Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur - Hardcover

Auffermann, Verena; Kübler, Gunhild; März, Ursula; Schmitter, Elke

 
9783570010488: Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur

Inhaltsangabe

»Unser Buch zeigt den Reichtum und die Vielfalt der Literatur von Frauen und erzählt, wann, wie und warum sie zum Schreiben fanden.« Die Autorinnen
Ihre Verse haben Jahrtausende überdauert wie Sapphos Poesie; sie schrieben in düsteren Verhältnissen wie die Schwestern Brontë, erfanden den weiblichen Fantasy-Roman wie Irmtraud Morgner, radikale Schreibweisen wie Elfriede Jelinek und die berühmteste Romanfigur der Gegenwart, Harry Potter.

99 schreibende Frauen haben Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März und Elke Schmitter für ihren weiblichen Kanon der Literaturgeschichte ausgewählt. Sie porträtieren die Autorinnen, betten ihr Werk in Lebens- und Zeitumstände, positionieren sie innerhalb literarischer Traditionen und an deren Bruchstellen. Eine Wanderung durch die weiblichen Gefilde der Weltliteratur, für die man nichts mitbringen muss als Neugier und Leselust.

• Kluge Porträts, die Lust aufs Lesen machen

• Eine weibliche Geschichte der Weltliteratur und zugleich ein fachkundiger persönlicher Kanon

• Gebundene Ausgabe: 640 Seiten mit 99 s/w-Fotos

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorinnen und Autoren

Verena Auffermann, geb. in Höxter i. W. Buchhandelslehre, Verlagstätigkeit, Auslandsaufenthalte. Studien der Kunstgeschichte, Redakteurin, freischaffende Journalistin und Kritikerin vor allem für die »Süddeutsche Zeitung«. Jurorin der SWR-Bestenliste. Zuletzt erschienen von ihr in Buchform »Nelke und Caruso. Über Hunde. Eine Romanze« (1996, mit Iso Camartin), »Das geöffnete Kleid. Von Giorgione zu Tiepolo«, Essays (1999) sowie »Beste Deutsche Erzähler 2000« (als Hg.).

Sie schreiben für bekannte Medien wie Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, NZZ am Sonntag, ARD sowie den Hörfunk und sind erfolgreiche Autorinnen: Elke Schmitter mit dem Roman »Frau Sartoris«; Ursula März mit dem biographischen Essay »Du lebst wie im Hotel«; Gunhild Kübler mit einer Neuübersetzung von Gedichten von Emily Dickinson und Verena Auffermann mit der Romanze »Nelke und Caruso«.

Sie schreiben für bekannte Medien wie Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, NZZ am Sonntag, ARD sowie den Hörfunk und sind erfolgreiche Autorinnen: Elke Schmitter mit dem Roman »Frau Sartoris«; Ursula März mit dem biographischen Essay »Du lebst wie im Hotel«; Gunhild Kübler mit einer Neuübersetzung von Gedichten von Emily Dickinson und Verena Auffermann mit der Romanze »Nelke und Caruso«.

Elke Schmitter wurde 1961 in Krefeld geboren. Sie studierte in München Philosophie und war von 1992 bis 1994 Chefredakteurin der »taz«. Seitdem schrieb sie als freie Autorin u.a. für »Die Zeit«, die »Süddeutsche Zeitung« und den »Spiegel«. 1981 veröffentlichte sie den Lyrikband »Windschatten im Konjunktiv«, 1998 einen Essayband über Heinrich Heine, »Und grüß' mich nicht unter den Linden«. Ihr Roman »Frau Sartoris« (Berlin Verlag 2000) wurde von der Presse begeistert aufgenommen und war ein großer Erfolg. Er wird derzeit in 12 Sprachen übersetzt.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Anna Achmatowa 1889-1966


Ihr Stern ist klein. Er ist selten zu sehen und schimmert nur schwach. Aber er wird nicht sinken. Seine Form ist beinahe ein Kreis, sein Durchmesser beträgt neun Kilometer, seine Entfernung von der Erde mindestens 141 Millionen Kilometer. Der Planet Nr. 3067 wurde im Jahr 1982 in das Verzeichnis der "Minor Planet Circulars" aufgenommen, "named in honor of Anna Andreevna Akhmatova. Outstanding Poetress."
Zwei Leserinnen sorgten dafür. Ljudmila Karatschkina und Ljudmila Schurawljowa nutzten ihre Tätigkeit am Astrophysischen Institut auf der Krim in den achtziger Jahren zu einer so diskreten wie nachhaltigen Korrektur der sowjetischen Kulturgeschichte: Im selben Jahr wie Achmatowa erhielten der Regisseur Andrei Tarkowski sowie die Schriftsteller Michail Bulgakow und MARINA ZWETAJEWA einen Himmelskörper auf ihren Namen - Tote und Totgeschwiegene.
Anna Achmatowa hat das nicht mehr erlebt, doch es ist anzunehmen, dass es ihr gefallen hätte. Nicht nur wegen der Unsterblichkeit - die sie verdient zu haben sicher war. Nicht nur, weil die Literaturzeitschrift ihrer Lebensstadt Petersburg den Titel "Swesda" (Stern) trug. Sondern auch, weil in ihren Gedichten der Himmel, die Wolken und die Gestirne das sprechende Ich treulich begleiten: als Resonanzräume einer Seele, der die Welt nicht groß genug sein kann.
Mit Liebesgedichten fing sie an. Die großgewachsene, überwältigend schöne Anna Andrejewna Gorenko war von Anfang an überzeugt, dass die Stimmungen eines einzelnen, eines einzigen Menschen, formuliert man sie nur gut genug, von mitteilenswerter Bedeutung sind. Die Schwüle eines Abends im Sommer, der silbern glitzernde Teich, die vertrockneten Immortellen - sind das nicht sprechende Zeichen für ein denkendes Herz? Der Mensch und das Universum, das Ich und sein Wetter, das war von Anfang an ihr Programm. Wörtlich und konkret: Die Metaphern der Symbolisten, die den Ton angaben, als sie die literarische Bühne betrat, verachtete sie. Kein Antlitz wie eine Blume, kein Vogelzwitschern, wenn man Liebesgeflüster meint - sondern das Antlitz, genau wie es war, "schmerzlich" und "böse" vielleicht, und die Worte grob oder zärtlich, so wie sie waren. "Gedichte müssen schamlos sein", nur dann kann entstehen, worum es geht: Die Geheimnisse der Psyche werden offenbar, und das Einzelne wird allgemein, das Unbegriffene verständlich, die tiefste Einsamkeit mitteilbar.
Die Hörer und Leser dankten ihr die Radikalität. Von ihren ersten Auftritten an war die junge Dichterin, die sich den klangvollen Namen Achmatowa gab (der nicht genuin russisch ist, sondern an eine tatarische Ahnin erinnert), ein populäres Phänomen. Ihre Gedichte - kurz oder lang, aber streng im Versmaß gehalten und gereimt - konnten ihre Leser auswendig. Sie waren, am Beginn ihrer Laufbahn, modern. Am Ende waren sie Klassiker. Literarische Programme, Parteitagsbeschlüsse und Kulturrevolutionen zogen daran vorbei. Zweimal wurde vernichtet, was es gedruckt von ihr gab - auf staatlichen Befehl. Über Jahrzehnte hatte sie Berufsverbot. Sie schrieb kaum etwas auf, sondern trug ihre Gedichte den engsten Freunden vor, damit sie die Verse im Gedächtnis behielten. Manuskripte zu verstecken, in einem spärlich möblierten Zimmer, wäre zu gefährlich gewesen. So wanderte, was sie schrieb, unmateriell ins Bewusstsein. Das passte zu ihrem Werk. Das Politische wurde sphärisch, und die stupid-brachiale Kulturpolitik der Sowjetunion gekontert mit dem letzten Unerreichbaren: dem menschlichen Gedächtnis.
Sie selbst war, am Ende des Lebens, verkörperte Erinnerung. "Ich aber wuchs in buntbestickter Stille / Im kühlen Kinderzimmer des Jahrhunderts." Im Kinderzimmer des Jahrhunderts, das heißt: in der Vorzeit der Russischen
Revolution, in einer Epoche, die kulturell vollständig vernichtet wurde. Eine melancholische, von Ehestreitigkeiten und Todesfällen in der Familie belastete Kindheit - zwei Schwestern starben früh an Tuberkulose - im russischen Bürgertum: hohe Spiegel in Rahmen aus Nussholz im gelben Licht der Öllampen, gepolsterte Sessel, enge Mieder und raschelnde Röcke. Ein einziges Buch im Haus: die Hinterlassenschaft des ersten Manns ihrer Mutter, der in das Attentat auf den Zaren Alexander II. im Jahr 1881 verwickelt war und sich erschossen hatte, um der Verhaftung zu entgehen. Hinter den Kulissen rumorte es in Russland längst.
Ein paar Jahre lang gab es für Achmatowa das, was man eine emanzipierte Künstlerjugend nach europäischem Vorbild nennen kann. Sie begann ein Jurastudium in Petersburg, sie schrieb, sie verliebte sich und heiratete. Als Jungvermählte ging sie mit ihrem Mann nach Paris, eine entschlossene Bohemienne und bald schon eine unglückliche Ehefrau. Ihr erster Mann - Dichter und Exzentriker wie sie, aber auch Reisender aus Passion - zog weiter nach Afrika und ließ sie zurück. Achmatowa blieb zunächst in Paris, freundete sich mit dem italienischen Maler Amedeo Modigliani an (ein von Modigliani gemaltes Porträt von ihr hing zeitlebens über ihrem Bett) und bereiste, wieder mit ihrem Mann, den Norden Italiens. Zurück in Russland, gab es für sie noch ein Jahr der reinen Künstlerexistenz: Lesungen und Partys, programmatische Zusammenkünfte ihrer literarischen Gruppe, der Akmeisten, Freundschaften mit Boris Pasternak und Ossip Mandelstam, mit der Tänzerin Olga Glebowa-Sudejkina. Als Anna Achmatowa ihren zweiten Gedichtband publizierte, brach der Erste Weltkrieg aus, an dessen Ende stand in Russland die Revolution. Von nun an war ihr Leben nicht nur überschattet, sondern geprägt von der trostlosen Geschichte ihrer Heimat. Von den siebenhundert Autoren, die 1934 am Ersten Schriftstellerkongress der Sowjetunion in Moskau teilgenommen hatten, überlebten nur fünfzig bis zum Zweiten Kongress im Jahr 1954. Von denen, die nicht im Krieg gefallen waren, wurden Unzählige liquidiert, verschwanden in Arbeitslagern oder starben an staatlich organisierter Verelendung. "Ihr aber, Freunde, letztes Aufgebot! / Mir blieb das Leben, damit ich Euch bewein."
Achmatowas erster Mann meldete sich 1914 freiwillig an die Front; sie blieb mit dem einzigen Kind zunächst bei den Schwiegereltern auf deren ländlichen Gut. Dann ging sie zurück nach Petersburg und zog in das Palais des Grafen Scheremetjew, das in kleine Wohnungen aufgeteilt worden war - ihre Heimat mit wechselnder Besetzung bis in die fünfziger Jahre. Die zweite und dritte Ehe fand hier statt, in der typischen sowjetischen Enge: Phasenweise lebte sie mit der ersten und der aktuellen Gattin ihres geschiedenen dritten Mannes zusammen, nie hatte sie mehr als "ein Zimmer für sich allein" (VIRGINIA WOOLF), und manchmal nicht einmal das.


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ISBN 10:  3442747066 ISBN 13:  9783442747061
Verlag: btb Verlag, 2013
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