Mein Name ist Joe. Ich bin ein netter Kerl. Aber manchmal bringe ich Frauen um.
Joe hat sein Leben scheinbar fest im Griff - tagsüber jobbt er als Putzmann bei der Polizei, abends geht er anderen Tätigkeiten nach. Er denkt daran, seine Fische zweimal täglich zu füttern und seine Mutter mindestens einmal pro Woche zu besuchen, obwohl er ihren Kaffee ab und zu mit Rattengift verfeinert. Er stört sich kaum an den Nachrichten über den Schlächter von Christchurch, der - so wird behauptet - sieben Frauen umgebracht hat. Joe weiß, dass der Schlächter nur sechs getötet hat. Er weiß es ganz einfach. Und Joe wird diesen Nachahmer finden; er wird ihn für die eine Tat bestrafen und ihm die anderen sechs Morde anhängen. Ein perfekter Plan, denn er weiß bereits, dass er die Polizei überlisten kann. Das Einzige, was noch getan werden muss, ist, sich um all die Frauen zu kümmern, die nicht aufhören, ihm im Weg zu stehen.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Paul Cleave wurde am 10. Dezember 1974 in Christchurch, Neuseeland geboren, dem Ort, wo auch seine Romane spielen. Dem Fan von Stephen King und Lee Child gelang mit seinem Debütroman Der siebte Tod auf Anhieb ein internationaler Erfolg, der in Deutschland monatelang auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten stand.
»Was für ein großartiges Talent!«
Courier Mail
»Cleave liefert faszinierende Einblicke in das Innenleben eines Serienkillers.«
Sunday Telegraph
"So intensiv, dass Sie sogar im Sommer Gänsehaut bekommen"
Petra
Ich steuere den Wagen in die Auffahrt. Lehne mich zurück. Versuche mich zu entspannen.
Ich schwöre bei Gott, heute hat es mindestens fünfunddreißig Grad. Christchurch-Hitze. Schizophrenes Wetter. Schweiß rinnt mir über den ganzen Körper. Meine Finger sind wie feuchter Gummi. Ich beuge mich vor, schalte den Motor aus, greife nach meinem Aktenkoffer und steige aus dem Wagen. Hier in der Gegend funktionieren immerhin die Klimaanlagen. Noch ein paar Schritte bis zur Eingangstür, dann fummle ich am Schloss herum. Und stoße einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich eintrete.
Ich schlendere durch die Küche. Wie ich höre, ist Angela oben unter der Dusche. Ich werde sie später stören. Jetzt brauch ich erst mal etwas zu trinken. Der Kühlschrank hat eine Edelstahltür, aus der mich mein Spiegelbild anstarrt wie ein Geist. Ich öffne die Tür, gehe in die Knie und bleibe fast eine Minute lang so hocken, während ich mich mit der kühlen Luft anfreunde. Der Kühlschrank bietet mir Bier und Coke an. Ich gebe dem Bier den Vorzug, drehe den Verschluss auf und setze mich an den Tisch. Eigentlich trinke ich nicht besonders viel, aber diese Flasche schütte ich innerhalb von zwanzig Sekunden in mich hinein. Der Kühlschrank offeriert mir noch eine Flasche. Wer bin ich schon, dass ich dazu Nein sage? Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück. Lege die Füße auf den Tisch. Denke darüber nach, die Schuhe auszuziehen. Kennen Sie das Gefühl? Sie arbeiten den ganzen Tag bei glühender Hitze. Acht Stunden Stress. Dann hocken Sie sich mit einem kühlen Bier in der Hand hin, legen die Füße hoch und ziehen die Schuhe aus.
Ein absoluter Hochgenuss.
Während ich der Dusche oben lausche, nippe ich entspannt an meinem zweiten Bier in diesem Jahr. Für das hier brauche ich ein paar Minuten, dann kriege ich Hunger. Zurück zum Kühlschrank und dem Stück kalter Pizza, das ich vorhin erspäht habe. Ich zucke mit den Schultern. Warum nicht? Ist ja nicht so, als ob ich auf mein Gewicht achten müsste.
Ich setze mich wieder an den Tisch. Die Füße hoch. So schmeckt auch die Pizza, nur die Schuhe wäre ich gerne noch los. Bloß hab ich im Augenblick nicht die Zeit dazu. Ich schlinge die Pizza runter, nehme meinen Aktenkoffer und gehe nach oben. Aus der Stereoanlage im Schlafzimmer dröhnt ein Lied, das ich kenne, dessen Titel mir aber nicht einfällt. Ebenso wenig wie der Name des Sängers. Trotzdem ertappe ich mich beim Mitsummen, als ich den Aktenkoffer aufs Bett lege; sicher wird mir die Melodie noch stundenlang im Kopf rumgehen. Ich nehme neben dem Aktenkoffer Platz. Öffne ihn. Hol die Zeitung raus. Auf der Titelseite prangen lauter reißerische Schlagzeilen. Oft frage ich mich, ob die Medien nicht die Hälfte von diesem Zeug erfinden, nur um die Auflage zu steigern. Offensichtlich gibt es einen echten Markt für solche Meldungen.
Ich höre, wie die Dusche abgedreht wird, ignoriere das aber und lese lieber weiter in der Zeitung. Einen Artikel über einen Kerl, der die Stadt terrorisiert. Frauen umbringt. Folter. Vergewaltigung. Mord. Der Stoff, aus dem man Filme macht. Ein paar Minuten vergehen, und ich hocke noch immer da und lese, als Angela, umgeben von weißem Dampf und dem Duft ihrer Körperlotion, aus dem Bad kommt. Sie trocknet sich die Haare mit einem Handtuch.
Ich lasse die Zeitung sinken und lächle.
Sie sieht zu mir rüber.
»Scheiße, wer sind Sie denn?«, fragt sie.
Die Sonne steht hoch am Himmel und blendet sie. Unter ihrem Kleid rinnen ihr Schweißperlen den Körper hinab und befeuchten den Stoff. Der polierte Grabstein aus Granit funkelt, und sie muss blinzeln, doch sie weigert sich, den Blick von den Buchstaben abzuwenden, die vor fünf Jahren dort eingraviert wurden. Das helle Licht treibt ihr das Wasser in die Augen - was nicht weiter ungewöhnlich ist; ihre Augen sind immer feucht, wenn sie hierherkommt. Sie hätte eine Sonnenbrille aufsetzen, ein leichteres Kleid anziehen sollen. Mehr tun sollen, um seinen Tod zu verhindern.
Sally greift nach dem Kruzifix an ihrem Hals, und die vier Spitzen bohren sich in ihre Hand. Sie kann sich nicht daran erinnern, wann sie es das letzte Mal abgenommen hat, und fürchtet, wenn sie es täte, würde sie sich zu einer kleinen Kugel zusammenrollen und bis in alle Ewigkeit nur noch weinen. Sie hatte es bei sich, als die Ärzte in der Klinik ihrer Familie die Nachricht überbrachten. Sie hielt es fest umklammert, als man sie bat, sich zu setzen und ihr mit düsterer Miene mitteilte, was sich wohl schon zahllose andere Familien hatten anhören müssen, deren Angehörige im Sterben lagen und die dennoch die Hoffnung nicht aufgeben wollten. Es hing über ihrem Herzen, als sie ihre Eltern zum Beerdigungsinstitut fuhr, sich mit dessen Inhaber zusammensetzte und bei Kaffee und Tee, den niemand anrührte, Sargbroschüren durchsah. Als sie die Seiten voller Hochglanzbilder umblätterte und versuchte, etwas zu finden, in dem ihr Bruder gut aussehen würde. Die gleiche Prozedur fand dann auch noch für den Anzug statt. Sogar der Tod war modebewusst. Auf den Fotos in den Katalogen hingen die Anzüge an Schaufensterpuppen; es wäre wohl zu geschmacklos gewesen, hätten unbeschwert lächelnde Menschen sie getragen und dabei versucht, sexy auszusehen.
Seither hatte sie das Kruzifix keinen einzigen Tag mehr abgelegt. Es half ihr dabei, Orientierung und Hilfe zu finden; es erinnerte sie immer daran, dass sich Martin jetzt an einem besseren Ort befand; dass das Leben nicht so schlecht war, wie es schien.
Unfähig sich zu rühren, betrachtet sie nun schon seit vierzig Minuten das Grab. Die Schatten der nahen Eichen sind ein wenig länger geworden. Gelegentlich reißt der Nordwestwind eine der reifen Eicheln von den Zweigen und schleudert sie auf einen Grabstein, mit einem knackenden Geräusch, als bräche ein Finger. Der Friedhof besteht aus einer weitläufigen, üppige Rasenfläche, die von Wegweisern aus Zement unterteilt wird und im Augenblick größtenteils verlassen daliegt; vor den Grabsteinen stehen nur eine Handvoll Menschen, alle in ihre eigene, persönliche Tragödie vertieft. Sie fragt sich, ob im Laufe des Tages noch mehr Leute kommen werden, ob es auch auf dem Friedhof eine Art Hauptverkehrszeit gibt. Sie hofft es. Ihr gefällt die Vorstellung nicht, dass Menschen sterben und einfach vergessen werden. In einiger Entfernung fährt ein Kerl auf einem Aufsitz-Rasenmäher um und über die Gräber. Er steuert das Gerät wie einen Rennwagen; wahrscheinlich will er so schnell wie möglich mit seiner Arbeit fertig werden und von hier verschwinden. Der Wind trägt den Lärm des Motors bis zu ihr. Eines Tages wird dieser Kerl, der Hausmeister, auch hier begraben sein. Wer mäht dann den Rasen?
Sie weiß nicht mal, warum sie solche Dinge denkt. Sterbende Hausmeister, Hauptverkehrszeiten, Menschen, die die Toten vergessen. Sie ist immer so, wenn sie hierherkommt. Morbid, völlig durcheinander, als hätte jemand ihre Gedanken in einen Cocktailshaker gesteckt und sie wie verrückt durchgeschüttelt. Sie kommt gerne her, wenigstens einmal im Monat - wenn »gerne« das richtige Wort ist. Immer, absolut immer schafft sie es, an Martins Todestag hierzusein, und der ist heute. Morgen hätte er Geburtstag. Oder hat er Geburtstag. Sie hat keine Ahnung, ob es noch zählt, wenn man unter der Erde liegt. Aus irgendeinem Grund, den sie nicht erklären kann, besucht sie ihn nie an seinem Geburtstag. Das hätte genau die gleichen Folgen, wie wenn sie das Kruzifix abnehmen würde, da ist sie sich sicher. Ihre Eltern waren bereits früher am Nachmittag hier; das sieht sie an den frischen Blumen, die neben ihren eigenen stehen. Sie ist nie gemeinsam mit ihnen da. Das ist auch so was, dass sie nicht erklären kann, nicht einmal sich selbst.
Sie schließt kurz die Augen. Warum bringt dieser Ort sie nur immer dazu, über unlösbare Fragen nachzugrübeln? Sobald sie den Friedhof verlassen hat, wird es ihr wieder besser gehen. Sie kniet sich hin, streicht zärtlich über die Blumen, die vor dem Grabstein stehen,...
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