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Die Dunklen: Roman - Hardcover

Isau, Ralf

 
9783492701396: Die Dunklen: Roman

Inhaltsangabe

Spannend und rasant wie nie zuvor beschwört der wortgewandte Geschichtenerzähler Ralf Isau die Jagd der »Dunklen« nach dem mächtigsten Musikstück der Welt, das lange verschollen ist. Die berühmte Pianistin Sarah d’Albis verfügt über eine geheimnisvolle Gabe, die auch die Wissenschaft fasziniert: Synästhesie. Sie »sieht« Töne als Farben und Formen. Während sie in Weimar der Premiere eines bislang unbekannten Stückes von Franz Liszt beiwohnt, erblickt sie in der Musik eine unheimliche Botschaft – und gerät zwischen die Fronten eines uralten Konflikts. Bald kann Sarah niemandem mehr vertrauen, und eine lebensgefährliche Hetzjagd quer durch Europa beginnt. Denn die Zukunft der Welt hängt davon ab, wer die »Purpurpartitur« zuerst entdeckt.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Ralf Isau, geboren 1956 in Berlin, arbeitete lange als Informatiker. In seinen Büchern entwirft der mehrfach preisgekrönte Autor detailreiche Welten und gilt als großer Erzähler phantastischer Literatur. Seine Romane werden in 14 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien bei Piper die Fantasy-Saga »Die zerbrochene Welt«. Ralf Isau  lebt mit seiner Familie bei Stuttgart. Weiteres zum Autor: www.isau.de

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Ralf Isau
Die Dunklen
Roman

Prolog

Paris, 15. März 1866, 18.42 Uhr
Als Franz Liszt ans Dirigentenpult trat, hallten Applaus und Hochrufe durch Saint-Eustache. Die Pariser Premiere seiner Missa solemnis war lange mit Spannung erwartet worden. An die viertausend Menschen aus fast allen gesellschaftlichen Schichten bevölkerten die gotische Kathedrale. Um sich Gehör zu verschaffen, hob der Komponist die langen Arme; es sah aus, als wolle er sich in die Lüfte schwingen. Nicht wenige seiner glühenden Verehrer hätten ihm das durchaus zugetraut. Für sie war er ein Gott. Aber es gab auch andere in der Menge, die ihn eher für den Teufel hielten.
Der Anblick seiner schwarzen Soutane ließ die frommen Konzertbesucher in respektvolles Schweigen versinken. Selbst hartgesottene Freidenker spürten die Kraft, die den musizierenden Abbé wie eine elektrisierende Aura umgab. Mit seinem Raubvogelgesicht, der üppigen, grau melierten Mähne und der spinnenhaften Gestalt haftete ihm nach Ansicht vieler denn auch etwas Magisches an. Im Nu herrschte Stille in dem riesigen Gotteshaus.
»Es gibt heute Abend eine Änderung«, verkündete Liszt, nachdem er sich auf höchst sparsame Weise verneigt und die Besucher begrüßt hatte.
Ein Stöhnen ging durch die Reihen.
»Entgegen der Ankündigung im Programm«, fuhr er fort, »wird meine Wenigkeit heute persönlich dem Papst die Flötentöne beibringen.«
Es folgte verdutztes Schweigen. Aber dann dämmerte doch den meisten, wenngleich die deutsche Redewendung im Französischen etwas skurril klang, was der Komponist meinte: Ob ihrer alles beherrschenden Größe wurde die Orgel von Saint-Eustache Le Pape - »der Papst« - genannt. Die Spannung der Menge entlud sich in donnerndem Applaus und schallendem Gelächter. Nur eine erzkatholische Minderheit blickte pikiert.
Franz Liszt verneigte sich erneut, diesmal sogar recht tief, wohl wissend, dass nicht alle im Publikum darin die Dankesbezeugung eines bescheidenen Künstlers sahen. Einige der lächelnden Gesichter waren nur Masken, hinter denen mörderische Absichten lauerten.
Während er sich langsam wieder aufrichtete, ließ er den Blick durch die Kirche wandern. Sämtliche Ausgänge waren von uniformierten Posten bewacht. Im südlichen Querschiff stand sogar eine ganze Abteilung Soldaten samt Marschgepäck und Waffen. Die Infanteristen hatten auch einige Musikinstrumente mitgebracht, wohl um auf die Konzertbesucher weniger bedrohlich zu wirken. Er hätte auf sein Gefühl vertrauen und fliehen sollen, nachdem er diesen Nekrasow unter den Besuchern entdeckt hatte!
Vermutlich steckte der Russe hinter dem Truppenaufmarsch in der Kirche. Er wollte an das Geheimnis, an die Notenblätter, die im Spieltisch der Orgel versteckt waren. Es musste einen Verräter geben, der ihm davon berichtet hatte. Wenn die Bruderschaft vom Aar sich so weit aus der Deckung wagte, dann war sie zu allem entschlossen. Liszt bebte innerlich. Es gab nur einen Weg, lebendig aus der Kirche herauszukommen, ohne das Geheimnis preiszugeben: Er musste den Gegner mit seinen eigenen Waffen schlagen.
Bis eben hatte er mit seinem Freund Adolphe in hastiger Eile die Strategie besprochen, hatte ihm befohlen, sich die Ohren mit Kerzenwachs zu verstopfen. Es war ein verzweifelter Plan, aber der Feind ließ ihnen keine andere Wahl.
Liszt schoss einen eisigen Blick auf den Russen ab, der den Außensitz der dritten Reihe okkupiert hatte, und begab sich gemessenen Schrittes an den Spieltisch der Orgel. Hier, im Schnittpunkt des kurzen Quer- und der drei Längsschiffe des Gotteshauses, hatte der Kapellmeister von Saint-Eustache sein achtzigköpfiges Orchester versammelt. Der mehr als doppelt so starke Chor aus Männern und Knaben stand im Ostflügel vor dem Hauptaltar.
Der Kapellmeister griff zum Dirigentenstab. Stille trat ein. Und dann begann das ungewöhnlichste Konzert, das Saint-Eustache je erlebt hatte.
Die ersten Takte waren sehr ruhig. Obwohl Liszt jeden Ton seiner »Graner Messe« auswendig kannte, empfand er sie an diesem Abend wie etwas Fremdes, Unheimliches. Als die Hörner erschollen, hallte es für ihn wie ein warnendes »Wer ist's?« in einem dunklen Wald.
Die Streicher antworteten bedrohlich: »Die Dunklen sind's.«
Dreimal sandte das Orchester die Frage ins hohe Gewölbe der Kirche empor, und ebenso oft kam die düstere Antwort. Dann erst erhob sich das getragene Kyrie aus dem Chor.
An diesem Punkt griff der Komponist höchstselbst in das Geschehen ein - seine Finger sanken auf die Tasten nieder. Franz Liszt konnte in jede Melodie einen goldenen Faden einweben, der Männer wie Frauen gleichermaßen in Bann schlug. Mit dieser einzigartigen Gabe vermochte er jedes Gefühl heraufzubeschwören, zu dem Menschen fähig waren: Liebe und Hass, Mildtätigkeit und Gier, Bewunderung und Abscheu.
Obwohl er den Kapellmeister zuvor von seiner Absicht, »ein wenig zu improvisieren« in Kenntnis gesetzt hatte - »Dirigieren Sie immer schön weiter« -, zuckte dieser heftig zusammen, als nun unvermittelt eine Dissonanz aus den Orgelpfeifen toste, welche die Stimmen des Chors gleich der Salve eines Exekutionskommandos niedermähte.
Liszt nahm sich ein wenig zurück. Er durfte es nicht übertreiben. Mit der ihm eigenen Geschicklichkeit stützte er ein paar Takte lang die Streicher und Hörner. Sein Blick suchte nach Nekrasow, fand ihn aber nicht im Publikum, wanderte weiter ins südliche Querschiff... Liszt erschauderte.
Nekrasow war zum Kommandanten der Militäreinheit geeilt und spielte ihm etwas auf einer Hirtenflöte vor. Es läuft also auf einen Zweikampf hinaus, dachte Liszt, auf die Frage, wessen Klänge der Macht stärker sind. Um die Kirche unter seine Kontrolle zu bringen, braucht Nekrasow den Offizier und dessen Leute. Wie ein Schlangenbeschwörer dudelt er ihnen seinen Willen ins Unterbewusstsein.
Die Orgel tönte lauter. Schon die schiere Gewalt des Schalls war eine mächtige Waffe. Liszt wandte sich wieder den Manualen zu, damit sich seine Gabe ungestört entfalten konnte. Er schuf aus Orgelklängen ein betörendes Klanggeflecht, das nie zuvor auf einem Notenblatt gestanden hatte.
Wenige Takte später geschahen zwischen den himmelstürmenden Pfeilern der Kirche merkwürdige Dinge. Aus dem südlichen Querschiff erscholl ein Trommelwirbel. Das Publikum wurde unruhig. Nicht, weil die Militärkapelle einfach ins geheiligte Werk des großen Komponisten hineinpfuschte, sondern aus einem ganz unerklärlichen Mitteilungsbedürfnis heraus, das die Leute überkam. Sogar Herren und Damen der gehobenen Gesellschaft begannen munter miteinander zu schwatzen. Einige Patrone von Saint-Eustache erhoben sich von ihren Stühlen, doch keineswegs, um dem ungehörigen Benehmen Einhalt zu gebieten, sondern weil sie die Kollektenkisten ihrer Frauen an sich gerissen hatten und diese nun zu Tamburinen umfunktionierten.
Während die Kirchenvorstände mit ihren Spendenkästen durch die Reihen klapperten, brach unter den Premierengästen die Mildtätigkeit aus. Allerorts wurden Geldbörsen gezückt. Rasch füllten Münzen und sogar stattliche Scheine die Truhen der Barmherzigkeit, alles zum Wohle der bedürftigen Kinder des zweiten Stadtbezirks.
Liszt lächelte zufrieden. Wenn er die Klänge der Macht schon für sich selbst nutzte, dann sollte dabei wenigstens etwas für die Ärmsten der Armen abfallen. Er drehte sich zu seinem Freund um.
Adolphe Sax saß auf einem Ehrenplatz unweit des Spieltisches. Schweißperlen standen auf seiner hohen Stirn. Er wirkte verunsichert, ja aufgewühlt. Obwohl das Kerzenwachs in seinen Ohren ihn leidlich vor dem verstörenden Klanggewitter schützte, konnte er immer noch recht gut sehen. Der Meister nickte ihm aufmunternd zu.
Das Kyrie ging zu Ende, und der zweite Teil der Messe, das Gloria, begann. Der Hauptmann im Südschiff kämpfte verzweifelt um die Aufrechterhaltung der Disziplin unter seinen Männern. Einige zog es zu den Spendenkästen, andere übten lautstark Manöverkritik. Auch im Orchester herrschte bereits ein ziemliches...

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