Der Vogel ist ein Rabe: Roman - Softcover

Lebert, Benjamin

 
9783462033366: Der Vogel ist ein Rabe: Roman

Inhaltsangabe

Vom Leuchten und der Liebe Auf einer Zugfahrt von München nach Berlin werden Paul und Henry, beide Anfang zwanzig, für die Dauer einer Nacht zu Weggefährten. Aufmerksam lauscht der Ich-Erzähler Paul den Worten Henrys, der in leuchtenden Farben von Freundschaft und Liebe erzählt - und der Erfahrung, beides verloren zu haben. Und während Henry immer freier und ungezwungener wird und seinen Erinnerungen ihren Lauf lässt, hört Paul nur zu und schweigt. Er erzählt nicht von der Sehnsucht, woanders und wer anders sein zu wollen, nicht von der Art, wie Menschen ihren Regenschirm aufspannen. Und nicht von Mandy. Aber mehr und mehr holt ihn, während er den Worten Henrys lauscht, seine eigene Geschichte ein. »Der Vogel ist ein Rabe« ist ein Roman über die Macht des Erzählens und über Menschen, die sich verpassen. Eine Geschichte vom Leuchten und vorüberfliegender Schwärze. Weitere Infos und Benjamin Leberts umfangreiche Lesereise finden Sie unter www.benjamin-lebert.de

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Über die Autorin bzw. den Autor

Benjamin Lebert, lebt in Hamburg. Er hat mit zwölf Jahren angefangen, zu schreiben. 1999 erschien sein erster Roman Crazy, der in 33 Sprachen übersetzt und von Hans-Christian Schmid fürs Kino verfilmt wurde. Sein zweiter Roman, Der Vogel ist ein Rabe, erschien 2003, der dritte Roman Kannst du, 2005.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

DAS Abitur machte ich in München. Danach, mit zwanzig, zog ich nach Berlin, um Ethnologie zu studieren. Ich wohnte dort in einer Wohngemeinschaft in Schöneberg, zusammen mit zwei weiteren Studenten. Ein Junge namens Randall. Und ein Mädchen namens Sofia. Ich verbrachte kaum Zeit mit studieren. Mir war alles eigentlich ziemlich egal.

Ich lief durch die Stadt. Ich ging in Cafés und Clubs. Ich begegnete Leuten, die das Gleiche taten. Die meisten von ihnen waren auch von irgendwoher nach Berlin gekommen. Eigentlich alle. Und alle wollten hier von irgendetwas gefunden werden. Natürlich wussten sie, dass sie auch selbst suchen gehen mussten. Und das taten sie teilweise. Aber sie wollten vor allem gefunden werden.
Es ist Freitagabend, 22:26 Uhr, der vierte Januar Ich stehe am Gleis 18 des Münchener Hauptbahnhofs. Neben mir auf dem Boden: meine grüne Reisetasche. Es ist bitterkalt. Der Wind rasiert einem die Wangen. Vereinzelte 1"auhen flattern durch die Gegend, eine davon landet auf den Schienen. Die Bahnhofshalle ist hell erleuchtet. Es sind nicht viele Leute da. Ein paar Meter von mir entfernt steht eine ältere Frau in einem schwarzen Mantel, sie trägt einen weißen Hut mit Ohrenklappen. Sie läuft hin und her, den linken Arm vor der Brust angewinkelt, in der rechten Hand ein Telefon, auf dessen Tasten sie mit dem Daumen herumdrückt. Weitere vereinzelte Gestalten. Der Zug hat jetzt sechs Minuten Verspätung. Es ist der Zug, der mich nach einem kurzen Besuch bei meinen Eitern wieder nach Berlin bringen wird. Dahin, wo es leuchtet. Das hat man zumindest zu einer bestimmten Zeit gehört. Von allen Seiten. Von den ganzen Typen, die von Berlin geschwärmt haben: du musst unbedingt dahin. Es ist wahnsinnig dort. Die Stadt, ich weiß nicht. Es bewegt sich alles. Flirrt. Die Luft ist keine Luft. Sie enthält Goldstaub. Man atmet Goldstaub, hörst du? Und die Mädchen! Sie sind unfassbar! Egal ob sie schon immer da waren oder erst vor kurzem gekommen sind. Man merkt, dass sie schon tierisch viel Goldstaub eingeatmet haben.
Aber das alles stimmte nicht wirklich. Ich meine die Mädchen, die mir in Berlin über den Weg liefen, die meisten, waren tatsachlich unfassbar. Jedoch atmeten sie keinen Goldstaub. Die Luft, die sie durch ihre wunderschönen Nasen einsogen, war Sehnsucht. Und das war nicht nur hei den Mädchen so.

Ich starre auf die Anzeigetafel. 22:29 Uhr. Es kann nicht mehr lange dauern. Ich muss an die drei Tage zurückdenken, die ich nun in München verbracht habe. Muss an meine Mutter denken. Sie ist Ärztin. Jeden Abend, wenn ich hei meinen Eltern übernachte, stellt sie mir ein weißes Schälchen mit geschnittenen Kiwi-Scheiben auf das Nachtkästchen. L)as hat sie früher schon getan. Und jetzt nervt es mich. Aber in Berlin muss ich trotzdem daran denken. Wenn ich zum Beispiel in einem Club bin und. die ganzen Leute sehe, die wie ich in die Stadt gekommen sind und wie wild tanzen. Alle mit diesem wartenden Blick in den Augen. Der sogar in dem dunklen Clublicht zu erkennen ist. Im Dunkeln vielleicht sogar erst richtig gut zu erkennen. ist. Wie reflektierende Katzenaugen.. Und ich frage mich dann, oh sie irgendwo jemanden haben, der ihnen, egal was passiert, noch immer geschnittene Kiwi-Scheiben auf das Nachtkästchen stellt.

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ISBN 10:  3442541603 ISBN 13:  9783442541607
Verlag: Goldmann Verlag, 2005
Softcover