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Max Beckmann. Biographie - Hardcover

Reimertz, Stephan

 
9783630880068: Max Beckmann. Biographie

Inhaltsangabe

Im Mai 2001 versteigerte Sotheby's in New York Max Beckmanns »Selbstbildnis mit Horn« für 22,6 Millionen Dollar. Fünfzig Jahre nach seinem plötzlichen Tod auf dem Broadway wird Beckmann zum teuersten deutschen Künstler der Geschichte - vorläufiger Höhepunkt der internationalen Aufmerksamkeit, die ihm schon seit langem zuteil wird.

Begonnen hatte Beckmann als großer Einzelgänger und als ein unbestechlicher Maler, der sich ebenso vom Expressionismus fernhielt wie von der gegenstandslosen Malerei. Seine Bilder begeistern den Betrachter durch ihre Kraft und Intensität im Ausdruck. Die Stärke und Eleganz seiner Frauen, sein tiefes Eintauchen in das Leben der Großstadt, seine einzigartigen Selbstporträts, aber auch das verschlüsselte Spätwerk mit den rätselhaften Darstellungen der Natur und des Lebens selber haben ihn zu dem großen Künstler werden lassen, als der er gefeiert wird. Siegfried Krakauer: »Jeder nur einigermaßen empfängliche Mensch wird sich angesichts dieses Werks bis ins Innerste getroffen fühlen.«

Stephan Reimertz hat die erste Biographie Beckmanns geschrieben, ein Standardwerk über diesen Maler. Er schildert dessen persönliche und künstlerische Entwicklung, seinen Aufstieg und Fall in Deutschland und die quälenden Jahre des Exils in Amsterdam. Ein Leben und ein Werk - seine Bilder galten lange Zeit als undurchdringlich - öffnen sich dem Leser.



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Über die Autorin bzw. den Autor

Stephan Reimertz geboren 1962 in Aachen, ging in Kronberg / Taunus zur Schule. Er wuchs in einer musisch orientierten liberalen Unternehmerfamilie auf und beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Kunst, Musik und Literatur. Er studierte Kunstgeschichte, Philosophie und romanische Philologie in München, Berlin und Straßburg. Seine ersten Veröffentlichungen (seit 1981) galten der Sprachkritik und der österreichischen Moderne (insbesondere Grillparzer, Kraus, Hofmannsthal und Musil), zudem schrieb er über Literatur, Kino, Oper und Ballett. Seit 1984 schreibt er short stories und kurze Prosastücke, von denen bisher nur ein kleiner Teil veröffentlicht ist. Von 1988 - 1992 war Reimertz beim Rundfunk als Autor, Sprecher, Moderator und Programmgestalter tätig. 1993/94 ging er als Gastdozent an das Juniata College in Huntingdon, Pennsylvania, 1996/97 war er Fellow-in-Residence an der Washington University, St. Louis. Stephan Reimertz lebt heute als freierSchriftsteller in Wien.

Aus dem Klappentext

"Beckmanns bewegtes Leben...schildert Stephan Reimertz kenntnisreich in seinem Buch - es gilt schon jetzt als Standardwerk über den Klassiker der Moderne."
Focus

"Mehr als andere, die bisher über Beckmann geschrieben haben, belegt der Autor auch die einsame Ausnahmefigur des Künstlers, der sich, entgegen der späteren Einordnung, Zeit seines Lebens gar nicht so sehr als Expressionist empfand."
Abendzeitung, München

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1. Geburt und Familie Max Beckmann wurde am 12. Februar 1884 in Leipzig geboren. Er war das dritte Kind von Antoinette, geb. Düber, (1856 bis 1906) und Carl Beckmann (1838-1895). Sein Bruder Richard war sechzehn, die Schwester Margarethe fünfzehn Jahre älter. Beide Eltern waren Protestanten lutherischen Bekenntnisses und stammten aus dem Braunschweigischen: Die Mutter, der Humor und Erzähltalent nachgesagt wird, von dem Brauereibesitzer und Stärkefabrikanten Johann Heinrich Düber aus Königslutter, der Vater von dem Rademachermeister und Gastwirt Heinrich Beckmann aus Helmstedt. Die Beckmanns waren ein ostfälisches Bauern- und Bürgergeschlecht. Dank der Bodenständigkeit der Sippe kann man die Ahnen des Künstlers weit zurückverfolgen. Erst im vierzehnten Jahrhundert verliert sich ihre Spur. Fast alle lebten sie im alten Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel. Auffallend ist der Kinderreichtum dieser Familie, die mit dem Patriziergeschlecht Horn und den Honoratioren der Hansestadt Braunschweig vielfach verwandt und verschwägert war. Unter Beckmanns Vorfahren finden sich vor allem Handwerker und Bauern, aber auch Ärzte und Geistliche. Max Beckmanns Großvater Johann Heinrich Düber, der Vater seiner Mutter Antoinette, war Bürger von Königslutter, wohnte dort am Markt und wirkte fünfzehn Jahre lang als Stadtverordneter. Er galt als ein Herr, der seine Untergebenen sehr menschlich behandelte. Beckmanns erste Frau Minna Tube vermutete, ihr Mann müsse seine vielfach bewiesene Noblesse von diesem Großvater geerbt haben, der fünf Jahre vor seiner Geburt gestorben war. Auch ein Kriegsheld findet sich in der Familie. Beckmanns Urgroßvater väterlicherseits, Heinrich Jacob Elias Düber, nahm als Sergeant bei den Totenkopf-Husaren unter dem sogenannten Schwarzen Heldenherzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig an den Befreiungskriegen teil, kämpfte vor Waterloo und starb in hohem Alter als wohlhabender Mann. Beckmanns Vater Carl besaß eine Mühle in Helmstedt, verkaufte sie, wurde Getreidehändler und ging als Mühlenmakler nach Leipzig. Die sächsische Messestadt war der Mittelpunkt des deutschen Rechts- wie Verlagswesens und neben Dresden das kulturelle und industrielle Zentrum Mitteldeutschlands. Carl Beckmann war ein Mann mit guten botanischen und chemischen Kenntnissen, einem großen Freiheitsbedürfnis und viel Phantasie. In den Gründerjahren brachte er es als Erfinder und Unternehmer zu einem Vermögen. Die Beckmanns waren eine Familie der selbständigen Mittelschicht. Unternehmungsgeist erfüllte auch Beckmanns Vater Carl. Er war der erste seit Menschengedenken, der die Heimat verließ und in die Großstadt zog. So steht Carl Beckmann zwischen dem traditionalen Milieu seiner Vorfahren und dem individualisierten, in dem sein Sohn Max schon bald leben sollte. »Daß ich am 12.2.84 in der Nähe des Schwansees zu Leipzig geboren bin kann ich nicht unterschlagen«, scherzte der Maler. Max Beckmanns Kindheit und frühe Jugend sind wenig dokumentiert. Die frühe Kindheit verbrachte er an seinem Geburtsort Leipzig, betrachtete ihn später »allerdings nicht als meinen wesentlichen«. Doch Großstadtszenen prägten sich ihm ein, und noch gegen Ende des Ersten Weltkriegs bekannte er sich ausdrücklich zum urbanen Künstlertum: »Bauern und Landschaft ist sicher auch etwas sehr Schönes und gelegentlich eine schöne Erholung. Aber das große Menschenorchester ist doch die Stadt.« Bauern und Landschaft sollte der kleine Beckmann zur Genüge kennenlernen. Nach den ersten Schuljahren in Leipzig besuchte er den Unterricht auf einer Landschule in Pommern. Seine Schwester Margarethe Beckmann (1869-1940) war das einzige Mädchen zwischen zwei Jungen. Als Zwanzigjährige heiratete sie den Apotheker Carl Luedecke und folgte ihm etwa 1892 ins pommersche Falkenburg. 1905 malte Max Beckmann ein Portrait seiner Schwester, erzählte jedoch, er habe sich nicht gut mit ihr verstanden. Sie wollte ihn erziehen und erschwerte ihm damit die Kindheit, die ohnehin nicht einfach war, wie er später Minna Tube gestand. Als Achtjähriger mußte er ein halbes Jahr bei der Schwester in Falkenburg verbringen und auf eine der mindestens fünf Schulen gehen, die er besucht hat, bis seine Laufbahn als Schüler ein jähes Ende fand. »Trotzdem viel da gräßlich war, ich meine im Haus meiner Schwester«, so erinnerte sich der Maler nach dem Ersten Weltkrieg an die Falkenburger Zeit, »habe ich doch meine intensivsten Erinnerungen an die Einsamkeit der großen Wälder die da oben sind und die Seen und an die Mittagshitze der weißen staubigen Chausseen die zum Walde führten. […] Es ist ja etwas Merkwürdiges um diese Jugendzeit. Ich war damals namenlos allein.« Unterdessen beherrschte die Familie in Leipzig eine gewisse Unruhe. Mehrmals wechselte man innerhalb der Stadt die Wohnung, und am 21.Februar 1895, kurz nachdem Beckmann elf Jahre alt geworden war, zogen Beckmanns in die Hansestadt Braunschweig und damit zurück in die Heimat der Familie. Im November 1895 starb der Vater. Max Beckmann behielt ihn in guter Erinnerung. »Er war ein recht vernünftiger Mensch«, schrieb er noch ein Vierteljahrhundert später, im Juni 1921, über seinen Vater. 2. Ein schlechter Schüler Der Onkel Friedrich Beckmann, zugleich Bruder seines Vaters und Ehemann der Schwester seiner Mutter, wurde zum Vormund bestellt. Er schickte den Jungen auf die »Jahnsche Realschule«, eine Höhere Lehranstalt in Braunschweig. Als Max Beckmann 1923 auf vier Seiten sein Leben rekapitulierte, bemerkte er: »In Braunschweig zeichnete ich mich in der Schule dadurch besonders aus, daß ich in den Stunden eine kleine Bilderfabrik errichtete, deren Erzeugnisse von Hand zu Hand gingen und manchen armen Mitsklaven über sein trübes Schicksal auf einige Minuten hinwegtäuschte. In dieser Zeit hatte ich meine ›großen Passionen‹. Ja, ich war sehr verliebt und machte meiner Cousine die 18 Jahre war ernsthaft einen Antrag.« Welcherart die Zeichnungen waren, die der kleine Beckmann anfertigte, hat er später in seinem autobiographisch-symbolischen Triptychon The Beginning angedeutet. Der rechte Seitenflügel gestattet dem Betrachter einen Blick in das Fenster einer Schulstube. Ein Knabe von der letzten Bank reicht seinen Mitschülern ein Blatt mit einer üppigen Schönen weiter. Der angehende Maler, der in der Schule nicht aufpaßt und unter der Bank nackte Frauen zeichnet - das ist seit der Antike ein bekanntes Motiv der Künstlerliteratur und kommt noch in Thomas Manns Novelle Der Wille zum Glück von 1896 vor. Die Schulerlebnisse des halbwüchsigen Paolo Hofmann lesen sich wie ein Begleittext zum rechten Flügel des Triptychons The Beginning: »In der Religionsstunde nämlich schritt plötzlich der betreffende Oberlehrer mit einem lähmenden Blick auf ihn zu und zog unter dem Alten Testament, das vor Paolo lag, ein Blatt hervor, auf welchem eine bis auf den linken Fuß vollendete, sehr weibliche Gestalt sich ohne jedes Schamgefühl den Blicken darbot.« Der Tod des Vaters mag, wie zehn Jahre später der Tod der Mutter, bei Max Beckmann einen Gestaltungsschub ausgelöst haben. Das erste überlieferte Aquarell malte der Knabe 1896, im Todesjahr des Vaters, nach dem Grimmschen Märchen vom Hirtenbüblein, das die drei Fragen löst und vom König an Sohnes Statt angenommen wird. Die Datierung des ersten Selbstportraits ist nicht verbürgt; Beckmann wird etwa fünfzehn Jahre alt gewesen sein, als er es malte. Das einfache Bildnis eines pausbäckigen, noch ganz ungefestigten blonden Jungen vor dunklem Hintergrund eröffnet eine lange Reihe von 39 überlieferten Selbstportraits und zwei Dutzend Figuren mit selbstbildhaften Zügen allein unter Beckmanns Gemälden; nicht gerechnet die gezeichneten Selbstbildnisse. Zusammengenommen bilden sie Max Beckmanns Autobiographie. Freilich wuchs dieser Künstler in der Zeit jener repräsentativen Neorenaissance- und Jugendstil-Selbstbildnisse auf, wie sie ein Franz von Lenbach, ein Wilhelm von Kaulbach, ein Franz von Stuck malten. Auch Max Beckmanns Selbstportraits schließen das Repräsentative...

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