Die Wahrheit kennen nur die Toten
In einer verlassenen Schlachterei in Maryland werden drei Frauenleichen entdeckt, Opfer eines Serienkillers, der seinen Opfern eine Gasmaske überstreift und sie dann qualvoll erhängt. Das FBI ist dem Mörder auf der Spur, dem es in letzter Sekunde immer wieder gelingt, zu entkommen. Aus diesem Grund zieht die Polizei die blinde Sonderermittlerin Sherry Moore hinzu. Sie ist in der Lage, durch Handauflegen die letzten achtzehn Sekunden im Leben der Opfer zu durchleben. Doch der Killer ist vorbereitet. Ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
George D. Shuman wuchs auf einer Farm in den Allegheny Mountains im Südwesten von Pennsylvania auf. Anfang der siebziger Jahre zog er nach Washington D.C., wo er als verdeckter Ermittler für die Drogenpolizei tätig war. Im Anschluss arbeitete er als Beauftragter für Sonderaufgaben in der Abteilung für interne Angelegenheiten. Lieutenant Commander Shuman zog sich nach zwanzig Jahren aus dem Polizeidienst zurück und leitete die Abteilung für Personalentwicklung eines internationalen Hotelmanagement-Unternehmens. Mitte der neunziger Jahre zog er nach Nantucket, Massachusetts, wo er ein Konsortium aus Luxushotels leitete. George D. Shuman hat zwei erwachsene Kinder und lebt heute als freier Schriftsteller in Pennsylvania und North Carolina. Mit seinem Debütroman "18 Sekunden" gelang ihm auf Anhieb ein internationaler Bestseller.
»Shuman hat eine großartige Gabe dafür, die Angst spürbar zu machen.«
Publishers Weekly
"Fesselnd bis zum Schluss!"
Kirkus Reviews
28. September 1984 Norwich, Connecticut
Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass das rote Kleid für den heutigen Tag nicht ganz passend war. Auch das blaue war gewiss hübsch, sie hatte es schon zweimal anprobiert. Aber je länger sie überlegte, umso sicherer war sie sich, dass es das grüne Kleid sein musste. Ja, grün war ideal für heute.
"Grün", sagte sie zufrieden und breitete das Kleid auf dem Bett aus. Sie legte Nylonstrümpfe, Slip und Schmuck daneben und ging im Unterrock nach unten, um zum dritten Mal an diesem Morgen im Wohnzimmer Staub zu saugen.
Um neun Uhr saß sie am Küchentisch und rührte ihren Tee um, den sie nicht vorhatte zu trinken. Sie stand zweimal auf - einmal, um nach Zigaretten zu suchen, was sie jedoch schon nach wenigen Augenblicken vergaß, sodass sie mit leeren Händen zu ihrem Platz zurückkehrte; das zweite Mal, als es an der Tür klingelte - doch wie immer war niemand draußen.
Sie kaute an ihren Fingerknöcheln herum, starrte auf den Kühlschrank und spürte förmlich, wie die Zeit verging. An der Gummidichtung der Kühlschranktür waren Schimmelflecken - ein Fall für Mr. Clean, Clorox oder Natural Citrus - sie merkte sich nie, welches Mittel das richtige war.
Das sind nur die Nerven, sagte sie sich und lachte laut auf. "Ich Dummerchen." Sie kniff sich ins Handgelenk, bis es wehtat, und blickte auf den Sekundenzeiger an der gelben Sunburst-Wanduhr. "Eins", sagte sie laut, dann: "zwei" - doch bei "acht" versagte ihr die Stimme, und die erste Träne des Tages fiel in ihren Tee.
Sie betrachtete das Kräuseln der Flüssigkeit und suchte nach irgend einem Zeichen. Warum fühlte sie überhaupt nichts? Warum erinnerte sie sich an nichts? Was fehlte ihr, das alle anderen offenbar hatten?
Sie atmete die Wärme ein, die von der Tasse aufstieg, den süßen Duft von Zimt und Sassafras, und ein säuerliches Lächeln trat auf ihre Lippen. Es hätte ihr durchaus gefallen, wenn die Leute sie für etwas exzentrisch gehalten hätten -exzentrisch war gerade absolut in -, aber in Wahrheit war bei ihr irgend wo eine Schraube locker. Das war das Problem, und alle wussten es.
Das Kräuseln im Tee legte sich. Sie beobachtete, wie sich ihr Spiegelbild in ein Lebkuchenmädchen verwandelte - mit einem Stirnreif aus süßen Perlen. Sie lächelte bei der Erinnerung daran, als sie mit ihrer Großmutter Teig ausrollte. Aber nur für einen Augenblick. Da war ein dunkler Schatten hinter der Frau, der Böses ahnen ließ.
Das Bild von der Lebkuchenfigur begann sich im Tee aufzulösen - zuerst brach ein Arm weg, dann ein Bein, bis schließlich auch der Kopf in der dunklen Flüssigkeit versunken und das Mädchen verschwunden war.
Sie hörte die Mittagsglocken von "Our Lady of Joy" in der Madison Street läuten. Ihr Blick wanderte zur Uhr, dann zum Telefon an der Wand und schließlich zu der Einkaufsliste auf dem Kühlschrank. Immer wieder an diesem Vormittag hatte sie an den Kühlschrank gedacht, doch es wollte ihr nicht einfallen, warum.
Sie atmete tief durch. Wie schnell der Vormittag vergangen war. Nie schien sie genug Zeit zu haben, um irgend etwas zu tun.
"Lebensmittel und die Farbe Grün", sagte sie in ruhigem Ton. Darum hatte sie auch das grüne Kleid ausgesucht. Es sollte sie an etwas erinnern. Aber an was?
Vielleicht wusste es John. John wusste alles. Sie wollt e ihn anrufen, aber sie würden ihr nur sagen, dass er beschäftigt war. Das sagten sie jedes Mal. Immer war er beschäftigt, immer musste er arbeiten - konnten sie denn nicht verstehen, wie dringend sie ihn manchmal sprechen musste?
Sie begann zu zittern. Mit einem Mal war ihr kalt hier im Haus.
Erneut fiel ihr Blick auf das Telefon, dann auf die Tür zum Wohnzimmer. Vielleicht sollte sie den Fernseher einschalten und nach dem Wetter sehen. Vielleicht würde sie einen Regenmantel brauchen, wenn sie hinausging. "Nein, nein, dummes Mädchen. Sie haben doch gesagt, dass es die se Woche nicht regnen wird. Du suchst nur nach irgendeinem Vorwand, damit du nicht hinaufgehen musst."
Sie legte eine Hand an ihre Brust, atmete tief durch und ließ ihre Finger unter das seidene Unterhemd schlüpfen. Sie schloss die Augen und massierte ihre Brust, mit dem Daumen an der Brustwarze, bis sie hart wurde. Tränen liefen ihr die Wangen hinunter, und sie stand langsam auf. Die Hand immer noch auf der Brust, ging sie zur Treppe hinüber.
Die Maske lag in der untersten Schublade unter einem gelben Trainingsanzug, den sie bei Neiman Marcus gekauft hatte. Sie hatte keine Ahnung, was sie mit einem Trainingsanzug anfangen wollte. Nie hatte sie etwas anderes als knielange Kleider getragen. Das war das Einzige, was sie als Kind hatte anziehen dürfen, und es war das Einzige, was sie als Erwachsene anziehen wollte.
Außerdem hatte sie immer noch die gleiche Figur wie in ihrer Highschoolzeit. Trainingsanzüge waren etwas für Frau en, die entweder abzunehmen versuchten oder akzeptiert hatten, dass sie es nicht schaffen würden. Das sagte jedenfalls ihre Nachbarin Celia.
Und das war der Grund, warum sie den gelben Trainingsanzug noch nie angezogen hatte.
Celia? Warum fiel ihr gerade Celia ein? Und warum erinnerte Celia sie an die Einkaufsliste?
Es war Freitag. Sie brauchten alles - Milch, Eier, Brot -, obwohl sie erst am Dienstag einkaufen war. Warum hatte sie die Sachen bloß nicht schon am Dienstag besorgt? Je älter man wurde, umso vergesslicher wurde man, wie Celia immer im Scherz meinte.
Sie schloss die Augen und schürzte die Lippen. "Konzentrier dich", redete sie sich zu. "John sagt, du konzentrierst dich einfach nicht genug. Darum vergisst du immer alles."
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