Hannibal Rising: Roman - Softcover

Buch 1 von 4: Hannibal Lecter

Thomas Harris

 
9783453432642: Hannibal Rising: Roman

Inhaltsangabe

Wie Hannibal Lecter zum Kannibalen wurde

Der Dämon erwacht: Thomas Harris führt uns in die Kindheit des genialen, äußerst kultivierten und monströsen Serienkillers. Er enthüllt den Albtraum, den Hannibal erlebt und der ihn bald zu eigenen Gräueltaten treibt.
Das dunkle Trauma des Hannibal Lecter – die atemberaubende Vorgeschichte zu den Welterfolgen „Roter Drache“, „Das Schweigen der Lämmer“ und „Hannibal“.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Thomas Harris beginnt seine Karriere als Journalist und schreibt hauptsächlich über Gewaltkriminalität in den USA und Mexiko. Danach ist er in New York als Reporter und Redakteur bei Associated Press angestellt. 1973 schreibt er seinen ersten Roman Black Sunday. Sein größter Erfolg wird 1988 das Buch Das Schweigen der Lämmer, das wochenlang die Bestsellerliste der New York Times anführt und auch als Verfilmung 1991 einen Oscar als bester Film erhält.

Aus dem Klappentext

"Hannibal Lecter - der Graf Dracula der Computer- und Handy-Ära."
Stephen King

"Harris will uns schocken - und das kann er wie kein Zweiter."
Focus

"Hannibal Lecter war einer der literarischen Geniestreiche der vergangenen Jahrzehnte."
Frankfurter Rundschau

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

PROLOG

Die Tür zu Dr. Hannibal Lecters Gedächtnispalast befindet sich in dem Dunkel im Zentrum seines Geistes, und sie hat eine Klinke, die nur mit dem Tastsinn gefunden werden kann. Dieses eigenartige Portal öffnet sich auf äußerst große und gut beleuchtete Säle, früher Barock, und auf Gänge und Kammern, die es an Zahl und Vielfalt mit denen des Topkapi-Museums aufnehmen können.
Überall sind Ausstellungsstücke, großzügig gehängt und gut beleuchtet, jedes an Erinnerungen gekoppelt, die in geometrischer Folge zu anderen Erinnerungen führen.
Säle, die Hannibal Lecters frühesten Jahren gewidmet sind, unterscheiden sich insofern von den anderen Archiven, als sie unvollständig sind. In einigen Fällen handelt es sich um statische Szenen, bruchstückhaft, wie bemalte attische Scherben, zusammengehalten von nacktem Gips. Andere Räume enthalten Klang und Bewegung, große im Dunkeln sich wälzende Schlangen, immer wieder blitzartig erhellt. Manche Areale der Anlage, die Hannibal selbst nicht betreten kann, sind gefüllt mit flehentlichen Bitten und Schreien. Doch die Wände der Korridore werfen keine Schreie zurück, und es gibt Musik, wenn Sie das möchten.
Mit dem Bau des Palastes wurde schon früh in Hannibals Leben als Lernender begonnen. In den Jahren der Inhaftierung verbesserte und vergrößerte er seinen Palast, und seine Schätze halfen ihm über die langen Durststrecken hinweg, wenn Wärter ihm Bücher verweigerten.
Lassen Sie uns hier, im heißen Dunkel seines Geistes, gemeinsam nach der Türklinke tasten. Und wenn wir sie finden, wollen wir uns für Musik in den Korridoren entscheiden und, nicht nach links oder rechts blickend, zum Saal des Beginns gehen, wo die Exponate am lückenhaftesten sind.
Wir werden ihnen hinzufügen, was wir anderswo in Erfahrung gebracht haben, in Kriegsdokumenten, Polizeiberichten und Interviews, in stummer Forensik, in den Körperhaltungen der Toten. Die Briefe seines Onkels Robert Lecter, vor Kurzem entdeckt, könnten uns dabei helfen, den Lebenslauf Hannibals zu rekonstruieren, denn er selbst hat die einzelnen Daten nach eigenem Gutdünken immer wieder geändert, um die Ermittlungsbehörden und seine Chronisten zu verwirren.
Vielleicht können wir dank dieser Bemühungen dabei zusehen, wie sich die Bestie dort drinnen von der Zitze abwendet und sich, trotz Gegenwind, in die Welt hinausbegibt.

II

Das ist das Erste, das ich erkannte: Die Zeit ist wie das Echo einer Axt im Wald.
Philip Larkin

Hannibal der Schreckliche (1365-1428) erbaute Burg Lecter in fünf Jahren und setzte dabei die Soldaten ein, die er bei der Schlacht von Zalgiris gefangen genommen hatte. An dem Tag, als zum ersten Mal sein Banner auf den fertiggestellten Türmen flatterte, rief er die Gefangenen im Gemüsegarten der Burg zusammen, stieg auf das Galgengerüst, das dort stand, und schenkte ihnen, wie versprochen, die Freiheit. Statt in ihre Heimat zurückzukehren, entschieden sich jedoch wegen der vorzüglichen Verpflegung viele dafür, in seinen Diensten zu bleiben.
Mehr als fünfhundert Jahre später stand Hannibal Lecter, acht Jahre alt und der Achte dieses Namens, mit seiner kleinen Schwester Mischa im Gemüsegarten und fütterte die schwarzen Schwäne auf dem schwarzen Wasser des Burggrabens mit Brot. Mischa, die sich Halt suchend an Hannibals Hand klammerte, traf bei mehreren Würfen mit ihren Brotstücken nicht einmal den Burggraben. Dicke Karpfen stießen gegen die Seerosenblätter, und die Libellen flogen erschrocken auf.
Jetzt kam der Leitschwan aus dem Wasser. Auf seinen kurzen Beinen watschelte er auf die Kinder zu und zischte sie herausfordernd an. Der Schwan kannte Hannibal schon sein ganzes Leben lang, und trotzdem kam er immer noch drohend an und verdeckte mit seinen schwarzen Flügeln Teile des Himmels.
'Ohh, Anniba!', stieß Mischa erschrocken hervor und ging hinter ihrem großen Bruder in Deckung.
Hannibal hob, wie es ihm sein Vater beigebracht hatte, die Arme auf Schulterhöhe und streckte sie seitlich weit von sich, wobei durch die Weidengerten in seinen Händen die Reichweite noch zusätzlich vergrößert wurde. Der Schwan blieb stehen, nahm Hannibals größere Spannweite zur Kenntnis und zog sich ins Wasser zurück, um weiterzufressen.
'Es ist jeden Tag das Gleiche', sagte Hannibal zu dem großen Wasservogel. Aber dieser Tag war kein Tag wie jeder andere, und er fragte sich, wohin die Schwäne fliehen könnten.
Mischa hatte vor Aufregung ihr Brot auf den feuchten Boden fallen lassen. Als Hannibal sich bückte, um es für sie aufzuheben, machte sie sich einen Spaß daraus, ihm mit ihrer sternförmigen kleinen Hand etwas Schmutz auf die Nase zu schmieren. Auch er tupfte ihr etwas Schlamm auf die Nasenspitze, und sie lachten über ihre Spiegelbilder im Burggraben.
Plötzlich spürten die Kinder drei heftige Einschläge im Boden, das Wasser des Burggrabens begann zu zittern, und ihre Gesichter auf der dunklen Oberfläche verschwammen. Der Lärm ferner Explosionen rollte über die Felder. Hannibal zog seine Schwester vom Boden hoch und rannte mit ihr in den Schutz der Burg zurück.
Im Burghof hatte man Cesar, das große Zugpferd, vor die Kutsche gespannt. Berndt in seiner Stallknechtschürze und Lothar, der Majordomus, luden drei kleine Koffer in das Gepäckabteil der Kutsche.
Auf dem Treppenabsatz stand der Koch. 'Junger Herr, Madame wünscht Sie in ihrem Zimmer zu sprechen', rief er Hannibal zu, als er ihn erblickte.
Hannibal übergab seine kleine Schwester Nana, dem Kindermädchen, und rannte die ausgetretenen Stufen des Haupthauses hinauf.
Hannibal liebte das Zimmer seiner Mutter mit seinen vielen Gerüchen, der bemalten Decke und der Holzvertäfelung mit den geschnitzten Gesichtern. Madame Lecter war väterlicherseits eine Sforza, mütterlicherseits eine Visconti und hatte das Zimmer aus Mailand mitgebracht.
Im Moment war sie sichtlich in Aufregung, und das Licht brach sich in rötlichen Funken in ihren strahlend braunen Augen. Wortlos drückte sie Hannibal eine Schatulle in die Hand, dann ging sie auf eine mit Reliefdarstellungen von Engeln verzierte Stelle der Wand zu und legte den Zeigefinger auf die Lippen eines Puttos, worauf sich in der Wand eine Klappe öffnete, hinter der ein Geheimfach verborgen war. Sie nahm den Schmuck, den sie darin aufbewahrt hatte, heraus und legte ihn in die Schatulle. Obenauf packte sie noch so viele der gebündelten Briefe aus dem Geheimfach, wie in dem Kästchen Platz fanden.
Hannibal dachte, dass seine Mutter aussah wie ihre Großmutter auf der Kamee, die mit dem restlichen Schmuck in die Schatulle purzelte.
Wolken, auf die Decke des Zimmers gemalt. Wenn er als Baby gestillt wurde, öffnete er immer die Augen und sah den Busen seiner Mutter mit den Wolken verschwimmen. Er wusste noch genau, wie sich die Säume ihrer Bluse an seinem Gesicht angefühlt hatten. Und die Amme - ihr goldenes Kreuz funkelte wie das Sonnenlicht zwischen den wundervollen Wolken und drückte gegen seine Wange, wenn sie ihn hielt. Und wie sie dann den Abdruck des Kreuzes auf seiner Haut wegzureiben versuchte, damit er verschwand, bevor Madame ihn sah.
Aber jetzt erschien sein Vater mit den Hauptbüchern in der Tür.
'Simonetta, wir müssen aufbrechen.'
Die Babywäsche wurde in Mischas Kupferbadewanne gepackt, und Madame steckte die Schmuckschatulle dazwischen. Sie blickte sich im Zimmer um, nahm ein kleines Gemälde von Venedig von der Kommode und drückte es nach kurzem Überlegen Hannibal in die Hände.
'Bring das dem Koch. Aber sieh zu, dass du es schön am Rahmen hältst.' Sie lächelte ihn an. 'Und dass du vor allem die Rückseite nicht wieder schmutzig machst.'
Der Majordomus Lothar trug die Badewanne nach unten und lud sie in die Kutsche. Hannibal brachte das kleine Gemälde dem Koch und ging dann auf den Burghof hinaus. Dort stand Mischa ganz allein herum und wurde immer quengeliger, weil sich in der Hektik des Aufbruchs niemand um sie...

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