Die packende Fortsetzung von Philip K. Dicks großem Science-Fiction-Thriller "Blade Runner", dessen Verfilmung mit Harrison Ford bis heute Kultstatus besitzt! In den in diesem Band versammelten Romanen "Blade Runner 2" und "Blade Runner 3" setzt K.W. Jeter die Geschichte des Androidenjägers Rick Deckard fort, der sich auf die Suche nach dem verschollenen sechsten Replikanten macht.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
K. W. Jeter, lebt in Portland/Oregon. Er gehört zu den angesehensten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart und gilt als geistiger Erbe von Philip K. Dick, dem er 1972 erstmals begegnete und mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband.
LOS ANGELES AUGUST 2020
1. Wenn sich alle Morde gleichen, wird es Zeit zu gehen.
»Toller Ratschlag«, sagte sich Bryant. »Darauf trinke ich einen.« Ein kräftiger Schluck, und dickflüssiger Sprit umspülte sein Magengeschwür; er bekam kaum noch Luft, während er das schmale Glas wieder auf dem Tisch abstellte und sich nachschenkte. »Darum habe ich mich ja für einen Schreibtischjob entschieden.«
Der Notizzettel mit den weisen Worten trieb am Rande seines Gesichtsfelds. Er hatte die untere Schublade aufgezogen, die quadratische Flasche herausgeholt, und die Vergangenheit hatte daran gehaftet wie eine erst halb abgestreifte Schlangenhaut. Jeder geniale Einfall, jede Erleuchtung um drei Uhr früh, jeder nicht in die Tat umgesetzte Gedanke an Selbstmord war dort von ihm abgelegt worden. Bis die Schublade eine Wanderdüne aus gelben Fetzen beherbergte, den kläglichen Rest seiner ganzen gottverdammten Cop-Karriere, das und genug Bares aus der Rentenkasse, um sich einen Teufel darum scheren zu müssen. Die Zettel in der Schublade, manche sorgsam gefaltet, manche zerknüllt, bildeten eine genaue Nachbildung seines Schädelinhalts; sollten die Seelenklempner des Police Departments in das eine oder andere jemals hineinschauen, dann würden sie ihn schleunigst wegen psychischer Störungen auf unbestimmte Zeit vom Dienst suspendieren
»Drecksäcke.« Während er darüber nachsann, hatte sich das Glas, ohne dass er es merkte, geleert. Bryant grub einen Finger in seinen wabbeligen Kehlkopflappen und lockerte den Schlips. Der Sauerstoff der Zentrale, durchsetzt mit Pheromonen der Angst und Verzweiflung, sickerte in seine Lungen. Der Ventilator auf dem Aktenschrank bemühte sich, die vom Staub schwere Luft zu bewegen.
Durch die Sohlen der bescheuerten Cop-Schuhe hindurch spürte er, wie unter seinen Füßen die Erde bebte. In einem unbeleuchteten Tunnel glitt auf eisernen Schienen der Rep-Zug dahin, trug seine stumme, wachsame Fracht einer anderen Art Dunkelheit entgegen. Er neigte die Flasche, und braune Flüssigkeit ergoss sich über den Glasrand.
»Du trinkst zu viel.«
Bryant wusste, dass das nicht seine Stimme war. Keine der Stimmen in ihm hätte jemals etwas so Dämliches gesagt. Er blinzelte, um die andere Seite des Büros deutlicher ausmachen zu können. Er erkannte die Person daran, wie der Schatten über ihre Wangenknochen fiel.
»Ich trinke«, erwiderte Bryant, »weil ich trinken muss. Ich bin ausgedörrt.«
Wenigstens entsprach das der Wahrheit. Er war gerade von einer Department-Bestattung wieder in die Kuppelhalle der Zentrale zurückgekehrt und der vollen Sonnenglut ausgesetzt gewesen, als man einen der ihren in ein rechteckiges Loch im Boden geworfen hatte. Der bescheuerte Hurensohn Gaff hatte es endlich geschafft, sich durch sein Gequassel eine Kugel einzufangen, die groß genug war, dass man ihn in zwei Kisten hätte begraben können. Die in einer Doppelreihe angetretene Ehrenwache des Departments hatte die Gesichter mit den Silberlinsen zum Himmel erhoben, gefeuert, die Waffen wieder eingesteckt, auf den glänzenden Stiefelabsätzen kehrtgemacht und war davonmarschiert. Er hatte gespürt, wie ihm der blutwarme Schweiß unter den Kragen kroch.
Als alle anderen schon weg waren, hatte er noch immer dagestanden und auf die Messingtafel im frischen Erdreich und siechgelben Gras hinabgestarrt. Die Widmung unter Gaffs Namen war in dieser grauenhaft affektierten Stadtsprache abgefasst. In dem Moment hatte es ihm wirklich Leid getan, dass er von der Hitze so ausgedörrt war: Sonst hätte er sie weggeätzt und den eigenen Namen in das dampfende Metall eingraviert. Er hatte Gaff noch nie ausstehen können.
Die andere Person im Büro inhalierte und stieß den Rauch wieder aus; der sich langsam drehende Ventilator verschmierte ihn zu blauem Dunst. »Wenn Whiskey Wasser wäre, hättest du inzwischen schon nach China schwimmen können.« Ein dünnes Lächeln regte sich hinter der Kippe.
»Ich sag dir mal was. Du kannst mir helfen, mich zu retten. Vor dem Ersaufen.« Er holte das zweite Glas aus der Schublade, stellte es neben seines und schenkte ein; er schaute zu, wie die andere Person es aus dem Lichtschein der Schreibtischlampe zog. »Ist eine schlechte Angewohnheit, allein zu trinken.«
»Dann solltest du versuchen, deine Freunde länger zu behalten.«
»Ich hatte nie welche.« Jetzt war es an Bryant zu lächeln, nikotingelbe Zähne und viel zu helle Augen. »Bloß die armen Schweine, die für mich arbeiten.« Noch ein brennender Schluck. »Und Blade Runner leben zu nah an der Kurve, um jemandes Freund zu sein.«
Ein Lächeln, sogar kälter als seins. »Das ist auch deren Entschuldigung.«
Er blickte vom anderen weg und zur Jalousie mit den schräg gestellten Lamellen vor den Bürofenstern. Nicht die in schwüler Hitze erstarrte Nacht von Los Angeles war durch die engen Schlitze zu sehen, sondern die dunkleren Bereiche im Erdgechoss der Polizeiwache. Als er durstig und voller Abscheu vor den gottverdammten primitiven Blutriten des Departments von der Bestattung zurückgekehrt war Wenn ich einmal ins Gras beiße, hatte er grimmig gedacht, dann können sie meine Reste genauso gut draußen in die Müllverwerter werfen , war er an Mitgliedern der Elitetruppe vorbeigekommen, die, hoch gewachsen und ohne einen Tropfen Schweiß zu verlieren, in Kanonenstiefeln und schwarz polierter Montur dastanden. Er war sich neben ihnen wie ein Wurm vorgekommen, und ihr brutaler Blick hatte sich nadelspitz zwischen seine Schulterblätter gebohrt. Angesichts der Verachtung durch diese stoische Pracht war er in die brüchige Sicherheit seines Büros geeilt und hatte seinen gewohnheitsmäßigen Drink um eine Stunde vorverlegt.
Gottverdammte Sturmtruppen jetzt waren sie alle weg, schwarze Lederengel, die von der untergehenden Sonne durch die spiralförmigen Stockwerke der Polizeiwache nach oben gezogen wurden. In dieser Jahreszeit drückte der trockene Wind, der vom Horizont heranfegte, die Nachttemperatur auf Grade im dreißiger Bereich; das war tief genug, dass die Stadtbewohner aus den Löchern krochen und die Patrouillen sich über den Himmel verteilten. Um Wacht zu halten und herabzufahren
»Damals hat es auch geregnet.« Bryant murmelte die Worte gegen den Glasrand. »Ich weiß noch « Die Monsune von Los Angeles, die Gewitter über dem Pazifik mit Bangkok als Endstation. Die Erinnerung durchzuckte ihn wie ein Kugelblitz: Er konnte sich sehen, wie er sich wieder dem Schwebewagen zuwandte, während verdünntes Blut in den Rinnstein lief und das arme Schwein einfach nur dastand. Eine Überwachungskamera hatte seine Worte auf Band festgehalten: Trink einen auf mich, ja? Das riet er jedem.
Noch jemand hatte zugesehen, von der anderen Straßenseite aus, der Regen ein wallender Vorhang. Er hatte einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel des Schwebewagens geworfen und sie erblickt. Er hätte Gaff veranlassen können, den Schwebewagen zu wenden; er hätte umkehren und sie persönlich töten können. Aber er hatte es nicht getan. Er wollte, dass Deckard es tut.
Das war vor langer Zeit gewesen, als es geregnet hatte. »Gar nicht mal so lange her « Ein Flüstern, als er das leere Glas auf dem Schreibtisch absetzte. Sein Blick löste sich von den Bildern in seinem Kopf und legte sich auf das düstere Gewölbe mit der hohen Decke hinter der Jalousie. Verlassen jetzt, zugesperrt, abgeriegelt
Ein weiterer Gedanke plagte Bryant, verursachte einen Juckreiz in seinem Kopf. Er drehte sich mit dem Stuhl herum. »Wie bist du reingekommen?«
»Es gibt Möglichkeiten.« Die Person im Schatten betrachtete das Glas, das sie in der Hand hielt. »Es gibt immer Möglichkeiten. Das weißt du doch.«
»Ja, schätze schon.« Es war die falsche Frage gewesen. »Aber wieso? Wieso bist du hergekommen? Ich hätte nie geglaubt, dich hier noch einmal zu sehen.«
»Ich hab dir was mitgebracht.«
Er sah zu, wie das Glas, an dessen Inhalt gerade mal genippt worden war, neben seinem abgestellt wurde. Die andere Person lehnte sich auf...
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