Unsere letzte Stunde: Warum die moderne Naturwissenschaft das Überleben der Menschheit bedroht - Hardcover

Rees, Martin; Griese, Friedrich

 
9783570006313: Unsere letzte Stunde: Warum die moderne Naturwissenschaft das Überleben der Menschheit bedroht

Inhaltsangabe

Gebraucht - Wie Neu; Martin Rees; Unsere letzte Stunde - bk1706; C. Bertelsmann Verlag; 2003; Gebundene Ausgabe; Wie Neu!!!; Deutsch

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Über die Autorin bzw. den Autor

Sir Martin Rees, geboren 1942, gilt als einer der weltweit führenden Astronomen. Der Autor von über 500 Forschungsarbeiten wurde mit zahlreichen Preisen und Ehrentiteln ausgezeichnet. Königin Elisabeth II. hat ihn geadelt und zum Königlichen Hofastronomen ernannt.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1. Prolog

Das 20. Jahrhundert brachte uns die Atombombe, und diese nukleare Bedrohung wird uns nicht wieder verlassen; die kurzfristige Bedrohung durch den Terrorismus nimmt in der allgemeinen und politischen Wahrnehmung einen hohen Rang ein; die Ungleichheit an Besitz und Wohlstand wird immer größer; die Umweltgefährdung ist allgegenwärtig. Ich will zu der wachsenden Literatur über diese herausfordernden Themen nicht noch beitragen, sondern mich vorrangig mit Bedrohungen des 21. Jahrhunderts befassen, die im Allgemeinen weniger bekannt sind, die aber die Menschheit und die globale Umwelt noch stärker gefährden könnten.
Einige dieser neuen Gefahren lauern bereits in unmittelbarer Nähe, andere sind noch bloße Vermutung. »Künstliche« todbringende Viren, vom Flugzeug aus verbreitet, könnten ganze Bevölkerungen ausrotten; neue Techniken könnten das menschliche Wesen weit zielgerichteter und wirksamer verändern als die Medikamente und Drogen, die wir heute kennen; eines Tages könnten sogar bösartige Nanomaschinen, die sich katastrophal vermehren, oder superintelligente Computer uns gefährden.
Andere neuartige Risiken sind nicht gänzlich auszuschließen. Experimente, bei denen Atome mit ungeheurer Wucht aufeinander prallen, könnten eine Kettenreaktion auslösen, die alles auf Erden zerfrisst; die Experimente könnten sogar den Raum als solchen zerreißen ein »Jüngstes Gericht«, dessen Fallout sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitet und das ganze Universum verschlingt. Die letztgenannten Szenarien mögen überaus unwahrscheinlich sein, doch werfen sie in extremer Weise die Frage auf, wer in welcher Form darüber entscheiden sollte, ob Experimente fortgesetzt werden, die zwar einen genuin wissenschaftlichen Zweck verfolgen (und einen denkbaren praktischen Nutzen haben), aber ein ganz geringes Risiko eines vollkommen verheerenden Ausgangs darstellen.
Wir leben noch immer wie alle unsere Vorfahren unter der Bedrohung durch Katastrophen, die weltweit Zerstörung nach sich ziehen könnten seien es vulkanische Supereruptionen oder Einschläge großer Asteroiden. Naturkatastrophen derart globalen Ausmaßes sind glücklicherweise so selten, und ihr Eintreten zu unseren Lebzeiten ist deshalb derart unwahrscheinlich, dass wir uns über sie keine Gedanken machen und die meisten von uns sich nicht von ihnen den Schlaf rauben lassen. Zu solchen Katastrophen kommen nun aber andere Umweltrisiken hinzu, die wir selbst heraufbeschwören und die sich nicht als so utopisch abtun lassen.
Während des Kalten Krieges bestand die größte Gefahr, die über uns schwebte, in einem totalen thermonuklearen Schlagabtausch, ausgelöst durch eine eskalierende Konfrontation der Supermächte. Diese Gefahr wurde offensichtlich abgewendet. Viele Experten und sogar einige derer, die in dieser Zeit selbst Politik gemacht haben, vertreten jedoch die Ansicht, dass wir noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen sind; einige meinen, dass das kumulierte Risiko eines Weltkriegs über die gesamte Zeit nicht weniger als fünfzig Prozent betrug. Die unmittelbare Gefahr eines weltweiten Atomkriegs hat sich verringert. Es greift aber zunehmend die Gefahr um sich, dass früher oder später irgendwo in der Welt Atomwaffen eingesetzt werden.
Atomwaffen lassen sich zwar verschrotten, doch ihre Erfindung ist nicht rückgängig zu machen. Die Gefahr besteht latent weiter, und sie könnte im 21. Jahrhundert wieder aufleben: Wir können nicht eine neue Kräftekonstellation ausschließen, die Pattsituationen nach sich zieht, die ebenso gefährlich sind wie die Rivalität des Kalten Krieges und sogar größere Arsenale ins Spiel bringen. Und auch eine Bedrohung, die während der letzten Jahre an Bedeutung verloren zu haben scheint, wird größer, wenn sie sich jahrzehntelang hält. Die nukleare Bedrohung wird jedoch überschattet werden von anderen Gefahren, die ebenso destruktiv und weit weniger kontrollierbar sein könnten. Es wäre denkbar, dass sie nicht in erster Linie von Regierungen ausgehen, nicht einmal von »Schurkenstaaten«, sondern von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen, die Zugang zu immer fortgeschrittenerer Technologie haben. Das Spektrum der Möglichkeiten Einzelner, Katastrophen auszulösen, ist beunruhigend vielfältig.
Die Strategen des Atomzeitalters formulierten eine Doktrin der Abschreckung durch »gesicherte gegenseitige Zerstörung« [englisch »mutually assured destruction« mit dem einmalig passenden Akronym MAD »verrückt«]. Um dieses Konzept zu verdeutlichen, ersannen real existierende Dr. Seltsams1 eine hypothetische »Weltuntergangsmaschine«, ein ultimatives Abschreckungsmittel, das zu schrecklich war, um von einem hundertprozentig rationalen Politiker entfesselt zu werden.2 Es ist durchaus vorstellbar, dass es Wissenschaftlern im Laufe dieses Jahrhunderts gelingt, eine echte nichtatomare Weltuntergangsmaschine zu schaffen. Dann würden gewöhnliche Bürger über jene Zerstörungsfähigkeit verfügen, welche im 20. Jahrhundert das Schrecken erregende Vorrecht einer Hand voll Menschen war, die in Staaten mit Atomwaffen die Macht innehatten. Gäbe es Millionen von unabhängigen Fingern am Auslöseknopf einer Weltuntergangsmaschine, so könnte der irrationale Akt, ja sogar der Irrtum einer einzigen Person uns alle zugrunde richten.
Eine derart extreme Situation ist vielleicht so instabil, dass sie nie eintreten kann, genauso wie es unmöglich ist, ein sehr großes Kartenhaus zu errichten, obwohl es theoretisch machbar ist. Lange bevor sich Individuen eines »Weltuntergangs«potenzials bemächtigen können, werden einige vielleicht schon in den nächsten zehn Jahren die Möglichkeit erhalten, zu unvorhersehbaren Zeiten Ereignisse in der Größenordnung der schlimmsten heutigen Terrorverbrechen auszulösen. Ein organisiertes Netzwerk vom Schlage der Al-Qaida-Terroristen ist dazu nicht erforderlich; es genügt ein Fanatiker oder ein gesellschaftlicher Außenseiter mit der Einstellung derer, die heute mit Computerviren die Welt verseuchen. Menschen mit solchen Neigungen gibt es in allen Ländern, und natürlich ist ihre Anzahl noch gering, doch die Bio- und Cybertechnologien werden eine solche Wirkung entfalten, dass schon ein Irrer zu viel sein könnte.
Es ist denkbar, dass Gesellschaften und Länder bis zur Jahrhundertmitte einen drastischen Wandel vollzogen haben werden, dass die Menschen ganz anders leben als heute, ein weit höheres Alter erreichen und sich in ihren Einstellungen (vielleicht durch Medikamente, Chip-Implantate und dergleichen) von der heutigen Bevölkerung der Erde unterscheiden. Eines wird sich aber kaum ändern: Menschen werden auch künftig Fehler machen, und die Gefahr ist nicht auszuschließen, dass verbitterte Einzelgänger oder Dissidentengruppen sich zu bösartigen Aktionen hinreißen lassen. Hoch entwickelte Technologie wird neue Möglichkeiten bieten, Terror und Zerstörung zu säen, und die gesellschaftlichen Auswirkungen werden sich durch die blitzschnelle weltweite Kommunikation verstärken. Noch beunruhigender ist, dass durch bloße technische Missgeschicke Katastrophen entstehen könnten. Unfälle gewaltigen Ausmaßes (etwa die unbeabsichtigte Erzeugung oder Freisetzung eines sich rasch ausbreitenden Krankheitserregers oder ein verheerender Softwarefehler) können sich selbst in wohl geordneten Institutionen ereignen. Wenn die Gefahren schwerwiegender und die potenziellen Täter zahlreicher werden, kann es zu einer so umfassenden Zerrüttung kommen, dass die Gesellschaft insgesamt verfällt und regrediert. Längerfristig besteht das Risiko einer globalen Verwüstung, der sogar die Menschheit zum Opfer fallen könnte.
Die Wissenschaft geht entschieden nicht, wie manche behauptet haben, ihrem Ende entgegen; sie drängt vielmehr mit sich steigerndem Tempo vorwärts. Wir haben noch immer keine Klarheit, was die fundamentale Natur der physikalischen Realität und die Komplexitäten des Lebens, des Gehirns und des Kosmos betrifft. Neue Entdeckungen, die zur Erhellung dieser Rätsel beitragen, werden vorteilhafte...

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ISBN 10:  3442153190 ISBN 13:  9783442153190
Verlag: Goldmann Verlag, 2005
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