Das Oldenbourg Geschichte Lehrbuch Mittelalter bietet einen idealen Einstieg in die Epoche. Es gibt den Studierenden einen Leitfaden für ihre ersten Schritte auf diesem Feld an die Hand. Doch auch Fortgeschrittene, Dozenten und Lehrer profitieren von dem reichen Angebot an Themen und Material. Monarchische Herrschaft in Europa: Wie entstand das Konzept monarchischer Herrschaft in Europa und wie prägte es sich in den unterschiedlichen Reichen und Gebieten aus? Welche Rolle spielten römische und byzantinische Einflüsse, die ursprüngliche Stammeskultur und die Christianisierung? Diesen Fragen wird jeweils für das Frühmittelalter, das Hochmittelalter und das Spätmittelalter nachgegangen. Soziale Gruppen in Europa: Ein möglicher Zugang zum Mittelalter ist die Geschichte der sozialen Gruppen. Nach einer konzisen Erläuterung des Konzepts werden ausgewählte, für die verschiedenen Zeitabschnitte prägende soziale Gruppen vorgestellt, von den Mönchsgemeinschaften über Gilden und Zünfte bis zu den frühen Universitäten. Vorgehen der Forschung: Die Leser lernen Methoden und Hilfswissenschaften kennen, die für die Erforschung des Mittelalters besonders wichtig sind, von der Paläographie bis zu den Neuen Medien. Einrichtungen der Forschung: Die Entwicklung der Mittelalterforschung, einige ihrer Schlüsselbegriffe und ihre Institutionen werden vorgestellt. Technik-Beiträge über den Nutzen von Epocheneinteilungen für die Forschung, über Soziale Deutungsmuster als Interpretationshilfe, das Auffinden mittelalterlicher Überreste in unserer Umgebung und die Arbeit in historischen Archiven runden den Band ab.
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" Frühe Königreiche bei Germanen und Slawen (S. 39-40)
Grundlagen der Königsherrschaft in den Germanenreichen. Erste Berichte über Königsherrschaft bei den Germanen finden sich schon bei Caesar und Tacitus. Unter den von ihnen als Germanen aufgefassten Bewohnern von Gebieten östlich des Rheins und nördlich der Donau bemerkten sie einerseits Stämme (gentes) mit oder ohne Könige in kleinräumigen Landschaften. Andererseits beschreiben sie bereits ein auf großräumigere Herrschaftsbildung zielendes Heerkönigtum, also eine Form der Königsherrschaft, deren Grundlagen militärischer Erfolg und Beute darstellten. Diese Könige waren die Anführer von Verbänden, die sich die ältere Forschung als wandernde Völker oder Stämme vorgestellt hat. Der Name Völkerwanderungszeit"" für diese Jahrhunderte erklärt sich so. Dabei konnte man sich auf Schriftsteller wie Cassiodor/ Jordanes und Paulus Diaconus stützen, die legendäre Herkunftsgeschichten überliefern, in denen etwa von der skandinavischen Herkunft der Goten und Langobarden die Rede ist [Wolfram 1990b].
Inzwischen wird jedoch angenommen, dass nur in seltenen Fällen ganze Völker"" über große Entfernungen wanderten, vielmehr führten bestimmte Gruppen um bedeutende Familien traditionsreiche Namen mit sich, und um diese sammelten sich immer wieder neue gentile Verbände. Zu ihnen konnten ständig neue Gruppen und Stammessplitter stoßen und integriert werden. Die mythische Abstammungsgemeinschaft stiftete den gentilen Verbänden Identität, hielt sie zusammen und legitimierte die königlichen Herrscherfamilien [Wenskus, Wolfram 1990b, Geary 1996 u. 2002, Pohl 2002].
Inzwischen charakterisiert man auch die Königsherrschaft durch die Anführer dieser Verbände anders. Betonte man früher die germanischen Wurzeln des Königtums, so wird inzwischen der Tatsache größere Beachtung geschenkt, dass sich die politische Verfasstheit dieser gentes unter erheblichem Einfluss römischer Staatsvorstellungen und Institutionen vollzog. Gerade Herrschaftsbildungen solcher Germanenkönige innerhalb der alten Grenzen des Römischen Imperiums gründeten auf den Strukturen der Provinzialverwaltung und auf die weiter bestehende Infrastruktur sowie die regionale Ökonomie.
Die Westgoten. Das Reich des gotischen Königs Ermanarich (reg. ca. 350 375) am Nordrand des Schwarzen Meeres, dem eine Vielzahl von gentilen Gruppen in weiten Teilen Osteuropas in tributärer Abhängigkeit zugehört hatten, wurde im Jahr 375 von den reiternomadischen Hunnen zerschlagen. Westgotische und ihnen zugehörige Gruppen hatten sich schon vorher nach Südwesten gewandt, wo sie an der mittleren und unteren Donau in intensiven Kontakt zum römischen Imperium gekommen waren. An der Spitze dieser donauländischen Goten standen als Richter bezeichnete Fürsten. Der bekannteste unter ihnen wurde Athanarich (reg. 365 375/81), der im Jahr 369 einen Vertrag mit dem oströmischen Kaiser Valens (reg. 364 378) schloss und damit die gotische Siedlung nördlich der Donau absicherte. Vor den Hunnen zogen sich aber auch die Westgoten im Jahr 376 über die Donau ins Römische Reich zurück. Sie konnten jedoch von der römischen Administration südlich der Donau weder integriert noch versorgt werden. Kaiser Valens beabsichtigte schließlich, das Problem militärisch zu lösen, unterlag aber im Jahr 378 in der Schlacht von Adrianopel und fand dabei den Tod [Wolfram 1990a u. 1990b, Pohl 2002].
Dem Ostkaiser Theodosios I. (reg. 379 395) gelang im Jahr 382 der Abschluss eines Vertrages mit den Westgoten zur Ansiedlung in den römischen Provinzen Dakien und Thrakien. Die Goten blieben unter der Herrschaft ihrer Fürsten, hatten aber das römische Heer zu unterstützen. Unter ihnen trat bald der dem Geschlecht der Balthen angehörende Alarich I. (gest. 410) hervor, der in dieser Zeit seine Anerkennung als gotischer Heerkönig auf römischem Reichsboden erreichte."
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