Tod am Rashomon Tor: Roman - Softcover

Parker, Ingrid J

 
9783746619989: Tod am Rashomon Tor: Roman

Inhaltsangabe

Japan im 11. Jahrhundert: Sugawara Akitada, ein kleiner Beamter im Justizministerium, hat es noch nicht weit gebracht mit seinen dreißig Jahren. Auch verheiratet ist er noch nicht. Dafür hat er ein besonderes Talent für das Aufdecken von Verbrechen. Und die häufen sich an der ehrwürdigen Universität der Kaiserstadt Heian Kyo, dem heutigen Kyoto. Gemeinsam mit seinem gewitzten Diener Tora tritt Akitada nun gegen Mord und finstere Machenschaften an. Dabei erweist sich der Held dieser überraschenden neuen Krimiserie aus dem alten Japan als außerordentlich gebildet, klug, mutig und gerecht.

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In der Juristischen Fakultät wartete Hirata bereits auf Akitada. Rastlos ging er auf und ab und sah sehr besorgt aus. Akitada erschrak, als er die angespannten Züge seines alten Lehrers bemerkte. Er mußte sich zwingen, gleichmütig zu wirken. Sofort überfiel ihn Hirata mit der Frage: »Habt Ihr das Gerücht gehört? Oe soll ermordet worden sein.« »Es ist kein Gerücht. Ich komme gerade aus dem Konfuzius-Tempel. Irgendwer hat ihm die Kehle durchgeschnitten und seinen Leichnam an das Standbild des Konfuzius gebunden. Es muß gestern nacht passiert sein, nachdem er den Wettstreit verlassen hatte. Hauptmann Kobe ist stinksauer. Ich habe den Eindruck, er glaubt, daß hier eine Verschwörung im Gange ist und ich der Rädelsführer bin. Mein Besuch im Gefängnis hat ihm überhaupt nicht gepaßt, und ich habe es fertiggebracht, ihn nur noch mehr zu reizen.«, . »O weh! An das Standbild des Konfuzius gebunden, sagt Ihr? Das ist unglaublich!« Hirata rang die Hände. »Hat er jemand im Verdacht?« »Für ihn ist der arme Nagai der Haupttäter. Der Hauptmann vertritt die Ansicht, daß beide Morde von ein und derselben Person verübt wurden. Ich habe versucht, ihn davon abzubringen, aber ich fürchte, mein Bemühen hat ihn eher argwöhnischer gemacht und er hat uns alle auf seine Liste mutmaßlicher Meuchelmörder gesetzt.« »Also Hiroshi kann das nie und nimmer getan haben. Oe hat von dem armen Kerl überhaupt keine Notiz genommen. Er war ihm zu häßlich und von zu niedriger Geburt; seiner Meinung nach würde der es nie zu etwas bringen. Und was für ein Motiv hätte Hiroshi schon gehabt? Da gibt es andere, die viel mehr Grund hatten, Oe umzubringen.« »Genau so ist es. Und Kobe dürfte bald dahinterkommen. Habt Ihr Sake oder Tee hier? Ich bin am Verdursten.« Sie gingen in Hiratas Arbeitszimmer. Das war ein kleiner Raum unter den herabgezogenen Dachtraufen. Er lag zwischen dem Unterrichtssaal und der Veranda, von der man auf den kiesbestreuten Innenhof blickte. Hier hatte Hirata all seine Lehrmittel versammelt: Bände mit Gesetzestexten, zusammengerollte Landkarten und Diagramme, die chinesischen Klassiker, die Analekten, Prinz Shotokus Reform des Rechtswesens und unzählige Stapel mit Aufsätzen der Studenten. Die Aufsätze waren nach Jahren aufgeschichtet und säuberlich beschriftet. Es zeugte von der Hingabe des Mannes an sein Lehramt, daß er die Bemühungen von Generationen von Studenten aufbewahrte. Hirata deutete auf das Sitzkissen neben seinem niedrigen Arbeitspult und brachte einen kleinen Krug mit Reiswein und zwei Becher. Auf dem Pult stand eine weißliche Porzellanvase mit einer einzigen rosafarbenen Päonienblüte. Ihr Duft erfüllte das kleine Zimmer. Akitada hielt den Becher in der Hand und sah auf die Blume mit den regelmäßig geformten, gekräuselten Blütenblättern, deren Farbe nach der Mitte zu in ein kräftiges Rot überging. Gewiß hatte Tamako diese Blüte heute morgen geschnitten und ihrem Vater überreicht. Er spürte einen Kloß im Hals und ärgerte sich, daß sein Blick immer wieder auf etwas fiel, das ihn an sie erinnerte. Er nahm einen tüchtigen Schluck Sake und sagte dann: »Für mich steht fest, Hiroshi kann Oe nicht getötet haben. Er hätte gar nicht die Kraft dazu.« Hirata schaute überrascht auf. »Wieviel Kraft braucht man, um einem Menschen die Kehle durchzuschneiden? Er ist schmächtig, gewiß, aber doch jung und sehnig.« Akitada schüttelte den Kopf. »Der Mörder hat den Leichnam an die Statue gebunden, und Oe war nicht nur groß von Statur, er war auch von einiger Leibesfülle. Für Nagai wäre er viel zu schwer gewesen.« Hirata drängte sich nun vollends die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs auf. »Wie konnte ein Mensch nur so etwas Gräßliches tun? Das läuft auf eine Verhöhnung der ganzen Universität hinaus. Früher einmal hat ein Student aus Jux dem Standbild des Weisen einen Hut aufgesetzt. Der Junge wurde sofort relegiert. Allein schon auf solch einen Einfall zu kommen! Und warum? Es ist mir völlig unvorstellbar.« »Ich stimme Euch zu, dennoch kann uns der Tatbestand helfen, den Mörder zu finden. Gewiß waren etliche Leute Oe spinnefeind, und einige hatten sogar guten Grund, ihn umzubringen, aber nicht alle von denen können das fertiggebracht haben. Takahashi hat Oe bestimmt gehaßt und ist ein so unangenehmer Mensch, daß man ihm alles zutraut. Jedoch ist er schon in vorgerückten Jahren, und ihm fehlt einfach die Muskelkraft, um Oe hochzuheben. Ono dagegen ist noch jung, und als Oes Assistent hat er ständig Beschimpfungen von seinem Vorgesetzten einstecken müssen. Er machte einen bescheidenen und demütigen Eindruck, doch zuweilen schwillt der Groll so an, daß die Rechnung nur noch mit einer Gewalttat beglichen werden kann. Aber auch für ihn gilt, er ist zu kurz geraten, hat keine Übung, und rein körperlich gesehen würde er es nicht schaffen.« Akitada nahm ein paar Schlucke von dem Reiswein und überlegte weiter: »Wie steht es mit Sato, Fujiwara und Ishikawa? Alle drei wären kräftig genug, und jeder hätte Gründe, Oe zu hassen. Satos Motiv dürfte aber nicht zwingend genug sein, um Oe umzubringen, denn der hatte ihn lediglich öffentlich getadelt. Bleiben noch Ishikawa und Fujiwara. Beide waren kurz vor dem Mord mit Oe in einen heftigen Streit geraten und sogar handgreiflich geworden. Es kann nicht lange dauern, und auch Kobe kommt zu diesem Schluß. Takahashi hat Fujiwara bereits beschuldigt.« »Oje!« entfuhr es Hirata. »Fast wünschte ich, Takahashi wäre der Täter. Ich kenne niemanden sonst, der derart unerträglich ist. Fujiwara dagegen gehört zu den besten, die mir je begegnet sind. Möge der Himmel verhüten, daß Kobe einen entsetzlichen Fehler macht! Wir können nur hoffen, daß der Mord von einem Außenstehenden begangen wurde.« Akitada hatte da seine Zweifel. »Wie soll ein Außenstehender gewußt haben, wo er Oe in der besagten Nacht finden würde, und warum sollte er darauf verfallen sein, den Leichnam auf diese sonderbare Weise bloßzustellen?« »Aber Kobe könnte recht haben, daß der Mord mit dem Tod des Mädchens in Verbindung steht«, beharrte Hirata. »Und das Mädchen kam aus der Stadt, gehörte zu den einfachen Leuten.« Immer wieder das alte Lied. Hirata war nicht frei vom Snobismus seiner Gesellschaftsschicht. Unter normalen Umständen war er die Freundlichkeit und Sanftmut in Person, nur war in ihm der Glaube verwurzelt, daß die »besseren Leute« unfähig seien, ein Verbrechen zu begehen, während die arme Bevölkerung oft genug gewalttätig wurde, so bedauerlich und verständlich das auch war. Akitada entgegnete: »Gegenwärtig weiß ich nicht, was ich von all dem halten soll, doch Ihr werdet Kobe von dem Erpresserbrief in Kenntnis setzen müssen. Bei einem Mordfall dürft Ihr nichts vertuschen, was auf ein Motiv hinweisen könnte. Zweifelsohne wird Kobe bald erscheinen und Euch befragen. Dessen seid gewiß.« Hirata sah ihn mit vor Schreck geweiteten Augen an und atmete kurz und heftig. »Oh, du gütiger Himmel! Daran habe ich gar nicht gedacht.« Er hielt sich den Kopf und stöhnte leise. »So ein Unglück.«

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