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Geld oder Leben - Softcover

Vanderbeke, Birgit

 
9783596158003: Geld oder Leben

Über die Autorin bzw. den Autor

Birgit Vanderbeke, geboren 1956 in Dahme/Mark, lebt im Süden Frankreichs. Ihr umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und erscheint im S. Fischer Verlag und Fischer Taschenbuch Verlag. »Das Muschelessen« und »Alberta empfängt einen Liebhaber« wurden zu Bestsellern, die Verfilmung der Erzählung »Friedliche Zeiten« lief 2007 in den deutschen Kinos, zuletzt erschien »Die sonderbare Karriere der Frau Choi«.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Es ist damit nicht anders als mit der Demokratie oder der großen Liebe oder der heilen Familie oder dem Weltfrieden. Früher gehörte der liebe Gott noch dazu, und es ist immer dasselbe Prinzip: Entweder man glaubt es, oder man glaubt es nicht. Wenn alle daran glauben, heißt es, es funktioniert.
Natürlich funktioniert es dann längst noch nicht unbedingt, aber das ist nicht so furchtbar wichtig. Wenn nur alle dran glauben, wird es schon funktionieren, und die, bei denen es nicht funktioniert, haben eben nicht stark genug dran geglaubt.
Das mit dem lieben Gott hatte sich weitgehend erledigt, als ich geboren wurde, jedenfalls mit dem lieben Gott, an den sie früher einmal geglaubt hatten, wo ich geboren wurde, es gibt ja noch andere in anderen Regionen.
Ich zum Beispiel glaubte als erstes an Schokolade. Manchmal kam eine alte Frau, die eine Hexe gewesen sein könnte, so alt, wie sie war; sie brachte mir Schokoladenriegel und sagte, daß ihre Hühner an meinem Geburtstag sieben Eier gelegt hätten, weil mein Geburtstag auf einen Siebenten fiel, aber das war egal, weil ich noch lange nicht zählen konnte. Ihre Hühner legten immer drei Eier für Kinder, die am Dritten Geburtstag hatten, vier für die am Vierten und so weiter, bei manchen sogar zehn, und wer an einem Über-den-Zehnten Geburtstag hatte, bekam noch eine Zauberformel, nach der die Hühner ihre Eier genau so gelegt hatten, daß es für den 21. oder den 16. paßte. Daran und an die Schokoladenriegel konnte ich glauben, lange bevor ich zählen konnte. Bei uns gab es weder Hühner noch Schokoladenriegel, aber in einer besseren Hexenwelt, in die mein Leben mich führen würde, würden sowohl Hühner als auch Schokoladenriegel vorkommen, und also wäre es wie im Himmel, zu dem ich abends immer beten mußte, ohne an seine Bewohner zu glauben, einfach weil niemand an diese Bewohner glaubte, schon bestimmt nicht meine Großmutter, die mir diese Gebete beigebracht hatte und abendlich abnahm.
Meine Großmutter glaubte an Hüte und Handschuhe. Im Herbst auch an Pfifferlinge. Eigentlich war sie einfach nur tüchtig. Sie kochte und machte die Wäsche und die Wohnung sauber, sie kümmerte sich um den Garten und sperrte ungezogene Enkelkinder ins Bad, und manchmal vergaß sie sie dort, weil sie so tüchtig war und rasch noch die Birnen ernten mußte, und während sie das tat, glaubte sie an gar nichts, aber sobald sie das Haus verließ, fing sie mit dem Glauben an: sie setzte einen Hut auf, zog sich ein Paar Handschuhe an, fummelte an ihren Haaren herum und schaute in den Spiegel. Dann bekam sie ein ganz spitzes Mäulchen, manchmal schüttelte sie den Kopf, nahm einen anderen Hut und andere Handschuhe, und es konnte eine ganze Weile dauern, bis sie den richtigen Hut und die richtigen Handschuhe hatte, aber dann hatte sie einen gewaltigen Glaubensakt vollbracht. Sie glaubte nämlich jetzt, es wäre wieder vor dem Krieg, sie wäre ein junges Mädchen, ein stattlicher Mann machte ihr den Hof und würde sie zum Tanzen oder auf ein Schützenfest einladen, sie hatte das spitze Mäulchen, das dem jungen Mann sagte, was für ein keckes Ding er sich da geangelt hatte, aber so ein Mäulchen hieß auch, daß das kecke Ding sich auf nichts Gewagtes vor der Hochzeit einlassen würde, weil es nämlich mit Hut und Handschuhen eine angehende Dame war.
Wenn meine Großmutter dann das Haus verließ, um beim Fleischer an der Ecke Schlange zu stehen, ging sie nicht etwa Fleisch holen, sondern sie sagte, ich gehe aus, und sie glaubte auch, daß sie ausginge, und ich konnte sehen, wie sie glaubte, daß sie ausginge, bloß weil sie einen Hut und Handschuhe trug, während die anderen Frauen in der Metzgereischlange keine Hüte und Handschuhe trugen, sondern haargenau dieselben ausgebleichten Kittelschürzen, die meine Großmutter auch trug, solange sie nicht ausging. (...)

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