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Schattenpfade - Softcover

Kiernan, Celine

 
9783570306796: Schattenpfade

Inhaltsangabe

Erstmals im Taschenbuch: Celine Kiernans grandiose High Fantasy.

Als die fünzehnjährige Wynter, Tochter des Hohen Protektors Moorhawke, nach einer langen Reise in ihre Heimat zurückkehrt, ist nichts mehr, wie es einmal war. Der junge Prinz Alberon ist verschwunden und sein Vater, der früher so gütige König, hat sich in den Dienst dunkler Mächte gestellt und will seinen illegitimen Sohn, Wynters besten Freund Razi, zwingen, den Platz seines Bruders einzunehmen. Wynter sieht sich vor eine schicksalhafte Wahl gestellt: Soll sie sich dem Willen des Königs und ihres Vaters unterordnen – oder gemeinsam mit Razi und dessen geheimnisvollem Gefährten Christopher gegen die dunklen Mächte im Reich kämpfen?

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Celine Kiernan, geboren und aufgewachsen in Dublin, hat lange Jahre in der Filmbranche gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihr Debütroman Schattenpfade, der Auftakt zu einer Fantasy-Trilogie, hat auf Anhieb international für Furore gesorgt. Celine Kiernan lebt mit ihrer Familie im County Cavan nördlich von Dublin.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Die Wache wollte sie nicht passieren lassen. Selbst als Wynters Vater ihre Papiere vorwies und erklärte, dass man sie bei Hofe erwartete, blieb der Posten spöttisch und unfreundlich und weigerte sich, das Tor zu öffnen. Schließlich machte er die Pforte des Wachhäuschens wieder zu, und Wynter und ihr Vater mussten draußen warten, während der Soldat »sich umtun« ging.
Bereits ein gesamtes Viertel der Schatten - zwei Stunden auf der nördlichen Uhr - verharrten sie nun dort vor der geschlossenen Tür des Wachpostens und Wynter spürte ihr Blut allmählich vor Zorn aufwallen.

Die Männer, die Shirken dafür bezahlt hatte, ihnen Geleit aus dem Norden zu geben, waren lange fort. Wynter machte ihnen deshalb keinen Vorwurf. Ihre Aufgabe war es gewesen, sie und Lorcan sicher von einem Königtum ins andere, sie beide nach Hause zu bringen, und das hatten sie getan. Wynter hegte keinen Groll gegen sie. Ihre Führer waren auf der langen Reise nach Süden höflich und achtungsvoll gewesen, und Wynter zweifelte nicht daran, dass sie gute und ehrliche Männer waren. Doch sie waren keine Freunde, sie waren nicht treu ergeben - außer Shirken und der Aufgabe, für deren Erledigung sie von ihm ihren Sold erhalten hatten.
Zweifellos hatten Shirkens Männer von der Spitze der Anhöhe aus beobachtet, wie Wynter und ihr Vater am Fuße des Hügels anlangten und die aus dicken Balken gefertigte Brücke über den Burggraben querten. Und sie hatten gewartet, bis die ihnen Anvertrauten unbeschadet den schützenden Schatten des Torbogens erreichten, bevor sie sich in die finsteren Kiefern zurückzogen und auf den Heimweg machten. Auftrag ausgeführt.
Wynters Pferd Ozkar scharrte ungeduldig neben ihr. Er roch das warme Gras, das hinter ihnen in der Sonne dörrte, und das dunkle, klare Wasser des Grabens. Er war durstig und hungrig, und Wynter konnte ihm nicht verübeln, dass er schnaubte und mit den Hufen stampfte. Dennoch zupfte sie an seinem Zügel, um ihn zur Ruhe zu mahnen. Dann verlagerte sie ihr Gewicht unauffällig von einem Bein aufs andere. Auch sie war erschöpft, wundgeritten, des Reisens bis auf die Knochen müde. Doch mit ihren fünfzehn Jahren war ihr das höfische Zeremoniell bereits vertraut, und so blieb sie äußerlich gleichmütig, als machte ihr dieses endlose Warten in der Hitze nicht das Geringste aus.
Zwar mochte die geübte Unbewegtheit ihrer Miene nichts verraten, in Wahrheit allerdings konnte sie ihre Ungeduld kaum zügeln: Sie wollte nichts sehnlicher, als ihre Stiefel von sich schleudern und barfuß über die Wiesen rennen, sich ins hohe Gras werfen und den Himmel betrachten.
Sie hatten so lange Zeit in der grauen Kälte des Nordens zugebracht, dass die flirrende Hitze und das helle Licht ihrer Heimat wie weißer Wein für sie waren. Sie sehnte sich danach, in diesem Licht zu baden. Sie sehnte sich danach, ihren Vater an der Hand zu nehmen und ihn in die Sonne zu zerren, damit ihm der heiße Sommer wieder etwas Wärme in die Knochen glühte.
Er hatte also gut daran getan, nicht von seinem Pferd abzusteigen. Dort saß er, so still, dass sich Wynter durch einen verstohlenen Seitenblick vergewisserte, ob er noch wach war. Ja, war er. Sie konnte seine Augen im Schatten der Hutkrempe schimmern sehen. Er sah weder nach rechts noch nach links, sein Blick war nach innen gewandt - während er auf die Erlaubnis wartete, nach Hause zu kommen. Sein großer Körper jedoch war vor Erschöpfung gebeugt, und die Lähmung in seinen Händen, dort, wo sie geduldig auf dem Sattelknauf verschränkt lagen, wirkte schlimmer als sonst.
Sorgenvoll betrachtete Wynter seine zuckenden Finger. Alte Männer zitterten so, nicht breitschultrige Handwerker von dreiunddreißig. Schluss damit, schalt sie sich, wandte den Kopf wieder nach vorn und drückte den Rücken durch. Eine erholsame Nachtruhe und eine anständige Mahlzeit, und er ist wiederfrisch wie der junge Frühling! Sie rieb die Fingerspitzen aneinander, fühlte die tröstliche Taubheit von Narbe und Schwiele. Würdige Hände. Sie beide hatten würdige Hände. Hände, mit deren Hilfe man jede schwierige Situation meistern konnte. Aus Gewohnheit schielte Wynter zu der Werkzeugrolle auf dem Rücken ihres Pferdes und von da zu dem ähnlichen Bündel hinter dem Sattel des Vaters. Alles an Ort und Stelle.
Unmerklich trat sie wieder von einem schmerzenden Fuß auf den anderen und wünschte sich zum ersten Mal in ihrem Leben, statt der engen Reithose und der kurzen Jacke Frauenkleider zu tragen. Man konnte Füße und Beine so viel einfacher bewegen, wenn sie unter einem Rock verborgen waren. Wieder stieß sie einen Seufzer aus ob ihrer törichten Begeisterung, die sie übereilt vom Pferd hatte springen lassen. Unmittelbar bei ihrer Ankunft hatte sie einen Satz von Ozkars Rücken hinunter gemacht, in Erwartung weit geöffneter Tore und einer stürmischen Begrüßung. Welch kindische Eitelkeit! Nun stand sie hier, und Stolz und Zeremoniell hinderten sie daran, wieder aufzusteigen - sie musste warten wie ein niederer Page, bis der Soldat mit ihrer Erlaubnis zum Passieren zurückkehrte.
In diesem Moment sah Wynter, wie eine orangefarbene Katze anmutig am Sockel der Mauer entlangschlich. Als das Tier den Schatten verließ, leuchtete es auf wie ein glühendes Stückchen Kohle. Beim Anblick der Katze vergaß Wynter die höfische Zurückhaltung und gestattete sich ein Lächeln und ein Nicken. Mit einer Drehung des Kopfes verfolgte sie ihren Weg. Das Tier blieb stehen, eine Pfote an die weiße Brust erhoben, und musterte Wynter mit gekränkter Neugier. Schon durch ihre bloße Haltung sagte die Katze: Soll ich meinen Augen trauen? Hast du gewagt, mich anzusehen?
Wynters Lächeln wandelte sich zu einem Grinsen angesichts der so vertrauten katzenhaften Geringschätzung, und sie fragte sich, wie viele Generationen von Katzenbrüdern und Katzenschwestern wohl in den fünf Jahren ihrer Abwesenheit geboren worden waren. Vor Antritt ihrer Lehrzeit hatte Wynter das Amt der Königlichen Katzenhüterin bekleidet und all ihre Schützlinge beim Namen gekannt. Wessen Ururenk^elk^ätz^chen mag das sein?, überlegte sie.
Sie neigte den Kopf und murmelte: »Ich grüße dich an diesem schönen Tag, Mäuse-Verderben«, in Erwartung der üblichen Entgegnung: »Umso schöner nun für dich, da du mich gesehen hast.« Doch stattdessen riss das Tier die grünen Augen vor Schreck und Verwirrung auf, huschte unvermittelt davon, stob über die Brücke und verschwand unten auf dem losen Kies des jenseitigen Ufers - eine Flamme im Sonnenlicht.
Ratlos blickte Wynter ihr nach. Kaum zu glauben: eine
Katze mit solch abscheulichen Manieren und derart leicht zu erschütterndem Gemüt! Irgendetwas stimmte hier nicht.
Das Klappern der Pforte lenkte Wynters Blick wieder nach vorn. Die Schatten unter dem Fallgitter wurden von einer scharfen Klinge aus Sonnenlicht durchschnitten, als sich die Pforte öffnete und der Sergeant des Wachpostens den Kopf herausstreckte. Er betrachtete sie beide ohne jede Achtung, als wäre er überrascht, sie noch immer hier vorzufinden. Gewandt setzte Wynter wieder ihre höfische Miene auf.
Ohne ein weiteres Wort zog der Sergeant den Kopf wieder zurück und ließ das Schloss der Pforte geräuschvoll einschnappen. Dann, wenige Sekunden später, begannen sich die schweren Ketten des Tors mit einem knirschenden Quietschen von Metall auf Stein zu rühren - irgendwo im Inneren der Mauern kurbelte der Torhüter an dem großen Rad, das die Ketten auf ihre Spulen wickelte.
Ja!, dachte Wynter. Man hat uns Einlass gewährt!
Langsam, langsam wurden die Schatten unter der Brücke von Sonnenlicht aufgefressen, als das schwere Pferdetor aufschwang und den Blick auf die inneren Gärten und den Palast des Königs freigab.
Mit flatternder Robe eilte Heron, der Kämmerer, über den breiten Kiespfad auf sie zu. Er musste geradewegs aus seiner Amtsstube kommen, da er so formell gekleidet war, und tatsächlich entdeckte Wynter Tintenflecke...

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