Iris hat es geschafft. Mit kulinarischen Kreationen bereichert ihr Catering-Service die High-Society der Großstadt. Doch während ihr die Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur aus der Hand frisst, verliert Robert, Iris' Ehemann, zusehends den Boden unter den Füßen. Als ihr während einer Party die Nachricht von Roberts Tod überbracht wird, beginnt sie die genaueren Umstände zu recherchieren. Rasch stellt sich heraus, dass Robert seit einiger Zeit ein Doppelleben geführt hat.
In seinem lange erwarteten neuen Roman zeigt uns der in Berlin lebende österreichische Schriftsteller Peter Truschner ein Paar in zwei Lebenswelten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Peter Truschner wurde 1967 in Klagenfurt geboren, studierte Kommunikationswissenschaften und Philosophie in Salzburg und lebt heute in Berlin. 2001 erschien bei Zsolnay sein vielbeachteter Debütroman Schlangenkind. Es folgte der Roman Die Träumer (2007) und 2013 der Roman Das fünfunddreißigste Jahr.
Eins
Die Menschen wurden nicht zu Ameisen, auch wenn der Forscherblick aus fünfzehn Metern Höhe Iris kurz das Gefühl gab, daß sie in Wahrheit kein Bankett veranstaltete, sondern ein zoologisches Experiment. Es schien, als vergrößerte der Schliff des Glases den Sehwinkel: Die Kuppel des Museums wirkte ein wenig wie eine Lupe. Iris suchte die Gesichter von Bekannten zu entdecken, stellte jedoch fest, daß ihr die Gesichter immer unbekannter wurden. Kurz fürchtete sie, der Anblick könnte ihre Freude über den Empfang mindern. Ihre Sorge war jedoch unbegründet. Die Zufriedenheit mit sich selbst und der geleisteten Arbeit umgab sie wie ein Kokon, an dem alles abprallte, was ihren Erfolg hätte relativieren können. Der Wind fegte über das Dach. Er milderte die dumpfe Hitze nicht, im Gegenteil, er fügte ihr eine neue Qualität hinzu - etwas Schneidendes, das denjenigen, der von den Temperaturen der letzten Tage erschöpft war, endgültig mürbe machte. Der Wind hatte die Stadt das ganze Jahr über fest im Griff. Im Herbst und Winter trieb er die einzelnen Wolkenfelder am Himmel zu einer großen Herde zusammen und zwängte sie in einen Pferch, dessen Größe ziemlich genau dem Stadtgebiet und seinen Vororten entsprach. Es hätte niemanden überrascht, wenn zu dieser Jahreszeit in jeder tagdunklen Miets- und Eigentumswohnung ein von der Stadtverwaltung propagierter und bezuschußter Lichtkult zelebriert worden wäre, den die Landeskirchen selbstverständlich angeprangert hätten - obwohl die graue Leere des winterlichen Firmaments auch innerhalb der Kirchen zum Alltag geworden war, der keine Jahreszeiten kannte. Der Winter, der nur selten so streng ausfiel, daß sowohl der Fluß als auch Wasserleitungen zufroren, wurde prinzipiell als hart empfunden, weil der Wind die gefühlten Temperaturen niedriger ausfallen ließ als diejenigen, die das Barometer anzeigte. Man wehrte sich gegen die Kälte wie gegen einen Verehrer, der einem an Mantel und Rollkragenpullover vorbei schnurstracks an die Wäsche ging. Im Sommer wirbelte der Wind den Radfahrern und Straßencafébesuchern den für die Gegend typischen Sand in die Augen, sodaß man im August einen Vorgeschmack darauf bekam, wie es sein würde, wenn wenige Wochen später wieder die kälteren Jahreszeiten Einzug hielten. Der Wind blies Iris ins Gesicht. Er drohte das, wofür der Friseur zwei Stunden gebraucht hatte, in wenigen Augenblicken zunichte zu machen. Sie ging ein paar Schritte zur Seite und wurde von einer Bö erfaßt. Es kam ihr so vor, als wollte der Wind sie packen, sein Zugriff war herrisch und rauh. Roberts Hände waren vor wenigen Tagen ebenso rauh gewesen, rauher noch, da der Schrecken, der ihr in die Glieder fuhr, als er sie berührte, das Gefühl auf ihrer Haut verstärkte. Sie hatte gerade eine Dusche genommen, als er, ohne daß sie es gehört hatte, nach Hause gekommen war. Im letzten Augenblick, bevor er sie, wie er es gerne tat, erschrecken konnte, nahm sie eine flüchtige Bewegung wahr, sodaß sie wußte, daß es sich um niemand anders handeln konnte als um ihren Mann. Als Robert ihr von hinten seine Hände auf die nackten Schultern legte, schrie sie nicht auf, wie sie es sonst tat. Sie wußte, daß er auf diesen Schrei wartete und ein wenig enttäuscht war, als er ausblieb. Dennoch war etwas anders als sonst: Roberts Hände - es waren die Hände eines Mannes, der körperliche Arbeit verrichtete, der Holz hackte, Getreidesäcke schleppte oder Kartoffeln aus der Ackerfurche aufsammelte, Hände, mit denen sie seit ihrer Kindheit nicht mehr in Berührung gekommen war. Der Mann, der gewiß ihr Mann war und doch gleichsam über Nacht zu einem anderen geworden war, löste das Handtuch, das sie sich um die Hüften gewickelt hatte, ließ es zu Boden fallen und preßte sanft seinen bekleideten Körper gegen ihre Nacktheit. Die Masse, der Druck, die Wärme, die Spannung - die Physik dieser Umarmung sprach eine deutliche Sprache. Sie wandte sich nicht um - Robert drehte sie zu sich her. Es schien ihm ein Bedürfnis zu sein, daß sie ihn so sah, wie er war - gleichgültig, ob sie es guthieß oder nicht. Natürlich war er kein anderer geworden, nur weil seine Hände von ungewohnter körperlicher Arbeit Schwielen hatten; weil seine Fingernägel dreckig waren; weil er dunkle Ränder unter den Augen hatte und überhaupt abgearbeitet aussah - auch wenn dies alles in seinem Fall nicht unbedingt das Werk einer Woche oder gar eines Monats war, sondern wahrscheinlich nur eines einzigen Tages. Es war etwas Geducktes an ihm, das ihm in jenem Augenblick den Status eines Unbekannten verlieh. Er hatte einen fast gemeinen Gestank an sich. Er stand nicht wie sonst gerade da - neugieriger und doch in sich gekehrter Blick, markantes Kinn, hohe Stirn -, sondern hing wie an einem Kleiderbügel in der Luft. Er würdigte sie nicht eines Blicks, sondern vieler kleiner, ein Kartenspieler, der wahrscheinlich nur ein bescheidenes Blatt in Händen hielt, sich aber dennoch am Ausspielen erfreute. Iris hätte ihn gerne gefragt, wo er gewesen war. Was er gemacht hatte. Sie hatte den ganzen Tag über vergebens versucht, ihn am Handy zu erreichen, hatte ihm zwei E-Mails geschickt, die unbeantwortet geblieben waren. Ihn in seinem Büro anzurufen war sinnlos, da er fast nie ans Telefon ging, um abseits von Sitzungen und Besprechungen allem institutsinternen Kram aus dem Weg zu gehen; ein Verhalten, mit dem er sich bei den Kollegen rasch unbeliebt gemacht hatte. »Ich lerne gerade die Stadt kennen«, sagte er. Sie fragte nicht nach, was das zu bedeuten hatte. Sie kannte ihn genug, um zu wissen, daß er ihr früher oder später davon erzählen mußte, ob er wollte oder nicht. »So wie du aussiehst, könnte man meinen, es wäre das Land«, antwortete sie.
Iris wußte, wovon sie sprach, sie war auf dem Land aufgewachsen, in einem jener Dörfer, die ein gutes Stück hinter dem grünen Gürtel lagen, der das Antlitz der Stadt wie eine Umrißlinie umgab. Sie wirkte, als wäre sie nachträglich hinzugefügt worden, dabei war es genau umgekehrt. Frauen aus ihrem Bekanntenkreis, die ebenso dem Leben am Land entronnen waren wie sie, träumten nach zwanzig Jahren Großstadt inzwischen davon, zurückzukehren. In ihrer Erinnerung hatte sich das Landleben zu einem Leben in der Natur verklärt. Die Bilder, die sie dabei beschworen, entstammten ausschließlich ihrer frühesten Kindheit, als sie noch auf Mund- und Nasenhöhe mit der Pflanzen- und Tierwelt existierten. In ihnen herrschte ein ausgeprägt saftiges, feuchtes Element vor, das weniger einer Beschreibung der Welt über als einer unter Wasser zu entstammen schien, als wäre das Leben auf dem Land ein Schweben im Fruchtwasser gewesen, während das Leben in der Großstadt der Katastrophe der Geburt gleichkam. Iris' Dorf lag am westlichen Ausläufer einer Ebene, die sich über zwei Staatsgrenzen erstreckte. Wenn der Sommer sich gegen Durchschnittswerte und für Extreme entschied, fuhren die Sonnenstrahlen wie Sensenhiebe ins Land. Das Gras nahm die Farbe von Walnußschalen an, was einen Rückschluß auf die Härte und Unnachgiebigkeit zuließ, mit der die Sonne es traktierte. Der Geruch des Heus, das eingefahren werden mußte, bevor die Felder sich in eine offene Feuerstelle verwandelten, drang bis in Iris' Klassenzimmer. Weizen und Mais wuchsen, als sei das Wachstum eine Schlacht, bei der sie auf heftige Gegenwehr stießen. Der Wasserpegel sank, manche Gewässer trockneten aus. Ihre Großmutter hatte einmal versucht, ihr zu erklären, was ein Herzinfarkt war. Als Iris die im Schlamm um ihr Leben zappelnden Fische sah, verstand sie, was ihre Großmutter damit meinte, wenn sie sagte, daß das Herz sich die Entscheidung nicht leicht machte und in der Brust um sich schlug, bevor es den Körper, den es antrieb, seinem Schicksal überließ. Die zweckgebundene Materie verging ebenso gleichgültig, wie sie sonst gedieh. Der Mensch erwies sich als beflissener Zauberlehrling der Sonne. Sein Zauberstab bestand jedoch nicht aus Lichtteilchen, sondern aus Baustoffen. Der Asphalt der Straßen und der Beton der Tankstellen...
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