Und wehmütig bin ich immer noch: Eine Jugend in Berlin - Hardcover

Lamprecht, Günter

 
9783462029284: Und wehmütig bin ich immer noch: Eine Jugend in Berlin

Inhaltsangabe

Lamprecht, Günter: Und wehmütig bin ich immer noch, Eine Jugend in Berlin, Köln, Kiepenheuer & Witsch 2000, 187 S., OPbd. m. OU., EA, vom Autor signiert und datiert

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Über die Autorin bzw. den Autor

Günter Lamprecht, geboren 1930 in Berlin, Ausbildung zum Orthopädiemechaniker, danach Max-Reinhardt Schauspielschule. Bis 1972 Ensemble-Mitglied an verschiedenen Schauspielhäusern in Deutschland, danach freischaffender Theater und Filmschauspieler, über 150 Film und TV-Produktionen, u.a. "Berlin Alexanderplatz"/ Regie Rainer Werner Fassbinder. 1978 und 2000 Goldene Kamera.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Der Verkaufsraum war mächtig demoliert. Wir stolperten über herausgerissene Schubladen, Glassplitter knirschten unter den Schuhsohlen. Hier war fast alles zerstört, zertrampelt, ausgeraubt. Es roch intensiv nach Tabakwaren, süßlich, angenehm. Zertretene Tabakbeutel lagen überall herum. Helmut war vor Stunden schon mal dagewesen und kannte sich aus. Zielstrebig wollte er jetzt die Kasse knacken, die schöne alte Registrierkasse, die noch auf der Verkaufstheke stand. Nach hinten war der Raum durch einen dicken Vorhang getrennt, der mir, halb geöffnet, Einblick gewährte: ein als Büro eingerichtetes Zimmer. Ich erschrak, als ich den Vorhang weiter öffnete und auf einem Stuhl einen älteren Mann wie versteinert sitzen sah. Apathisch starrte er vor sich hin, es muss der Inhaber des Ladens gewesen sein. Helmut versuchte, mit einem Schraubenzieher die Kasse zu öffnen. Das Gesicht des Mannes war von stillem Jammer gezeichnet. Abwesend von dieser Welt, brachte er aus seiner Westentasche einen kleinen Schlüssel zum Vorschein und reichte ihn mir, auf Helmut deutend: "Damit geht es besser." Ich konnte den Schlüssel nicht nehmen, drehte mich weg. "Komm, wir hauen ab, da hinten ist ja noch jemand drin." Helmut meinte: "Der Alte, der hat doch heute morgen schon dagesessen, der tut uns doch nichts." Neben der Eingangstür klemmte ich mir ein paar Kisten Zigarren unter den Arm, verließ den Laden und hörte Helmut noch rufen: "Geh doch nach Hause zur Mami, du feiger Hund." Opa Chiepluch in Bornicke rauchte in den nächsten Wochen teure Zigarren, sein Kautabak war erst mal uninteressant. Immer, wenn Chiepluch sich eine Zigarre anzündete, plagte mich mein Gewissen. Aber die meisten Erwachsenen fanden es doch richtig, "dass denen mal gezeigt wird, wo es langgeht, und ihnen mal Feuer unterm Arsch gemacht wird". Später nannte man den Tag mit Helmut in der Leipzigerstraße "die Reichskristallnacht".

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Verlag: KiWi-Taschenbuch, 2000
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