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Entschleunigung: Abschied vom Turbokapitalismus - Hardcover

Reheis, Fritz

 
9783570500491: Entschleunigung: Abschied vom Turbokapitalismus

Inhaltsangabe

Permanentes Wachstum und Beschleunigung - das Selbstzerstörungspotenzial des Kapitalismus Um dem Hamsterrad zu entkommen, zeigt Fritz Reheis "kleine", persönliche Ausstiege auf, vom Sabbatical bis zur bewussten Überprüfung der Lebensbereiche, in denen wir uns besonders unter Druck fühlen. Wer an die Wurzel des Problems gehen will, muss sich allerdings nach Synergiepartnern umsehen, nach Menschen und Netzwerken mit dem gleichen Problembewusstsein; denn die entfesselte Geldlogik, die Produktion um der Produktion willen, ist nur gemeinsam zu bezwingen. "Entschleunigung" verbindet brillante Analyse mit pragmatischen Vorschlägen, wie wir persönlich Zeitqualität zurückgewinnen und Sand ins turbokapitalistische Getriebe streuen können.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Fritz Reheis, Jahrgang 1949, studierte Deutsch, Geschichte, Sozialkunde, Pädagogik und Philosophie. Er promovierte in Soziologie. Seit 1983 unterrichtet er als Gymnasiallehrer in Neustadt bei Coburg. Zusätzlich ist er seit zwölf Jahren nebenamtlich als Lehrbeauftragter für Politik, Zeitgeschichte, Soziologie und Pädagogik an mehreren Hochschulen tätig.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Im Hamsterrad
Nur nicht aus dem Tritt kommen!

»Manchmal glaube ich, mein Mann ist mit seinem Beruf verheiratet.« Das hört die Hamburger Paartherapeutin Angelika Kempfert öfters. Und sie spürt, dass viele Frauen den Beruf des Partners als »ihren persönlichen Feind« ansehen. In der Tat: Der Zeitdieb Nummer eins ist vermutlich die Arbeit, und sexuelle sowie andere Probleme in der Partnerschaft hängen in vielen Fällen mit Arbeitsstress zusammen. Wer vom Büro erschöpft nach Hause kommt und auch nach Feierabend und am Wochenende nicht richtig abschalten kann, der tut sich natürlich auch schwer mit dem Genuss der eigenen Sinnlichkeit, erst recht mit der Öffnung für seine Mitmenschen. Auf die Arbeitswelt werden wir in der Schule vorbereitet. Sie ist auch der Ort, an dem wir zum ersten Mal im Leben mit systematischer Zeitknappheit konfrontiert werden. Deshalb beginnt in diesem Kapitel unser Blick in das Innere des Hamsterrades bei der »Schullaufbahn«, wandert dann in die Arbeits- und Konsumwelt, in die Führungsetagen von Wirtschaft und Staat. Gefragt wird schließlich, wie unsere individuelle Lebensgeschichte und sogar die Formung unserer Persönlichkeit unmerklich vom Zeitdruck geprägt werden.

Lernen im Laufschritt
»Die meisten Lehrer erklären etwas und stellen schon die Frage, ob man das verstanden hat. Man hat oft noch gar nicht alles mitgeschrieben und soll schon die Frage beantworten. Es geht alles viel zu schnell. Man hat keine Zeit, sich zu überlegen, ob man das verstanden hat.« So äußert sich eine Schülerin im österreichischen Klagenfurt in einem Interview über ihre Erfahrungen mit Zeitdruck in der Schule. Und eine andere Schülerin präzisiert: »Man hat zwölf Gegenstände, die sind wie zwölf parallele Einbahnstraßen angeordnet. Jeder fährt in seiner Geschwindigkeit dahin, und als Schüler bist du dem völlig ausgeliefert. Du musst jede Stunde auf eine andere Straße wechseln, sitzt jede Stunde in einem anderen Auto mit den gleichen Passagieren, nur mit einem anderen Chauffeur.«
Der Lehrer und Erziehungswissenschaftler Bruno Posod, der die Aussagen von insgesamt 1400 Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern ausgewertet hat, kommt zu einem vernichtenden Urteil: 45 Prozent der 14- bis 19-Jährigen verspüren »oft« oder sogar »immer« Zeitnot im Zusammenhang mit schulischer Arbeit. 70 Prozent gaben an, auf ihre individuellen Zeitbedürfnisse werde in der Schule nur »manchmal«, »selten« oder »nie« Rücksicht genommen. Und 95 Prozent berichteten, dass sie in der Schule nur »manchmal«, »selten« oder sogar »nie« lernen, auf ihre Gefühle zu achten bzw. diese auszudrücken.
Zu viel Stoff und zu wenig Zeit darin waren sich fast alle befragten Schüler, die meisten Eltern und auch viele Lehrer einig. Natürlich gab es auch Kinder und Jugendliche, denen es zu langsam geht, die sich unterfordert fühlen. Und bisweilen bestimmt bekanntlich auch Langeweile den Schulalltag. Aber das kann ebenfalls belastend sein, weil die Kinder spüren, dass ihre Bedürfnisse in der Schule nicht wirklich ernst genommen werden. Insgesamt jedoch überwog die Erfahrung des Zeitdrucks in den Berichten. Erziehung zur Schnelligkeit scheint eine der zentralen Wirkungen, vielleicht sogar das zentrale Ziel von Schule zu sein. Im Übrigen zeigt die regelmäßige Erfahrung von Grundschullehrern, dass auch manche Eltern schon wenige Wochen nach der Einschulung ängstlich darüber wachen, dass ihr Sprössling gegenüber anderen Kindern in Parallelklassen oder Nachbarschulen nur ja nicht in Verzug gerät in der Befürchtung, damit bereits am Anfang der Schullaufbahn in der Konkurrenz um Lebenschancen benachteiligt zu werden. Posod sieht in der einseitigen Schnelligkeitsorientierung eine Gefahr, weil dadurch die Fähigkeit zum genauen Wahrnehmen, zum Nachdenken über das Wahrgenommene, zur intensiven Durchdringung, zum Überprüfen und Bewerten des Gelernten zu kurz kommt. Dies mag Schülern, Eltern und Lehrern zwar nicht bewusst werden, ist aber dennoch charakteristisch dafür, was die Schullaufbahn den Kindern zumutet und vorenthält.
Das Lernen im Laufschritt hat weitere Konsequenzen, die über die von Posod beklagte vernachlässigte Sinnesschulung und Verstandesschärfung hinausgehen. Der Zeitdruck lässt oft nicht einmal zu, das Gelernte zu wiederholen, zu üben oder gar anzuwenden. So bleibt den Kindern das verdiente Erfolgserlebnis, welches Lernprozesse abschließen sollte und zu neuem Lernen motivieren kann, verwehrt. Nicht selten werden Wiederholung, Übung und Anwendung an Eltern und Nachhilfelehrer delegiert. Zeitdruck verhindert ferner, dass Themen von mehreren Seiten aus beleuchtet werden, wodurch sie oft erst wirklich interessant werden. Zeitdruck ist regelmäßig dafür verantwortlich, dass aufkeimendes Interesse an bestimmten Themen nicht weiter berücksichtigt und damit sofort wieder erstickt wird. Eltern und Lehrer wundern sich dann, wenn Schüler von Schuljahr zu Schuljahr immer passiver und uninteressierter werden. Der Zeitdruck ist dafür verantwortlich, dass, wie die zweite der zitierten Schülerinnen treffend bemerkt, die Lernenden mit der Aufgabe, aus den einzelnen Fächern und Unterrichtsinhalten ein Gesamtbild der Welt zu konstruieren, weitgehend allein gelassen werden. Natürlich bleibt unter solchen Bedingungen keine Zeit, um Kinder und Jugendliche an der Auswahl der Themen und Methoden ihres Unterrichts zu beteiligen. Und auch für selbstständiges Arbeiten und die Arbeit in Gruppen fehlt meist die Zeit. Hinterher beschweren sich dann Arbeitgeber und Hochschullehrer darüber, dass Schulabgänger den Anforderungen von Arbeitswelt und Universität nicht genügen.
Dem Zeitdruck ist es auch zuzuschreiben, dass die Körper der Kinder in der Schule Schaden erleiden. Denn das Diktat des Tempos beginnt dort, wo der natürliche Bewegungsdrang der Kinder gebrochen wird, wo man Kinder und Jugendliche fünf, sechs, bisweilen acht oder zehn Schulstunden auf harte Stühle zwängt, sie zum Stillschweigen verdammt und natürliche Widerstandsreaktionen als Unterrichtsstörungen bestraft. Das alles nur, um den Kindern schneller etwas eintrichtern zu können. Hier kann nicht nur die natürliche Neugierde der Kinder, die sich oft im Bewegungsdrang ausdrückt, irreversibel geschädigt werden. Hier wird auch die Grundlage für die spätere Volkskrankheit Nummer eins, die chronischen Rückenschmerzen, nicht selten mit Bandscheibenvorfällen einhergehend, gelegt. Wenn Kinder, wie von Posod diagnostiziert, ihre Gefühle quasi an der Schultüre abgeben müssen, so dürfte dies für die Einstellung der Kinder zum Lernen, zur Bildung, zu kulturellen Werten insgesamt nicht besonders förderlich sein. Sie gewöhnen sich daran, auch ohne innere Beteiligung einfach zu funktionieren. So wird die Schule zu jenem Ort, an dem junge Menschen vor allem lernen, sich anzupassen, eine Rolle perfekt zu spielen, sich von sich selbst zu entfremden. Das, was eigentlich für sie im Leben wichtig ist, findet woanders statt. Längst haben wir die ursprüngliche Bedeutung des Wortes »Schule« vergessen: »Schule«, abgeleitet vom lateinischen scola, stand einst für die Mußestunden im Kloster, also in jener Institution, die im Mittelalter für Bildung und Erziehung zuständig war.

Gehetztes Arbeiten
»Ich hab ja nicht nur die Lastwagen zu entladen oder zu beladen, sondern auch die ganze Lagerhaltung der Fabrik zu überwachen. Da sollte man drei Hände haben. Das Schlimmste ist ja: Die Arbeit ist eingeteilt, jetzt kommt ein anderer und sagt, diese Ware da, dann muss ich wieder alles ändern. Abschalten kann man da nicht.«
Mit diesen Worten erinnert sich der Lagerverwalter D. ein Jahr nach seinem Herzinfarkt an seine damalige Arbeitssituation. Hier findet sich fast alles, was Arbeitsmediziner über das gehetzte Arbeiten, auf welches das Lernen im Laufschritt vorbereitet, unzählige Male festgestellt haben: Herr D. sah sich einem ständigen Zeitdruck ausgesetzt, er hatte wenig Kontrolle über seine einzelnen Arbeitshandlungen, in seinen Arbeitsablauf wurde...

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