Wer war Frau Thomas Mann?
Wer war Katharina Pringsheim? Die Antwort auf diese Frage scheint einfach: Katia, wer denn sonst? Katia, die so bekannt ist wie Heinrich oder Golo, Erika oder Klaus. Eine Figur im Reich des Zauberers, seine engste Vertraute. «K.», die in Thomas Manns Tagebüchern als Mutter seiner Kinder, seine Begleiterin und Ratgeberin, aber auch als Managerin eines ebenso erfolgreichen wie bedrohten Betriebs erscheint.
Doch wer war sie wirklich? Dieses Buch versucht eine Antwort. Es ist die erste umfassende Biographie Katia Manns – spannend erzählt und mit zahlreichen bisher unbekannten Dokumenten und Fotos.
Inge und Walter Jens schildern das Leben einer ungewöhnlichen Frau und geben zugleich überraschende Einblicke in das Leben der Familie Mann.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Inge Jens, geboren 1927 in Hamburg. Studium der Germanistik, Anglistik und Pädagogik, Promotion 1953. Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, Mitarbeit an zahlreichen weiteren kulturhistorischen Projekten. Zusammen mit ihrem Mann Walter Jens schrieb sie die Bestseller «Frau Thomas Mann» (2003) und «Katias Mutter» (2005). 2009 erschienen ihre «Unvollständigen Erinnerungen» und wurden ebenfalls ein Bestseller. Inge Jens starb am 23. Dezember 2021 in Tübingen.
Walter Jens, geboren 1923 in Hamburg, Studium der Klassischen Philologie und Germanistik in Hamburg und Freiburg/Br. Promotion 1944 mit einer Arbeit zur Sophokleischen Tragödie; 1949 Habilitation, von 1962 bis 1989 Inhaber eines Lehrstuhls für Klassische Philologie und Allgemeine Rhetorik in Tübingen. Von 1989 bis 1997 Präsident der Akademie der Künste zu Berlin.
Verfasser von zahlreichen belletristischen, wissenschaftlichen und essayistischen Büchern (darunter zuerst "Nein. Die Welt der Angeklagten" 1950, "Der Mann, der nicht alt werden wollte", 1955), Hör- und Fernsehspielen sowie Essays und Fernsehkritiken unter dem Pseudonym Momos; außerdem Übersetzer der Evangelien und des Römerbriefes. Walter Jens war seit 1951 verheiratet mit Inge Jens, geb. Puttfarcken. Als "Grenzgängern zwischen Macht und Geist" wurde beiden 1988 der Theodor-Heuss-Preis mit der Begründung verliehen: "Gemeinsam geben Inge und Walter Jens sowohl durch ihr schriftstellerisches Werk wie durch ihr persönliches Engagement immer wieder ermutigende Beispiele für Zivilcourage und persönliche Verantwortungsbereitschaft."
Walter Jens starb am 9. Juni 2013 in Tübingen.
Eine großbürgerliche Familie
Die Hochzeitsreise war standesgemäß. Das Zürcher Hotel Baur au Lac zählte zu jenen großen und komfortablen Etablissements, die Thomas Mann ein Leben lang schätzte: Smoking-Toilette, livrierte Kellner, eine prächtige Halle, von der aus man die Gäste beobachten konnte, Konversation im Salon, Liftboys in Uniform ... das Flair der Reichen und Verwöhnten, zu denen sich das junge Paar dank väterlicher Großzügigkeit rechnen durfte, war stets dazu angetan, das Lebensgefühl des Romanciers zu erhöhen. Dass es einen gleichen Einfluss auf die Befindlichkeit seiner jungen Frau ausübte, ist zu bezweifeln. Spätere Äußerungen lassen erkennen, dass ihr Luxus und prätentiöse Herausgehobenheit eher Unbehagen als Glück bereiteten.
Außerdem: Zürich im Februar dürfte trotz des komfortablen Logis und eines Ausflugs nach Luzern keine großen Attraktionen geboten haben; die wehmutsvollen Briefe der jungen Frau, die von Haus aus gewohnt war, viel Leben um sich zu sehen, sind sicherlich keine Erfindung der Mutter. Dennoch bot die Abgeschiedenheit Möglichkeiten, sich an das neue Dasein zu gewöhnen. Eine penible philologische Forschung hat im Notizbuch des Ehemannes Adressen von Ärzten gefunden, die sich wahrscheinlich nicht nur auf die Behandlung von nervösen Magenleiden verstanden, sondern auch in diskreteren Regionen Bescheid wussten.
Von Frauen wusste Thomas Mann - trotz der nebulösen Begegnung mit einer Engländerin namens Mary Smith in Florenz - zur Zeit der Hochzeit nicht eben viel. Wusste er später mehr? Noch nach der Geburt von Tochter Erika hoffte er, das Mädchen brächte ihn vielleicht in ein "näheres Verhältnis zum Geschlecht", von dem er "eigentlich, obgleich nun Ehemann, noch immer nichts" wisse. Aber hatte Katia anderes erwartet? Auf jeden Fall: Pünktlich neun Monate nach den Flitterwochen, im November 1905, wurde das erste Kind geboren. Vielleicht hatte eine Zürcher Gynäkologin die junge Frau verständig beraten, so, wie es im Fall des Partners zwei Nervenärzte oder der Hypnotiseur Dr. med. Ringier getan haben mögen.
Der Aufenthalt in Zürich dauerte gut vierzehn Tage - eine Zeit, die beide Partner offenbar als ausreichend für eine Hochzeitsreise ansahen. Thomas Mann zog es an den Schreibtisch: Urlaub ohne Arbeit gab es für ihn sein Leben lang nicht, an der See so wenig wie in den Bergen, und auch Katia hatte Sehnsucht nach München. Die doppelte Fremde: Ohne Eltern oder Brüder mit einem noch unvertrauten Mann in einer Stadt, die ihr erst Jahrzehnte später Heimat werden sollte (hier würde man leben, mehr als drei Dezennien lang, und hier würde man schließlich sterben) ... all das ließ keine ungetrübte Freude aufkommen.
Und so kehrte man zurück ins Vertraute. Die Wohnung in der Franz-Joseph-Straße war gerüstet, das junge Paar zu empfangen. Während der Ehemann sich am Schreibtisch in Brief und poetischer Verkleidung bemühte, die Skrupel zu bewältigen, die ihn angesichts der Frage überfielen, ob er sein Künstlertum zugunsten der Ehe verraten habe, suchte die junge Frau, ihren neuen privaten und gesellschaftlichen Aufgaben gerecht zu werden: als Mitglied im Trägerverein des Münchener Gisela-Kinderspitals zum Beispiel. Im Damenausschuss dieser Vereinigung wird "Frau Thomas Mann" - wie es in den Akten heißt - durchaus mitgesprochen haben, wenn es um das Wohl einer Klinik ging, die Literaturkennern als jenes Dorotheen-Kinderkrankenhaus vertraut ist, das (in Thomas Manns Roman Königliche Hoheit) nach einem Besuch des Prinzen Klaus Heinrich und Fräulein Imma Spoelmanns mit einer großzügigen Spende des Millionär-Papas bedacht wird.
Briefe und Dokumente späterer Zeiten machen immer wieder deutlich, dass Katia Mann vom Beginn ihrer Ehe an einen sicheren Instinkt für Details und Konstellationen entwickelte, die der Arbeit ihres Mannes förderlich sein mochten, und dass sie ihn durch lebhafte und plastische Erzählungen von Geschehnissen aus ihrem Umkreis mit Episoden , die ihm für das jeweils im Entstehen begriffene Werk von Nutzen waren. Auch der für die späteren Jahre bezeugte Brauch, Katia am Abend das in den Vormittagsstunden Geschriebene vorzulesen und ihren kritischen Rat ernst zu nehmen, scheint von Anfang an bestanden zu haben.
Was den häuslichen Teil der ehelichen Pflichten betraf, so hatte Hedwig Pringsheim ein Zimmermädchen und eine Köchin engagiert und stand im Übrigen bereit, um ihrer Tochter die ersten Schritte in die Selbständigkeit zu erleichtern. Schließlich betrug die Entfernung zwischen der Arcis- und der Franz-Joseph-Straße nur wenige Gehminuten. Der Verkehr zwischen dem Haus Pringsheim und dem Haus Mann blieb eng, Besuche hinüber und herüber waren an der Tagesordnung, man bewegte sich im vertrauten Ambiente. Und doch war in einem entscheidenden Punkt alles anders: Katia würde im November ihr erstes Kind bekommen.
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