»Lies!«Mit diesem magischen Wort fordert der Erzengel Gabriel den Propheten Muhammed auf, das Wort Gottes zu empfangen. Dieses Wort verändert die Welt, Muhammed trägt es über die ganze arabische Halbinsel, seine Nachfolger erobern ein Weltreich, das von Indien bis Spanien reicht. Heute leben Muslime überall auf der Welt, ihre Kulturen und ihren Glauben haben sie auch nach Deutschland mitgebracht.»Lies!«Die Aufforderung des Erzengels heißt daher auch, keinen Vorurteilen zu vertrauen, sondern selbst nachzulesen. Dilek Zaptcioglu hat lange in Deutschland gelebt und kennt die gegenseitigen Fragen und Vorurteile. In ihrem Buch zeigt sie sehr persönliche und überraschende Seiten dieser vielgestaltigen Religion. Sie beginnt ein Gespräch mit ihren jugendlichen Lesern und hilft ihnen, sich selbst eine Meinung zu bilden.
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Dilek Zaptcioglu (sprich: Sapdscholu) wurde in der Türkei geboren und zog im Alter von 14 Jahren nach Deutschland. Hier machte sie ihr Abitur, studierte Geschichte und schrieb für deutsche Zeitungen. Seit 1997 arbeitet sie in Istanbul als Auslandskorrespondentin. Ihr vielbeachteter Jugendroman Der Mond isst die Sterne auf beschreibt das Leben türkischer Jugendlicher in Berlin und wurde mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis ausgezeichnet.
DIE STADT DER PROPHETEN
Es gibt in der Türkei jenseits der Touristenrouten eine zauberhafte Stadt mit jahrtausendealter Geschichte. Sie heißt Urfa. Von der Metropole Istanbul wäre die Reise zu beschwerlich, aber von der Hauptstadt Ankara oder von Adana im Süden ist es nicht mehr weit bis dorthin. Eine Freundin in Berlin schaute einmal auf die Karte und rief :"Aber das ist ja fast schon Arabien!". Sie hatte Recht. Die Stadt Urfa liegt fast an der Grenze zu Syrien, und die Menschen ähneln, zumindest was ihre äußere Erscheinung und ihre Küche angeht, den Arabern mehr als den Türken.
Vor einigen Jahren nahm ich hier an einem "interreligiöser Dialog" teil, zu dem die islamischen, christlichen und jüdischen Geistlichen eingeladen hatten. Gleich nach unserer Ankunft wollten wir einen Spaziergang durch die Stadt machen, da wurden wir schon von Menschen umlagert, die uns unbedingt zu den Sehenswürdigkeiten führen wollten. Wir haben uns mit einem von ihnen (er war sehr nett und gab an, geprüfter Reiseleiter zu sein) für später verabredet, unsere Sachen ins Hotel gebracht und sind nach einer kleinen Mahlzeit losgezogen, um die "Stadt der Propheten" zu erkunden.
Die Bewohner von Urfa glauben, dass die Stadt "Ur", wo Abraham geboren ist, eigentlich ihre Stadt sei. Bibelkundige werden jetzt einwenden: Nein, nein, im Alten Testament steht, dass Abraham aus Ur nach Urfa kam, in die Ebene von Harran, wo sein Vater starb. Das sind unterschiedliche Städte und Ur, die Heimatstadt Abrahams, liegt im Irak. Die Muslime glauben aber, dass der Prophet Ibrahim, wie Abraham auf Arabisch heißt, ohne seinen Vater losgezogen ist. Unser Reiseführer erzählte uns damals, wie Ibrahim, "Vater aller Propheten" (Abu´l-Anbiyya), in Begleitung seiner Frau Sare (Sarah) und seines Neffen Lut (Lot) nach Urfa kam und wie Gott ihm hier das Leben rettete.
In der Stadt Ur herrschte um 1500 vor unserer Zeitrechnung, als Abraham geboren wurde, ein tyrannischer König namens Nimrud, wobei nicht klar ist, ob dies tatsächlich sein Name oder nur sein Titel war. Dieser Despot hatte eines Tages einen Traum. Ein männliches Kind, das demnächst geboren wird, soll seine Herrschaft vernichten. Daraufhin befiehlt er seinen Männern, alle neugeborenen Jungen zu töten. Da auch Abrahams Mutter schwanger ist, gebiert sie ihren Sohn heimlich in einer Höhle. Hier wächst das Kind auf. Als Abraham die Höhle verlässt und sich unter die Menschen mischt, sieht er, dass diese verschiedene Götter und Planeten wie die Sonne, den Mond oder die Venus anbeten. Er beobachtet, wie die Sterne auf- und untergehen und denkt: ´Das können unmöglich Götter sein, ein Gott verschwindet nicht.
Sein Vater Azar ist Aufseher eines Tempels und stellt nebenbei als Schreiner auch die Götzenfiguren her. Abraham hilft ihm zwar beim Verkauf der Statuen, glaubt aber nicht an sie. Eines Tages geht er in den Tempel und zerschlägt die Götzen. Als die aufgebrachten Leute ihn als den Schuldigen fassen, entgegnet er ihnen, sie sollten doch den größten Götzen im Tempel befragen, vielleicht hätte dieser ja selbst die schändliche Tat begangen. Die Statuen können natürlich nicht reden, und das Volk ist völlig durcheinander. Da fragt Abraham:` Warum verehrt ihr leblose Statuen, wo sie euch doch nicht einmal antworten können?´
Damit zieht er natürlich den Zorn des Königs auf sich. Nimrud lässt ein riesen-großes Feuer entfachen, in das Abraham mit einem Katapult hineingeworfen werden soll. Gott aber befiehlt dem Feuer, "kühl und gütig" zu Abraham zu sein. Als man ihn in das Feuer schleudert, verwandelt es sich auf der Stelle in einen sauberen, klaren See. Den See haben wir damals besichtigt. Er trägt heute den Namen " Halil-ur-Rahman", was so viel bedeutet wie "Freund Gottes". In diesem See schwimmen heute viele kleine rote Fische, die die Menschen von Urfa als heilig betrachten und nicht anrühren. Daneben befindet sich noch ein kleinerer See. Als ich danach fragte, erzählte uns unser Reiseleiter, dass er aus den Tränen der Geliebten Abrahams entstanden ist, als sie über sein Schicksal so schrecklich weinte.
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