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Ein jeder Engel ist schrecklich: Aus meinem Leben - Hardcover

Tamaro, Susanna

 
9783492056090: Ein jeder Engel ist schrecklich: Aus meinem Leben

Inhaltsangabe

Das Kind ist hochsensibel und extrem schüchtern. Hübsch ist es auch nicht. Vom Bruder fast sadistisch gequält, von den Eltern weitgehend vernachlässigt – Susanna Tamaros Triester Kindheit ist alles andere als glücklich. Was das junge Mädchen rettet, ist die Liebe zur Literatur und die Entdeckung, dass die Welt (trotz allem) einfach überwältigend schön ist. Ein autobiographischer Roman, der erzählt, wie Susanna Tamaro zu einer so wunderbaren Schriftstellerin und einem so besonderen Menschen wurde. »Trotz aller Tragik vermitteln ihre Werke ein tiefes Gefühl der Hoffnung. Ihre Bücher sind eine sehr ergreifende Lektüre.« Bücher

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Über die Autorinnen und Autoren

Susanna Tamaro wurde 1957 in Triest geboren. Sie ist die Großnichte von Italo Svevo, ihr Talent als Autorin wurde allerdings von Federico Fellini entdeckt. Längere Zeit war sie Dokumentarfilmerin für das italienische Fernsehen, seit dem überwältigenden, weltweiten Erfolg von »Geh, wohin dein Herz dich trägt« lebt sie als freie Schriftstellerin in Rom und bei Orvieto.

Barbara Kleiner promovierte nach dem Studium der Komparatistik, Germanistik und Romanistik mit einer Arbeit zu deutschen Proust-Übersetzungen. Sie hat einige der bekanntesten Schriftsteller Italiens übersetzt, darunter Primo Levi, Italo Calvino und Ippolito Nievo. Für ihre Arbeit hat sie mehrere Auszeichnungen erhalten, u.a. den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis 2011.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1
Ich wurde an einem der Tage des Jahres geboren, die am wenigsten Licht haben, mitten im tiefsten Herzen der Nacht. Es wehte eine düstere, starke Bora mit Schnee und Eis.
Sie wehte noch immer, als ich aus der Klinik kam. Der steile Anstieg, der zu uns nach Hause führte, war praktisch unbegehbar, und so gelangte ich, dem unsicheren Gleichgewicht meiner Eltern anvertraut, ans Ziel. Der Wind packte sie an den Schultern und stieß sie vorwärts, mit solchen unvorhergesehenen und heftigen Böen, wie nur die Bora sie kennt, während das Eis jeden ihrer Schritte zu einem Wunderwerk der Geschicklichkeit machte. Meine drei Kilo und noch was Menschenwesen waren wie ein cannolo in eine von meiner Mutter gemachten rosa-blau-weißen Decke eingeschlagen und wurden schließlich in Sicherheit gebracht.
Wenige Dinge faszinieren mich so sehr wie Neugeborene. Jedes Mal, wenn ich eins sehe, kann ich nicht anders als es zu befragen: Wer bist du? Woher kommst du? Welches Geheimnis birgst du in deinen Augen, die noch nicht sehen?
Nein, vielleicht wäre es besser zu sagen, die anderes sehen
Neun Monate im Bauch der Mama, aber vor diesem Bauch ist da noch die Geschichte ihrer Eltern, ihrer Großeltern und ihrer Urgroßeltern. Und die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern ist die Geschichte von deren Entscheidungen, Erfolgen und Irrtümern, ihrer Erbärmlichkeit und Größe. In ihre kleinen Geschichten greift die große Geschichte ein, diejenige, in die man, auch wenn man es nicht will, verwickelt wird und die einen oft auch zermalmt. Und Geschichte, häufig bedeutet das Krieg und Hass, Gewalt und Tod Schmerzen, die auf subtile Weise von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Jedes Kind, das geboren wird, kommt mit gebeugten Schultern auf die Welt, wie Atlas. Nur dass es statt der Weltkugel Seiten um Seiten von Geschichten trägt Geschichten und Geschichte , und es sind ebendiese Seiten, die seine Augen in den ersten Tagen so müde und so fern wirken lassen.
Nur einige besonders naive und optimistische Eltern können glauben, das Neugeborene sei eine tabula rasa, ein Klumpen Lehm, den sie mit ihrer Liebe und ihrem guten Willen in das Wesen ihrer Träume verwandeln können. Man müsste etwas weniger ahnungslos sein, um gewahr zu werden, dass diese Händchen ein langes, aufgerolltes Pergament halten, in dem, wenn Vater und Mutter den Mut hätten, es zu öffnen, sie in großen Zügen das Schicksal des Wesens vorgezeichnet sähen, das sie soeben auf die Welt gebracht haben.
Wo wird man geboren?
Von wem wird man geboren?
Wann wird man geboren?
Liegt in diesen drei Fragen nicht eines der großen Mysterien beschlossen, in das unser Leben gehüllt ist?
In der Tat kann man in einer Villa auf dem Aventin oder in einer Baracke in den Slums von Nairobi geboren werden.
Man kann von liebevollen Eltern geboren werden oder von Trinkern, von solchen, die ganz einfach zerstreut sind oder liebend gern der Grausamkeit frönen. Man kann in eine Mülltonne geworfen werden und dort sterben inmitten von dreckigem Plastik und fauligem Abfall oder schon von Geburt an Erbe eines Wirtschaftsimperiums sein. Man kann Vater und Mutter haben oder nur eine Mutter, womöglich eine Frau, der Verletzungen zugefügt wurden oder die schwachsinnig ist oder einfach unfähig zu lieben. Man kann als Frucht einer großen Liebe geboren werden oder eines hastigen Ficks in der Toilette einer Diskothek oder auch einer Vergewaltigung.
Und wann wird man geboren?
Wenn man das Pech hat, mitten in einem Krieg geboren zu werden, wird Angst unseren Atem in der Welt bestimmen. Wenn man hingegen nachts geboren wird, auf einem Flüchtlingsboot, besteht die Gefahr, gleich zu sterben, den Fischen zum Fraß vorgeworfen zu werden. Man kann an einem wunderschönen Maimorgen geboren werden, wenn alle Rosen blühen und die Düfte in der Luft ein einziger Hymnus auf das Leben sind, oder man kann in einer stürmischen Nacht auf die Welt kommen, wenn der Wind jedes Ding ausreißt und entwu

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