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Balaban Neumann, der Hund - Softcover

Och, Sheila

 
9783570213964: Balaban Neumann, der Hund

Inhaltsangabe

Seit Opas Stuhl leer bleibt, geht es bei Neumanns leise zu. Ein netter Vierbeiner soll das ändern. Doch Balaban ist kein Schoßhund. Der Schalk sitzt ihm im Nacken, er zerfetzt Briefe, okkupiert das elterliche Schlafzimmer und doch schenkt er seiner Familie das Schönste: Wärme, Freude – und einen Ersatz-Opa!


Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Sheila Och wurde 1940 in England geboren und kehrte 1945 mit ihrer Familie nach Prag zurück. Dort studierte sie später an der Filmhochschule, u.a. bei Milan Kundera. 1971 ging sie in die Bundesrepublik und arbeitete bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Mit ihren Kinderbüchern wurde sie Anfang der 90er Jahre bekannt. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis 1997. Die Autorin ist im August 1999 verstorben.

Aus dem Klappentext

Sheila Ochs Text funkelt vor Witz und mehr als einmal möchte man beim Lesen losprusten vor Lachen. So schlank und lakonisch, so warm und witzig erzählen können nur wenige.
SZ

Der Hund hat sozusagen eine hündische philosophische Dimension: seine Probleme löst er mit Köpfchen und nicht mit Gewalt.
Süddeutsche Zeitung

Es ist leider das letzte Buch dieser großartigen Autorin, die sich so gut in Kinder hineinversetzen konnte.
leser-service.de

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Zu unserem Tisch, an dem wir jeden Abend alle zusammen sitzen, essen und lachen, gehören sechs Stühle. Auf einem Stuhl sitzt mein Vater, links neben ihm meine große Schwester Irene, zu ihrer Linken wiederum meine Mutter und die hütet zu ihrer linken Seite meine kleine Schwester Bärbel. Neben Bärbel sitze immer ich, und dann steht da noch ein Stuhl, der damals, als meine Geschichte anfing, leer war. Es war der leerste Stuhl, den ich je in meinem Leben gesehen hatte. Und wegen dieses leeren Stuhls wurde bei uns in der letzten Zeit beim Essen nicht mehr so wie früher gelacht. Auf ihm hatte nämlich, seit ich mich überhaupt erinnern konnte, unser allerliebster Opa gesessen. Er war nicht nur unser allerliebster, sondern auch unser einziger Opa gewesen; nach ihm heiße ich Peter, worauf ich sehr stolz bin. Und gerade dieser Opa war uns vor vierzehn Tagen weggestorben.
"Frau Neumann!", sagte unser Vater zu unserer Mutter, nachdem der Opa-Stuhl zwei Wochen lang verwaist gestanden hatte. Wir alle hörten aufmerksam zu, weil es selten vorkommt, dass er sie so anspricht.
"Frau Neumann", wiederholte er. "Ich kann es nicht mit ansehen, wie traurig die Kinder sind. Das hätte dem Opa wahrhaftig nicht gefallen."
"Ja", sagte Bärbel. "Der Opa, der hätte uns bestimmt einen Hund gekauft, wenn er gesehen hätte, wie traurig wir sind."
Das Bärbelchen war gerade fünf Jahre alt geworden, und der Opa hatte ihr noch zu ihrem Geburtstag im Garten eine neue Schaukel gebaut, auf der sie dann beide zusammen schaukelten.
"Aber Bärbelchen", sagte unsere Mutter entsetzt, "ein Tier kann doch keinen Menschen ersetzen."
"Warum denn nicht?", spann Bärbel ihren Gedanken weiter. "Der Hund kann auf Opas Stuhl sitzen, in Opas Zimmer wohnen und mit mir im Garten schaukeln. Er kann mich in den Kindergarten bringen und wieder von dort abholen und zuschauen, wie ich mir abends die Zähne putze."
"Und danach wird er dir ein Märchen vorlesen, wie?", mischte sich Vater ein.
"Nein", entgegnete Bärbel ernsthaft. "Umgekehrt. Ich kenne schon so viele Märchen auswendig, ich erzähle sie dem Hund."
Es war der größte Unsinn, den meine kleine Schwester da zusammenfantasierte, aber trotzdem gefiel es mir irgendwie. Ich schaute meine ältere Schwester Irene von der Seite an, um ihre Zustimmung zu erhaschen, doch sie würdigte mich keines Blickes.
Seit sie dreizehn geworden war, war ich für sie Luft. Völlig durchsichtig. Einen großen Bruder oder einen Babybruder hätte sie schon gerne gehabt, sagte sie mir einmal, ein mittlerer Bruder dagegen sei nur Mist.
"Aber Bärbelchen", sagte Mutter nochmals. "Tier ist Tier und Mensch ist Mensch."
"Aber Karola", antwortete Vater, "Opa hat sich eigentlich auch immer einen Hund gewünscht. So wäre der Hund sozusagen ein Opa-Erinnerungs-Hund."
Das Problem meiner Mutter ist, wie sie selbst sagt, dass sie in ihrem langen Leben nie NEIN sagen konnte. Wir schauten sie also mit großen Augen an und hofften, dass sie es nicht gerade jetzt, in diesem wichtigen Moment unseres Lebens, doch noch lernen würde.
"Na ja", überlegte Mutter. "Ein Opa-Erinnerungs-Hund wäre schon was Besonderes. Da könnte ich wieder einmal nicht direkt Nein sagen."
Alle Anwesenden am Tisch jubelten, sogar Irene. Ich stellte mir sofort vor, wie ein großer, wunderschöner Hund, so ungefähr wie Lassie aus der bekannten Fernsehserie, auf Opas Stuhl sitzen und uns mit weisen und verständnisvollen Augen, so wie unser Opa sie gehabt hatte, anschauen würde.
"Es wird aber einer aus dem Tierheim genommen", sagte Mutter, nachdem wir uns wieder beruhigt hatten. "Ein Waisenhund passt sehr gut als Opa-Erinnerungs-Hund. Und er ist sicher viel gehorsamer als ein gekaufter Hund. Er wird uns vor lauter Dankbarkeit mindestens einmal täglich die Pantoffeln bringen."
Das mit den Pantoffeln hatte Mutter wahrscheinlich in irgendeinem blöden Hundefilm gesehen. Oh, oh, wenn sie gewusst hätte, wie sie sich damit geschnitten hatte!
Aber jetzt ordentlich der Reihe nach:
Am nächsten Freitag fuhren wir in freudiger Stimmung zum nahe gelegenen Tierheim und jeder von uns malte sich ein ganz klares Bild von seinem zukünftigen Hund aus.
"Auf keinen Fall nehmen wir einen Spitz", sagte Vater vor dem Tor entschieden. Das leuchtete uns auch völlig ein, weil Vater als Kleinkind von einem Spitz schmerzhaft gebissen worden war.
"Einen süßen Dackel mit großen Augen", schlug Bärbel vor.
"Nein, eine Lassie", meldete ich mich schnell. Mit so einem berühmten Hund wäre ich bestimmt auch schnell ein berühmter Junge und nicht mehr ein namenloser, mittlerer Bruder.
Zu meiner Überraschung nahm mich meine große Schwester auf einmal zur Kenntnis.
"Ja", sagte sie zustimmend. "So ein Rassehund würde eigentlich am besten zu mir passen. Der sieht richtig elegant aus."
Unsere Eltern schauten sich fragend an, und ich bekam Angst, dass sie es sich noch anders überlegen würden. Aber schließlich sind wir doch hineingegangen ins Tierheim.
Es gab alle Hunde, die man sich nur vorstellen kann, zur Auswahl. Große und kleine, weiße, schwarze, braune, gefleckte, junge und alte. Einige fraßen, einige liefen in ihren Zwingern hin und her, andere schliefen. Als sie uns hörten, öffneten sie ein Auge, schauten uns ohne Interesse an und schliefen weiter.
Am Ende eines Ganges, im allerletzten Zwinger, stand reglos ein mittelgroßer schwarzer Hund und schaute uns streng an. Nicht traurig, sondern streng. Sehr streng sogar.
"Na ja", sagte die Tierheimleiterin verlegen. "Den würde ich Ihnen nicht direkt empfehlen. Der passt in keine große Familie, weil er einem allein stehenden Mann gehört hat. Der alte Herr musste Hals über Kopf ins Krankenhaus und da haben die Nachbarn den verlassenen Hund zu uns gebracht. Ich denke, dass der Besitzer mittlerweile gestorben ist."
"Oh", sagte unsere Mutter, die bekanntlich nie Nein sagen kann und ein großes Herz hat. "Das wäre doch etwas für uns. Ein dankbarer, verwaister Hund."
"Wie Sie meinen", sagte die Tierheimleiterin unsicher. "Sie können ihn ja auch wieder zurückbringen, wenn er doch nicht zu Ihnen passt."
Wir gingen in ihr Büro und ich drehte mich noch mal um. Der Hund hob die eine Ecke seines Mauls und ließ ganz kurz seine Zähne aufblitzen. Wenn ich es damals gesagt hätte, hätte mir niemand geglaubt: Der Hund grinste mich an. Zufrieden und dreist zugleich.

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