Verwandte Artikel zu Wohnquartett mit Querflöte: Roman

Wohnquartett mit Querflöte: Roman - Hardcover

Rüb, Wolfgang

 
9783570580189: Wohnquartett mit Querflöte: Roman

Inhaltsangabe

Eine geistreiche und augenzwinkernde Satire über das Nachwendedeutschland und seine Bewohner


Lenz und Renate, zwei arbeitslose ostdeutsche Chemiker, haben eine Jugendstilvilla geerbt, würden aber viel lieber die Welt sehen. Also verkaufen sie das Haus einem westdeutschen Ehepaar und ziehen in ihren alten Plattenbau zurück. Statt zu verreisen, streifen sie nun um ihr ehemaliges Haus herum – bis sie eines Tages über den Zaun steigen … Als sie ertappt werden, bitten die neuen Besitzer sie sogar, auf die Villa aufzupassen! Dabei freunden sich Lenz und Renate mit dem kauzigen Bewohner der Nachbarvilla an, einem Querflötisten, der nichts mehr hasst als Musik. Trotz aller Weltläufigkeit gelingt dem Westehepaar jedoch nicht alles: Der Kinderwunsch bleibt unerfüllt. Selbst in dieser heiklen Lage erweist sich die ménage à quatre als Lösung des Problems ...


Diese urkomischen »Wahlverwandtschaften« sind eine scharfzüngige Parabel auf Deutschland zwanzig Jahre nach der Wende.


Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Wolfgang Rüb, geboren 1952, wuchs bei Freyburg an der Unstrut auf. Er studierte am Institut für Lehrerbildung in Weißenfels und arbeitete bis 1985 als Musik- und Deutschlehrer. Seither unterrichtet er an der staatlichen Musikschule in Weißenfels Klavier. Wolfgang Rüb hat bereits Erzählungen veröffentlicht und 2001 bei Reclam Leipzig den Roman „Konzert für Stubenfliege und Orchester“. Der Autor wohnt mit seiner Frau in einem alten Pfarrhaus in Freyburg und schreibt an seinem dritten Roman.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

ICH H�TE VON Renates Eltern lieber Bargeld als diese Vorstadtvilla geerbt, in die sie jeden Pfennig gesteckt hatten. Allerdings lie�n sich H�er wieder in Bargeld verwandeln. Das konnte ich Renate so direkt nicht sagen, ich konnte nur immer wieder mal andeuten, dass es doch stillos sei, ohne die geringsten Mittel eine Jugendstilvilla zu bewohnen. Wegen ihrer sentimentalen Bindung an ein Familienerbst�ck w�rden wir niemals unter einer Palme liegen. Und es gab �berhaupt niemanden mehr, der nicht schon unter Palmen gelegen hatte!
St�ig benutzte man uns f�r Reiseberichte. Nicht zu fassen, an welchen Swimmingpools der Welt diese Leute schon ihre Handt�cher ausgebreitet hatten. Sie freuten sich an unseren gro�n Augen und Ohren, ohne je in Gefahr zu kommen, dass wir mit eigenen Abenteuern dazwischenfuhren. Der Trieb zu reisen war in uns mittlerweile der st�ste Trieb geworden.
Den ganzen Winter lang tr�ten wir noch so in der Luft herum, dass ein reicher Fremder auf uns aufmerksam w�rde, der uns aus lauter Sympathie schlie�ich adoptieren oder uns seiner Einsamkeit wegen zumindest als Reisebegleiter anwerben w�rde. Besonders in der Weihnachtszeit zeigten sie ja immer wieder Filme �ber besonders verh�ete Million�, die von irgendwo im Himmel bewegt wurden, Umgang mit treuherzigen Durchschnittsmenschen zu pflegen, und sich dadurch charakterlich so grundlegend besserten, dass sie mit ihnen ihr Geld teilten.
Parallel zu diesem Traum forderten wir f�r zwanzig Euro im Monat unser Lottogl�ck heraus. Aber tief im Bauch war uns klar, dass der angestrebte Zufall schlecht zu uns passte. Da konnten wir auch in den Wald gehen in der Hoffnung, versehentlich von einem J�r erschossen zu werden.
Inzwischen nistete sich die Tr�eit ein. Speisen, die wir fr�her mit Messer und Gabel gegessen hatten, a�n wir bereits mit dem L�ffel. Und immer waren wir nahe daran, die Zeit aus den Augen zu verlieren. Nicht nur einmal war es vorgekommen, dass wir nicht wussten, ob Donnerstag oder Freitag war. Um Klarheit zu bekommen, waren wir dann gezwungen, eine gerade laufende Fernsehsendung mit der Programmzeitschrift zu vergleichen.
Was die �ber mehrere Generationen vererbte Zw�lf-Zimmer-Villa betraf, so war sie uns einfach schon zu vertraut, als dass uns ihre Erkerchen noch an die Schl�sser aus den M�hen unserer Kindheit h�en erinnern k�nnen. Jeden Sonntag hatten wir zum Mittagessen hingehen m�ssen, und jetzt waren wir auf einmal f�r immer dort. Der Bratengeruch hing noch in den Tapeten. Am schlimmsten war vielleicht, dass auch das Schlafzimmer noch nach den Schwiegereltern roch. Dabei waren sie wirklich nette Leute gewesen. Ihr Fehler hatte lediglich darin bestanden, Renates Eltern zu sein. Ich wollte nicht, dass sie von ihnen abstammte.
Nicht einmal neue M�bel hatten wir f�r unser neues Haus kaufen k�nnen, und au�r uns konnten wir uns niemanden vorstellen, der mit seinen verschlissenen M�beln aus einem Plattenbau in eine Villa gezogen w�. Selbst mit dem schlichtesten Haus soll ja gleich ein ganz neues Leben beginnen, und oft wirkt auch der nicht erneuerte Ehepartner st�rend, sodass sofort damit begonnen wird, an seiner Ausquartierung zu arbeiten. Wir kannten einen Mann, der war von zwei aufeinanderfolgenden Frauen aus zwei aufeinanderfolgenden H�ern weggeschickt worden - obwohl er diese mit eigenen H�en erbaut hatte.
Renate hatte es nicht einmal �bers Herz gebracht, sich von den elterlichen M�beln zu trennen. Bis ans Grab hatten die Leute weiterm�bliert. Alles war so voll, dass man nur f�r f�nf Minuten Sauerstoff hatte. Wie sie da standen, die vom Leben bis ganz nahe an die Erde Gebeugten, und sprachen: �Wenn uns jemand gesagt h�e, dass wir einmal ins Museum gehen w�rden, um uns Anregungen f�r unser Wohnzimmer zu holen! Gestern haben wir ein Beistelltischchen gekauft, das war uns im Schloss Sanssouci aufgefallen!�
So hatte das Bargeld nur f�r die Beerdigungen gereicht.
Manchmal wachten wir auf und wussten zwischen diesen immer schon da gewesenen Schr�en und in diesen immer schon da gewesenen Ger�chen gar nicht, wo wir waren. Im ehemaligen Kinderzimmer hatten die Schwiegereltern aus Schw�erei f�r ihr einziges Kind sogar die Zeit stillstehen lassen. Und Renate konnte es nicht �bers Herz bringen, etwas an diesem Raum zu �ern, den ihre Eltern so liebevoll als Renate-Museum belassen hatten.
Sogar ihr Teddy sa�noch auf ihrem Bett. Sie hatte diesen Teddy bis zuletzt als ihren Vertrauten gehabt, und er war auch bei unserem ersten Geschlechtsverkehr noch dabei gewesen, wenn er uns auch nicht hatte zusehen d�rfen.


Auch r�lich waren wir in all den Ehejahren zu nahe an der Villa geblieben. Unser Block war nur f�nf Minuten zu Fu�entfernt. Aus dem Schlafzimmerfenster konnten wir Renates Eltern im Garten buddeln sehen. Sogar Blinkzeichen mit der Taschenlampe hatte der Schwiegervater anfangs versandt, genau in unser Schlafzimmerfenster hinein, und Renate konnte sich gleich nicht mehr richtig fallen lassen. Jedenfalls hatte sich bei uns der Traum von der eigenen Jugendstilvilla nicht so eingenistet, wie die Verstorbenen es gern gesehen h�en. Nur ihr Tod war in der Lage, ihr Kind ins Elternhaus zur�ckzuholen.
Sogar unsere eigenen M�bel fingen an zu fremdeln, seitdem wir sie in den R�en der Schwiegereltern sahen. Es ging damit los, dass ich an unserem Tisch die Kurbel wieder bemerkte, mit der man ihn hoch- und runterleiern konnte und die wir nach dem ersten Tag, wenn man noch alle M�glichkeiten einer neuen Lebenssituation erschlie�n will, nie wieder benutzt hatten. Ich hatte mir an ihr dann noch manchmal die Knie gesto�n, aber dann wurde diese Kurbel sogar von meinen Knien instinktiv gemieden, sodass sie aus unserem Leben hatte verschwinden k�nnen. Dabei hatten wir sie beim Kauf als ausgesprochenen Zugewinn angesehen. Jetzt fragte ich mich, wem es damals gelungen war, in unsere K�pfe zu pflanzen, es g� ein menschliches Bed�rfnis, Tische hoch- und runterzukurbeln. Wie vielen �lichen kleinen Gl�cksversprechen hatten wir ohne echtes Bed�rfnis ebenfalls nachgegeben? Und inwieweit hatten wir unsere Hauptbed�rfnisse dar�ber vernachl�igt? - Und was waren denn unsere Hauptbed�rfnisse?
An dieser Stelle brach ich meine �erlegungen zwar ab, aber solche Lebensfragen waren mir beim erneuten Anblick dieser elenden Kurbel in den Sinn gekommen. Mit ihrer Entbl��ng sollte mir etwas gesagt werden, das ich bei Gelegenheit nur noch zu Ende denken musste.


„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.