Wolf Graf von Baudissin, geboren am 8. Mai 1907, gilt als Begründer der "Inneren Führung" und ihrem Leitbild vom Staatsbürger in Uniform. Diese Konzeption vereint den Soldaten und den in der freiheitlichen Ordnung lebenden Staatsbürger in einer Person. Der biographische Essay über den Generalleutnant der Bundeswehr, späteren Professor und Leiter des Instituts für Friedens- und Konfliktforschung in Hamburg, öffnet den Blick auf die Forschungsfelder einer Militärgeschichte der Bundeswehr im Bündnis im Allgemeinen und der Inneren Führung im Besonderen. Beiträge von: Kai Uwe Bormann, Angelika Dörfler-Dierken, Jürgen Förster, Helmut R. Hammerich, Eckart Hoffmann, Dieter Krüger, Klaus Naumann, Frank Nägler, Horst Scheffler, Claus Frhr. von Rosen, Rudolf J. Schlaffer, Wolfgang Schmidt, Rüdiger Wenzke, Kerstin Wiese.
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Frank Nägler
Zur Ambivalenz der Atomwaffe im Blick auf Baudissins frühe Konzeption der Inneren Führung (S. 149-151)
I. Vernichtungsdrohung und Friedenswahrung - Dimensionen der Ambivalenz aus der Perspektive von 1962
Wer der Nuklearwaffe eine ambivalente Rolle in Baudissins Konzeption zuschreiben möchte, kann sich zunächst einmal auf die eigenen Worte des Vordenkers der Inneren Führung berufen. Am 7. April 1962 handelte Wolf Graf von Baudissin in Heidelberg vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft über Das Kriegsbild. In dem noch im gleichen Jahr in einer Druckfassung publizierten Vortrag1 sprach Baudissin namentlich im Blick auf die Atomwaffe von der "Ambivalenz der Technik, mit der man entweder die Welt zerstören kann oder den Frieden sichern"2. Zusammen mit der weltweiten ideologischen Konfrontation, dabei allerdings auf schon zureichend eigene Weise, zogen nach Baudissin die Nuklearwaffen "die Völker und mehr und mehr die Erde als Ganzes in das Kriegsgeschehen mit hinein". Damit verliehen sie "dem heutigen Kriege eine Totalität [...], die ihn aller früheren Sinngebung" beraube. Der Krieg tauge nicht mehr zu religiöser oder ideologischer Missionierung, weder ließen sich mit ihm ideologische Systeme verbreiten noch "verlorengegangene Freiheit oder Territorien zurückgewinnen".
Der Krieg sei "heute nur noch ein Weg in die gegenseitige Vernichtung". Die Vernichtungsdrohung des "total-atomare[n] Krieg[es]" erstreckte sich auch auf die minder intensiven Formen eines heißen Krieges, die ihm lediglich in der logischen Skalierung, nicht aber im erwarteten zeitlichen Ablauf vorauslagen. Denn bei einem Versagen der Abschreckung - und träfe dies auch nur regional begrenzt ein - galt Baudissin "die Entwicklung zum Äußersten [als] mehr als wahrscheinlich". So erschien jeder mit Waffen geführte Krieg unter das Risiko atomarer Auslöschung gestellt, gleichviel ob der noch knapp unterhalb offener Gewaltanwendung ausgetragene "subversive Krieg" den Auftakt bildete oder dem "nichtatomaren Kriege" diese Position zufiel, oder ob die Feindseligkeiten mit einem "begrenzt-atomaren Kriege" eröffnet Diese Ambivalenz der potentiell so vernichtenden und genau deswegen zugleich abschreckenden, also - so die Hoffnung - friedenswahrenden Atomwaffe spiegelte sich sodann in der "paradoxe[n] Aufgabe" des (westlichen) Soldaten wider: "um bewahren zu können, muß er seine feste Entschlossenheit bekunden, jeden Aggressor mit sich in die totale Zerstörung zu reißen". Genauer ging es darum, jene dem Gegner unterstellte Absicht zu durchkreuzen, "die Welt vor die Wahl zu stellen, sich entweder dem Despotismus zu unterwerfen oder aber den Untergang der Menschheit zu wagen". Überlegene militärische Fähigkeit sollte dazu verhelfen, diese "unmenschliche Alternative" gar nicht erst zu einer politischen Wirklichkeit werden zu lassen5. Die Erfüllung der vorrangigen militärischen Aufgabe der Kriegsverhinderung diente dazu, den Systemkonflikt auf den politischen Bereich zu begrenzen, in welchem überdies dem freien Westen auch "echte Siegeschancen" gegeben seien.
Schließlich fand die "Ambivalenz" der Nuklearwaffe ihren Niederschlag in den veränderten Anforderungen, die das moderne Gefecht an den Soldaten stellte. Der Einsatz atomarer Mittel verengte zunächst auf der oberen Führungsebene die Entscheidungsspielräume, weil er die Verantwortlichen wesentlich fester an verregelte Führungsvorgänge band und die Technik wesentlich strengere Handlungsabläufe vorgab. Auf der unteren und untersten Führungsebene erweiterten sich hingegen die Entscheidungsspielräume, weil der unter atomarer Bedrohung gegebene Zwang zur taktischen Auflockerung zu kleinen, im hohen Maße mobilen und auf sich allein gestellt kämpfenden Einheiten führen würde, deren Zusammenhang in einer Front nicht mehr gegeben wäre.
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