Die Invasion: Roman - Softcover

Werber, Bernard

 
9783453527263: Die Invasion: Roman

Inhaltsangabe

Sie sind unter uns ...

Als Jonathan Wells das Haus seines Onkels erbt, ahnt er nicht, was dort im Dunkel des Kellers lauert. Denn sein Onkel, ein ehrgeiziger Biologe und Ameisenforscher, hat in den abgelegenen Räumen des Hauses seine gefährlichsten Experimente untergebracht: Ameisenvölker, deren kollektive Intelligenz ein unglaubliches Niveau erreicht hat. Und die einen grausamen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschheit planen ...

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Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Der Notar erklärte, das Haus stehe unter Denkmalschutz und während der Renaissance hätten Gelehrte darin gewohnt. Wer genau, wisse er nicht mehr.
»Die Wohnung selbst ist ein wenig sonderbar, es handelt sich nämlich um ein Kellergeschoss. Aber dafür ganz schön geräumig! Zweihundert Quadratmeter!«
Sie stiegen die Treppe hinunter und gelangten in einen dunklen Flur. Dort tappte der Notar lange herum, bis er hervorstieß: »Ah, verflixt! Das funktioniert nicht.«
Sie drangen in die Finsternis vor, tasteten sich geräuschvoll an den Wänden entlang. Als der Notar endlich die Tür gefunden, sie geöffnet und, diesmal erfolgreich, auf den Lichtschalter gedrückt hatte, sah er, dass sein Klient blass geworden war.
»Stimmt etwas nicht, Monsieur Wells?«
»Eine Art Phobie. Nicht so schlimm.«
»Angst vor der Dunkelheit?«
»Genau. Aber es geht schon wieder.«
Sie besichtigten die Räumlichkeiten. Obwohl die Wohnung nur durch einige schmale und in Höhe der Decke gelegene Kellerfenster mit der Außenwelt verbunden war, gefiel sie Jonathan.
Sämtliche Wände waren in einem einheitlichen Grau tapeziert, und überall war Staub ... Aber er wollte nicht mäkelig sein.
Seine derzeitige Wohnung war nur ein Fünftel so groß. Außerdem verfügte er nicht über die Mittel, künftig die Miete zu zahlen: Das
Schlüsseldienstunternehmen, für das er arbeitete, hatte vor kurzem beschlossen, auf seine Dienste zu verzichten.
Diese Hinterlassenschaft seines Onkels Edmond war wirklich ein Glücksfall.

Zwei Tage später zog er mit seiner Frau Lucie, seinem Sohn Nicolas und ihrem Hund Ouarzazate, einem geschorenen Zwergpudel, in das Haus Nummer 3 an der Rue des Sybarites ein.
»Ich finde das gar nicht so schlecht«, erklärte Lucie und reckte ihren dichten roten Haarschopf hoch. »Bei den grauen Wänden hier können wir uns so einrichten, wie wir wollen. Es muss ohnehin alles neu gemacht werden. Als müsste man ein Gefängnis in ein Hotel verwandeln.«
»Wo ist mein Zimmer?«, fragte Nicolas.
»Hinten rechts.«
»Wuff, wuff«, machte der Hund und begann nach Lucies Waden zu schnappen, ohne Rücksicht darauf, dass sie das Hochzeitsgeschirr auf dem Arm hatte.
Aus diesem Grund wurde er prompt in die Toilette geschickt, und sie sperrten die Tür zu, denn er war in der Lage, zur Klinke hochzuspringen und sie herunterzudrücken.
»Kanntest du den gut, deinen spendablen Onkel?«, fragte Lucie.
»Onkel Edmond? Nein, ich kann mich nur erinnern, wie er mich immer als Flugzeug durch die Luft gewirbelt hat, als ich ganz klein war. Einmal hatte ich solche Angst, dass ich ihn vollgepinkelt habe.«
Sie lachten.
»Warst schon immer ein Angsthase, was?«, neckte ihn Lucie. Jonathan tat so, als hätte er nichts gehört.
»Er war mir nicht böse. Er meinte bloß zu meiner Mutter: >Schön, jetzt wissen wir wenigstens, dass aus ihm nie ein Flieger wird ...< Später hat mir Mama erzählt, dass er meine Entwicklung aufmerksam verfolgt hat, aber ich habe ihn nie mehr wiedergesehen.«
»Was war er von Beruf?«
»Er war Wissenschaftler. Biologe, glaube ich.«
Jonathan blickte nachdenklich drein. Im Grunde war ihm sein Wohltäter vollkommen unbekannt.

6 km davon entfernt: BEL-O-KAN 1 Meter hoch
50 Etagen unterhalb der Erde
50 Etagen über der Erde
Größte Stadt der Region
Geschätzte Einwohnerzahl: 18 Millionen

Jährliche Produktion:

50 Liter Blattlaushonigtau 10 Liter Schildlaushonigtau 4 Kilogramm Lamellenpilze Kiesausstoß: 1 Tonne Benutzbare Gänge: 120 km Fläche am Boden: 2 m2

Ein Sonnenstrahl ist eingedrungen. Ein Bein zuckt. Die erste Bewegung seit Beginn des Winterschlafs vor drei Monaten. Ein anderes Bein, das in zwei Krallen endet, die sich allmählich spreizen, macht langsam einen Schritt nach vorne. Ein drittes löst sich aus der Starre. Dann ein Thorax. Dann ein Wesen. Dann zwölf Wesen.
Sie zittern, um ihr durchsichtiges Blut durch das Netz ihrer Adern zirkulieren zu lassen. Es geht von zähflüssigem in likörartigen, dann in flüssigen Zustand über. Nach und nach setzt sich die kardiale Pumpe wieder in Gang. Sie treibt den Lebenssaft bis in die Enden der Glieder. Die Biomechanismen erwärmen sich. Die hyperkomplexen Gelenke drehen sich. Überall verschieben sich die Kniescheiben mit ihren schützenden Platten, um den Punkt der äußersten Dehnbarkeit zu finden.
Sie stehen auf. Ihre Körper schöpfen Luft. Ihre Bewegungen wirken verzerrt. Ein Zeitlupentanz. Sie räkeln sich leicht, schütteln sich. Ihre Vorderbeine vereinen sich wie zum Gebet, aber nein, sie befeuchten ihre Krallen, um die Antennen zu reinigen.
Die zwölf, die aufgewacht sind, reiben sich gegenseitig ab. Dann versuchen sie, ihre Nachbarn zu wecken. Aber sie haben kaum Kraft, ihre eigenen Körper zu bewegen, sie können noch keine Energie weitergeben. Sie lassen davon ab.
Und so bahnen sie sich mühsam einen Weg inmitten der statuengleichen Körper ihrer Schwestern. Sie krabbeln auf die Große Außenwelt zu. Ihr Organismus mit dem noch kalten Blut muss die Energie aufnehmen, die das Tagesgestirn bietet.

Ermattet rücken sie vor. Jeder Schritt schmerzt. Sie haben so große Lust, sich wieder hinzulegen, friedlich dazuliegen wie Millionen ihresgleichen! Aber nein. Sie sind die Ersten, die erwacht sind. Es ist nun ihre Pflicht, die ganze Stadt wiederzubeleben.
Sie durchdringen die Hülle der Stadt. Zwar blendet sie das Sonnenlicht, doch der Kontakt mit Energie in ihrer reinsten Form stärkt sie enorm.

Sonne, durchdringe unsre hohlen Panzer Bewege unsre schmerzenden Muskeln Und vereine unsre ungleichen Gedanken.

Das ist ein altes Morgenlied der roten Ameisen aus dem hundertsten Jahrtausend. Schon damals hatten sie Lust, beim ersten Kontakt mit der Wärme innerlich zu jubilieren.
Kaum draußen, beginnen sie sich systematisch zu waschen. Sie sondern einen weißen Speichel ab und bestreichen damit ihre Kiefer und ihre Beine.
Sie bürsten sich ab. Das ist eine einzige, immergleiche Zeremonie. Zuerst die Augen. Die eintausenddreihundert kleinen Einzelaugen, die jedes Facettenauge kugelrund formen, werden entstaubt, befeuchtet, getrocknet. Genauso gehen sie bei den Antennen vor, bei den unteren Gliedern, den mittleren und den oberen Gliedern. Zum Schluss putzen sie ihre schönen roten Panzer, bis sie glänzen wie Tropfen aus Feuer.

Unter den zwölf, die aufgewacht sind, ist ein zur Fortpflanzung bestimmtes Männchen. Es ist ein wenig kleiner als der Durchschnitt der belokanischen Bevölkerung, hat schmale Oberkiefer, und ist darauf programmiert, nicht länger als einige Monate zu leben. Aber dafür ist es auch mit Vorzügen ausgestattet, die seinen Mitbrüdern vorenthalten sind.

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