Das Echo der Flüsterer - Softcover

Isau, Ralf

 
9783570261163: Das Echo der Flüsterer

Über die Autorin bzw. den Autor

Ralf Isau wurde 1956 in Berlin geboren. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung arbeitete er zunächst als Organisationsprogrammierer. Zur Schriftstellerei fand er erst 1988, als er seiner neunjährigen Tochter ein selbst verfasstes Buch versprach: Sieben Jahre und anderthalbtausend Seiten später legte Isau nicht nur ein Buch vor, sondern "Der Drache Gertrud" und die zur legendären Neschan-Trilogie angewachsenen Romane "Die Träume des Jonathan Jabbok", "Das Geheimnis des siebten Richters" und "Das Lied der Befreiung Neschans". Isaus Roman "Das Museum der gestohlenen Erinnerungen" wurde 1997 mit dem "Buxtehuder Bullen" als bestes Jugendbuch des Jahres ausgezeichnet. Seither sind "Das Echo der Flüsterer", "Das Netz der Schattenspiele" und "Der Kreis der Dämmerung" erschienen. Isau lebt mit seiner Familie in Stuttgart.

Aus dem Klappentext

"Spannender kann Geschichte kaum sein."
Main Echo

"Unbestritten, wieder ein spannendes und lesenswertes Buch von dem Stuttgarter Schriftsteller."
Der Tagesspiegel

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Das Starten der Motoren kam einem mittleren Erdbeben gleich. So jedenfalls empfand es Sarah. Für einige Augenblicke verdrängte ihr Misstrauen gegen dieses in allen Teilen zitternde Flugzeug sogar die Sorge um Jonas. Der Text des Telegramms verschwamm vor ihrem geistigen Auge und sie umklammerte Roberts Hand noch fester. Als sie zu ihrem Mann aufblickte, lächelte er ihr zu. Seine Zuversicht war nur gespielt. Sie wusste, wie sehr auch er unter der schrecklichen Nachricht litt.
Die B-24 rollte an das Ende der Startbahn, blieb dort noch einige Sekunden lang mit brummenden Triebwerken stehen, dann brüllten ihre Motoren wie vier angriffslustige Bestien auf und zerrten das schwere Flugzeug vorwärts.
Natürlich war dies nicht Sarahs erster Flug, aber sie hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, er werde anders verlaufen als alle früheren.
Die Maschine gewann schnell an Geschwindigkeit und hob unter - wie Sarah glaubte - ungewöhnlich heftigen Vibrationen vom Boden ab. Ihr ganzer Körper zitterte mit dem Flugzeug. Robert sagte etwas zu ihr, was in dem Lärm unterging, aber an seiner ausgestreckten Hand war zu erkennen, dass sie aus dem Fenster sehen sollte.
Widerwillig tat sie es. Die Maschine beschrieb gerade eine weite Linkskurve, dann schwenkte sie auf südwestlichen Kurs ein, um der Küstenlinie von St. George zu folgen. Die Bermudainseln waren ein Paradies, doch Sarah konnte sich an dem türkis schimmernden Meer, den bunten Fassaden der jetzt winzig wirkenden Häuser und der aus der Höhe nur noch zu erahnenden Blütenpracht von Oleander, Hibiskus, Bougainvillea und Rosen nicht erfreuen. Weniger weil ihr das Fliegen an sich zuwider war, sondern vielmehr wegen der schrecklichen Gedanken und Selbstvorwürfe, die nun wieder in ihr aufstiegen. Nördlich der Hauptstadt Hamilton drehte die B-24 auf westlichen Kurs ab und passierte bald darauf Sommerset Island. Erst nach mehr als fünfhundertsechzig Meilen würde Sarah wieder Land sehen können. Das Meer erschien ihr an diesem Tag wie eine schier endlose Wasserwüste.
»Geht's dir gut, Schatz?« Das Dröhnen der Motoren war wie ein dicker Vorhang, der Roberts Stimme fast verschluckte.
Sarah blickte in das besorgte Gesicht ihres Mannes. »Wie könnte es? Warum sind wir nur zu diesem gottverlassenen Flecken geflogen, mitten im Meer, wo unser Sohn uns doch zu Hause braucht? Kannst du mir das sagen, Bob?«
Robert fühlte ihre innere Zerrissenheit. Er hatte seiner Frau schon über so manches seelische Tief hinweggeholfen. Doch seine sonst so unerschütterliche Ruhe war ins Wanken geraten. Er erzählte irgendetwas von seinem Auftrag, den Stützpunkten bei Kindley Field und am Little Sound, erging sich sogar eine Zeit lang über die Bedeutung der Bermudainseln als Parkett diplomatischer Aktivitäten zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien. »Erst vor zwei Jahren haben unsere Länder bei einer Konferenz auf den Bermudas die Prinzipien der Luftfreiheit und der Ordnung in der Luft vereinheitlicht, ein epochaler Schritt im internationalen Verkehrsrecht, und « Er stockte, wurde sich bewusst, was für einen Unsinn er da redete, und stieß hervor: »Vielleicht wird ja noch alles gut, Schatz. Vater hat doch geschrieben, dass auch er nur Nachricht von Jonas' Tod erhalten hat. Es muss ein schrecklicher Irrtum sein «
Roberts Stimme versickerte wie eine Meereswoge am Strand. Sarah hörte ihn nicht mehr. Sie blickte an ihm vorbei durch die zerkratzte Scheibe des Bullauges auf das Meer hinab und versuchte zu begreifen, was geschehen war. Eine Zeit lang konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Erst als sie sich dazu zwang, die vergangene Stunde noch einmal vor ihrem geistigen Auge Revue passieren zu lassen, vermochte sie den Faden ihrer Überlegungen wieder dort anzuknüpfen, wo ihn die Rotorblätter dieser Höllenmaschine durchtrennt hatten.

Die Betonpiste war ein riesiges glühendes Backblech, auf dem sich Sarahs Gedanken in einen zähen Strom verwandelt hatten. Träge wie Lava, aber auch ebenso unaufhaltsam, wälzten sie sich auf den tiefsten Punkt im Tal ihres Bewusstseins zu, dorthin, wo eine grausame Erkenntnis lag: Sie war an allem schuld. Und sie konnte nichts mehr tun, um es ungeschehen zu machen. Von Anfang an hatte sie gewusst, dass die Reise ein Fehler war. Während die Sonne von St. George auf sie niederbrannte, stellte sie sich immer wieder die gleiche Frage: Was hatte sie hier nur verloren, mitten im Nordatlantik, in der sengenden Hitze eines Flugplatzes der amerikanischen Navy? Mit den Augen verfolgte sie eine Transportmaschine, die ganz in der Nähe vom Boden abhob. Das Donnern der Motoren war ohrenbetäubend. Die Luft flimmerte über dem heißen Rollfeld und verwandelte das Propellerflugzeug in eine flirrende Fata Morgana.
Sarah wartete im Schatten einer bulligen B-24, die ihre silbernen Flügel über sie ausbreitete wie eine Glucke über dem Küken. Sie machte sich Vorwürfe, führte eine stille Selbstanklage, der sie sich nicht entziehen konnte. Nein, sie hatte sich als Rabenmutter erwiesen, hatte ihren Sohn im Stich gelassen. Wäre es denn wirklich so schlimm gewesen, ein paar Tage lang von ihrem Ehemann getrennt zu sein? Robert hätte diese Reise ganz gut auch ohne sie unternehmen können. Alles wäre anders gekommen. Alles!
Sie biss sich auf die Unterlippe, um die Tränen zurückzuhalten. Eigentlich hatte sie es sogar verdient, sich so elend zu fühlen. Und dennoch - tief in ihrem Innern sträubte sich etwas, die schreckliche Nachricht zu akzeptieren. Eine tröstende Stimme flüsterte ihr zu, sie müsse nur endlich diesen Ort verlassen und nach Hause zurückkehren, dann werde alles wieder gut werden
Sarah schüttelte stumm den Kopf. Auch wenn ihr Herz ihr etwas anderes sagte, musste sie sich wohl der unvermeidlichen Wahrheit stellen: Jonas war tot; ihr gerade elf Monate alter Sohn lebte nicht mehr.
Sie konnte nicht sagen, wie viele Minuten verstrichen waren, als der Pilot wieder aus der großen Luke kletterte, die sich seitlich am Rumpf der Transportmaschine befand. Der große, kantige Mann nickte ihr unbeholfen zu.
»Besser so, dass Sie hier draußen warten, Mrs. McKenelley. Da drinnen ist es heiß wie in einem Backofen.«
Sarah erwiderte das Nicken. Zu mehr war sie nicht imstande.
»Ihr Mann wird bestimmt gleich zurück sein. In etwa fünfzehn Minuten starten wir.«
Der Captain gab sich alle Mühe beruhigend zu klingen, doch Sarah hörte ihn nicht mehr. Ihre Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit, zu den Tagen, da sie die Bedeutung des Wortes »Furcht« nicht gekannt hatte.
Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich nach Geborgenheit gesehnt. Sie konnte sich nur noch undeutlich an die Zeit erinnern, als ihre Eltern mit ihr und den beiden jüngeren Brüdern gespielt, mit ihnen unbekümmert gelacht oder sie, wenn nötig, verständnisvoll getröstet hatten. Diese Vergangenheit erschien ihr wie ein langer warmer Sommer, den man selbst Jahre später noch mit angenehmen Gefühlen verbindet, obwohl man die Einzelheiten längst vergessen hat.
Die Jahre danach waren ein Alptraum gewesen. Sie hatten Sarah schwere Wunden zugefügt, ihr Vertrauen zutiefst erschüttert. Sie fühlte sich von den Eltern im Stich gelassen. Natürlich wusste sie, wie ungerecht dieser Vorwurf war. Aber der Verstand ist ein sehr unzulänglicher Advokat, wenn die eigenen Gefühle die Anklage führen. Warum nur hatten ihre Erfahrungen sie nicht davor bewahrt, gerade in diesem Punkt zu versagen? Weshalb hatte sie Jonas allein gelassen?
Sarah zwang ihre Gedanken in eine andere Bahn. Sie blickte zur Sonne hinauf, musste ihre Augen aber gleich wieder mit der Hand beschirmen. Für einen Moment huschte sogar ein Lächeln über ihre Lippen.
Damals, kurz nach Kriegsende, war Robert McKenelley am dunklen Horizont ihres Lebens fast ebenso glanzvoll aufgestiegen wie an diesem Morgen die Sonne über den Bermudainseln. Robert war Nachrichtenoffizier bei der US-Army gewesen. Was ihn für Sarah so anziehend machte, war jedoch etwas anderes: Er gab ihr Geborgenheit wie...

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Weitere beliebte Ausgaben desselben Titels