1. Teuflischer Tritonus
Als der junge Mann stolperte, stieg der Krähenschwarm vor ihm auf wie eine schwarze Gewitterwolke. Es mochten an die hundert Vögel sein, die da mit kräftigen Flügelschlägen Höhe zu gewinnen suchten und davonstoben vor dem lärmenden Eindringling, der sie so plötzlich im Unterholz störte. Er sah ihre aufgerissenen Schnäbel, spürte den Windhauch ihrer Schwingen und den Ärger, den sie fliehend auf ihn hinabschleuderten.
Er mochte Krähen. Dass er manchmal mit Steinen nach ihnen warf, änderte nichts an dem Respekt, den er für sie empfand. Er wollte einfach seine Geschicklichkeit ausprobieren immerhin schossen auch sie manchmal mit ihrem Kot nach ihm. Einmal hatte er eine getroffen. Die Krähe hockte auf einem Kadaver es mochte ein Iltis oder ein Marder gewesen sein und zerrte mit rhythmischen Bewegungen den blutigen Darm aus dem Tier. Der Mann bückte sich, nahm einen Stein, fühlte, dass er gut und satt in der Hand lag, und holte aus. Er traf die Krähe genau am rechten Auge, das spritzend zerplatzte. Nach zwei grotesken Flügelschlägen starb der Vogel, wobei der gedehnte Darm, den er sterbend noch immer im Schnabel hielt, zurückschnellte und den zerschmetterten Krähenkopf mit einem letzten wütenden Picken in den Kadaver hackte.
Jetzt, als er auf dem Waldboden lag und der Vogelschwarm vor ihm aufstieg, schoss ihm das Bild des zerplatzenden Vogelkopfes wieder in den Sinn. Er rieb sich den schmerzenden Fuß, mit dem er an der Wurzel hängen geblieben war, und setzte sich auf. Ein paar Ameisen krabbelten in sinnloser Hektik über seine Beine. Gedankenlos wischte er sie fort. Der Knoten am Fußlappen war aufgegangen, und der löchrige Stofffetzen hing halb abgewickelt im Gebüsch. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er die letzten richtigen Schuhe getragen hatte. Es musste Monate her sein. Leider passten die Schuhe der Frauen ihm nicht. Nur ihre Kleider konnte er verwerten. Soweit er sich erinnerte, hatte die Neue einen Rock aus rotem Leinen. Das würde sicher länger halten als die Fetzen, die er im Moment an seinen Füßen trug; sie hatten einmal zu einem dunkelgrünen Brokatkleid mit Stickerei gehört.
Der junge Mann mit den kräftigen Schultern und dem blonden Schopf zupfte den schmutzigen dunkelgrünen Brokatstoff aus dem Unterholz hervor und schlang ihn wieder um Fuß und Knöchel. Mittlerweile ging ihm das Falten, Umschlagen und Verknoten des Stoffs leicht von der Hand. Er wusste genau, wie er die Stoffbahn führen musste, damit sie unter der Fußsohle keine Falten warf, denn das war beim Gehen besonders unangenehm und verursachte Blasen. Vorsichtig richtete er sich auf. Es tat kaum weh. Die Sonne würde bald untergehen, und ihm blieb nicht mehr viel Zeit. Vorsichtig arbeitete er sich weiter durch den Eichenwald, dessen Laub eine zartgrüne Färbung zeigte, denn es war noch Frühsommer.
Einen Moment lang befürchtete er, er würde die Stelle nicht wiederfinden. Doch dann sah er fünfzig Schritte voraus die Lichtung mit den drei einsam stehenden Erlen und beschleunigte seine Schritte. Endlich wuchsen seine Erregung und seine Anspannung. Es war ganz so, wie er es erwartet, ja ersehnt hatte. Bald würde sich die Schwärze und Stille tief in seinem Innern auflösen, ein greller Lichtstrahl würde hineinschießen und Töne, Klänge und Fanfaren erklingen lassen. Er würde all seine Sinneskraft aufbieten, um diesen Moment zu genießen und auszukosten, um ihn wie einen Schatz in seiner Erinnerung aufzubewahren, damit er ihn jederzeit zum Leben erwecken könnte später, wenn die Stille wieder auf ihm lasten würde, schwarz wie die Nacht, und er seine Augen verfluchen würde wegen ihrer Unzulänglichkeit, ihrer kümmerlichen Beschränktheit und ihrer Unfähigkeit, das Wesentliche zu erkennen.
Dort hinten war es! Er teilte mit den Händen die Zweige und tauchte ein in den drängenden Dschungel. Seit er das letzte Mal hier gewesen war, war das Grün noch üppiger geworden, noch dichter. Überall schossen die Triebe ins Kraut und kämpften um Licht und Raum. Er fluchte leise, als er mit dem Ärmel an frischen Akazienschösslingen hängen blieb, die ihm mit ihren messerscharfen Dornen die Haut ritzten und ihn festzuhalten suchten.
Der schwere Eichendeckel über der Grube lag unverrückt, doch von den Seiten drängte blühendes Unkraut über die Ränder. Angst stieg in ihm hoch. Wenn nun all die Mühe vergebens war? Wenn der Aufschub, durch den er sich eine Steigerung seiner Lust erhofft hatte, zu lang gewesen war?
Er rannte los, stolperte, schlug Zweige zur Seite, fühlte nicht, wie sie seine Wangen peitschten. Schnaufend warf er sich vor dem hölzernen Deckel nieder. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Eichenbretter, zog und zerrte, bis die groben Planken nachgaben, und schob den Deckel mit zitternden Armen vom Loch herunter. Ein kühler Hauch von Moder und Latrine schlug ihm entgegen.
Zunächst sah er nichts, nur Schwärze. Sekundenlang starrte er in die Grube, die er in zweitägiger Arbeit gegraben hatte, mit glatten Wänden, an denen keine Hand Halt finden konnte, und tief genug, dass niemand von unten den Deckel erreichen konnte. Endlich nahm das schwarze Nichts vor seinen Augen Konturen an. Da lag sie, zusammengekrümmt wie eine schlafende Katze, die Arme eng um die angezogenen Knie geschlungen. Wirr hingen ihr die Haare übers Gesicht.
Er fragte sich, ob sie noch lebte, ob die paar achtlos heruntergeworfenen Vorräte und das kleine Luftloch im Eichendeckel ausgereicht hatten, um sie am Leben zu halten.
Wieder bekam er Angst. Er robbte näher an das Loch heran, hängte seinen Oberkörper hinein und stieß einen Laut aus, den er für Rufen hielt. Sie zuckte zusammen, versuchte, rutschend und mit den Füßen scharrend aufzustehen, und reckte ihm ihr weißes Gesicht mit dem stumm geöffneten Mund und den rot geränderten Augen entgegen. Er sah die Panik. Doch er war es leid, sich immer wieder auf seine scheinbar untrügerischen Augen verlassen zu müssen. Wie oft hatte er deren Unzulänglichkeit verflucht, deren lächerliche Oberflächlichkeit, die am Wesen der Dinge vorbeischaute. Wo war die Substanz, die Ehrlichkeit, die Tiefe?
Gierig horchte er in sich hinein, ob er dadurch diese Tiefe fände, doch er vernahm nur das bekannte, verhasste Rauschen: ein sanftes Zischeln, über das sich sein Herzschlag wie eine entfernte Trommel legte. Dahinter stand nur Stille, die umso quälender wurde, je länger er sich auf sie konzentrierte. Dann kam der Lärm: Es brummte, dröhnte und toste in seinen Ohren in einer Lautstärke, die ihn unwillkürlich die Hände vor seine Ohrmuscheln reißen ließ doch es gab ihn nicht wirklich! Da war nur brüllendes Schweigen in absoluter Leere. Wenn etwas ihn aufregte, dann schwoll die Stille in seinen Ohren zu einem brodelnden Rauschen an, in dem sich Töne zu verstecken schienen, manchmal sogar ganze Melodien oder Sätze. Doch sobald er sie festhalten, ihnen nachspüren wollte, zerstoben sie im Nichts, lösten sich auf und ließen ihn zurück mit all seiner Verzweiflung, seiner Taubheit. Er hasste diese lärmende Stille in seinen Ohren, dieses dröhnende Nichts, das ihn verfolgte, wo immer er auch war, was immer er auch tat. Wenn es nicht diese kurzen Momente gäbe, diese grellen Sekunden des Erkennens, in denen sich die Schleusen öffneten und die ganze farbige Fülle der Klänge auf ihn einstürzte wie eine Naturgewalt, dann hätte das Leben keinen Sinn mehr.
Er hatte lange gebraucht, um zu erkennen, was es ihm ermöglichte, das wahre Leben in sich zu wecken. Seit Jahren ging das nun so. Es gab nur zwei Dinge, die diese Erkenntnis auflösten und ihm den Sinn des Lebens zeigten: die Liebe und der Tod. Heute war das Pendel wieder in die eine Richtung ausgeschlagen. Als er daran dachte, überkam ihn die Sehnsucht wie eine heiße Woge, und er erschauerte.
Die Frau in dem Erdloch war erschöpft, doch das entsetzliche Grunzen ihres Peinigers über ihr weckte ihre letzten Überlebensinstinkte. Sie sprang auf, suchte an den glatten Erdwänden nach Halt und wand sich in...
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Softcover. Zustand: Fine. Leichte Abnutzungen; Gebogener Buchrücken. Ludwigsburg 1756. Mehrere Komponisten ringen um die Ehre, mit ihrem Werk das neue Opernhaus des Herzogs Carl Eugen von Württemberg eröffnen zu dürfen. Der Wandersbursche Leander Lautenschläger besitzt eine außergewöhnliche Gabe: Er riecht Töne und er schmeckt Farben. Das junge Musikgenie arbeitet an einer einzigartigen Komposition. Doch seit seiner Kindheit ist Leander fast vollkommen taub und es gibt nur einen Weg für ihn, Töne zu hören: Er muss eine Frau lieben und ihre Leidenschaft ins Unermessliche steigern. Artikel-Nr. 60606123-e1df-4872-b063-ef9c51bcaf89
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Softcover. Zustand: Sehr gut. Deutschland, Mitte des 18. Jahrhunderts: Leander Lautenschläger, ein musikbegabtes Waisenkind, wandert durch das Land, besessen davon, ein ultimatives Meisterwerk zu schaffen. Auf seiner Reise entdeckt er, dass nur Frauen ihm den Zugang zur Welt der Töne ermöglichen können. Zustand: Einband mit geringfügigen Gebrauchsspuren, insgesamt SEHR GUTER Zustand! Stichworte: Genres: Roman, Historisch, Mystery; Schlagworte: Ludwigsburg, 18. Jahrhundert, Musik, Leander Lautenschläger, Krimi, Literatur, Geschichte, Meisterwerk, Heyne, Mystery. 420 Seiten Deutsch 416g. Artikel-Nr. 320466
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