Verwandte Artikel zu Sir Peters kleines Welttheater: Staatsmänner, Stars...

Sir Peters kleines Welttheater: Staatsmänner, Stars und andere Kollegen (KiWi) - Softcover

Ustinov, Peter

 
9783462034349: Sir Peters kleines Welttheater: Staatsmänner, Stars und andere Kollegen (KiWi)

Inhaltsangabe

Die Welt des Sir Peter: ein KiWi-Klassiker in neuer Gestaltung Was haben Humphrey Bogart und Margret Thatcher, Prinz Charles und Jimmy Carter, Yehudi Menuhin und Nelson Mandela gemeinsam? Peter Ustinov hat mit ihnen gedreht oder diniert, sie interviewt und beobachtet, und sie alle spielen mit im großen Welttheater, das Sir Peter mit nicht nachlassendem Erstaunen verfolgt hat: 'Politik ist Show-Business. Der entscheidende Moment war, als Präsident Eisenhower seinen Freund, den Schauspieler Robert Montgomery, unschuldig bat, ihm bei seinem Fernseh-Make-up zu helfen. Von da an gab es kein Zurück.' Sir Peters unschätzbares Privileg: Er kannte beide Seiten, das Showgeschäft und die internationale Politik. Die Grenzen verschwimmen: 'Kraft des Fernsehens werden Krieg, Korruption und Naturkatastrophen so dargeboten, dass sie nicht langweilen, sondern unterhalten.' Peter Ustinov empfand ein gewisses Mitgefühl für Celebrities wie Michael Jackson, die in einem Moment geliebt und im anderen an den Pranger gestellt werden. Letztlich geht es immer um Macht: 'Es ist ein besonderes Merkmal des Machthungers, dass er sich niemals stillen lässt.' Doch 'um es mit den Worten eines britischen Obersten zu sagen: ›Ich habe fast keinen Zweifel, dass es noch nicht zu spät ist, die Demokratie auf Vordermann zu bringen‹'.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Sir Peter Ustinov wurde am 16. April 1921 in London geboren und verstarb am 28. März 2004 in Genf. Schauspieler, Dramatiker, Erzähler, Zeichner, Regisseur und vieles mehr, mit zwei Oscars ausgezeichnet (für seine Rollen in 'Spartakus' und 'Topkapi'), Mitglied der Académie des Beaux Arts, Unicef-Botschafter, Rektor der Universität Durham. Peter Ustinov hat Romane, Erzählungen, eine Autobiografie und mehr als zwanzig Theaterstücke geschrieben. Weitere Titel bei K&W: 'Monsieur René', 1998. 'Die endlose Reise', KiWi 516, 1998. 'Die Heirat und andere Komödien', 2000. 'Karneval der Tiere. Des Esels Schatten', KiWi 622, 2001. 'Die Reise geht weiter', KiWi 726, 2002. 'Die Gabe des Lachens. Seine Lebensgeschichte, aufgeschrieben von John Miller', 2003. 'Die Reisen des Sir Peter', KiWi 802, 2003. Im Herbst 2004 erscheinen der KiWi-Klassiker 'Sir Peters kleines Welttheater' (KiWi 851) in neuer Gestaltung sowie der Bildband 'Bilder meines Lebens' als Hardcover.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Aufschlag Mr. Clinton
Das Londoner Wetter zeigte sich vergangene Woche ungewohnt mild, und in Wimbledon gab es Rutschpartien en masse, diesmal nicht, weil der Rasen zu naß, sondern weil er zu trocken war. An guten Gründen für Ausrutscher besteht offenbar kein Mangel.
Die Masseure und Therapeuten brachten, so wenigstens hatte es den Anschein, die meiste Zeit auf dem Platz damit zu, Miss Capriatis Zehen zu verpflastern oder die Schulter von Pete Sampras zu kneten, während er dasaß, ein aus Dankbarkeit und angstvoller Sorge gemischtes Lächeln zur Schau trug und mit der Zunge wie eine Schildkröte unter ihrem Panzer hervor verstohlen die Luft erkundete.
Doch ernsthaft: Mir ist, als habe der Grad frommer Kindergarten-Ermahnung in Wimbledon mittlerweile drastische Ausmaße gewonnen. "Verwarnung für Mr. Ivanisevic wegen Mißbrauch des Schlägers", läßt sich die Stimme des Stuhlschiedsrichters vernehmen, weil ein Spieler, dem vom Temperament her die Wonnen einer in tadelloser Haltung absolvierten Hingabe an ein obskures Sportlerideal verwehrt sind, seine Wut über eine Fehlentscheidung an seinem armen, seelenlosen Schläger ausließ.
Dabei gehört das Zertrümmern eines Schlägers doch mit zur Unterhaltung. Da der Schläger unbestreitbar dem Spieler gehört, sollte er ihn auch mißhandeln dürfen, wenn es ihm besser zu spielen hilft. Die mit der Wahrung von Recht und Ordnung Betrauten behandeln Tennisschläger heutzutage mit derselben Zuneigung, wie sie England seit jeher den Haustieren entgegenbringt. Schlägermißbrauch hört sich etwa so abscheulich an wie das Quälen eines wehrlosen Lieblings. Und schon wieder: "Verwarnung für Mr. Courier wegen obszöner Ausdrucksweise." Wen ich auch fragte - niemand konnte mir sagen, worin die Obszönität bestand. Im Fernsehen kriegte ich sie jedenfalls nicht mit. Drum schlage ich vor, daß ein mit einem Fünkchen Großmut begnadeter Schiedsrichter ebenfalls so tut, als sei ihm die Verwünschung entgangen, anstatt die Neugier aller Anwesenden anzustacheln und einen Mann aus der Fassung zu bringen, der sich ansonsten mustergültig beträgt.
Dieses grundlose Zügelreißen in Wimbledon ist symptomatisch für die Bestrafungsmentalität aller ältlichen Spielepäpste: Sie erfinden Regeln und ahnden gnadenlos jeden Verstoß.
Diese Grundhaltung ist freilich nicht auf den Sport beschränkt. Urplötzlich schlüpft John Major, normalerweise ein reizender Mann, in die Haut eines verdrießlichen Schiedsrichters und läßt sich mit moralinsaurer Stimme vernehmen: "Kodexverletzung, Mr. Saddam. Sie tragen die Konsequenzen. " Für einen Premierminister, der in letzter Zeit mehrfach Prügel bezogen hat und dessen Fähigkeit, Eignung für den Job und Führungsqualitäten angezweifelt wurden, ist dies gewiß eine erfrischende Erfahrung. So läßt er es sich natürlich nicht nehmen, sich in ein Getümmel zu werfen, das gar nicht das seinige ist, und Unterstützung für eine Politik zu erklären, zu der er nur höchst beiläufig konsultiert wurde.
Auf ein solches Spielchen darf er sich gerne etwas zugute halten. Ist's auch nicht wirkliche Führung, so ist's doch das gleich nächstbeste - der Anschein davon, während man stillschweigend einem andern nachtrottet. Sein Schiedsspruch bei der Verurteilung von Saddam Hussein wegen Verletzung der Spielregeln lautete so: "Wenn wir einfach zusehen und derlei Verhalten hinnehmen, wie läßt sich da noch verhindern, daß es wieder und wieder geschieht?" Aha, ein Wiederholungsspiel. Und um weitere Wiederholungsspiele zu vermeiden, ist der Schiedsrichter so streng.
Teile der Öffentlichkeit scheinen ihm zuzustimmen, andere pfeifen und buhen. Die Fernsehgesellschaft CNN wartete hastig mit Umfragezahlen auf, wonach über sechzig Prozent der Befragten den Präventivschlag gegen Bagdad guthießen. Über zwanzig Prozent waren dagegen. Die übrigen hatten keine Meinung. Tatsächlich wußten fast hundert Prozent nicht, was sie davon halten sollten, unterlagen aber dem Einfluß von Bill Clinton, als dieser - nachdem er seinerseits ordentlich Prügel bezogen hatte - von Zuversicht überströmend erklärte, dem amerikanischen Volk stehe dies gut an. Das sagte er, weil er das Gefühl hatte, ihm selber stehe es gut an. Er bedauerte zwar die zivilen Opfer, wies indes gleichzeitig darauf hin, es wären noch viel mehr gewesen, wäre die Bombe, die George Bush töten sollte, explodiert. Was sie aber zum Glück nicht tat.
Wir müssen akzeptieren, was man uns sagt, und müssen uns damit begnügen, großformatige Aufnahmen von der Ladefläche eines Toyota-Lieferwagens zu betrachten und einem amerikanischen Botschafter zuzuhören, der uns einen Schnellkurs im Grundwissen des Terrorismus erteilt. Dies als nachträglicher Vorwand für den Einsatz von mehr als zwanzig Marschflugkörpern. Diese Raketen stellten ihre Effizienz dadurch unter Beweis, daß nur so wenige ihr zugeteiltes Ziel verfehlten. Wobei die fehllaufenden leider die unbeabsichtigte und bedauernswerte Vernichtung unbeteiligter Personen und Sachen zur Folge hatten.
Nachträglich? Nun ja, diesmal wurde der UNO-Sicherheitsrat nur vom Ereignis unterrichtet. So sicher ist sich Mr. Clinton der Zustimmung dieses Gremiums, daß er nur so tun muß, als konsultiere er es.
Der Popanz von einst, die Russen, halten jetzt eifrig zu denen, die ihnen unter die Arme greifen können. Der britische Botschafter ist der Gehorsam in Person und gleicht dem Linienrichter, dem zwar die Sicht auf den Ball versperrt war, der aber des impliziten Vertrauens des Stuhlschiedsrichters gewiß ist. Die Franzosen murren vielleicht ein bißchen. Das ist so ihre Art. Und die Chinesen, die sich wachsenden Selbstvertrauens rühmen, melden tatsächlich Zweifel an.
Alle übrigen sind nichts als privilegierte Zuschauer, vergleichbar den Rollstuhl Veteranen am Spielfeldrand von Wimbledon.
Mit alledem hat Mr. Clinton nur eines bewiesen. Mag die Debatte, die seiner Wahl vorausging, noch so beißend, das Bild, das er bei Amtsantritt darbot, noch so erfrischend und strahlend gewesen sein - das alles ist jetzt vergeben und vergessen. Er hat sich das Einmaleins seiner neuen Position angeeignet und weiß, was man tun muß, um das Vertrauen wiederherzustellen.
Doch das Spiel geht weiter. Das tut es immer. Saddam ist zwar bestraft, aber immer noch da, erst recht selbstbewußt, weil er den Aufschlag seines Gegners überstanden hat. Die Bosnier freilich, die auf einem Nebenplatz ohne Schläger gegen die Serben und Kroaten antraten, mußten erleben, wie ihnen sogar die Balljungen und -mädchen davonliefen und das Regelwerk in alle Winde zerstob.

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.