Unmittelbar nachdem am 11. September 2001 die beiden Flugzeuge in das World Trade Center geflogen waren, schluckten Präsident Bush und das Personal des Weißen Hauses das Anthrax-Antibiotikum Cipro. Eine Woche nach den Anschlägen tauchten fünf anonyme Briefe mit getrockneten Anthrax-Sporen auf, die fünf Todesopfer forderten. Anthrax und die Anschläge schienen in einem Zusammenhang zu stehen. Den fünf echten Briefen folgten mehrere tausend falsche und der Anschlag erwies sich nicht als »Bioterror«. Philipp Sarasin entfaltet in seinem brillanten und spannenden Essay die verwickelte Geschichte dieser Briefe und zeigt, wie aus den wenigen echten Anthrax-Briefen die Metapher »Anthrax« wird, die auf ähnliche Weise gefährlich und infektiös wirkt – bis hin zum Einmarschbefehl in den Irak.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Philipp Sarasin (47) ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich.
Unmittelbar nachdem am 11.9.2001 die beiden Flugzeuge in das World Trade Center geflogen waren, schluckten die Beamten des Weißen Hauses das Anthrax-Antibiotikum Cipro. Rund einen Monat nach den Anschlägen tauchten insgesamt fünf anonyme Briefe mit getrockneten Anthrax-Sporen auf, die fünf Todesopfer forderten. Die vergifteten Briefe und die Terroranschläge vom 11. September schienen in einem Zusammenhang zu stehen. Den wenigen Anthrax-Briefen folgten weltweit Tausende falsche, ungiftige. Philipp Sarasin entfaltet in seinem brillanten und spannenden Essay die verwickelte Geschichte dieser Briefe und zeigt, wie aus Anthrax-Sporen die Metapher Anthrax wurde, die auf ähnliche Weise gefährlich und infektiös wirkte bis zum Einmarschbefehl in den Irak.
ground zero
Es ist wie ein Kriegsspiel. Der Körper ist wie diese virtuelle Stadt. Der stachelige Eindringling ist ein Virus. Das Virus umgeht geschickt die äußere Verteidigung des Körpers und schleicht sich direkt in den Körper ein. Es hat nur ein Ziel: sich zu vermehren. Diese Sätze stammen aus einem BBC-Dokumentarfilm aus dem Jahr 2000, dessen Titel auf Deutsch Invasion der Mikroben lautet. Der Film zeigt und beschreibt ein fiktives Videospiel, das ein kleine Junge spielt; es besteht darin, dass gefährliche, stachelige Flugobjekte auf die Skyline einer amerikanischen Großstadt zurasen, deren Wolkenkratzer direkt am Meer stehen unzweifelhaft eine Stadt wie New York , Flugobjekte, die der kleine Junge mit seinen helper-T-cell genannten fliegenden Kanonen abzuschießen versucht. Krankheit erscheint hier als eine Invasion gefährlicher Eindringlinge, die zwischen Hochhäusern hindurchfliegen, körpereigene Zellen im Film Autos angreifen und diese lahm legen, um sich in ihnen zu vermehren. Dann verheeren die Mikroben den Körper der Stadt. Wie sehr sich die Bilder gleichen: Aufnahmen der klaffenden Wunde an ground zero nach dem 11. September 2001 scheinen uns eindringlich zu zeigen, wie sehr die Stadt unser verletzlicher Körper ist.
Der Ausdruck klaffende Wunde für die Zerstörungen an der Südspitze Manhattans stammt von jenen drei Journalisten der New York Times, deren Buch Germs am 11. September 2001 auf den Markt kam und die im Vorwort der deutschen Ausgabe Virus. Die tödliche Bedrohung erschreckt einen Zusammenhang zwischen der Wunde in New York und einem möglichen Biowaffen-Angriff herstellten. Die drei Journalisten sind dabei jener kleinen, fast unmerklichen metaphorischen Verschiebung gefolgt, die seit dem späten 19. Jahrhundert in unzähligen Diskursen virulent ist: Die Stadt ist ein Körper strahlend schön, wachsend, vom Verkehr und Menschenströmen wie Blutströmen durchpulst, oder auch wuchernd, degeneriert, krank, ein Ort der Seuche und des Zerfalls. Unter den kulturellen, wissenschaftlichen, politischen und technologischen Bedingungen der Zeit von september eleven schien der Schluss auf der Hand zu liegen: Dieser Terror war eine lebensbedrohende Verletzung des Körpers der Stadt, und ist das nicht in letzter Instanz immer das, was die Autoren von Germs vermuteten: nämlich Bioterror? Da scheinen keine Metaphern im Spiel zu sein: Was gibt es Realeres als Wunden, was kann mehr die Wahrheit bezeugen als eine tiefe Verletzung? Was gibt es Gefährlicheres als unsichtbare Feinde, Mikroben oder Terroristen, die sich wie die space invaders im Videospiel heimtückisch in den Körper einschleichen, um ihn von innen her zu zerstören? Auch im 1997 erschienenen Science-Fiction-Thriller The Cobra Event von Richard Preston, der einen Bioterror-Angriff auf New York schildert, ist die Stadt ein Organismus, der New York hieß zwar von atemberaubender Schönheit, dennoch aber infiziert: Die Zellen waren die Menschen. Die Metropole New York war jetzt Austens Patient. Zwei Zellen im Innern dieses Patienten war auf mysteriöse Weise erloschen vielleicht ein Krankheitszeichen, vielleicht aber auch bedeutungslos. Es war nicht bedeutungslos. Hatte man nicht auch in Washington damit gerechnet, dass die Stadt krank werden und jeder künftige Terror in Bioterror umschlagen könnte? Die drei Journalisten der Times, aufgeschreckt von ihrer Angst, dass die Terroranschläge auf New York und Washington auch von einem biologischen Angriff begleitet seien , erfuhren auf Nachfrage, dass nur Minuten, nachdem die beiden entführten Flugzeuge in das World Trade Center gerast waren, eine Einheit von 22 Soldaten der New Yorker Nationalgarde aus ihrem Stützpunkt [...] an den Unglücksort in New York City beordert wurde. [...] Mit Detektoren wurde die Luft analysiert, um zu sehen, ob die Terroristen tödliche biologische Kampfstoffe freigesetzt hatten. Doch man konnte nichts finden.
Darauf muss man erst kommen: von Flugzeugen, die in Hochhäuser rasen, innerhalb von wenigen Minuten auf mögliche Biowaffen schließen und die Nationalgarde mobilisieren (während die Air Force ihre Abfangjäger am Boden behielt). Ist das nicht eigenartig? Wieso verwandelte das Bild der tieffliegenden Jets, die in den Körper der Stadt eine tiefe, schwarze Wunde rissen, sich ins phantasy-Bild eindringender Mikroben, fast so wie im populärwissenschaftlichen Videospiel? Wieso wurde aus Terror Bioterror ? Doch die Dinge liegen noch komplizierter: Schon im Oktober 2001 tauchten erste Presseberichte auf, dass das Personal des Weißen Hauses und wahrscheinlich auch Präsident Bush selbst vom Morgen des 11. September an das hochpotente Anthrax-Antibiotikum Cipro einnahmen eine Meldung, die das Weiße Haus im Juni 2002 bestätigt hat. Waren am 11. September doch wirkliche Mikroben im Spiel? Fast einen Monat nach den Anschlägen schien sich das zu bestätigen: Anonyme Briefe mit tödlichen, getrockneten Anthrax-Sporen von zum Teil waffenfähiger Qualität, das heißt von weniger als fünf Mikrometer Größe, riefen bei 22 Menschen in den USA Erkrankungen hervor und töteten immerhin fünf davon. Wie selbstverständlich scheinen die Anthrax-Sporen auf den Terror der al-Qaida zu verweisen, und die Wunden, die Anthrax dem Körper zufügt, gerieten in eine metaphorische Nachbarschaft mit jener Wunde , die noch wochenlang an ground zero schwelte. Der Terrorangriff schien allumfassend.
Seit dem 11. September ist die Rede vom Bioterror , die schon zuvor virulent war und in gewissen militärischen und politischen Milieus und in der Science-Fiction-Kultur zirkulierte, zu einer diskursiven hot zone geworden, in der Anthrax in Anthrax mutierte. Das bedeutet zuerst, dass nicht nur fünf Anthrax-Briefe zirkulierten, sondern von Anfang an auch unzählige, zuletzt wohl mehrere Tausend Briefe mit falschem Anthrax bzw. es wurde behauptet, sie seien da und dort aufgetaucht, was meist schon reichte, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Anthrax vermischte sich mit Anthrax , das zu einer Metapher für die Bedrohung der USA, ja des Westens durch die Terroristen wurde. Man könnte vielleicht meinen, Mikroben würden ihre Gefährlichkeit verlieren, wenn sie zu Metaphern mutieren. Während Anthrax tödlich ist, wäre Anthrax nur eine façon de parler, Schall und nicht einmal Rauch. Diese Annahme führt allerdings in die Irre, und ich werde in diesem Essay zeigen, wie gefährlich und hochgradig infektiös Dinge wie Anthrax sind. Metaphern funktionieren im Feld der Sprache wie kontaminierendes Material, das Bedeutungen von einem semantischen Bereich in einen andern überträgt. Das ist kein besonders überraschendes Phänomen, sondern gehört zum Wesen der Sprache. Metaphern sind ein medium of exchange zwischen verschiedenen Diskursen ; sie sind Schnittstellen, die die Wahrnehmung auf eine komplexe Weise strukturieren, weil man mit ihnen, wie Jacques Lacan in unübertrefflich lakonischer Art sagte, peut dire quelque chose en disant autre chose und genau darin liegt die eigentliche Potenz von Sprache. Auch der BBC-Film will etwas sagen und sagt zugleich etwas anderes. In jedem Fall in dem er über Infektionskrankheiten spricht, und indem er von der Stadt als unserem von Eindringlingen bedrohten Körper spricht ist er präzise: Diese Bilder haben offenkundig mit Wirklichkeit zu tun.
Daher muss man diese diskursive hot zone sehr ernst nehmen, diesen Brandherd einer semantischen Infektion, der seit dem 11. September weltweit politische Diskurse kontaminiert. Schon im Thriller The Cobra Event, den zu lesen der Genetiker Craig Venter dem damaligen Präsidenten Bill Clinton dringend und mit Erfolg empfohlen hatte und über den in diesem Essay zu sprechen sein wird, vermischen sich auf eine tückische Weise Realität und Fiktion , die dann im Begriff der klaffenden Wunde und in den Analysen zu den Hintergründen des 11. Septembers immer wieder schier unentwirrbar aufeinander verweisen. Im diskursiven Feld des...
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