Die unzivilisierte Zivilisation. Wie die Gesellschaft ihre Zukunft verspielt. - Hardcover

Kurnitzky, Horst

 
9783593367767: Die unzivilisierte Zivilisation. Wie die Gesellschaft ihre Zukunft verspielt.

Inhaltsangabe

Die westlichen Gesellschaften erleben gerade einen der radikalsten Brüche der letzten 500 Jahre: Nachdem sie sich in jahrhundertelangen Auseinandersetzungen fast aus der Unmündigkeit befreit hatten, überlassen sie sich nunmehr den Launen des Marktes. Die Regeln des Warenaustausches werden zu ehernen, alles bestimmenden Gesetzen erhoben, die weltweit Zivilgesellschaften und Solidargemeinschaften unterpflügen. Die neoliberale Weltordnung bringt keinen Frieden, sondern eine Eskalation der Gewalt, sie schafft keine Freiheit, sondern neue Knechte in Form der flexiblen Menschen. Horst Kurnitzky lebt in Mexiko, wo er die Ungerechtigkeit, Gewalt und Korruption des entfesselten Neoliberalismus hautnah erlebt. Sein Buch ist ein engagiertes Plädoyer für eine Gesellschaft, die den Menschen wieder zum Maß aller Dinge macht.

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Über die Autorin bzw. den Autor

Horst Kurnitzky ist Philosoph, Religionswissenschaftler und Architekt und lebt als freier Autor und Publizist in Mexiko und Berlin. Er ist Autor von Die Triebstruktur des Geldes und Der heilige Markt und veröffentlichte zahlreiche Artikel, u.a. in Freibeuter, Kursbuch, Lettre International, und der Frankfurter Rundschau.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

I. Vorwort

Wir sind Zeuge einer schweren Krise der Zivilisation, deren weitreichende Konsequenzen noch gar nicht abzusehen sind. An die Stelle
möglichst gewaltfreier Formen der Konfliktlösung, die einem Regelwerk von Vereinbarungen und Gesetzen folgen, tritt zunehmend der Einsatz direkter Gewalt, um eigene Interessen durchzusetzen. Egal ob es sich um Raub und Überfälle, religiösen oder ethnischen Wahn, um terroristische Angriffe von Gruppen oder Staaten auf wehrlose Individuen oder um die Durchsetzung ökonomischer Interessen mit den Mitteln außerökonomischer Zwangsgewalt handelt, es gilt das Recht des Stärkeren, und der bewaffnete Kampf droht zur weltweit bevorzugten Form sozialer Auseinandersetzung zu werden.

Das Ziel, in einer um fortschreitende Zivilisierung bemühten Gesellschaft den Ausgleich von Interessen zu suchen und die Menschenrechte der einzelnen Individuen zu schützen, ist der Durchsetzung egoistischer Gruppeninteressen geopfert und die Sicherheit der Individuen zu einer Privatangelegenheit gemacht worden, wenn sie nicht im Gefolge der Forderung nach öffentlicher Sicherheit einem Staatsapparat als wohlfeiler Vorwand dient, die Freiheit der Individuen einzuschränken. Wir erleben eine Globalisierung der Gewalt, gegen die sich Bürger bewaffnen und mit festungsartigen Gated communities zu schützen versuchen, Kriege und Bürgerkriege, die sich wie Flächenbrände über
Ländergrenzen hinweg ausbreiten und ganze Gesellschaften auslöschen. Der Genozid gehört längst konstitutionell zu den Instrumenten des religiösen Fundamentalismus und des ethnischen Totalitarismus.

War es über Jahrhunderte die Gesellschaft, welche die Rahmenbedingungen der Wirtschaft bestimmte und den inneren Frieden des Marktes garantierte, so entscheiden heute partikulare Interessen wirtschaftlicher Macht über alle Formen des sozialen Lebens bis ins Detail des individuellen Alltags. Tendenzen, die dem Prozess der gesellschaftlichen Entwicklung seit der Zeit der Renaissance, also seit Beginn der Weltwirtschaft innewohnten, bringen das Gefüge der Gesellschaft zur Explosion, um einem neuen Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft zum Durchbruch zu verhelfen. Das uneingeschränkte Gewinnprinzip der neoliberalen Wirtschaftsauffassung mündet in letzter Konsequenz in eine Aufforderung zur physischen Gewaltanwendung.

Die Assoziation freier Individuen in einer Gesellschaft, in der jeder Einzelne immer auch die Gattung repräsentiert, wird zugunsten von wiederbelebten und neu erfundenen sozialen und religiösen Gruppen aufgegeben. Religionsgemeinschaften und Ethnien erkennen weder die Menschenrechte noch sonst einen Universalismus an, sie sind von Feindbildern und Ausschlussverfahren geprägt. An die Stelle eines Contrat Social, der Individuen und Gesellschaft verbindet, ist ein allein an wirtschaftlichem Erfolg orientierter Partikularismus getreten. Wo einmal emphatisch für das selbstbewusste Individuum geworben wurde, wird heute dem vom Gewinnprinzip rationalisierten Egoismus das Wort geredet. Darum konnte Margaret Thatcher, die eiserne Lady des Neoliberalismus, auch sagen, dass es so etwas wie eine Gesellschaft gar nicht gebe, "there is no such thing as a society". Mit dem Individuum als selbstbewusstem, verantwortlich handelndem Subjekt verschwindet auch der Privatbereich, er wird so öffentlich, wie alles Öffentliche zur Privatsache. Damit ist die Gesellschaft als historisches Subjekt aufgegeben. Genau genommen handelt es sich um einen Subjekttausch, in dessen Folge nicht mehr die Gesellschaft der privaten Wirtschaft ihren Rahmen absteckt, sondern umgekehrt die partikularen Kräfte des Marktes den Fragmenten einer in Auflösung begriffenen Gesellschaft ihren Platz zuweisen.

Die aktuelle Metamorphose der Gesellschaft scheint Ergebnis eines radikalen Bruchs mit ihrer eigenen Geschichte zu sein. Sie nimmt Abschied von einer Utopie, die seit über 200 Jahren das große Ziel der Politik des Okzidents war: eine demokratisch verfasste Gesellschaft autonomer Individuen, welche die Formen ihres Zusammenlebens selbst bestimmen. Durch Deregulierung der Wirtschaft und der daraus resultierenden Konzentration ökonomischer Macht in wenigen Händen wird die Gesellschaft von großen Wirtschaftsunternehmen beherrscht, die global agieren, politische Kampagnen finanzieren, Politiker korrumpieren und demokratische Wahlen zu einer Farce werden lassen. Von kommerziellen Werbeunternehmen konzipierte Wahlpropaganda ist vom Show Business der Eventkultur nicht mehr zu unterscheiden. So wird Politik zu einer Ware der Unterhaltungsindustrie, und das Wahlvolk wählt - ohne jede Sachkenntnis - Politiker wie Popstars.

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Verlag: Independently published, 2017
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