Roula Rouge: Roman - Hardcover

Nolte, Mathias

 
9783552060531: Roula Rouge: Roman

Inhaltsangabe

Jonathan Schotter hat seine Frau Susanne an einen argentinischen "Dichter und Polospieler" und seinen Job in einer Münchner Werbeagentur, in der er früher ein großer Star war, an einen wesentlich jüngeren Kollegen verloren. Er landet in Berlin und streift als distanzierter Beobachter durch die Stadt; vom Leben erwartet er nicht mehr allzu viel. Da trifft er in der
S-Bahn eine junge Frau, die ihn fasziniert. Als sie ihren Laptop im Zug vergisst, nimmt Jonathan diesen mit nach Hause. Um die Unbekannte kennenzulernen, recherchiert er wie ein Besessener, knackt Codes, liest die E-Mails der geheimnisvollen Frau, die sich "Roula Rouge" nennt. Und dann schafft er es, ein scheinbar zufälliges Treffen zu arrangieren ...

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Über die Autorin bzw. den Autor

Mathias Nolte, geboren 1952 in Reinbek, arbeitete nach einer Lehre als Verlagsbuchhändler als Journalist und lebt heute als freier Autor in Berlin und München. Mit seinem 2007 bei Deuticke erschienenen Roman Roula Rouge war er auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. 2009 ist der Roman Louise im blauweiß gestreiften Leibchen bei Deuticke erschienen, 2013 erscheint sein Roman Miss Bohemia.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Drei

In der Bahn saßen mir zwei Mädchen gegenüber. Sie sprachen von einem Wessi.
»So ein Lackaffe!«, erregte sich eines der Mädchen. »Was bildet der sich
ein? Und wieso lässt du dir das gefallen, Mette? Ich würde den Scheißkerl
fertig machen.«
»Lackaffe«, wiederholte das andere Mädchen und kicherte. »Das Wort hab ich
noch nie gehört.«
»Parfümierte Lackaffen nennt meine Großmutter diese Typen immer.«
Ich war dabei das Netz der Berliner Verkehrsbetriebe im Stadtplan zu
studieren und sah flüchtig auf. Eines der Mädchen trug ein giftgrünes
T-Shirt, auf dem in rosa Schrift Fuck Berlin! leuchtete. Die Freundin tat
so, als herrsche noch tiefster Winter. Sie trug eine schwarze
Persianer-Jacke und eine tief in die Stirn gezogene rosa Pudelmütze ohne
Pudel.
Der Zug verließ die Station Hackescher Markt.
»Genau so ein Arschloch ist mein Vater auch geworden«, sagte Fuck Berlin.
»Ich hab bis heute nicht verstanden, warum du nie versucht hast, ihn zu
finden«, antwortete die Persianerin. Auf der Spitze ihrer Zunge blitzte ein
Piercing auf. »Ich hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt.«
Fuck Berlin sah aus dem Fenster und schwieg.
Ich kam mir in meinen Sechshundert-Euro-Schuhen und mit meiner
Hermès-Krawatte voller kleiner Elefanten plötzlich ganz furchtbar vor und
hoffte, dass das Vetiver, das ich mir am Morgen auf meine Brustnarbe
gesprüht hatte, verflogen war.
»Du musst doch neugierig sein?«, sagte die Persianerin. »Wenn ich mir
vorstelle, es wäre mein Vater gewesen – undenkbar … Das ist
doch vollkommen verrückt: Mein Vater macht an meinem fünften Geburtstag
rüber und neunzehn Jahre soll es keine Spur von ihm geben. Das kann doch
nicht sein.«
Die Persianerin knuffte einen Ellenbogen in Fuck Berlins Rippen. »Ich weiß,
dass du nicht über ihn reden willst – trotzdem will ich wissen, warum
du nie versucht hast, ihn zu finden?«
Der Zug fuhr in den Bahnhof Friedrichstraße ein.
»Wer sagt dir, dass ich nie versucht habe, ihn zu finden? Scheißkerl«,
sagte Fuck Berlin.
Und dann: »Scheiße! Mensch, wir müssen raus …«
Die beiden Mädchen sprangen auf und rannten zur Tür. Die
Bahnsteig-Lautsprecher forderten zum Zurücktreten auf. Fuck Berlin stand
schon auf dem Bahnsteig, als die Persianerin eine Tür ins Kreuz bekam.
Ich verrenkte mir den Hals, um die beiden aus dem Fenster zu beobachten.
Die Persianerin hielt sich an ihrer Freundin fest. Ihr Gesicht war
schmerzverzerrt. Da riss sich Fuck Berlin plötzlich von der Persianerin los
und stürmte auf mich zu. Sie schlug zuerst mit einer flachen Hand gegen das
Fenster, hinter dem ich saß. Dann mit beiden Händen. Auf ihrem Gesicht
hatte sich Panik breit gemacht, sie schrie irgendetwas, ich konnte sie
nicht verstehen. Der Zug fuhr an. Fuck Berlin lief neben mir her, erst
langsam, dann immer schneller. Wild gestikulierend deutete sie immer wieder
mit dem Zeigefinger auf mich. Sie schien total verzweifelt. Mit der
Entfernung verloren wir uns aus den Augen. Ich war allein und ratlos. Und
dann fiel mein Blick auf den Platz, auf dem sie gesessen hatte. Und dort
lag er, ganz in die Ecke des Sitzes gedrückt: ein schwarzer Rucksack, kaum
größer als eine Aktentasche.
Ich nahm ihn an mich und legte meine Arme um ihn.
Der Zug fuhr im Lehrter Bahnhof ein. Ich überlegte kurz, ob ich aussteigen
und dort auf das Mädchen warten sollte.
Und wenn es zu verwirrt war, die nächste Bahn zu nehmen?
Ich fuhr weiter, vorbei am Reichstag, in dessen Kuppel Menschen wie Ameisen
herumliefen, vorbei am Kanzleramt mit der Skulptur von Chillida, vorbei an
der Schweizer Botschaft, auf der die Fahne des Landes wehte.
Eine so große Fahne für ein so kleines Land, dachte ich.
Auch an der Station Bellevue stieg ich nicht aus. Ich betrachtete den
Rucksack und entdeckte einen Aufkleber. Unabhängige Republik Usedom. Ich
tastete den Rucksack ab und hatte eine Ahnung. Ich öffnete den Rucksack und
schloss ihn gleich wieder, als hätte ich in ihm eine Million Euro in
kleinen Scheinen entdeckt. Ich hörte mein Herz, der Stier stürmte los.
Im Rucksack lag ein Laptop, genauer gesagt ein iBook der Computerfirma
Apple Macintosh. Apple-Benutzer liebten ihre Computer mehr als ihre Partner
aus Fleisch und Blut. Das war bekannt. Sie vertrauten dem Rechner ihr Leben
an. Sie suchten in ihm Trost, weinten sich vor seiner Screen aus. Ich
konnte ein Lied davon singen. Bevor Susanne von Lilienthal begann, mich zu
hassen, hasste sie meinen Mac. Mein Mac und ich, wir waren seit 1985 ein
Paar. Ich erinnerte mich noch genau an den Tag – ich war damals
junger Texter in einer Zürcher Werbeagentur –, als mein Boss in die
Morgen-Konferenz kam und verkündete: »Unsere Zukunft heißt Apple, Freunde!«
Und dann erklärte der System-Manager der Firma die Vorteile des Mac. Alle
hassten ihn dafür, weil ein neuer Computer und ein neues Computer-System
Lernen bedeutete. Drei Monate später waren wir alle Afficionados. Und die
Buchstaben WYSIWYG hallten wie ein Heil bringender Schlachtruf durch die
Großräume der Agentur.
Wenn einer wusste, wie Fuck Berlin fühlte, als sie verlassen, ohne ihren
Rucksack über der Schulter am Gleis zwei des Bahnhofs Friedrichstraße der
S5 nachstarrte, dann war ich es. Ich zweifelte keine Sekunde, sie war in
jenem Moment der unglücklichste Mensch auf der Welt.
Der Zug fuhr im Bahnhof Zoo ein. Ich steckte den Stadtplan in das
Stalinallee-Buch und das Stalinallee-Buch in die Seitentasche meines Anzugs
und hoffte, dass er nicht zu sehr ausbeulte. Mit dem Rucksack über der
Schulter verließ ich den Zug. Ich wusste, dass sie nicht da sein konnten,
aber ich sah mich auf dem Bahnsteig in alle Richtungen um und hielt
Ausschau nach Fuck Berlin und der Persianerin. In der Bahnhofshalle suchte
ich nach dem Fundbüro. Ein Polizist wies mir den Weg. Dort saß eine alte
Jungfer an einem langen Tisch und las die BZ, auf dem Tisch lagen zwei
abgegriffene Leitz-Ordner.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie, ohne sich von der Zeitung
abzuwenden.
Ich antwortete nicht.
»Entweder Sie haben was verloren, oder Sie haben was gefunden. Oder Sie
sind hier falsch.« Der Blick der alten Jungfer löste sich noch immer nicht
von der Zeitung.
»Ich bin falsch hier«, sagte ich.
Erst jetzt drehte sie sich zu mir um und lächelte. »Sehen Sie, so schnell
werden bei uns die Probleme gelöst.«
Mit dem Rucksack über der Schulter verließ ich den Bahnhof. Es war
inzwischen halb sieben, mein Ausflug in den Osten der Stadt hatte über drei
Stunden gedauert. Im Nachhinein kam mir die Zeit wie zehn Minuten vor. Ich
überlegte, ob ich in meine Pension gehen sollte, um herauszufinden, wem das
iBook gehörte. Ich war mir sicher, ich würde innerhalb von Sekunden Namen,
Adresse und Telefonnummer der Eigentümerin entdecken, sobald ich den Mac
auch nur einen Spalt öffnete. Doch irgendetwas hielt mich davon ab.
Fuck Berlin tat mir leid, und ich fühlte mich ein wenig schäbig. Aber ich
konnte nicht anders.
Vom Bahnhof Zoo ging ich bis zu Beate Uhse, bog dort in die Kantstraße ein
und befand mich wieder auf einigermaßen vertrautem Terrain. Ich lief die
Kant hinunter bis zur Schlüter, bog links in die Schlüter ein, bis ich
wieder auf dem Kudamm war. Während des ganzen Weges schämte ich mich. Immer
wieder stellte ich mir die Frage, wie ich mich an Stelle des Mädchens
fühlen würde. Die Vorstellung, ein Fremder hätte freien Zugriff auf meine
Festplatte …
Das Treiben auf der Straße lenkte mich eine Zeit lang von meiner Beute ab.
Der Kurfürstendamm hatte sich in den letzten Jahren verändert. Saftige
Umsätze schienen nur noch die Kosovo-Albaner mit ihrem Hütchenspiel zu...

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Verlag: Knaur TB, 2009
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