Mysterium, Abenteuer, Enthüllung
Die Entschlüsselung einer kryptischen Handschrift aus dem 17. Jahrhundert führt die junge Engländerin Lucy zur Kathedrale von Chartres. Doch die Bedeutung der schicksalhaften Verbindung zwischen dem geheimnisvollen Kirchenlabyrinth und den alten Aufzeichnungen vermag sie nicht zu erkennen – noch nicht … Ihre Suche wird zum Kampf auf Leben und Tod – denn Lucy ist nicht die Einzige, die die Wahrheit im Herzen des Rosenlabyrinths sucht.
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Titania Hardie wuchs in Sydney, Australien, auf. In England studierte sie Psychologie, Esoterik und Englische Literatur. Sie ist eine international anerkannte Expertin auf den Gebieten Numerologie, Astrologie und weiße Magie und hat zahlreiche Bestseller zu diesen Themen geschrieben. Das Labyrinth der Rosen ist ihr erster Roman. Titania Hardie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im englischen Somerset.
GEORGSTAG, 23. APRIL 1600,
IN EINEM GASTHOF AN DER LANDSTRASSE NACH LONDON.
Ein alter Mann mit schlohweißem Bart sitzt mit gesenktem Haupt an der Stirnseite eines Refektoriumstisches, nahe am Feuer. Mit den schmalen Fingern der rechten Hand hält er einen dunklen, glänzenden Gegenstand umklammert. Blüten der Rosa Mundi - weiße Blütenblätter mit rosaroten Streifen - bedecken den Tisch vor ihm: Somit wissen alle, die um den Tisch sitzen, dass das nun folgende Ereignis ein Geheimnis ist, die Vermählung von Geist und Seele aller Anwesenden. Sie erwarten die Geburt von etwas Einzigartigem: die Geburt des Kindes des Philosophen, des Filius Philosophorum. Hinter den geschlossenen Türen ist der brodelnde Lärm der anderen Tavernenbesucher zu hören, doch hier schweigen die Versammelten gespannt und warten auf seine Worte. Leise öffnet und schließt sich eine Tür, dann durchbricht das Geräusch eiliger Schritte die Stille. Von einem Bediensteten, der fast unbemerkt eingetreten ist, wird eine Botschaft in seine feingliedrigen Hände gelegt. Der Alte liest sie bedächtig, seine hohe - für einen Mann seines Alters erstaunlich glatte - Stirn verdüstert sich. Nach einer langen Pause blickt er der Reihe nach in jedes Gesicht, das am Tisch versammelt ist. Schließlich spricht er, seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern:
"Signor Bruno wurde vor Kurzem, im Monat der Lichtmesss, auf dem Campo de' Fiori auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Vierzig Tage hatte man ihm Zeit gegeben, seine Gotteslästerungen zu widerrufen: dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt sei, dass es noch viele andere Sonnen und Planeten neben den unseren gebe und dass die Göttlichkeit des Heilands keine wortwörtliche Wahrheit sei. Mönche hielten ihm ein Kruzifix hin, auf dass er es aus Reue über seine Irrtümer küsse, doch er wandte den Kopf ab. Als Zeichen ihrer Gnade legten ihm die Kirchenvertreter eine Kette aus Schießpulver um den Hals, bevor sie ihn verbrannten - um ihm ein schnelleres Ende zu bereiten. Außerdem nagelten sie seine Zunge am Gaumen fest, damit er endlich schwieg." Er sieht seinen Tischgenossen in die Augen und wartet einen Moment ab, bevor er weiterspricht.
"An dieser Stelle reißt der Lebensfaden ab, und es beginnt eine neue Reise." Sein Blick ruht jetzt auf einem Mann, der über seinen Deckelkrug gebeugt ist, links am Ende des Tisches, ihm direkt gegenüber. Sein Nachbar stößt den Mann an, flüstert ihm etwas zu und macht ihn darauf aufmerksam, dass die Augen des Sprechers nur noch auf ihm ruhen. Beide Männer starren sich an, bis sich das Gesicht des Jüngeren zu einem halben Lächeln verzieht und weicher wird. Der Ältere spricht daraufhin leise weiter:
"Gibt es denn keine Möglichkeit", fragt er, jetzt schon in strengerem Tonfall, "all unsere Geisteskraft darauf zu verwenden, Giordano Brunos Glauben an die Liebe und die allumfassende Harmonie zu bewahren? Kann in Liebes Leid und Lust nicht doch am Ende die Liebe siegen?"
Der Gesang einer Amsel drang in seine unruhigen Träume, obwohl die Fensterläden des Landhauses ganz geschlossen waren.
Will war spät angekommen, lange nach der schnell hereinbrechenden Dämmerung im September. Doch das Mondlicht war hell genug gewesen, dass er den zwischen den Geranien versteckten Haustürschlüssel finden konnte. Jetzt schreckte er im Dunkeln seltsam orientierungslos aus dem Schlaf, doch da war ein kleiner Lichtstrahl, der versuchte, sich ins Zimmer zu mogeln. Ohne dass Will etwas gemerkt hatte, war es plötzlich Morgen geworden.
Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und machte sich an den Fensterläden zu schaffen. Das Holz war vom vielen Regen aufgequollen, und die Läden schienen zu klemmen, doch dann bekamen seine Finger sie doch auf. Sofort stand er wie in Licht gebadet da. Es war ein herrlicher Altweibersommertag, und die Sonne durchbrach bereits den Bodennebel. Der Myrrheduft von Rosen drang zusammen mit Licht und feuchter Luft herein und vermischte sich mit dem unverkennbaren Duft französischen Lavendels aus einer Hecke irgendwo unter ihm. Bittersüße Erinnerungen kamen mit dem Duft herein, gaben ihm aber seine Gelassenheit wieder und vertrieben die Schreckgespenster, die seine Träume bevölkert hatten.
Er hatte am Vorabend vergessen, den Heißwasserboiler anzustellen, sehnte sich jedoch nach einer Dusche, um den Staub von der langen Fahrt aus Lucca abzuwaschen. Das kühle Wasser war erfrischend, auch wenn die Wärme seinen steifen Gliedern gutgetan hätte. Seine 998er-Ducati war ganz eindeutig kein Tourenbike, sondern eher eine "launische Schönheit". Die Maschine war atemberaubend schnell, irrsinnig schwer zu fahren, versetzte ihn aber in einen totalen Rausch. Sie passte perfekt zu Wills Schrullen und Launen, doch zugegeben: Auf langen Strecken war sie nicht sehr bequem. Gestern Abend waren seine Knie in der Lederhose ziemlich steif geworden, aber das machte ihm nichts. So ein Motorrad war nichts für Zimperliche.
Sein Spiegelbild bestätigte ihm, was seine Mutter stets gesagt hatte, nämlich dass er ein bisschen so aussah wie "ein gefallener Engel". Wie ein Statist in einem Zeffirelli-Film, dachte er und musterte seine dunklen Bartstoppeln. Er lachte auf, als ihm klar wurde, dass sein jetziges Aussehen sogar sie beunruhigen würde. In dem Gesicht, das ihn anlachte, lag etwas Manisches, und ihm wurde bewusst, dass ihm die Dämonen auf dieser Reise etwas zu dicht auf den Fersen gewesen waren.
Er kürzte den Bart der letzten Tage nur ein wenig, statt ihn ganz abzurasieren, und wischte gerade den Schaum von der Klinge, als er in einem alten Tintenfläschchen auf dem Waschbecken eine kaum verwelkte Rose bemerkte. Vielleicht war sein Bruder Alex ja neulich mit jemandem hier gewesen? Will war in letzter Zeit so mit sich selbst beschäftigt, dass er sonst kaum noch etwas mitbekam. Er lächelte.
"Ich rufe ihn noch heute Abend an", sagte er laut, überrascht vom Klang seiner eigenen Stimme, "sobald ich in Caen bin."
Die Fähre fuhr kurz vor Mitternacht, aber vorher hatte er noch ein paar Dinge zu erledigen.
Im freundlichen Morgenlicht in der Küche entspannte er sich zum ersten Mal seit Wochen, und das verstörende Gefühl, auf der Flucht zu sein, das ihn in letzter Zeit ständig begleitete, verschwand. Der Duft von Äpfeln wehte aus dem Garten herein -und ließ ihn an die letzten einunddreißig Herbste denken, die er schon an diesem Ort verbracht hatte.
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