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Kaiserin: Roman - Hardcover

Shan Sa

 
9783492046459: Kaiserin: Roman

Inhaltsangabe

Eigentlich sollte sie ein Junge werden, als sie im siebten Jahrhundert zu Zeiten der sagenhaften Tang-Dynastie geboren wurde. Denn sie sollte die Schmach ihres Vaters rächen, den ein Staatsstreich in die Verbannung trieb. Doch das Schicksal will es anders, und mit zwölf Jahren gelangt sie als eine von zehntausend Frauen in die Verbotene Stadt, um dem Kaiser zu dienen. Als das mutige Mädchen dem Sohn des Kaisers ins Auge fällt, ist sie nicht länger eine von vielen. Sie gerät in die Kreise der Macht und damit in einen Strudel von Mißgunst, Intrige und Mord, dem sie ihr Leben lang nicht mehr entkommen wird. Als Herrscherin über das größte Reich unter dem Himmel droht ihr der Verrat – selbst von den eigenen Kindern. Ein eindrucksvolles literarisches Fresko als Bestätigung eines außergewöhnlichen schriftstellerischen Talents: Shan Sa und die mächtige Kaiserin.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Shan Sa, geboren 1972 in Peking, veröffentlichte mit acht Jahren ihren ersten Gedichtband  und wurde zum »Aufsteigenden Stern Pekings« gekürt. Nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 emigrierte sie nach Paris, wo sie Philosophie studierte und sich mit der Tochter des Malers Balthus anfreundete, in dessen Haus sie auch kalligraphierte. Mit ihren beiden Welterfolgen »Die Go-Spielerin«, wofür sie den Prix Goncourt des Lycéens erhielt, und »Kaiserin« demonstrierte sie eindrucksvoll ihre erzählerische Reife. Zuletzt erschien von ihr auf deutsch »Himmelstänzerin«, ihr literarisches Debüt in französischer Sprache, für das sie den »Prix Goncourt du premier roman« erhielt.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Endlose Monde, düster-schattige Welt, Donnergrollen, Wirbelstürme, Erdbeben. Selten waren die Momente der Ruhe; die Stirn auf den Knien, die Arme um den Kopf gelegt, dachte ich, horchte ich, begehrte ich, nicht zu existieren. Aber da war das Leben, eine durchscheinende Perle, ein Gestirn, das sich langsam um sich selbst drehte. Ich war blind. Meine Augen hingen an dieser anderen Welt, diesem anderen Leben, das Tag für Tag weiter verblaßte. Die Farben waren erloschen, die Bilder wurden undeutlich. Noch blieb mir erstauntes Rufen, leises Weinen. Die machtlose Erinnerung bedrückte mich, die Melancholie versengte mich. Wer bin ich? fragte ich den Tod, der zu meinen Füßen hockte. Er knurrte und gab keine Antwort.
Wo bin ich? Ich hörte Lachen, Stimmen, die sagten: »Bestimmt wird es ein Junge, Hoher Herr. Er bewegt sich. Er trägt den Zorn in sich.«
Es war gleichgültig, wer ich sein würde. Ich war dieser Unermeßlichkeit bereits überdrüssig. Ich war es überdrüssig, zu hoffen, zu warten, ich zu sein, der Nabel der Welt.
Das Rauschen des Windes beruhigte mich. Ich horchte auf das Plätschern des Regens. In meinem Himmel, in dem die Sonne niemals aufging, hörte ich den Gesang eines kleinen Mädchens. Die sanfte, unschuldige Stimme wiegte mich. Meine Schwester, ein großes Unglück befürchtete ich für sie. Eine Hand versuchte mich zu liebkosen. Doch waren wir durch eine Mauer getrennt. Mutter, Schatten auf der Wand meines Denkens, wißt Ihr, daß ich ein Greis bin, verurteilt dazu, das Gefängnis Eures Fleisches zu bewohnen?
Am Grunde des Sees, im sepiabraunen Wasser, drehte ich mich, kauerte mich zusammen, streckte mich, kreiste um mich selbst. Tag für Tag schwoll mein Körper an, wurde mir schwer, würgte mich. Ich hätte eine Nadelspitze sein wollen, ein Sandkorn, das Spiegelbild der Sonne in einem Wassertropfen, doch ich wurde ein Stück Fleisch, das explodierte, ein Berg von Falten, von Blut, ein Seeungeheuer. Ein Atemhauch hob mich hoch und wiegte mich. Ich war jähzornig. Ich empörte mich über mich selbst, über die Frau, die meine Kerkermeisterin war, über den Tod, meinen einzigen Freund.
Man erwartete mich. Ich hörte raunen, der Junge solle »Licht« heißen. Die Geräusche der Vorbereitungen hielten mich vom Meditieren ab. Man sprach von Kleidern, von Windeln, von Festen, von Ammen, fetten, weißen, drallen. Man verbot, meinen Namen auszusprechen, aus Angst, die Dämonen könnten meine Seele rauben. Man erwartete mich, damit ich dort anfinge, wo ihre Schicksale stehengeblieben waren. Ich hatte Mitleid mit diesen fiebrigen, geschwätzigen, habgierigen Wesen. Sie wußten noch nicht, daß ich ihre Welt zerstören würde, um die meine zu erbauen. Sie wußten nicht, daß ich die Erlösung durch die Flammen bringen würde, durch das Eis.
Eines Nachts schreckte ich hoch. Das Wasser kochte. Tobende Wellen schlugen gegen mich. Zusammengekauert kämpfte ich gegen die Angst, konzentrierte mich auf meinen Atem, auf das Ziehen des Schmerzes. Die sich brechenden Wogen warfen mich in eine enge Mündung. Ich schlitterte zwischen den Felsen hindurch. Mein Leib blutete. Meine Haut zerriß. Mein Kopf implodierte. Ich ballte die Fäuste, um nicht zu schreien.
Jemand zog mich an den Füßen hoch und schlug mir auf den Hintern. Kopfüber erbrach ich mein Weinen. Man hüllte mich in Tücher, die mir Schrammen machten. Ich hörte die ängstliche Stimme eines Mannes: »Junge oder Mädchen?«
Niemand antwortete. Der Mann packte mich und versuchte, mein Leibchen aufzureißen.
Das Jammern einer Frau unterbrach ihn:
»Wieder ein Mädchen, Hoher Herr.«
»Ah!« schrie er auf und brach in Tränen aus.

Ein Dutzend Frauen überwachten mein Wachstum. Drei Ammen wechselten sich ab, um meinen Durst zu stillen. Mein Appetit war furchterregend. Schon lachte ich. Meine Augen, dicke schwarze Perlen, rollten in ihren Höhlen. Tag und Nacht besah ich mir die Welt und wollte nicht einschlafen. Meine Betriebsamkeit beunruhigte meine Mutter, die des Exorzismus kundige Mönche zu Hilfe rief. Aber niemand vermochte mir den Dämonen auszutreiben, der in mir wohnte.
Ich wurde ihrer Befürchtungen schließlich überdrüssig. Unter meinem feinmaschigen Fliegennetz gab ich Schläfrigkeit vor, um meinen Frieden zu haben, eine Frau sang und bewegte dazu meine Wiege. Eine andere schwenkte einen Fächer, um die wenigen fliegenden Insekten zu vertreiben, die in diese parfümierte Welt eingedrungen waren. Bei geschlossenen Lidern ließ ich meine Gedanken zum Fenster hinausfliegen.
Das Reich, in dem Vater als absoluter Herrscher regierte, bestand aus zwei Teilen. Das Vordere Viertel war den Männern vorbehalten. Aufseher, Sekretäre, Buchhalter, Köche, Pagen, Diener, Stallburschen, Wachen, Lakaien machten sich vom Morgengrauen an zu schaffen. Beamte und Offiziere exerzierten Befehle und ritten davon. Truppen von Soldaten trainierten den ganzen Tag in einem Seitenhof. Diese männliche Welt endete vor einem purpurfarbenen Portal, an dem der Frauenhof begann. Hinter der hohen, schneeweißen Mauer lebten Hunderte von Frauen, alte, junge, Mädchen. In ihren Haarknoten trugen sie aufgesteckte Blumen, Jaderinge waren in ihre seidenen Gürtel geknüpft. In diesem achten Jahr der Kriegerischen Tugend* bevorzugte die Mode die bleichen Töne des knospenden Frühlings, und die Kleider waren im Gelb des Krokus gehalten, im Grün der Narzissenblätter, im freundlichen Rosa der Kirschblüten, im Karmesinrot der Sonne, die sich in den Seen spiegelte. Besenmädchen, Dienerinnen, Schneiderinnen, Stickerinnen, Trägerinnen, Ammen, Köchinnen, Gouvernanten, Aufseherinnen, Kammerfrauen, Sängerinnen, Tänzerinnen, alle bewegten sie sich gemessenen Schrittes und sprachen leise. Sie standen im Morgenrot auf, badeten in der Dämmerung. Blumen im Garten meines Vaters, erblühten sie, um zur Schönheit eines einzigen Menschen beizutragen.
Mutter kleidete sich schlicht. Ihr Hüsteln kommandierte, ihr Blick befahl. Sie war von natürlicher Eleganz. Die Moden kamen und gingen, ein flatternder Schmetterling, Mutter behielt den ewigen Frühling. Ihr Klan, die Yang aus der Region Hong Nong, gehörte zu den dreißig vornehmsten Familien des Kaiserreichs. Als Tochter, Nichte, Schwester der Großminister, Cousine der Kaiserlichen Gemahlinnen, nahe Verwandte des Kaisers und der Prinzessinnen, trug Mutter die Würde wie ein Juwel, einen Mantel, einen Glorienschein. Sie gab Almosen für die Klöster und verteilte Essen an die Bettler. Sie war glühende Buddhistin, aß vegetarische Kost und interessierte sich nicht für den Tumult der diesseitigen Welt. In ihrer gepflegten Schrift kopierte sie die Sutras und träumte davon, ins Land der Äußersten Freude des Buddha Amida zu gelangen, Dessen, der die zahllosen Sonnenstrahlen aussandte.
Mutter war kühl, behutsam, beruhigend. Ihre eindringliche, düstere Sanftheit erinnerte mich an die Jadescheibe, die man über meiner Wiege aufhängte. Ich sehnte mich nach ihr. Das Warten machte mich nervös. Von Zeit zu Zeit erschien sie, nach mehreren Tagen des Wegbleibens. Wenn sie kam, brachten ihre lange Seidenschleppe und ihr endloser Musselinschal die Vorhänge in meinem Zimmer zum Zittern. Unter der Liebkosung ihrer Pantoffeln schnurrte der Boden vor Vergnügen. Ihr Duft ging ihr voran. Sie roch nach Sonne, nach Schnee, dem Ostwind, Blütenkronen voller Glück.
Sie nahm mich nie auf den Arm und begnügte sich damit, mich von ferne zu betrachten. Ich verschlang sie mit den Augen. Ihre Lippen waren zwei purpurrote Blütenblätter. Ihr vollkommen gezupftes Gesicht war glatt wie ein Spiegel. Die Augen unter ihren Brauen, die rasiert und in der Form von Grillenflügeln nachgezeichnet waren, verrieten ihre Enttäuschung. Sie hätte einen Jungen haben wollen.

Die Granatbäume explodierten in ihrer Blütenpracht, und der Sommer kam. Mein hundertster Lebenstag gab Anlaß zu einer Feier. Mutter hatte den Pavillon auf dem See öffnen lassen und ihre adeligen Freundinnen und Verwandten zu einem prächtigen Festmahl geladen.
In dem vom glänzenden Wasser umflossenen Saal...

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