An einem Novembernachmittag hetzte ich durch den Schneeregen von der U- Bahnstation zur New York Public Library. Dort angekommen, klappte ich meinen von dem Sprint ziemlich ramponierten Schirm zu, stieg die marmorne Haupttreppe hinauf, wobei ich überall Pfützen hinterließ, und ging den dunklen Korridor hinunter, der in die Orientalische Abteilung führte. (»Orientalisch« bedeutete im Weltbild des neunzehnten Jahrhunderts alles, was östlich von Griechenland lag, ganz im Sinne von »Wir sind die Weisen aus dem Morgenland ...«) Auf der rechten Seite des Korridors standen zwei Computerterminals, an denen man die neuesten Titel der Abteilung abrufen konnte. Zur Linken waren Regale mit den dicken schwarzen Folianten, in denen die älteren Bestände noch mit einer altertümlichen Schreibmaschine, ja sogar noch handschriftlich verzeichnet waren. Beide Verzeichnisse wiesen seitenlange Eintragungen auf, die mit »Königin der ...« begannen. Königin der Schwindler, Königin der Frösche, Königin der Sorgen, der Spione, des Sumpfes, der Tränen, des Morgens, des Universums, des Zorns und des Niedergangs. Doch an diesem verregneten Tag fiel mir ein Eintrag besonders ins Auge, es war der, nach dem ich lange gesucht hatte: die Königin von Saba. Genauere Nachforschungen brachten Hunderte von Einträgen ans Tageslicht, die sich alle mit ihrem Leben - wenn sie überhaupt jemals gelebt hatte - und ihrer Zeit befaßten. In diesem Augenblick konnte ich dazu noch nichts sagen, und die Suche nach der Königin von Saba sollte mich von der Kathedrale in Canterbury bis zum Turm eines tschechischen Alchimisten führen. Meine Reise würde mich in ein Gebiet bringen, das man früher als Orient bezeichnet hatte, und nach Jerusalem, der Stadt, in der die Königin von Saba einst vor König Salomon trat und die so eng mit den westlichen Religionen verbunden war, daß man sie lange für den Nabel der Welt hielt. Die Neugierde, mein altes Laster, würde mich anstacheln und verführen, meinen Weg über das Kopfsteinpflaster alter Karawansereien, durch die grasbewachsenen Hochebenen Afrikas, über den stürmischen Bab el Mandeb hinein in den wegelosen roten Sand der arabischen Rub' al Khah zu nehmen. Die Wüste, so fand ich heraus, ist der richtige Ort für Neugierige, denn selbst bei einem kurzen Spaziergang muß man auf Überraschungen gefaßt sein, und man kann durchaus einen Blick auf etwas erhaschen, was man nie zuvor gesehen hat: sei es nun eine merkwürdig gestreifte Raupe, eine der seltenen Wüstenblumen, wie ich sie einmal in der kalifornischen Mojave entdeckt habe, oder ein fast offen daliegendes Jagdflugzeug, das seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen galt. Eigentlich ergibt das überhaupt keinen Sinn. Man stellt sich immer vor, die Geheimnisse der Natur und der Menschheit wären in abgelegenen Bergschluchten oder nebelverhangenen Dschungeln verborgen. Und natürlich haben auch diese Orte einiges an Unerwartetem. Doch es ist die Wüste - weit, anscheinend leblos, mit nur wenigen Orten, an denen etwas verborgen sein kann -, wo man Geheimnisse, möglicherweise die größten Geheimnisse, finden kann. Oder auch nie finden wird. Mit einigen Unterbrechungen war ich über ein Jahrzehnt lang der Königin von Saba in exotischen, sinnlichen, ja unheimlichen Ländern (so wie sie selbst?) auf der Spur. Würden sich die Nebel, die ihren Mythos umgeben, heben und die reale Königin eines realen Landes daraus hervortreten? Oder würde sie sich bei meinen Nachforschungen als Königin der Phantasie erweisen? Ich wußte es nicht. Doch an diesem Wintertag in New York durchstöberte ich einen abgegriffenen Band nach dem anderen und wurde geleitet von der Verheißung von Abenteuern, wie es der viktorianische Reisende Alexander Kinglake formuliert hatte: Es kommt die Zeit, da tanzt man keine Quadrille und setzt sich nicht auf Kirchenbänke ... denn jetzt werden meine Augen den Glanz und den Untergang des Ostens schauen.
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Taschenbuch. Zustand: Befriedigend. 396 Seiten; ehemaliges Büchereiexemplar, Artikel stammt aus Nichtraucherhaushalt! EO3392 Sprache: Deutsch Gewicht in Gramm: 340. Artikel-Nr. 771103
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