Künstler will er werden, nichts anderes. Deshalb reißt der Erzähler an seinem 14. Geburtstag aus der verhassten Klosterschule aus, trampt nach Wien und wird an der Akademie der bildenden Künste vorstellig. Direkt, packend, hintergründig-komisch, so erzählt Hans-Georg Behr in seiner Autobiographie ein Stück verrückt-phantastischer Zeitgeschichte. Sie beginnt, wo Behrs hochgelobte "Fast eine Kindheit" (2002) endete, nämlich Anfang der fünfziger Jahre, als der einstmalige "Stottertrottel" vom Rektor der Akademie höchstselbst eine Kammer als Bleibe zugewiesen bekommt. Und sie endet, als das Landgut des wunderbar kakanischen Großvaters abbrennt: Dazwischen erfahren wir von einer unsentimentalen Reise zu Hermann Hesse ins Tessin und einem Volontariat bei Bert Brecht am Berliner Ensemble, von den Umtrieben im legendären Café Hawelka in Wien, einem einjährigen Orient-Trip und dem Beginn einer neuen Ära in London, die im Zeichen von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll steht.
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Hans-Georg Behr ist 1937 in Wien geboren. Er studierte Medizin, klinische Psychologie und Linguistik und schrieb für die Zeit, den Stern, das Kursbuch und für TransAtlantik. Bücher (u.a.): Söhne der Wüste (1975), Die Moguln (1979), Weltmacht Droge (1980), Von Hanf ist die Rede (1982), Unsere Unterwelten (1983), Fast eine Kindheit (2002) und Fast ein Nomade (2009). Er starb am 7. Juli 2010 in Hamburg.
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Wahrscheinlich war es seine ausgeprägteste Eigenart,immer davon fortzuwollen, wo er gerade war. Das galt in seinem Land als üble Eigenschaft, da man dort patriotisch und phäakisch glücklich sein musste und vor allem stolz darauf, dort zu sein. Er aber hielt das für natürlich und normal, sobald er auch nur lose an einen Ort gebunden war, egal, ob diese Bindung angenehm oder unangenehm war. Natürlich gab es als grundlegendes Sehfutter Leute, die sich erst gebunden wohl fühlten oder sich nach Bindungen sehnten, vermutlich, um nicht davonzufliegen, darwinistische Herdentiere, zusätzlich beschäftigt mit der Erfindung von Regeln, wie alles sein solle, damit man der Natur die Krone aufquetschen könne. Die verachtete er, denn er war noch sehr jung und fand derlei kindisch. Selbst kleinste Rudel waren ihm suspekt. Er hatte ja die immergleiche Geschichte schon oft genug gesehen, wie zwei sich begegneten, miteinander gingen, so lange, bis sie in die Kirche gehen mussten und/oder zum Standesamt, das war damals noch strittig, und er hatte gesehen, was aus ihnen dann wurde, weshalb er sich vornahm, nie in diese Falle zu tappen. Wie langweilig und sesshaft waren diese eben noch Wilden geworden! Und wie sie mit ihren Kindern herum kasperlten, genau so, wie man und sicherlich auch sie es schon als Kind nie leiden konnten. Es war ein Urschock des Nichtlernens und Nichtbegreifens, von dem alte Leute sag-ten, es sei der ewige Kreislauf des Lebens. Das sollte ihm nie widerfahren, nie, und er achtete misstrauisch auf eventuelle Obstaculi in sich selbst. Er hatte sich feierlich vorgenommen, immer frei und unabhängig zu sein, schlank und reichlich bedürfnislos zu bleiben, natürlich auch schnell, beweglich und vorsichtig, ein nicht zu gefährliches Raubtier in freier Steppe, und war also samt dem üblichen granum salis ein ganz gewöhnlicher Jugendlicher, was er ganz anders sah.
Er hatte Glück gehabt und dachte daher, auch in Zukunft darauf Anspruch zu haben. Es war alles gut gegangen, natürlich erst nach fürchterlichen Verwicklungen, die in Wien Wickel hießen, und wie das Wort andeutete, konnte man sie ja auch leichter nehmen, als sich das gehörte. Er war sein Leben lang gewohnt, ihnen möglichst zu entgehen, und wenn das nicht ging, sich zu ducken wie ein Hase in der Ackerfurche, wenn die Jagdzeit kommt. Als er das einmal gesagt hatte, war er ausgelacht worden, doch er hatte selbst gesehen, als er noch Kind war: Die Jäger hatten mit großem Getöse auf alles geschossen, was sich bewegte. Als sie dann die Gewehre wieder geschultert hatten, sprang etwa zwanzig Meter vor ihnen ein Hase auf und rannte so schnell davon, dass ihm auch die Hunde nur nachgucken konnten. »Der ist gescheit«, sagte ein Jäger, »der soll davonkommen.«
Nicht immer klappte das, und das war dann zum Verzweifeln, denn über dieses Ziel hinaus dachte er nie. Er nahm sich das zwar immer vor, wenn er gerade wieder an seiner gedanklichen Kurzsichtigkeit litt; sobald die Sache aber gut ausging, vergaß er das sehr schnell und dankte der Glücksgöttin, die so wunderbar über einem waltete, mit einem innigen: »Das ist ja gerade noch gut gegangen.«
Begonnen hatte dieses Leben mit einem schon lange durchdachten, sorgfältig zurechtgeschliffenen Plan. Dessen Anlass war so scheußlich und finster, dass er sich vorgenommen hatte, nie darüber zu reden, und das helle Ziel war, Künstler zu werden, da man gehört hatte, ein anderer Vierzehnjähriger sei auch Künstler geworden. Mit dem vor Augen lebte er ziemlich lange, und am Nachmittag seines vierzehnten Geburtstags verließ er unter ihm später lächerlich erscheinenden Umständen die verhasste Klosterschule. Gleich unterhalb ihres Felsens führte die Bundesstraße nach Wien. Dort stand er unendlich lange an der Tankstelle, die in Erwartung besserer Zeiten Baustelle eines Rasthauses war, und fürchtete irgendwelche Häscher. Nach nicht ganz zehn Minuten, das bestätigten seine und die elektrische Uhr der Tankstelle, nahm ihn ein Lastwagen mit, der irgendwas auf den Wiener Naschmarkt liefern musste. Die Kontrollen der Identitätskarten waren damals schon lasch, wahrscheinlich hielten die Vertreter der Besatzungsmächte den Jungen für den Sohn des Fahrers, und man sagte auch nichts, weil man in der Schule immer »Stottertrottel« geheißen hatte. Gleich um die Ecke des Naschmarkts war die Akademie der bildenden Künste, das wusste er, stapfte die Treppe zwischen den einschüchternden Flügelrössern hoch – dass sie Pegasus hießen, wusste er schon lange, doch pe?as?? wagte er nicht zu denken –, und dann war alles aus.
Er kannte die Halle, hatte schon in sie hineingeschaut, als er einmal, schon mit seinen Plänen, in Wien war, doch nun war sie ganz anders, nicht für ihn gebaut, eine Geisterbahn ohne erkennbare Gespenster, also wirklich unheimlich. Er setzte sich auf die Basis einer Säule, klammerte sich an die Reisetasche auf seinen Knien und harrte der Zukunft. Viele schon sehr viel ältere Jungen und einige Mädchen gingen an ihm vorbei, und als der Portier, von dem man wusste, dass er Pedell hieß, schon ziemlich oft aus seinem Eichengehäuse nach einem guckte, setzte man sich so, dass man ihn nicht sehen konnte. Das war alles, einen fürchterlichen Spätnachmittag lang, und man starrte in ein Nichts. Das Schlimmste war: Man konnte nicht mehr zurück. Nicht nach Hause, denn Mutter würde einen wieder in die Klosterschule schicken, doch die würde einen nicht mehr nehmen. Man war am Ende und machte sich bittere Vorwürfe, dass man nicht weiter gedacht hatte. Zum Heulen war ihm nicht, und das nicht, weil man es ihm aberzogen hatte, sondern weil da nur ein unendliches Grau war, eben ein Nichts, und das verschlang nicht nur das eigene Denken, sondern allmählich auch, was drumherum war.
Er erschrak über den Studenten, den er, schon halbdösig, nicht gesehen hatte, und der mit einem sprach. Ob er jemanden suche, ob er etwas für einen tun könne, denn die Akademie würde bald schließen. Er sah so wild aus, wie man sich Künstler schon immer vorgestellt hatte, weshalb man auch versuchte, ihm alles zu erklären, und er gab einem ein belegtes Brot, das ihm die Mutter am Morgen mitgegeben hatte. Das war gut, denn man hatte sich zwar auch zwei Brote mitgenommen, doch die waren schon gegessen. Während man das Schmalzbrot mit Knackwurst aß, ging der junge Künstler zum Eichenglaskasten und sprach mit dem Pedell. Der kam dann heraus, sperrte seinen Kasten bedeutend ab und kam her, während der Künstler immer noch mit ihm redete. Er sah einen lange an, und nachdem er fünf Schilling genommen hatte, sagte er »Na ja, na ja«, und dann ging man über lange Flure und eine Treppe in den Keller. Dort war neben dem Heizungskeller ein kleiner Raum mit einer Pritsche, und der Pedell sagte, das müsse reichen. Er zeigte den Lichtschalter und sagte, wenn man müsse, solle man es bald, denn in der Nacht sei alles versperrt. Der Künstler sagte, er werde noch einige Matratzen holen, und dann war man alleine. Durch das Fenster sah man den frühen Maiabend, doch das Glas war schmutzig, undurchsichtig, und vergittert war es auch. Überall war alter Staub wie auf einem Dachboden, obwohl der Keller Souterrain hieß. Dann kam der Künstler wieder mit ein paar Matratzen und Decken. Die habe er aus der Bildhauerklasse geholt, sagte er, und eine Taschenlampe hatte man auch dabei. Sie war ein so genanntes Schnauferl mit einem Hebel, den man immer drücken musste, um Licht zu bekommen, und das war so, wie man drückte, also wenig und flackernd. Dafür brauchte man keine Batterie, und das war gut. Das Wichtigste aber war der Schlüssel. Er steckte eine Tür weiter, und damit konnte man nicht nur seine Tür absperren, sondern auch andere auf, und damit kam man zu einem Einfahrtstor, das man öffnen konnte, wenn man den Fußriegel hoch und dann vorsichtig am Tor zog. Das erzählte einem der Künstler. Natürlich wusste man, dass man da sehr aufpassen müsse, und den Schlüssel solle man einstecken, damit ihn der Pedell nicht wegnehmen könne....
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Gebundene Ausgabe. Zustand: Sehr gut. 208 Seiten; Ungelesen. Einband etwas berieben bzw. angestoßen. Am Schnitt als Mängelexemplar gekennzeichnet. Rechnung mit ausgew. MwSt. amalia_belle_b_19/6/1 9783552053922 . Bei Mehrfachbestellungen bei uns, reduziert sich für Sie der Versandkostenanteil pro Titel. Sprache: Deutsch Gewicht in Gramm: 332. Artikel-Nr. 12946
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