Monde: Roman - Softcover

Simmons, Dan

 
9783453525795: Monde: Roman

Inhaltsangabe

Fly me to the Moon ...


Als Teilnehmer einer Mondexpedition erlebt der Astronaut Richard Baedecker einen unvergesslichen Spaziergang auf dem Erdtrabanten. Doch Jahre später, nach der Rückkehr zur Erde, gerät sein Leben völlig aus den Fugen, ja scheint die Wirklichkeit plötzlich ihre Substanz zu verlieren. Und all das hängt offenbar auf geheimnisvolle Weise mit dem Flug zum Mond zusammen. Was ist damals tatsächlich dort geschehen? Ist der Mond wirklich nur ein leerer, verlassener Ort? Auf der Suche nach einer Antwort macht sich Richard auf eine fantastische Reise …


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Über die Autorin bzw. den Autor

Dan Simmons wurde 1948 in Illinois geboren. Nach dem Studium arbeitete er einige Jahre als Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Simmons ist heute einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Seine Romane "Terror", "Die Hyperion-Gesänge" und "Endymion" wurden zu internationalen Bestsellern. Der Autor lebt mit seiner Familie in Colorado, am Rande der Rocky Mountains.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

PanAm-Flug 001 ließ das Mondlicht hinter sich und versank in Wolken und Dunkelheit, als die Maschine behutsam zur Landung in Neu-Delhi ansetzte. Baedecker, mit Blick auf die Backbordtragfläche, konnte fühlen, wie das Gewicht an ihm zog, und verspürte das Unbehagen des ehemaligen Piloten, der gezwungen ist, einen Flug als Passagier zu erdulden. Die Reifen berührten den Asphalt in einer beinahe perfekten Landung, und Baedecker sah auf die Uhr. Es war 3 Uhr 47 Ortszeit. Winzige Schmerzsplitter tanzten hinter seinen Augen, als er am blinkenden Tragflächenlicht vorbei zu den dunklen Umrissen von Wassertürmen und Wartungshallen hinüberspähte, die in einigem Abstand vorbeirollten. Jetzt drehte die gewaltige 747 scharf nach rechts und glitt zum Ende der Rollbahn. Der Lärm der Maschinen schwoll ein letztes Mal an, dann verstummten sie, und Baedecker blieb mit dem müden Pochen seines eigenen Pulses in den Ohren zurück. Er hatte seit vierundzwanzig Stunden nicht mehr geschlafen.
Noch ehe die sich mühsam vorwärtsbewegende Schlange den Ausgang erreicht hatte, begannen Hitze und Luftfeuchtigkeit auf Baedecker einzustürmen. Als er von der Rampe auf den klebrigen Asphalt trat, wurde er sich der gewaltigen Masse des Planeten unter sich bewusst, zu der noch die Last der Hunderte Millionen jämmerlicher Seelen hinzukam, die den Subkontinent bevölkerten, und er zog die Schultern gegen den unerbittlichen Sog der Depression nach oben.
Ich hätte den Werbespot für die Kreditkarte machen sollen, dachte Baedecker. Er stand mit den anderen Passagieren im Halbdunkel und wartete auf den blauweißen Flughafenbus, der über die dunkle Fläche des Asphalts auf sie zudröhnte. Die Schalterhalle war ein fernes Flimmern am Horizont. Wolken reflektierten die Reihen der Blinklichter jenseits der Startbahn.
Es wäre nicht besonders schwierig gewesen. Sie hatten nur von ihm verlangt, dass er sich vor die Kameras und Scheinwerfer setzte, lächelte und sagte: "Kennen Sie mich? Vor sechzehn Jahren bin ich auf dem Mond spazieren gegangen. Aber das nützt mir nichts, wenn ich einen Flug reservieren oder mein Essen in einem französischen Café bezahlen möchte." Noch zwei Zeilen ähnlicher Floskeln, dann der Standardschluss, bei dem sein Name in die Plastikkarte gestanzt wurde - RICHARD E. BAEDECKER.
Das Zollgebäude glich einer riesigen Lagerhalle. Gelbe Natriumdampflampen hingen von den Deckenbalken und ließen die Haut fettig und wächsern wirken. Baedeckers Hemd klebte schon an einem Dutzend Stellen am Körper. Die Schlange bewegte sich nur langsam voran. Baedecker war an die Arroganz von Zollbeamten gewöhnt, aber diese kleinen schwarzhaarigen Männer in ihren braunen Hemden schienen neue Höhen behördlicher Unfreundlichkeit anzustreben. Drei Plätze vor Baedecker wartete eine Frau mit ihren zwei Töchtern, alle drei in bescheidene Baumwollsaris gekleidet. Der Beamte hinter dem zerkratzten Tresen verlor angesichts ihrer Antworten offenbar die Geduld und warf ihre beiden billigen Koffer auf den Boden des Schuppens. Bunte Kleider, BHs und zerrissene Unterwäsche quollen in unordentlichen Haufen heraus. Der Zollbeamte drehte sich zu seinem Kollegen um und bedachte ihn mit einem Wortschwall auf Hindi, worauf beide grinsten.
Baedecker war fast eingedöst, als er merkte, dass einer der Zollbeamten ihn ansprach.
"Pardon?"
"Ich sagte: Mehr haben Sie nicht zu verzollen? Sonst bringen Sie nichts mit?" Der Singsang des indischen Englisch kam Baedecker seltsam vertraut vor. Er kannte ihn von indischen Hotelangestellten auf der ganzen Welt. Nur hatten deren Stimmen nichts von diesem seltsamen Argwohn und Zorn.
"Ja. Das ist alles." Baedecker nickte zu dem rosa Formular, das sie vor der Landung hatten ausfüllen müssen.
"Mehr haben Sie nicht? Nur eine Tasche?" Der Beamte hielt Baedeckers alte, schwarze Reisetasche hoch, als wäre Schmuggelware oder Sprengstoff darin.
"Das ist alles."
Der Mann betrachtete das Gepäckstück verdrossen, dann reichte er es einem anderen Mann im braunen Hemd weiter. Dieser kritzelte mit einer heftigen Bewegung ein X auf die Tasche, als könnte er damit das Böse austreiben, das darin lauerte.
"Weitergehen. Weitergehen." Der erste Zollbeamte winkte ungeduldig.
"Danke", sagte Baedecker. Er nahm die Reisetasche und wanderte in die Dunkelheit jenseits des Zollgebäudes hinaus.
Nichts als tiefe Schwärze hatte sich ihnen geboten. Zwei schwarze Dreiecke. Nicht einmal die Sterne waren in der letzten Phase des Landeanflugs sichtbar gewesen. Sie standen steif in ihren unförmigen Druckanzügen, festgezurrt von einer ganzen Reihe von Gurten und Bügeln und nichts als den konturlosen schwarzen Himmel vor Augen. Während der letzten Zündung und der Abstiegsphase war die Landefähre nach hinten geneigt gewesen, so dass die Mondoberfläche nicht unter ihnen zu sehen gewesen war. Erst in den letzten Minuten hatte Baedecker einen Blick auf das gleißende Geröll der Mondoberfläche.
Genau wie in den Simulationen, hatte er gedacht. Schon damals, während der Landung, hatte er gewusst, dass es mehr sein müsste. Dass er mehr empfinden, mehr spüren sollte. Doch während er automatisch auf die Korrekturen und Anfragen von Houston reagierte, gehorsam die entsprechenden Zahlen in den Computer eingab und Dave die Ergebnisse vorlas, ging ihm immer wieder derselbe unpassende Gedanke durch den Kopf: Genau wie in den Simulationen.


"Mr. Baedecker!" Er brauchte eine Minute, bis der Ruf zu ihm durchdrang. Jemand rief seinen Namen, und zwar schon eine ganze Zeit. Baedecker wandte sich in der Gasse zwischen dem Zollgebäude und der Schalterhalle hin und her und schaute sich um. Tausende Insekten tanzten im Schein der Lampen. Weißgekleidete Menschen schliefen auf den Gehwegen oder kauerten an den düsteren Gebäuden. Dunkelhäutige Männer in weißen Hemden lehnten an schwarzgelben Taxen. Er drehte sich gerade in die andere Richtung, als ihn das Mädchen einholte.
"Mr. Baedecker! Hallo." Sie blieb mit einem anmutigen Halbschritt stehen, warf den Kopf zurück und holte tief Luft.
"Hallo", erwiderte Baedecker. Er hatte keine Ahnung, wer die junge Frau war, wurde aber von einem starken Gefühl von Déjà-vu heimgesucht. Wer, um alles in der Welt, sollte ihn um halb fünf Uhr morgens in Neu-Delhi begrüßen? Jemand von der Botschaft? Nein, die wussten nicht, dass er hier war, und wenn, wäre es ihnen egal. Jedenfalls inzwischen. Bombay Electronics? Kaum. Nicht in Neu-Delhi. Und bei dieser jungen Blondine handelte es sich eindeutig um eine Amerikanerin. Baedecker, der sich Namen und Gesichter nie merken konnte, verspürte die altbekannte Aufwallung von Schuldgefühl und Verlegenheit. Er zermarterte sich das Gedächtnis. Nichts.


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