Walks on the Wild Side: Eine Geschichte der Stadtforschung

Lindner, Rolf

 
9783593375007: Walks on the Wild Side: Eine Geschichte der Stadtforschung

Inhaltsangabe

Die Stadt, der "dunkle Kontinent"

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Über die Autorin bzw. den Autor

Rolf Lindner ist Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Die Großstadt des 19. Jahrhunderts erscheint jenen, die sich als erste der Stadtforschung zuwenden, als eine immense terra incognita, als ein unbekanntes Land, das es zu erkunden gilt. "Auf dem Lande", schreibt Charles Booth, einer der Pioniere der Stadtforschung, "liegt das Gewebe des menschlichen Lebens offen zutage; persönliche Beziehungen binden das Ganze zusammen. Das Gleichgewicht, auf dem die bestehende Ordnung beruht, ist, ob zufriedenstellend oder nicht, eindeutig und offensichtlich. Ganz anders sieht es in den Großstädten aus, wo wir, was diese Fragen angeht, in Dunkelheit leben, mit zweifelnden Herzen und aus Unkenntnis sich ergebenden unnötigen Ängsten." (Booth 1889, S. 1) Charles Booth (1840-1916), Reeder und Reformer, war Initiator und Leiter eines der gewaltigsten Unternehmen in der Geschichte der Stadtforschung, Life and Labour of the People in London, eine 17-bändige Studie über Armut in London. Booth, der als "geborener Geschäftsmann" beschrieben wird, scheint der Idealtypus des viktorianischen Bürgers gewesen zu sein, dessen methodische Lebensführung der Sozialforscherin und Booth-Mitarbeiterin Beatrice Webb zufolge so ausgeprägt war, dass man darin gleichsam eine Verkörperung der Protestantischen Ethik sehen konnte: "Gewissen, Vernunft und Neigung zur Pflicht sind seine großen Qualitäten; andere Eigenschaften kann man an ihm gar nicht entdecken, wenn man nicht sehr eng befreundet ist." (Webb 1988, S. 264) Seine ausgesprochen starke empirische Orientierung verdankte sich keiner akademischen Ausbildung, sondern den Erfahrungen aus dem Geschäftsleben, als Reeder und Großkaufmann, der schon früh so etwas wie eine Trendanalyse entwarf. Die Orientierung an Zahlen und Tatsachen übertrug er auf seine Untersuchungstätigkeit, die er angeblich hauptsächlich abends und nachts, nach Geschäftsschluss, durchführte. Dabei entwickelte er ein Verständnis von Sozialforschung als Mittel der rationalen, auf Fakten beruhenden Erschließung der Wirklichkeit zur Optimierung sozialpolitischer Eingriffe. London wird in der Viktorianischen Zeit zu einem "demographischen Koloss " (David Green), ein "Viktorianisches Babylon" (Lynda Nead), eine "Monster Metropole" (Henry Mayhew), mit der sich keine andere Stadt messen kann; selbst Paris, für Walter Benjamin "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts", ist nur halb so groß. Von hier nimmt die Stadtforschung ihren Ausgang und sie tut dies, wie wir noch sehen werden, methodisch und moralisch im protestantischen Geiste, als "Victorian Evangelical discourse"
(Christopher Herbert). Die Ängste, auf die Booth anspielt, haben ihren Grund in der räumlichen Segregation der sozialen Klassen, die sich in der Großstadt des 19. Jahrhunderts vollzieht. Als eines ihrer Charakteristika wird angesehen, dass es in ihr zur "räumlichen Konfiguration der Gesellschaft" (Elisabeth Pfeil) kommt. Diese nimmt in den meisten europäischen Großstädten den Ost-West-Gegensatz an: Im Westen liegt meistens das feine Wohnviertel der Wohlhabenden, im Osten das Massenquartier der werktätigen Armen. Im London der Viktorianischen Ära, dem Untersuchungsfeld von Booth, gewinnt der Gegensatz zwischen Ost und West seine wohl krasseste, in Gareth Stedman Jones' sozialhistorischer Studie Outcast London zum Thema gemachte Ausprägung. Aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts sind "auch in Berlin, wie in London, gewisse Stadtteile ganz den Arbeitern ausgeliefert ", wie es Werner Hegemann in seiner Abhandlung
über "Das steinerne Berlin" formuliert (Hegemann 1979, S. 240). Diese topographische Trennung wird in der Regel meteorologisch,
nämlich mit den in Europa vorherrschenden Westwinden begründet, die dazu führten, dass Industrieanlagen, und folglich auch Mietskasernen, im Osten der Stadt errichtet wurden - und damit, im Gegenzug, den "Zug nach dem Westen" (so der Titel eines Berlin-Romans aus der Gründerzeit) provozierte, "von dem arbeitsamen und erwerbenden nach dem genießenden und ausgebenden Berlin" (Lindau 1886, S. 74). Die sozialräumliche Verteilung hat von Anfang an eine symbolische Dimension, die die Trennung zu einem Graben vertieft, den es zu überwinden gilt, um, wie es eine gängige Metapher der sozialen Emissäre zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt, an das "andere Ufer" zu gelangen. Auf historisch eigentümliche Weise kann Berlin bis heute als Beispiel für diesen symbolischen Trennungsprozess - die "Mauer im Kopf" - gelten, hat sich doch die sozialräumliche Spaltung der Stadt, diesseits und jenseits der Systeme, in das kollektive Gedächtnis ihrer Bewohner eingebrannt. Die Trennung in "Ost" und "West" geht im Viktorianischen London mit einer imaginären Geographie einher, die zwischen "unserem Land" und dem "Land der Barbaren" unterscheidet, eine Variante der imperialen Konstruktion von Orient und Okzident (Said 1995, S. 54). Nicht von ungefähr ist, in zeitgenössischer Analogie zu Afrika, vom Osten der Stadt als dem "dunklen Kontinent " die Rede: die unbekannte, nur "ein Steinwurf weit" entfernte Welt, die zum Auslöser kultureller Phantasien hinsichtlich ihrer Bewohner wird. Es ist also die räumliche Absonderung der unteren Klassen, die Anlass zur Sorge und damit zur Forschung gibt. "Der höheren Inspektion und der öffentlichen Beobachtung entzogen", wie es in Edwin Chadwicks Report into the Sanitary Conditions of the Labouring Population in Great Britain (1842) heißt, galt es, die Distrikte der Arbeiter und Pauper dem registrierenden Blick und dem kontrollierenden Auge zu öffnen, um sie der ›Sanierung‹ im wörtlichen wie im übertragenen Sinne
zuzuführen. Von Anfang an ist die Stadtforschung mithin in Machtstrukturen verstrickt, in die Macht zu observieren, zu inspizieren und aufzuzeichnen, Teil des panoptischen Regimes im Sinne von Michel Foucault. Das wird schlaglichtartig am Beispiel der "Überblicksstudie" deutlich, die ja eine Gesamtschau der geographischen, materiellen und moralischen Lage der jeweiligen Population geben will. Deren Bezeichnung, survey, ist von surveillance (Überwachung) abgeleitet. Beim survey, methodische Umsetzung der superior inspection, von der Chadwick sprach, gehen folglich Untersuchungstätigkeit und Kontrolltätigkeit in eins. Eine zentrale Technik, die im Rahmen des survey Anwendung zur Sichtbarmachung von Personengruppen und Phänomenen im Weichbild der Stadt findet und zu einem basic tool der Stadtforschung wird, ist das mapping, das Kartieren, eine Technik, die die moderne Großstadt lesbar macht. Die ersten thematischen Karten werden aus medizinisch-epidemiologischer Perspektive entwickelt, um die Verteilung der Mortalität und damit eventuell die Seuchenherde der Cholera-Epidemien zu lokalisieren, die um 1832 die westeuropäischen Hauptstädte heimsuchen. Aber schon bald wird diese Methode auf andere Phänomene übertragen, um deren räumliche Verteilung sichtbar zu machen (Picon 2000). Auch auf dem Gebiet der kartographischen Erschließung des großstädtischen Raums hat Booth mit der ihm eigenen Rigorosität Maßstäbe gesetzt, ließ er doch bei seiner Inquiry into the Life and Labour of the People in London Straße für Straße gemäß der sozialen und moralischen Merkmale ihrer Bewohner erfassen. Die erste der Boothschen Karten, in denen nicht wenige Wissenschaftshistoriker die eigentliche Leistung der Untersuchung sehen, hat das East End von London zum Gegenstand (Descriptive Map of East End Poverty, 1889), aber in der Folge weitet Booth sein Kartenwerk auf zwölf Blätter aus, die das Gebiet von Hammersmith im Westen bis Greenwich im Osten, Hampstead im Norden und Clapham im Süden Londons erfassen (Maps Descriptive of London Poverty, 1898-99). Booth entwickelt ein Farbsystem, um die sozialen Klassen im städtischen Raum sichtbar zu machen. Dieses Farbsystem, dessen Skala von Schwarz [sic!] zur Kennzeichnung der Klasse A, der "Elemente der Unordnung", bis zum Gelb der Klasse H, der servant keeping class der Wohlhabenden reicht, ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass die topographische und die symbolische...

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