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Zwei ungleiche Rivalen: Puccini und Franchetti - Hardcover

Krausser, Helmut

 
9783570580110: Zwei ungleiche Rivalen: Puccini und Franchetti

Inhaltsangabe

Die Doppelbiografie zweier exaltierter Musiker und Lebemänner


Baron Alberto Franchetti war Giacomo Puccinis größter Rivale. Mit Opern wie »Asrael«, »Cristoforo Colombo« oder »Germania« feierte er internationale Erfolge und galt als Verdis Nachfolger. Was seine Vorliebe für Automobile und seine Erotomanie angeht, übertraf er Puccini noch um ein Vielfaches. Während dieser mittellos geboren wurde, entstammte Franchetti einer der reichsten Familien Italiens. Seine Duelle, Autorennen und skandalösen Ehen füllten die Klatschspalten der italienischen Presse. Doch während sich Puccinis Ruhm stetig steigerte, sank Franchettis Stern plötzlich ohne erkennbaren Grund. War es das Aufführungsverbot der Faschisten oder waren es die sinistren, an Wagner erinnernden Kompositionen, die ihn ins Abseits führten, während Puccinis luzide Opern noch heute in aller Welt aufgeführt werden? Eine spannende Spurensuche, romanhaft erzählt.


Minutiös recherchiert, stilistisch brillant, intelligent und unterhaltsam erzählt.


Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Helmut Krausser, geboren 1964 in Esslingen, schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik, Tagebücher, Hörspiele, Dramen, Drehbücher und musikalische Werke, für die er zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Seine Romane „Der große Bagarozy“ und „Fette Welt“ (mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle) wurden fürs Kino verfilmt. Der Autor lebt in Berlin.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Tod in Venedig
Als am 13. Februar des Jahres 1883 Richard Wagner im Palazzo Vendramin einen Schlaganfall erleidet, bringt dies das Leben der allermeisten Venezianer recht wenig durcheinander. Einer aber, ein noch junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, begibt sich ausgerechnet an diesem Tag, ohne vom Schlaganfall etwas zu wissen, zur letzten Adresse des gro�n Komponisten und bittet um Auskunft �ber den Gesundheitszustand des verehrten Meisters. Als ihm zu seiner �erraschung dessen Tod gemeldet wird, bricht er ohnm�tig zusammen und wird sich fortan im Leben nie mehr rasieren. Das aber hat mit Wagner gar nichts zu tun, es ist eine zuf�ige Koinzidenz, denn der junge Mann ist jemand, der K�rperpflege vor allem als Zeitverschwendung betrachtet und trotz seines ererbten Reichtums gerne in verlebter Kleidung heruml�t. Noch manch anderes ist an diesem Menschen merkw�rdig, zum Beispiel, da�er sich gerade in Venedig befindet, denn eigentlich ist er ja vor zwei Jahren aus dieser Stadt, in der er aufwuchs, geflohen, um in M�nchen Musik zu studieren, gegen den Willen seines �berm�tigen Vaters, des reichsten Mannes Italiens. Doch der Vater hat dem Erstgeborenen verziehen, und so kam Alberto Franchetti, von dem hier die Rede ist, zwischen den Semestern zu Besuch in seine alte Heimat.
Mehr noch als die Sehnsucht nach seinen Eltern, dem Baron Raimondo Franchetti und seiner aus Wien stammenden Gattin, Sara Louise Rothschild, trieb ihn die Aussicht zur�ck, einmal leibhaftig Wagner zu begegnen, seinem, man mu�es so sagen: Gott. Um so h�er trifft ihn die Todesnachricht. Unterbewu� macht er sich beinahe Vorw�rfe. Ihm ist, als h�e er sich dem Genius zu aufdringlich n�rn wollen, und dieser habe sich einer Begegnung nur sterbend entziehen k�nnen. Denn es w� f�r die Franchettis ein leichtes gewesen, eine solche Begegnung zu arrangieren, und liebend gerne h�e der Jude Alberto Franchetti dem Antisemiten Wagner die Hand gek��. Dessen Antisemitismus sei, so w�rde er das rechtfertigen, doch nicht viel mehr als ein boshaftes Gesellschaftsspiel und von sehr theoretischer Natur, keineswegs etwas pers�nliches.
Am Morgen des 16. Februar, als die �erreste des bedeutendsten Opernkomponisten aller Zeiten vom Palazzo Vendramin in einer Trauergondel zum Bahnhof �berf�hrt werden, steht Alberto Franchetti nach einer durchwachten Nacht am Steuer des ersten privaten Dampfschiffs Italiens und f�t dem Kondukt hinterher. Den verehrten Meister nie leibhaftig gesehen zu haben, nicht einmal als Leiche, bedr�ckt ihn. Vor zehn Tagen noch, am 6. Februar, h�e es dazu eine gro�rtige M�glichkeit gegeben. Wagner war mit einigen seiner Kinder und seinem besten Freund, dem j�dischen (na also!) Dirigenten Hermann Levi, im Karnevalstrubel unterwegs gewesen, danach habe er sich, hie�es, sehr schlecht gef�hlt. Alberto hatte �ber etliche Umwege davon erfahren, womit der Besuch des jungen Barons im Palazzo Vendramin nun hinreichend erkl� ist.
Der Witwe Cosima stellt er sich am Bahnhof kurz vor und dr�ckt ihr sein Beileid aus. Sie nimmt ihn kaum wahr. Auch nicht, als er im Zug, der den Leichnam Wagners nach Deutschland bringt, das gesamte Abteil mietet, das an ihr eigenes angrenzt. H�e sich Cosima gefragt, wer dieser etwas sonderbar wirkende J�ngling denn sei, w�n gen�gend Italiener vor Ort gewesen, um ihr diese Frage aus dem Stand zu beantworten. Denn �Ricco come Franchetti� ist in Italien eine ebenso h�ige Redewendung, wie man sie sp�r in den USA gebraucht, um jemanden �Reich wie Rockefeller� zu nennen. Es ist fast unn�tig zu sagen, wer den Sonderwagen bestellt hat, der, dem Zug nach M�nchen angeh�t, den Sarg Wagners enth�.
Raimondo Franchetti, dem Vater des in Turin am 18. September 1860 Erstgeborenen Alberto, wird zu jener Zeit nachgesagt, er k�nne von der Toskana aus nach Venedig fahren, ohne zwischendurch seinen Fu�auf L�ereien setzen zu m�ssen, die ihm nicht geh�rten. Das ist zwar eine �ertreibung, trifft die Sache jedoch im Kern ganz gut. Den Franchettis war einige Jahrzehnte zuvor der vererbbare Titel eines Barone (dieser Titel �bertr� sich aber immer nur auf den Erstgeborenen der jeweiligen Generation) verliehen worden, und Albertos Gro�ater Abramo gewann unerme�ichen Reichtum durch den ihm �bertragenen Ausbau des italienischen Schienennetzes. Das Verm�gen der Familie wird auf, in heutige Kaufkraft umgerechnet, ungef� zwei Milliarden Euro gesch�t. Die Heirat mit der Bankierstochter Sara Louise Rothschild aus Wien, die kaum Italienisch lernt und mit ihrem Sohn immer nur auf Franz�sisch parliert, war dementsprechend logisch und standesgem�gewesen und kann doch, Wunder �ber Wunder, als Liebesheirat gelten, da Raimondo und Louise einander bald sch�enlernten und, das kommt manchmal eben vor, in bl�hender Harmonie zusammen alt wurden. Wenn auch bei oft weit auseinanderliegenden Wohnsitzen.
Ab 1878 residiert die Familie (nach Alberto wurden zwei weitere S�hne, Edoardo und Giorgio, geboren) durchweg in Venedig, im Palazzo Franchetti (fr�her Cavalli), der heute noch Touristen aus aller Welt zur Kamera greifen l�.
Alberto, der zwischendurch ein Faible f�r Mathematik entwickelt, entscheidet sich f�r die Musik und studiert zuerst am gleich neben dem Palazzo gelegenen Conservatorio Marcello bei den Lehrern Niccolo Coccon und Fortunato Magi (dem Onkel Giacomo Puccinis). Allerdings ist er am Konservatorium nicht eingeschrieben, sondern genie� bei den erw�ten Lehrern Privatstunden. Seine Begabung, behauptet er sp�r, sei nie sonderlich gef�rdert worden, das Klavierspiel habe er sich als Autodidakt beigebracht, auf einem auf dem Dachboden versteckten Pianoforte. Seiner Tochter Elena wird er erz�en, es habe dort Myriaden von Wanzen gegeben, aber sie h�en ihn nie gebissen, es m�sse sich um sehr musikalische Wanzen gehandelt haben. Es sind die �blichen Geschichten, die man Kindern erz�t, die indes auch eine innere Wahrheit ausdr�cken, denn Alberto f�hlte sich tats�lich nie besonders gef�rdert, obwohl er selbstverst�lich eine grundsolide Ausbildung am Klavier erhielt. Sein Bruder, der bekannte Kunstsammler Giorgio, galt sogar als herausragender Pianist, und ein von ihm komponiertes Klavierkonzert kam auch im Ausland zur Auff�hrung.
Albertos Eltern k�nnen ebenfalls f�r durchaus musikalisch gelten, jedenfalls stiften sie 1880 eine neue Orgel f�r den Konzertsaal des Conservatorio. Das allein mu�nat�rlich nichts bedeuten, denn irgendwohin m�ssen sie ja mit ihrem Geld, und Geiz sagt ihnen niemand nach. Raimondo wird von seinem Sohn im Laufe der Jahre zu Wagner bekehrt, aber Albertos angestrebte K�nstlerkarriere bleibt ihm, er k�nnte wohl selbst nicht sagen, weshalb, ein Dorn im Auge. Die Mutter,
Sara Louise, die angeblich noch von Chopin pers�nlich Klavierstunden bekam, zeigt sich aufgeschlossener f�r Albertos W�nsche. Dank ihrer Unterst�tzung entwickelt er, gegen den Willen des Vaters, eine eigene Vision seiner Zukunft. Doch gilt es, erste Kompromisse zu schlie�n. 1880/81 leistet Alberto Franchetti, anders als etwa Puccini, der sich mit einem falschen Attest geschickt darum dr�ckt, seinen Milit�ienst ab und stellt danach den Vater vor vollendete Tatsachen, indem er nach M�nchen flieht und bei Josef Rheinberger Musik studiert. Seine k�nstlerische Grundidee besteht darin, aus den beiden gro�n, einander lange unvers�hnlich gegen�berstehenden Vorbildern Wagner und Verdi eine musikalische Symbiose zu bilden. Vorrangig bemerkenswert an diesem damals ziemlich originellen, fast wahnwitzigen Vorhaben ist, da�sich hier ein K�nstler von Anfang an nicht etwa selbsts�chtig zu radikal neuen Ufern aufmachen will, sondern sich, voller Demut, in den Dienst zweier anderer Meister stellt. Sein Anliegen wird in einer immer mehr nach Originalit�und Tabubr�chen gierenden Zeit bald als reaktion�oder, bestenfalls, als kunstvolles Auf-der-Stelle-Treten gebrandmarkt werden. Wovon er noch nichts ahnen kann. Alberto Franchetti w�rde sich selbst ja keineswegs als Reaktion�empfinden, im Gegenteil. F�r...

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