Inszenierungen eines Selbstdarstellers
Friedrich II. von Preußen galt seinen Zeitgenossen und der Nachwelt stets als Ausnahmeerscheinung. Zu diesem Bild trug – neben seinen militärischen Aktivitäten – seine Philosophenrolle bei, die er sich als Kronprinz aneignete und auch als König immer hervorhob. In der Öffentlichkeit meldete er sich mit zahlreichen, in französischer Sprache verfassten Schriften zu Wort. Diese zieht man heute noch heran, um aus ihnen Aussagen über die politischen Ansichten und den Charakter des Königs abzuleiten. Dabei wird meist übersehen, dass es sich bei ihnen um Instrumente der politischen Kommunikation und Rhetorik handelte, nicht um persönliche Bekenntnisse.
Andreas Peèar deutet die Schriften erstmals konsequent als Selbstinszenierungen, die Friedrich II. in verschiedenen Kontexten an verschiedene Adressaten richtete, um so bestimmte politische Wirkungen zu erzielen. Das Buch leuchtet die Traktate genau aus und legt damit die politischen Zielsetzungen offen, die Friedrich in seiner langen Regierungszeit verfolgte.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Andreas Peèar ist Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Sprecher des Landesforschungsschwerpunkts »Aufklärung – Religion – Wissen« und Mitglied im Direktorium des Europäischen Aufklärungszentrums
(IZEA).
Vorwort
Dieses Buch hat eine längere Entstehungsgeschichte. Es war zuerst der schottische und später englische König Jakob VI./I., dessen Schriften als Instrumente politischen Handelns ich im Rahmen meiner Habilitation untersucht habe. Die Tagungen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in der Reihe Friedrich300 im Vorfeld der Wiederkehr des 300. Geburtstages Friedrichs II. gaben mir Anlass, mich nun auch den Schriften des Preußenkönigs zu widmen und diese als politische Sprechakte zu analysieren. Seitdem sind einige Aufsätze zu diesem Thema entstanden, die auch in diesen Band Eingang gefunden haben: So geht das Kapitel über die Geschichtsschreibung seiner Dynastie (Kapitel 3) sowie über die militärischen Schriften (Kapitel 7) auf frühere Studien zurück. Dies trifft auch zu für meine Ausführungen zum Antimachiavell (Kapitel 2). Gleichwohl habe ich in diesem Buch erstmals versucht, Friedrichs Autorschaft in ihrer Vielfalt darzulegen und die ihr zugrunde liegenden politischen Strategien systematisch zu rekonstruieren. Damit ist das Ziel des vorliegenden Buches benannt.
Zahlreiche Personen haben mir bei der Fertigstellung dieser Studie geholfen. Zunächst und vor allem möchte ich Jürgen Luh danken, der mich ermunterte, mich Friedrichs Schriften zuzuwenden, und der mir in zahlreichen Gesprächen ein wertvoller Ideengeber war. Damien Tricoire danke ich für seine kritische Lektüre und zahllose Verbesserungsvorschläge. Grischa Nehls danke ich für die formale Einrichtung des Manuskripts. Und nicht zuletzt danke ich allen Gesprächspartnern und den Studenten der Universität Halle, die wertvolle Hinweise beisteuerten.
Halle (Saale), den 25. Oktober 2015
Andreas Pecar
1. Einleitung: Friedrich II. - ein Schauspieler?
Friedrich II. hat sich über Historiker nicht eben positiv geäußert. Er hielt sie für Aktenfresser und Pedanten, die nicht in der Lage seien, der Vergangenheit die wesentlichen Weisheiten zu entlocken und für die Gegenwart festzuhalten. Die Geringschätzung der Fähigkeiten der zeitgenössischen Geschichtsschreiber diente ihm als Argument, um selbst zur Feder zu greifen und sich als Historiker zu betätigen. Er tat dies, da er selbst das Bild bestimmen wollte, das sich die Nachwelt von ihm und von seiner Regierungszeit machen sollte. Und er tat dies mit großem und lang anhaltendem Erfolg. Das wichtigste Mittel, um sich vor seinen Zeitgenossen und gegenüber der Nachwelt in Szene zu setzen, war seine Autorschaft, waren seine Schriften. Um diese Schriften soll es in diesem Buch gehen.
Diese Studie ist also keine Biografie Friedrichs II. Es geht nicht darum, zum wiederholten Male die Lebensgeschichte dieses Königs nachzuerzählen. Es geht vielmehr um die Frage, welche Bilder von ihm im Umlauf sind, die ihn auch für die heutigen - vorwiegend deutschen - Zeitgenossen noch interessant machen, dem Anschein nach jedenfalls interessanter als die meisten anderen Fürsten und Könige des Ancien Régime. Insbesondere geht es darum, welche Bilder der König selbst von sich in die Öffentlichkeit trug, wie er sich in seinen Texten präsentierte, welches Image er pflegte und wie seine Selbstinszenierungen sein Bild in der Öffentlichkeit prägten - zu seinen Lebzeiten, aber auch nach seinem Tod und bis in die Gegenwart hinein.
Der Gegenstand dieser Untersuchung sind insbesondere diejenigen Schriften Friedrichs II., die er bereits zu Lebzeiten veröffentlicht hatte bzw. die er nach seinem Tod veröffentlicht sehen wollte. Diese Texte müssen im Regelfall nicht neu entdeckt oder mühsam in Bibliotheken und Archiven geborgen werden. Vielmehr dienten die Schriften Friedrichs II. im Zuge eines fortschreitenden Kanonisierungsprozesses des Großen Königs als Maßstab für vorbildliches Handeln in Politik und Kriegsführung und als Richtschnur für die Nachwelt, wie sich an den mannigfach herausgegebenen Werkausgaben zeigt, die unmittelbar nach Friedrichs Tod ihren Anfang nehmen.1 In den zahlreichen Biografien, die bis heute erschienen sind, spielen die Schriften Friedrichs ebenso wie seine Briefe eine prominente Rolle: als Quellen aus erster Hand, die Aussagen über die Person ermöglichen. Braucht es ein weiteres Buch, das sich den Schriften des preußischen Königs widmet?
Das Neue an dieser Untersuchung ist nicht der Gegenstand, also die Schriften Friedrichs II. - neu sind die Fragen, die an diese Texte gestellt werden. Bislang sind die Schriften meist als Ausdruck von Friedrichs Ansichten und Überzeugungen herangezogen worden. Die Rezeptionsgeschichte hat das Ihre dazu beigetragen, die Frage nach der rhetorischen Funktion der Schriften des Monarchen in den Hintergrund zu rücken und die Texte stattdessen als Quellen der Authentizität des Autors zu propagieren. So verkündete beispielsweise Johann Preuß, der sich um Friedrichs Werke in seiner 30-bändigen Ausgabe unschätzbare Verdienste erworben hat, dass es »keine lauterere Quelle, keinen klareren Spiegel für die Thaten eines Monarchen, der als Kriegsfürst, als Landesvater und als Mensch gleich groß und edel war, geben kann, als seine eigenen Geisteswerke.« Nun war es keineswegs im Interesse einer zunehmend institutionell betriebenen Glorifizierung des Königs, die rhetorische Funktion der Texte offenzulegen und auf diese Weise ihren politischen Stellenwert zu bestimmen. Aber auch in kritischen Auseinandersetzungen mit der Person Friedrichs II. in den zurückliegenden Jahrzehnten wurde allzu oft die politische Aussage einzelner, jeweils situationsbezogener Schriften Friedrichs mit seiner generellen politischen Haltung gleichgesetzt. Die Schriften wurden nicht auf ihre Wirkungsabsicht befragt, sondern standen als Medium der Selbstreflexion oder als Bekenntnisschriften im Mittelpunkt des Interesses.
Es geht jedoch an Friedrichs Zielen seiner Schriften vorbei, wenn man sie als Selbstzeugnisse zu deuten versucht. Dem König ging es nicht um introspektive Nabelschau. Die Schriften waren aber auch keine bloßen "Spielereien", und sie dienten auch nicht allein der "Entspannung, Erholung" und "Ablenkung". Der Autorschaft Friedrichs II. lag in meinen Augen eine politische Strategie zugrunde, nämlich der Versuch, Einfluss auf das Bild zu nehmen, das man sich von ihm als König und als Person machte. Friedrich veröffentlichte seine Texte mit einer bestimmten Wirkungsabsicht und adressierte sie an verschiedene Zielgruppen. Wirkungsabsicht und Adressatenkreise gilt es zu bestimmen, will man die politische Absicht entschlüsseln, die ihn zum Schreiben der jeweiligen Texte veranlasste. Die Schriften waren darüber hinaus Teil einer besonderen Art der Selbstdarstellung. Friedrich inszenierte sich als schreibender König, als Autor von Texten der unterschiedlichsten Gattungen: Er verfasste mehrere historiografische Werke über die Dynastie der Hohenzollern ebenso wie über seine eigene Regierungszeit, produzierte Gedichte in großer Zahl, schrieb philosophische, staatstheoretische und politische Traktate, setzte anonym satirische Flugschriften in die Welt, um seine Gegner zu brüskieren, und war der Autor von zwei politischen Testamenten sowie zahlreichen militärtheoretischen Schriften, von seinen unzähligen Briefen mit seinen Korrespondenzpartnern gar nicht zu reden.
Zwar war Friedrich II. wie andere Fürsten und Monarchen auch als Mäzen um eine glanzvolle Repräsentation seiner Monarchie bemüht: in Schlossbauten, in Opern, im Aufbau seiner Gemäldegalerie etc. Diese Selbstdarstellung seines Königtums findet in jüngerer Zeit stetig zunehmendes Interesse und ist in den letzten Jahren auf mehreren Tagungen diskutiert worden. Die Autorschaft des Königs wurde hierbei allerdings nur sporadisch thematisiert. Dabei waren seine Schriften der Markenkern seiner Inszenierung in der Öffentlichkeit. Die Bilder, die Friedrich von sich in Umlauf bringen wollte, waren alle wesentlich seiner Feder entsprungen.
Weshalb die Schriften des...
„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Anbieter: AHA-BUCH GmbH, Einbeck, Deutschland
Taschenbuch. Zustand: Neu. Neuware - Inszenierungen eines SelbstdarstellersFriedrich II. von Preußen galt seinen Zeitgenossen und der Nachwelt stets als Ausnahmeerscheinung. Zu diesem Bild trug - neben seinen militärischen Aktivitäten - seine Philosophenrolle bei, die er sich als Kronprinz aneignete und auch als König immer hervorhob. In der Öffentlichkeit meldete er sich mit zahlreichen, in französischer Sprache verfassten Schriften zu Wort. Diese zieht man heute noch heran, um aus ihnen Aussagen über die politischen Ansichten und den Charakter des Königs abzuleiten. Dabei wird meist übersehen, dass es sich bei ihnen um Instrumente der politischen Kommunikation und Rhetorik handelte, nicht um persönliche Bekenntnisse.Andreas Peèar deutet die Schriften erstmals konsequent als Selbstinszenierungen, die Friedrich II. in verschiedenen Kontexten an verschiedene Adressaten richtete, um so bestimmte politische Wirkungen zu erzielen. Das Buch leuchtet die Traktate genau aus und legt damit die politischen Zielsetzungen offen, die Friedrich in seiner langen Regierungszeit verfolgte. Artikel-Nr. 9783593505329
Anzahl: 2 verfügbar
Anbieter: moluna, Greven, Deutschland
Kartoniert / Broschiert. Zustand: New. Inszenierungen eines SelbstdarstellersFriedrich II. von Preussen galt seinen Zeitgenossen und der Nachwelt stets als Ausnahmeerscheinung. Zu diesem Bild trug - neben seinen militaerischen Aktivitaeten - seine Philosophenrolle bei, die er sich als K. Artikel-Nr. 103991954
Anzahl: Mehr als 20 verfügbar
Anbieter: preigu, Osnabrück, Deutschland
Taschenbuch. Zustand: Neu. Die Masken des Königs | Friedrich II. von Preußen als Schriftsteller | Andreas Pecar | Taschenbuch | 236 S. | Deutsch | 2016 | Campus Verlag in der Beltz Verlagsgruppe | EAN 9783593505329 | Verantwortliche Person für die EU: Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Werderstr. 10, 69469 Weinheim, info[at]campus[dot]de | Anbieter: preigu. Artikel-Nr. 104089155
Anzahl: 1 verfügbar