Der Tonsetzer: Roman - Softcover

Cordts, Rainer

 
9783453351004: Der Tonsetzer: Roman

Inhaltsangabe

Die Liebe ist eine Himmelsmacht Hannover im 19. Jahrhundert. Zwei Männer buhlen um die Gunst der jungen Haushälterin Anna, der romantische Klavierbauergeselle Roland Hauser und der leidenschaftliche Komponist Harald van Basten. Da findet Anna einen Stapel berührender Liebesbriefe in van Bastens Schrank und beschließt, diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Auch in seinem zweiten Roman verwebt Cordts kunstvoll das Thema Musik mit einer großen Liebesgeschichte und einem rätselhaften Kriminalfall.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Rainer Cordts, 1954 geboren, studierte Geschichte und Französisch in Bonn. Er war lange Zeit Journalist und im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit tätig, bevor er sich entschloss, Schriftsteller zu werden. Nach Leanders Passion ist Der Tonsetzer sein zweiter Roman. Rainer Cordts lebt mit seiner Familie in Langen bei Frankfurt am Main.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

1. Das Haus gegenüber

Der junge Mann beobachtete die Haustür schon seit geraumer Weile. Das immergleiche Bild der schweren Eichentür mit dem Messingklopfer in Form einer Hand, die sich um eine Weltkugel schloss, strengte seine Augen an. Er musste blinzeln. Wann würde sie endlich herauskommen? Je länger er die Tür an starrte, desto zwingen der er schien ihm der Gedanke, dass sie sich viel leicht nie mehr öffnen würde - oder wenn doch, dann nur, um irgend welche belanglosen Menschen hindurch zu lassen, die ihn nicht interessierten. Plötzlich fuhr eine Droschke vom Markt her in die Knochenhauerstraße und nahm ihm für einen Moment die Sicht. Er schreckt vom Rasseln der eisenbeschlagenen Räder auf den Pflastersteinen tänzelten die Pferde unruhig im Geschirr; der Wagen ruckelte und schaukelte und drohte mehrmals stehen zu bleiben. Der Widerhall der trippelnden Hufe zwischen den Häuserwänden klang wie klickernde Kiesel in einem Eimer. Irgendwo kläffte hysterisch ein Köter, jaulte dann auf und verstummte - wahrscheinlich ein Fußtritt. Als die Droschke endlich vorbeigefahren war, streifte der Blick des Mannes nur kurz die dampfenden Pferdeäpfel auf dem nassen Kopfsteinpflaster und heftete sich dann hastig wieder an die Haustür schräg gegenüber. Es war ein spätgotischer Bau mit prächtigem Staffelgiebel. Sie wohnte im zweiten Stock. Plötzlich spürte er, wie das Blut in seine Wangen schoss. War sie etwa schon herausgekommen? Hatte er sie verpasst, während die Kutsche vorbeifuhr? Hastig suchte er die Straße ab, doch da war sie nicht. Ohne die Augen von der Haustür zu lassen, trat er einen Schritt vom Fenster zurück und griff nach hinten, um seinen Spazierstock zu angeln, der an den Stuhl gelehnt stand. Jetzt musste sie kommen. Jetzt war er bereit.
Als die Tür dann aufging, durchfuhr es ihn wie ein Strahl aus Licht und Freude. Für einen Moment zitterten seine Beine. Ja! Da war sie! So schräg von oben sah sie viel kleiner aus, als sie tat sächlich war. Welch eine Täuschung! Er kannte das schon. Ihm schien es, als winkten die flatternden Bänder ihres weißen Häubchens zu ihm hinauf. Er sah mit Wonne, wie sie ihre Hand ausstreckte und die Tür ins Schloss zog. Dann drehte sie sich um und ging los. Er liebte diesen Moment, wenn sie sich mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Grazie in Bewegung setzte. Bei jedem Schritt lugten ihre Schuhspitzen wie Schlangenköpfe unter dem wogenden Kleid hervor. Wie immer ging sie zügig. Nach einem letzten sehnenden Blick riss er sich los. Er musste sich beeilen. Heute würde er es wagen. Er spürte es.
»Ich gehe jetzt, Mama!«, rief er nach hinten.
»Bekomme ich noch einen Kuss?«
»Sicher, Mama!«
Er trat in ihr Zimmer. Wie immer saß seine Mutter an ihrem Sekretär und schrieb. Das Mädchen müsste jetzt unten vor seinem Haus angekommen sein. Er wurde unruhig.
»Bis heute Abend dann, Mama. Und arbeite nicht so viel, hörst du?«
Auf ihrem rosafarbenen Stuhl hatte seine Mutter sich halb zu ihm herumgedreht, was ihre zarte Figur noch zerbrechlicher erscheinen ließ. Sie sah ihren Sohn mit diesem matten Glanz in den Augen an, der ihn als Kind wie eine Daunendecke eingehüllt hatte.
»Pass auf dich auf, mein Lieber!« Sie bot ihm ihre Wange an.
Er küsste die Höhlung unter dem vorstehenden Wangenknochen und legte sachte seine Hand auf ihre Schulter, wie er es immer tat, wenn er ging. Ihre Haut war blass und kühl und fühlte sich an wie Pergament. Wie an jedem Morgen nahm er einen Hauch ihres Parfüms mit auf den Weg.
Unten auf der Straße dachte er schon, er hätte das Mädchen verloren. Doch dann entdeckte er die tanzenden Hutbänder und eilte hinterdrein. Als er die junge Frau bis auf zehn Schritte eingeholt hatte, nahm er ihr Tempo auf und hielt sich hinter ihr. Begierig sogen seine Augen ihre Silhouette auf; sehnsuchtsvoll badete er in den Wellen ihres wiegenden Ganges und genoss die sinnliche Kraft, die aus ihren Schritten sprach. Er freute sich an der Anmut ihrer pendelnden Arme, ergötzte sich am Versteckspiel der Fesseln unter ihrem Rock und am Tanz der braunen Locken in ihrem Nacken. Heute war es kühler als sonst. Nach dem Regenguss glitzerte das Pflaster im Licht des Morgens wie Quecksilber.
Vor der Kirche bog sie nach links ab in Richtung Leine. Nun wurde es Zeit. Ein paar Mal hatte er es schon wagen wollen, doch sein Mut hatte nie gereicht. Doch heute fühlte er sich stark genug. Seine Entschlossenheit machte ihm Freude. Er beschleunigte seine Schritte, um bei ihr zu sein, wenn sie die Burgstraße erreicht hatte. Mit einem galanten Gruß und dem gewinnendsten Lächeln, das ihm zur Verfügung stand, überholte er sie wenige Meter vor dem Bordstein, trat dann einen halben Schritt auf die Fahrbahn und zwang das Fuhrwerk mit Bierfässern, das soeben vorbeirumpeln wollte, mit einer herrischen Geste seines Spazierstocks zum Halten. Der Fuhrmann fluchte und drohte ihm mit der Faust und wäre wohl vom Bock gesprungen, um den frechen Jüngling zurechtzuweisen, wenn die junge Frau nicht da gewesen wäre. Doch so blieb der Kutscher grummelnd sitzen und empfing einen entrüsteten Blick des jungen Mannes, der sich darauf strahlend an die junge Frau wandte und sie mit einer galanten Verbeugung einlud, die Fahrbahn zu überqueren. Das Mädchen sah den jungen Mann kurz an und lächelte scheu. Zumindest schien sie nicht verärgert zu sein.
»Mit dem Verkehr wird es doch immer ärger. Man kann gar nicht vorsichtig genug sein. Meinen Sie nicht auch, wertes Fräulein?«
Er hatte es gesagt, einfach so! Er hatte sie einfach angesprochen! Er hatte es tatsächlich gewagt! Seine eigene Kühnheit überraschte ihn nun doch dermaßen, dass er sich für Sekunden wie ein Fremder vorkam und ihre Antwort kaum hörte. Sein Herz pochte bis zum Hals.
»... in der Tat manchmal sehr rücksichtslos. Da haben Sie wohl recht.«
»Wie meinen? Ach so, ja! Verzeihung!« Noch immer ganz benommen von seinem Vorstoß versuchte er sich zu sammeln und die Unterhaltung fortzuspinnen. »Man hört ja allenthalben von schwersten Unfällen gerade in der Stadt und möchte sich manchmal kaum noch vor die Haustür wagen. Erst gestern hat mich einer dieser Stutzer auf seinem neumodischen Zweirad beinahe zu Fall gebracht.«
Dies mal sagte sie nichts, ging einfach nur weiter. Er hielt sich gerade, ließ seinen Spazierstock schwingen und versuchte, seine Schritte optimistisch wirken zu lassen. Ihr Schweigen legte sich auf seine Schultern wie ein Joch. Die junge Frau merkte es wohl, doch ihr fielen die passenden Worte nicht zu. Sie hoffte darauf, dass es ihm gelingen würde.
»Wir wohnen übrigens nicht weit voneinander«, sagte er endlich, um sich zu befreien. »Ein schöner Zufall, der mich oft in Ihre Nähe führt, wo wir doch beinahe denselben Weg haben.«
»Sie haben mich abgepasst!« Sie gab sich Mühe, ihre Stimme vorwurfsvoll klingen zu lassen.
»Oh, nein! Ich bitte Sie!« Er fühlte sich er tappt. Vorsichtshalber ließ er sich einen halben Schritt zurückfallen und sah stur geradeaus, damit sie nicht sehen konnte, wie er errötete. »Ich sehe diesen Zufall eher als einen Wink des Schicksals an. Wahrscheinlich mussten wir uns über den Weg laufen. - Oh, Pardon! Ich vergaß, mich vor zustellen: Hauser ist mein Name, Roland Hauser. Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre und das Vergnügen habe?«
Tatsächlich wusste Roland längst, dass sie Anna Gerber hieß. Ein freundlicher Gruß und eine kleine Plauderei mit der Vermieterin des Hauses auf der anderen Straßenseite hatten ihm schnell die gewünschte Information beschert. Seither hatte er ihren Namen wohl hundertmal beschworen und sich an der verheißungsvollen Symmetrie und Schlichtheit dieser vier Buchstaben ergötzt: Anna! Anna!
»Ich weiß nicht recht, mein Herr. Könnte es sein, dass Sie ein wenig zu forsch auftreten?« Sie sah sich genötigt, der Etikette zu genügen. Im Stillen hoffte sie, es würde ihn nicht abschrecken.
Mittlerweile hatten sie die Leine überquert und waren in der Neuen Straße. Schon konnte er das Haus...

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