisch, ob die städtische Hose und die städtische Wade
bezahlt würden? Dieser Pux, sagte der Bauer, hat mit seiner Mutter dort, der blonden Sussi,
Kinder gezeugt, die seine Brüder sind, von wegen der Mutter. Da er aber der Vater seiner
Geschwister ist, ist er auch sein eigener. Hast du's begriffen? Er solle nun aufhören damit und
antworten, aber der Bauer sprach weiter: Mit einer seiner Töchter hat er wiederum Kinder
gezeugt, und da er der Vater seiner Frau und der Bruder seiner Enkelkinder ist, zugleich der
Gatte seiner Mutter und Großmutter... Halt! schrie der Gendarm. Und wo sind die Kinder alle,
wenn du nur zwei Hunde hast, Malte?! Keine habe ich, schrie der Bauer, siehe, ich verstoße
auch noch die letzten! Und er stürmte nackt und wild auf die Hunde los, sie...
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