Campus Historische Einführungen
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Barbara Stollberg-Rilinger ist Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster.
2. Rituale als historische Phänomene – zentrale Themenfelder
Die Allgegenwart ritueller Phänomene quer durch alle Epochen
und Gesellschaften macht es unmöglich, eine systematische
Klassifikation vorzunehmen. Es lassen sich ganz unterschiedliche
Kriterien denken, nach denen sich das schier grenzenlose
empirische Material ordnen ließe. So könnte man unterscheiden
zwischen monarchischen und republikanischen Ritualen,
zwischen zyklischen und akzidentellen, sakralen und profanen,
geheimen und öffentlichen, affirmativen und destruktiven Ritualen
und so fort. Die allermeisten dieser Unterscheidungen
ergeben wenig Sinn, weil ein und dasselbe Ritual oft beide Seiten
umfasst. Zum Beispiel: Ein Huldigungsakt der städtischen
Bürgerschaft gegenüber einem neuen König verbindet gerade
die monarchische und die kommunale Sphäre; eine mittelalterliche
Kaiserkrönung ist sakral und profan, politisch und religiös
zugleich; ein Hinrichtungsritual als Herrschaftsakt kann in ein
Ritual der Rebellion umschlagen. Eine gewisse Ambivalenz,
das hat vor allem Victor Turner gezeigt, ist gerade ein zentrales
Charakteristikum des Rituellen: Durch ein und denselben Akt
werden Kontinuität und Wandel, Ordnung und Unordnung,
Struktur und Anti-Struktur zugleich zum Ausdruck gebracht.
Ein und dasselbe Ritual kann ganz verschiedene Funktionen
und Bedeutungsdimensionen haben und lässt sich daher ganz
unterschiedlich kategorisieren: Zyklische Jahresrituale können
beispielsweise zugleich Opferrituale, Erinnerungsrituale, Bußrituale
und Gemeinschaftsrituale sein. In der Sphäre dynastischer
Herrschaft werden alle Rituale des Lebens- und des Jahreszyklus
zu elaborierten Ritualen der Herrschaftsrepräsentation: Hochzeit,
Taufe, Beisetzung, Oster- und Weihnachtsfest usw. Auch alltägliche Verrichtungen können, wenn sie die Herrscherfamilie
betreffen, zeremonialisiert und zu großen rituellen Akten ausgestaltet
werden, vom morgendlichen Aufstehen über die Mahlzeiten
bis zum Schlafengehen. Ein einzelner ritueller Akt wie
etwa die Begrüßung des Herrschers bei seinem Einzug in die
Stadt kann zu einem unendlich verfeinerten und elaborierten
Ritual ausgeschmückt werden; ebenso kann der gleiche Akt in
einem anderen Kontext nur ein einzelnes Element unter vielen
sein. Der Eid, der Kuss, der Kniefall, das Sitzen auf dem Thron,
das gemeinsame Mahl, die Prozession – all das sind Grundbausteine,
die auf unterschiedlichen Ebenen und zu unterschiedlichen
Anlässen immer wieder vorkommen, sei es als Einzelakte,
sei es als Elemente in einer komplexen Ritualsequenz.
Kurzum: Jede mögliche Klassifikation von Ritualen nach einem
einheitlichen Kriterium (etwa: Form, Funktion, Anlass usw.) wird
der historischen Vielfalt nicht gerecht (vgl. Harth/Michaels 2003).
Für die Gliederung des Stoffes nach großen Themenfeldern, wie
sie im Folgenden vorgenommen wird, heißt das: Ein Anspruch
auf systematische Ordnung wird damit ausdrücklich nicht erhoben.
Die Gliederung ist vielmehr rein pragmatisch und richtet
sich im Wesentlichen danach, was in der historischen Forschung
bisher bevorzugt behandelt worden ist. Da keine erschöpfende
Übersicht über alle Aspekte der historischen Ritualforschung quer
durch alle Epochen und Regionen gegeben werden kann, muss
eine Auswahl getroffen werden. Ein gewisser Schwerpunkt liegt
auf der europäischen Geschichte des Mittelalters und der frühen
Neuzeit. Das geschieht zum einen aufgrund der begrenzten Kompetenz
der Verfasserin, lässt sich aber auch damit rechtfertigen,
dass diese vormodernen Epochen bisher bevorzugte Bereiche der
historischen Ritualforschung waren – auf die Gründe ist schon
hingewiesen worden. Zum anderen werden einzelne paradigmatische
Studien herausgegriffen und exemplarisch etwas eingehender
behandelt. Ergänzend kann auf das ausführliche Literaturverzeichnis
und weitere Beispielfälle auf der Online-Plattform verwiesen
werden.
2.1 Alltägliche Interaktionsrituale
Auch jenseits der »großen« öffentlichen Rituale im eigentlichen
Sinne ist das soziale Alltagsleben von vielfältigen Ritualisierungen
geprägt: von kleinen körperlichen und verbalen Gesten der Bitte
und des Respekts, der Verzeihung und der Rücksicht, der Nähe
und Distanz, der Über- und Unterordnung usw. Der amerikanische
Soziologe Erving Goffman (1922–1982) hat dafür den Begriff
»Interaktionsrituale« geprägt (Goffman 1967/1971). Damit verwendet
er zwar einen anderen Ritualbegriff, als er hier vorgestellt
worden ist; wegen seiner großen Bedeutung für die Forschung soll
er aber nicht übergangen werden. Nach Goffman folgt die alltägliche
soziale Interaktion von Angesicht zu Angesicht, face to face,
unausgesprochenen kollektiven Regeln, die durch Sozialisation
erworben werden und eine rituelle Ordnung bilden. Der elementare
Sinn dieser Regeln für jeden Einzelnen ist die Hervorbringung
und Wahrung eines »Selbstbildes« (image) – in der Vormoderne
sprach man von Ehre –, in dem seine Würde als Person sich
manifestiert. Das Selbstbild hängt keineswegs vom Individuum
allein ab, sondern wird ihm ebenso sehr von den anderen durch
ihre Anerkennung zugebilligt; es ist etwas Soziales, ein Produkt
wechselseitiger »zeremonieller Arbeit«. Goffman verwendet die
Metapher des Theaterspiels, weil das Selbstbild von allen verlangt,
voreinander eine Rolle zu spielen und sich gegenseitig in dieser
Rolle anzuerkennen. Auf den Zusammenhang von individuellem
Selbstbild der Person und sozialer Rollenübernahme verweist
auch die etymologische Herkunft des Begriffs »Person«: »persona«
war im antiken Rom die Maske der Ahnen, die man im rituellen
Umzug vor sich her trug. Das soziale Selbstbild zu verlieren bedeutet
»Gesichtsverlust« und stellt eine Verletzung der kollektiven
rituellen Ordnung dar, die zu schützen ein Anliegen der gesamten
Gemeinschaft ist. In diesem Sinne nennt Goffman das Selbstbild
etwas »Heiliges«.
Interaktionsrituale gibt es in allen Epochen und Kulturen; aber
Gesellschaften unterscheiden sich erheblich darin, inwiefern persönliche
Interaktion unter Anwesenden – und nicht über Medien
wie die Schrift vermittelte, unpersönliche Kommunikation – ihre Struktur bestimmen. Vormoderne, weniger komplexe Gesellschaften
waren in wesentlich höherem Maße von persönlicher
Face-to-face-Interaktion abhängig, als moderne Gesellschaften
es sind; man spricht daher auch von »Präsenzkulturen« (vgl. Rehberg
2001; Schlögl 2008; Stollberg-Rilinger 2008). Deshalb ist
das Verständnis von Interaktionsritualen und ihrer spezifischen
Logik wesentlich für das Verständnis der Funktionsweise vormoderner
Gesellschaften. Die persönliche Ehre spielte in solchen
Präsenzkulturen eine ganz andere Rolle als in der Moderne; sie
zu schützen war ein zentrales Anliegen jedes Einzelnen, die Gefahr
ihrer Verletzung war allgegenwärtig und die Konflikte, die
daraus resultierten, waren schwer beherrschbar und neigten zur
Eskalation.
Die symbolischen Verhaltenscodes der wechselseitigen Anerkennung
und Ehrerweisung umfassen mehr oder weniger subtile Regeln
für das Verhältnis zwischen sozialen Schichten, Geschlechtern,
Altersgruppen und so fort: Wer vor wem den Hut zieht, den
Vortritt lässt, sich verbeugt, als erster grüßt, den Blick heben darf
oder abwenden muss, sprechen darf oder nicht, dem anderen die
Hand, den Fuß, die Wange oder gar den Mund küssen darf usw.,
ist Gegenstand teils stillschweigend beherrschter, teils auch explizit
formulierter Regeln....
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Anbieter: Antiquariat Weber, Hamburg, HH, Deutschland
20,5 x 13,5 cm ; kart. ; Zustand: Gut. 294 S. ; Reihe "Historische Einführungen" Band 16. Paperbackausgabe, 294 Seiten. Gutes Exemplar. hw1613A ISBN: 9783593399560. Artikel-Nr. 137539
Anzahl: 1 verfügbar
Anbieter: Antiquariat Langguth - lesenhilft, Köln, Deutschland
8°. Orig.-Karton. 294 S. Gutes Exemplar. Sprache: Deutsch Gewicht in Gramm: 800. Artikel-Nr. 36639
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Anbieter: medimops, Berlin, Deutschland
Zustand: very good. Gut/Very good: Buch bzw. Schutzumschlag mit wenigen Gebrauchsspuren an Einband, Schutzumschlag oder Seiten. / Describes a book or dust jacket that does show some signs of wear on either the binding, dust jacket or pages. Artikel-Nr. M03593399563-V
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