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Der erste Schnee - Hardcover

Bargum, Johan

 
9783446233195: Der erste Schnee

Inhaltsangabe

Einem Menschen würden sie bis knapp zur Wade reichen: die Wichtlinger. Sechs von ihnen leben zufrieden auf einer Insel irgendwo im Meer. Da geschehen plötzlich merkwürdige Dinge: Erst verschwindet Fridas Haarschleife, dann Charlies Angel, und am Strand liegt etwas, das aussieht wie die Hülle für einen riesengroßen Fuß. All das lässt nur einen Schluss zu: Die Wichtlinger sind nicht mehr allein. Und auf einmal ist nichts mehr, wie es war. Ein spannendes Kinderbuch in der Tradition der Mumin-Bücher.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorinnen und Autoren

Johan Bargum, 1943 geboren, zählt zu den bedeutendsten Vertretern der finnland-schwedischen Literatur. Er schreibt Romane und wurde vor allem durch seine Theaterstücke international bekannt. Der erste Schnee wurde 2007 für den Hans-Christian-Andersen-Preis nominiert.

Birgitta Kicherer, geboren 1939 in Stockholm, wuchs in Schweden und Deutschland auf. Nach einem Grafikstudium arbeitete sie zunächst als Buchillustratorin bevor das Übersetzen von Literatur für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu ihrem Hauptberuf wurde. Sie übersetzt vorwiegend aus dem Schwedischen, ebenso jedoch auch aus dem Norwegischen, Dänischen und Englischen. Zahlreiche ihrer Übersetzungen wurden mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, 1999 erhielt sie zudem den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr übersetzerisches Gesamtwerk.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Es wurde schon nachmittags um drei Uhr dunkel, draußen ging ein heftiger Wind, und es schneite. Der Lehrer hatte Daniel nach dem Sportunterricht nach Hause geschickt, weil er plötzlich so blass geworden war und sich auf eine Bank gesetzt und am ganzen Leib gezittert hatte. Danach war Daniel durch das Schneetreiben nach Hause gestapft. Die Menschen auf der Straße sahen aus wie große, dunkle Bündel und versteckten ihre Gesichter hinter Schals, Mützen und hochgeklappten Kragen. Die Autos rollten lautlos wie Raubtiere über die Straßen, mit zwei brennenden Augen, die den Schnee und die Dunkelheit durchschnitten. Daniel fror. Mama war nicht zu Hause. Daniel setzte sich an den Küchentisch und trank ein Glas Milch. Der Schnee peitschte gegen das Fenster, die Flocken blieben an den schmutzigen Scheiben haften, schmolzen und liefen ruckartig hinab. Heute war ein guter Tag, um krank zu werden. Die Tageszeitung lag aufgeschlagen vor ihm auf dem Tisch. Daniel versuchte, die Comics zu lesen, doch die Buchstaben und Bilder tanzten vor seinen heißen Augen. Er ging in sein Zimmer, zog sich aus, schlüpfte in seinen Schlafanzug und kroch unter die Decke.

Mama anzurufen war unnötig. Sie würde um halb sechs nach Hause kommen, das wusste er. Wie immer würde sie die Wohnungstür mit einem Knall zuziehen und ihr übliches Hallo rufen. Dann würde sie in sein Zimmer kommen, ein besorgtes Gesicht machen und rasch ein Fieberthermometer holen. Daniel schaute an die Zimmerdecke, die hin und her schwankte. Das war ein gutes Zeichen. Es bedeutete, dass er hohes Fieber hatte. Draußen vor dem Fenster schaukelte eine Straßenlampe an einem Drahtseil, umwirbelt von Schneeflocken. Jedes Mal, wenn die Flocken mitten in das scharfe blaue Licht flogen, wurden sie für einen kurzen Augenblick zu kleinen schwarzen Punkten, wie Mücken. Es war ein guter Nachmittag, um hohes Fieber zu haben. Bis Mama nach Hause kam, würde das Fieber vielleicht so tüchtig klettern, dass Papa kommen müsste. Papa würde sich wie immer auf die Bettkante setzen und Daniel den Puls fühlen. Dann würde Papa sein Stethoskop hervorholen und Daniels Herz abhören. Und falls Papa ihm eine Spritze geben müsste, wäre das überhaupt nicht schlimm, weil man fast gar nichts spürte, wenn es Papa war, der einen pikste.

Daniel starrte die blaue Straßenlampe an, die im Wind hin und her schaukelte, und den stiebenden, wirbelnden Schnee. Mama würde das Fieberthermometer mustern, ein bekümmertes Gesicht machen und dann sagen, jetzt müsse sie aber Papa anrufen. Daniel zog sich die Decke über den Kopf. Das Lampenlicht war in seinen Augen geblieben, wie ein heller Ball, der plötzlich dunkel und dann wieder hell wurde. Seltsam. Er wusste, dass er Papas Schritte im Flur sofort erkennen würde. Er fror, seufzte – bald würde Papa kommen – und schloss die Augen …

BLOMBERGS MÜTZE

an einem frühen herbstmorgen ging die sonne auf, langsam und gemächlich, wie es ihre Art ist. Sie schaute ihren kleinen blaugrünen Plane-ten an und alle Menschen darauf, die im Zug unterwegs waren, Häuser bauten, am Computer saßen und schrieben, Laub harkten oder irgendwo durch die Gegend liefen. Sie dachte: So, so. Wenn die Sonne genau hingeschaut hätte, wäre ihr vielleicht eine Insel aufgefallen, die weit draußen im Meer lag. Eine kleine Insel, ganz allein mitten im Meer. Auf der Insel gab es keine großen, schön weich gerundeten Felsen, keine hohen Bäume, keine goldbraunen knorrigen Kiefern, in die sich wilde Vögel niederlassen konnten, um sich auf ihrem Flug übers Wasser auszuruhen. Nein, stattdessen hatte die Insel flache, steinige Ufer, wo sich Seegras neben das Schilf drängte, und einen Wald aus niederen kleinen Bäumen, aus Erlen, Tannen, Ahornen, vereinzelten Birken und Eschen. Außer einer kleinen Strandwiese, auf der kurzes Gras, Klee, Wiesenkerbel und Disteln wuchsen, gab es auf der Insel noch Heidelbeerkraut, Baumstümpfe und bemooste Steine, wie auf den meisten kleinen Inseln, die so unansehnlich sind, dass niemand sie beachtet. Mitten auf der Insel erhob sich ein kleiner Berg.

Die Insel hatte keinen Namen. Niemand hatte jemals versucht, hier an Land zu gehen. Weit draußen auf dem Meer zogen die großen Schiffe vorüber, auf deren Radarschirmen die Insel nur ein kleiner Fliegendreck war. Die Kraniche zogen auf ihrem keilförmigen Flug nach Süden größeren, üppigeren Rastplätzen entgegen. Auf der Seekarte war die Insel nichts als ein winziger Kreis, kaum größer als ein Stecknadelkopf in all dem vielen Blau. Aber wenn die Sonne einen besonders neugierigen kleinen Sonnenstrahl losgeschickt hätte, um genau diese Insel zu erforschen, hätte sich der Sonnenstrahl vielleicht einen Weg zwischen den niedrigen Bäumen gebahnt und im Wald eine kleine Lichtung entdeckt, auf der vier kleine Hütten dicht nebeneinander standen. Na, so etwas, vier kleine Hütten, nicht größer als vier normale Gartenstühle? Vor den Hütten lagen fünf Steine im Kreis, wie kleine Schemel, und ringsum war das Gras zertrampelt. Die Hütten bestanden aus Gras, Laub, Zweigen und Moos. Und weil das Gras welk geworden und das Laub abgefallen war, wäre es dem Sonnenstrahl nicht schwergefallen, hineinzuspähen und zu entdecken, dass in den Hütten fünf friedlich schlummernde kleine Wesen lagen. Groß waren sie nicht, nicht viel größer als ein Fuß. Alles an ihnen war klein, die Augen, Ohren, Hände und Füße; auch ihre Kleidung, die sie aus Schilf, Wollgras und Blättern geflochten hatten, war winzig. Sie hatten O-Beine und sehr kurze Hälse. Sie gehörten zu dem Völkchen der Wichtlinger, das auf der entlegenen, einsamen Insel weit draußen im Meer lebte. Niemand hatte sie je gesehen, niemand wusste, woher sie kamen oder wohin sie unterwegs waren. Der Wind raschelte leise im Espenlaub. Ein Schmetterling mit dunklen Flügeln kam angeflattert und ließ sich auf einer der Hütten nieder. Wenn der Sonnenstrahl jetzt in diese Hütte geschaut hätte, hätte er dort die Geschwister Daniel und Ditta erblickt, die schlafend nebeneinanderlagen. In der nächsten Hütte sah es aufgeräumt und ordentlich aus. Hier lag die zierliche kleine Frida unter einem Kranz aus getrockneten Margeriten, den sie an die Decke gehängt hatte. Frida hatte kleinere Ohren als die anderen und langes helles Haar. Die Nachbarhütte gehörte Charlie mit dem runden Bauch, dem runden Gesicht und den runden Ohren. Er träumte gerade, dass er einen Fisch fing. Die vierte Hütte war leer, Blomberg war nämlich bereits aufgestanden. Blomberg war ausgesprochen fleißig und steckte voller Ideen. Daniel und Ditta, Charlie, Frida und Blomberg. Fünf kleine Wichtlinger auf einer einsamen Insel. Eine sechste Person gab es auch. Sie war ein wenig größer und dünner als die anderen und wohnte in keiner der Hütten, sondern irgendwo auf der Insel, wo nicht einmal ein neugieriger kleiner Sonnenstrahl sie hätte aufspüren können. Ihr Name war Bossa.

Daniel wachte auf und reckte sich. Neben ihm lag seine Schwester Ditta und schnarchte. Daniel musste zugeben, dass ihm eine Schwester, die nicht schnarchte, lieber gewesen wäre. Aber das war nun mal etwas, das sich nicht ändern ließ. Schwestern, die bekam man eben, und damit basta. Daniel schüttelte den Kopf und kroch aus seiner Hütte. Alles war ruhig und still.

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