Der Koloss von Rhodos: Ab 11 Jahre - Softcover

Lawrence, Caroline

 
9783570214480: Der Koloss von Rhodos: Ab 11 Jahre

Über die Autorin bzw. den Autor

Die in London geborene Amerikanerin Caroline Lawrence zog schon früh mit ihren Eltern in die USA und wuchs in Kalifornien auf. Als sie ein Stipendium für Cambridge bekam, ging sie nach England zurück und studierte dort klassische Archäologie, anschließend Hebräisch und Judaistik an der Universität London. Heute lebt sie mit ihrem Mann, einem Grafikdesigner, in London.

Aus dem Klappentext

Diese sehr spannende Abenteuerreihe bietet einen außergewöhnlichen Einblick in den Alltag der Römer.
Bücherbär

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

SCHRIFTROLLE I

Lupus starrte verblüfft auf den kleinen Bronzeanhänger, der an einer Leinenschnur hing.
Er hatte die Form eines Körperteils.
Eines männlichen Körperteils.
Eines höchst intimen männlichen Körperteils.
Lupus warf seinen drei Freunden, die neben ihm am Ufer von Ostia in der Morgensonne standen, einen kurzen Blick zu. Auch sie hatten soeben ähnliche Anhänger geschenkt bekommen.
Flavia Gemina, die Tochter eines angesehenen römischen Seekapitäns, hatte sich ihr Amulett bereits umgehängt. Ihre frühere Sklavin Nubia ein dunkelhäutiges Mädchen mit goldfarbenen Augen hielt ihr Amulett verschämt mit beiden Händen zu und kicherte. Und Jonathan ben Mordecai spielte den Schockierten und starrte sein Amulett mit offenem Mund an. Als Lupus seinen Gesichtsausdruck sah, brach er in schallendes Gelächter aus.
»Hört jetzt auf damit!«, fauchte Flavia sie an und betastete ihr hellbraunes Haar, um sicherzugehen, dass es sich nicht gelöst hatte. »Alma ist sonst gekränkt. Ihr wisst sehr gut, dass diese Anhänger nicht unanständig sind. Und auch nicht komisch. Das sind sehr wirksame Glücksbringer.«
Flavias Haussklavin Alma verschränkte ihre stämmigen Arme und nickte. »Richtig. Diese Amulette wenden den bösen Blick ab.«
»Danke, Alma«, sagte Flavia. »Es war eine gute Idee von dir, uns diese Amulette zu schenken.« Sie warf den anderen einen viel sagenden Blick zu.
»Äh ja. Danke, Alma.« Jonathan ließ die Schnur mit dem Amulett über seinen Kopf gleiten. Sein Asthmakräutersäckchen hing daneben. Er grinste. »Ich bin sicher, die werden uns gut beschützen.«
»Danke, Alma.« Nubia musste immer noch kichern. »Mein Amulett hat kleine Flügel«, sagte sie zu ihren Freunden.
Alma nickte und strahlte übers ganze Gesicht. »Mit Flügeln bringen sie besonders viel Glück. Ebenso mit Glöckchen.«
Lupus grinste und bimmelte mit seinem Amulett. Seines war offenbar das beste, denn es hatte sowohl Flügel als auch Glöckchen.
»Die sind apotropäisch«, erklärte der Hauslehrer der Kinder und hängte sich seine Ledertasche über die Schulter. Aristo war ein gut aussehender junger Grieche mit traurigen Augen und lockigem bronzefarbenen Haar.
»Apo wie?«, fragte Nubia. Sie war erst ein knappes Jahr in Italien und konnte noch nicht fließend Latein.
Aristo lächelte sie an. »Apotropäisch ist ein griechisches Wort«, erklärte er. »Es bedeutet Unheil abwehrend .«
Alma nickte. »Genau. Sie sind tapo pota was er eben gesagt hat. Wenn ich an all die Gefahren denke, denen ihr in letzter Zeit ausgesetzt wart wilde Hunde, Vulkanausbrüche, Piraten, Auftragsmörder, Seuche, Feuer, wilde Tiere und was weiß ich nicht noch alles , nun, da dachte ich mir, ihr braucht unbedingt etwas, was euch beschützt.« Alma spuckte aus und machte das Zeichen gegen das Böse. »Und schließlich ist eine Seereise noch viel gefährlicher als alles, was ihr bisher erlebt habt.«
»Jonathan! Was höre ich, Reise gefährlich? Musst du mitfahren?«
Lupus und die anderen wandten sich um. Es war Jonathans Mutter Susannah, die sich einen Weg durch die Säcke und Taschen bahnte, die an der Anlegestelle standen. Als sie Jonathan erreicht hatte, zog sie den blauen Schleier von ihrem hübschen Gesicht zurück, und Lupus sah, dass ihre Augen rot und geschwollen waren.
»Mutter!«, zischte Jonathan. »Ich habe mich doch zu Hause schon von dir und Vater verabschiedet. Ich hab dir doch gesagt, du brauchst nicht zum Hafen zu kommen.«
»Dein Vater sagt, ich soll Medizin bringen, für Notfall.« Jonathans Mutter reichte ihm eine Schultertasche aus Leinen. Dann zog sie ein Taschentuch unter dem langen Ärmel ihrer hellblauen Tunika hervor. Sie murmelte etwas auf Hebräisch, spuckte auf das Taschentuch und rieb ihm damit übers Kinn.
»Aua!« Jonathan zuckte zurück. »Das ist kein Fleck!«, sagte er auf Lateinisch. »Das ist eine Narbe von einer Schnittwunde. Die tut immer noch weh wie Hades!«
»Jonathan, du nicht fluchen und mich anschreien!« Susannahs schöne Augen füllten sich mit Tränen.
»Entschuldige, Mutter.« Jonathan seufzte. »Aber ich bin kein Baby mehr. Ich bin elf.«
»Aber ich liebe dich so, mein lieber, lieber Sohn.« Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und übersäte es mit Küssen.
Während Lupus sie beobachtete, fiel ihm wieder ein, wie abweisend Susannah zu ihm gewesen war, als sie alle noch dachten, Jonathan sei tot. Damals hatte er insgeheim ein Gelübde abgelegt.
»Ich denken, dich für immer verloren«, sagte Susannah zu Jonathan. »Dann ich dich finden und jetzt du wieder fortgehen.« Sie fing an zu weinen. »Warum du fortgehen? Warum du mich verlassen?«
»Wein doch nicht, Mutter«, sagte Jonathan. »In ein paar Monaten sind wir wieder zurück. Vielleicht schon Ende Mai, sagt Flavias Vater.« Jonathan musste Lupus Blick gespürt haben, denn er verdrehte die Augen. Aber er wehrte sich nicht gegen die Umarmung seiner Mutter, sondern klopfte ihr tröstend auf die Schulter und sagte etwas auf Hebräisch.
Lupus spürte eine seltsame Enge in seiner Brust. Er hatte seine eigene Mutter seit drei Jahren nicht mehr gesehen seit er ihr im Alter von sechs Jahren entrissen worden war. Von dem Mann, der seinen Vater ermordet hatte. Von Venalicius, dem Sklavenhändler. Er hatte Lupus dann die Zunge herausgeschnitten, damit er ihn nicht verraten konnte, und ihn auf das Sklavenschiff Vespa geschafft. Aber eines Tages war es Lupus gelungen, ihm hier im Hafen von Rom zu entfliehen weit weg von der griechischen Insel Symi. Wie betäubt vor Schmerz und Kummer, hatte Lupus ein paar Jahre zwischen den Gräbern am Stadtrand gelebt, sich von Abfällen ernährt und gebettelt. Dabei hatte er schnell gelernt, die lateinische Sprache zu verstehen.
Letzten Sommer hatten sich dann drei Kinder mit ihm angefreundet: Flavia Gemina, ein einfallsreiches zehnjähriges Mädchen, das gern geheimnisvolle Fälle löste, ihr afrikanisches Sklavenmädchen Nubia und ihr jüdischer Nachbarsjunge Jonathan. Nach ihrem ersten gemeinsamen Abenteuer war Lupus bei Jonathan eingezogen und durfte mit den anderen am täglichen Unterricht bei Aristo teilnehmen. In wenigen Monaten hatte er lateinisch lesen und schreiben gelernt, ebenso Griechisch seine Muttersprache.
Jetzt, im April, da die ersten Schiffe wieder aufs Meer hinaussegelten, wollte Lupus den letzten Wunsch seines Onkels erfüllen. Er wollte mit seinen Freunden die freigeborenen Kinder suchen, die Venalicius entführt und illegal als Sklaven verkauft hatte.
Neben ihm knieten Flavia und Nubia auf dem warmen Holzsteg und drückten ihre Hunde an sich. Auch die Seeleute, die zur Delphina gehörten, verabschiedeten sich jetzt von ihren Angehörigen. Ein etwa sechzehnjähriger dunkelhaariger Junge gab seinen Eltern einen Abschiedskuss, und eine stämmige alte Frau kniff einem hageren Seemann in die Wange, der einen bestickten Filzhut auf dem Kopf trug.
Lupus wandte den Blick ab. Für ihn war niemand da. Niemand, der sich Sorgen machte, ob er heil zurückkehrte. Niemand, der täglich für ihn beten würde. Niemand, der aufs Meer hinausschauen und sich fragen würde, wo er jetzt wohl war. Jetzt hätte er sich sogar von Almas schwammigen Armen umschließen lassen, aber die verabschiedete sich gerade mit lautem Geheule von Flavia.
Lupus Kehle schnürte sich zu und er kämpfte mit den Tränen. Er lief schnell über die Landungsbrücke und betrat das Schiff zuerst mit dem rechten Fuß. Mit dem Rücken zu den anderen überquerte er das Deck und klammerte sich an der polierten Eichenreling fest.
Während er über das Wasser blickte, dachte er an den geheimen Altar, den er vor drei Tagen am Strand gebaut hatte. Wie feucht sich der Sand angefühlt hatte, als er ihn zu einem Würfel formte. Und wie leicht war es gewesen, der Taube den Kopf abzudrehen und ihr Blut herausfließen zu lassen, wie dunklen Wein aus einem zuckenden Federkrug. Die Wellen hatten seinen Altar wahrscheinlich inzwischen fortgespült, aber Lupus hoffte, die Götter würden sein Blutopfer niemals vergessen.
Jetzt tastete Lupus nach...

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.