Exit Ghost: Roman - Hardcover

Roth, Philip

 
9783446230019: Exit Ghost: Roman

Inhaltsangabe

Nathan Zuckerman, Roths langjähriger Held und vielleicht sein Alter Ego, kehrt nach New York zurück, um dann für immer abzutreten. Er trifft in Manhattan ein junges Paar, das nach dem 11. September der Stadt entfliehen will, und bietet ihnen einen Wohnungstausch an - nicht ohne Hintergedanken. Ihn fasziniert Jamie, die junge Frau, und ihn überfallen Gefühle, die er längst überwunden glaubte. Durch sie lernt er einen Mann kennen, der die Biographie des vom jungen Zuckerman verehrten Schriftstellers Lonoff schreiben möchte. Auf einmal ist Zuckerman so involviert, wie er es nie mehr sein wollte. Liebe, Trauer, Begehren und Ressentiment, alles ist wieder da.

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Über die Autorinnen und Autoren

Philip Roth wurde 1933 in Newark, New Jersey, geboren und starb 2018 in New York City. 1998 erhielt er für Amerikanisches Idyll den Pulitzerpreis. Ebenfalls 1998 wurde ihm im Weißen Haus die National Medal of Arts verliehen, und 2001 erhielt er die höchste Auszeichnung der American Academy of Arts and Letters, die Gold Medal, mit der unter anderem John Dos Passos, William Faulkner und Saul Bellow ausgezeichnet worden sind. Er hat zweimal den National Book Award und den National Book Critics Circle Award erhalten, dreimal den PEN/Faulkner Award und außerdem den PEN/Nabokov Award und den PEN/Saul Bellow Award. Bei Hanser erschienen zuletzt u.a. Das sterbende Tier (Roman, 2003), Shop Talk (Ein Schriftsteller, seine Kollegen und ihr Werk, 2004), Jedermann (Roman, 2006), Mein Leben als Mann (Roman, Neuausgabe 2007), Eigene und fremde Bücher, wiedergelesen (2007), Exit Ghost (Roman, 2008), Empörung (Roman, 2009), Portnoys Beschwerden (Neuübersetzung, 2009), Die Demütigung (2010) und Nemesis (2011), außerdem 2018 in Neuausgaben die Romane Amerikanisches Idyll, Der menschliche Makel und Verschwörung gegen Amerika sowie Mein Leben als Sohn.

Dirk van Gunsteren, 1953 geboren, studierte Amerikanistik. 2007 erhielt er den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis, 2018 den Übersetzerpreis der Stadt München. Er übersetzte u.a. T.C. Boyle, Jonathan Safran Foer, Patricia Highsmith, John Irving, Philip Roth und Richard Stark.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

uverlässiges Schriftstellerehepaar, Anfang Dreißig, möchte gemütliche 3-Zimmer-Wohnung mit großer Bibliothek in der Upper West Side gegen ruhiges Haus in ländlicher Umgebung 150 km von New York tauschen. Neuengland bevorzugt. Termin sofort, vorzugsweise für ein Jahr ...
Ohne zu warten - so spontan, wie ich meine Einwilligung zu der Kollagen-Behandlung gegeben hatte, über die ich doch eigentlich erst zu Hause hatte nachdenken wollen, bevor ich mich ihr unterzog, so spontan, wie ich die New York Review gekauft hatte -, ging ich die Treppe neben der Küche hinunter, wo, wie ich mich erinnerte, gegenüber der Tür zur Herrentoilette ein Telefon hing. Die in der Anzeige angegebene Telefonnummer hatte ich auf einem Zettel notiert, auf den ich den Namen »Amy Bellette« geschrieben hatte. Ich sagte dem Mann, der sich meldete, ich riefe wegen der Anzeige an, in der es um einen Wohnungstausch für ein Jahr gehe. Mir gehöre ein kleines Haus auf dem Land im Westen von Massachusetts, es liege an einem Feldweg auf einem Hügel neben einer großen, sumpfigen Marsch, die ein Vogel- und Naturschutzgebiet sei, rund zweihundert Kilometer von New York entfernt. Bis zum nächsten Haus seien es achthundert Meter, und unten im Tal, zwölf Kilometer entfernt, gebe es eine Kleinstadt mit einem College, einem Supermarkt, einer Buchhandlung, einer Weinhandlung, einer ausgezeichneten College-Bibliothek und einer gutbesuchten Bar, wo man auch anständig essen könne. Wenn das ungefähr dem entspreche, was er sich vorgestellt habe, würde ich gern vorbeikommen, mir die Wohnung ansehen und den Tausch besprechen. Ich sei im Augenblick in der Upper West Side, nur wenige Blocks entfernt; wenn er nichts dagegen habe, könne ich in wenigen Minuten dasein.
Der Mann lachte. »Sie hören sich an, als wollten Sie noch heute nacht einziehen.«
»Wenn Sie heute nacht ausziehen wollen«, sagte ich und meinte es ernst.
Bevor ich zu meinem Tisch zurückkehrte, ging ich auf die Herrentoilette, trat in eine Kabine und ließ die Hose herunter, um zu sehen, ob die Behandlung gewirkt hatte. Um auszulöschen, was ich sah, schloss ich die Augen, um auszulöschen, was ich empfand, fluchte ich laut. »Scheißtraum!« rief ich und meinte damit den Traum, plötzlich wie alle anderen zu sein.
Ich machte mich daran, die Watteeinlage aus der Plastikunterhose zu entfernen und durch eine neue aus dem kleinen Päckchen, das ich in der Innentasche meines Jacketts hatte, zu ersetzen. Ich wickelte die benutzte Einlage in Toilettenpapier, warf sie in den mit einem Deckel versehenen Papierkorb neben dem Waschbecken, wusch mir die Hände und stieg, gegen die Düsternis meiner Stimmung ankämpfend, wieder die Treppe hinauf.
Ich ging zur West 71st Street und war am Columbus Circle überrascht zu sehen, dass sich das massige, festungsartige Coliseum in zwei Wolkenkratzer aus Glas verwandelt hatte, die an der Hüfte miteinander verbunden waren und in deren Erdgeschossen sich schicke Geschäfte niedergelassen hatten. Ich schlenderte durch die Passage, und als ich meinen Weg den Broadway entlang in nördlicher Richtung fortsetzte, fühlte ich mich nicht so sehr wie in einem fremden Land als vielmehr wie das Opfer einer optischen Täuschung, als würde ich alles in einem Zerrspiegel sehen, wie man sie von Jahrmärkten kennt und in denen einem die Dinge vertraut erscheinen und doch nicht zu erkennen sind. Ich hatte mich, wie gesagt, nicht ohne Schwierigkeiten an das Leben eines Einsiedlers gewöhnt; ich kannte seine Prüfungen und Belohnungen, hatte die Palette meiner Bedürfnisse an seine Beschränkungen angepasst, hatte Aufregungen, Intimitäten, Abenteuer und Widersprüche längst zugunsten von Lesen, Arbeit und einem ruhigen, beständigen, berechenbaren Kontakt mit der Natur aufgegeben. Warum das Unerwartete einladen, warum sich um mehr Schocks und Überraschungen bemühen als die, welche das Alter mir auch ohne mein Zutun präsentieren würde? Dennoch setzte ich meinen Weg fort - vorbei an den Menschenmengen vor dem Lincoln Center, denen ich mich nicht anschließen wollte, an den Kinokomplexen, deren Filme ich nicht sehen wollte, an den Geschäften für Lederwaren und Feinkost, deren Produkte ich nicht kaufen wollte -, nicht willens, gegen die überwältigende, verrückte Hoffnung auf Verjüngung anzukämpfen, die verrückte Hoffnung, dass die Behandlung das stärkste Symptom meines Verfalls beseitigen würde, und in dem Bewusstsein, dass ich einen Fehler beging, indem ich, ein Mann, der dem dauerhaften Kontakt mit anderen Menschen und seinen Möglichkeiten entsagt hatte, zurückkehrte und mich der Illusion hingab, ich könne noch einmal neu beginnen. Und zwar nicht aufgrund meiner individuellen mentalen Fähigkeiten, sondern durch eine Modifikation meines Körpers, die das Leben wieder grenzenlos machen würde. Natürlich ist das falsch, ist das verrückt, dachte ich, aber wenn es so ist, was ist dann das richtige, das Gesunde, und wer bin ich, zu behaupten, ich hätte je genug gewusst, um das Richtige zu tun? Ich habe getan, was ich getan habe - das ist alles, was man weiß, wenn man zurückblickt. Ich selbst habe mir diese Prüfung geschaffen, aus meiner eigenen Inspiration heraus, meiner eigenen Unfähigkeit - die Inspiration war die Unfähigkeit -, und höchstwahrscheinlich tue ich nun wieder dasselbe. Und das auch noch in dieser wahnwitzigen Eile, als fürchtete ich, meine Verrücktheit könnte jeden Augenblick verschwinden, so dass ich nicht mehr imstande wäre, das zu tun, was ich tue und was ich, wie ich nur zu gut weiß, nicht tun sollte.
Der Aufzug in dem fünfstöckigen kleinen Mehrparteienhaus aus weißen Ziegeln trug mich in die oberste Etage, wo ich am Eingang zu Wohnung 6B mit sympathischer Verbindlichkeit von einem pausbäckigen jungen Mann empfangen wurde, der sogleich sagte: »Sie sind der Schriftsteller.« »Stimmt. Und Sie?« »Ein Schriftsteller«, sagte er lächelnd. Er bat mich herein und stellte mich seiner Frau vor. »Noch jemand, der schreibt«, sagte er. Sie war eine große, schlanke junge Frau, die, im Gegensatz zu ihrem Mann, nichts Kindliches, Verspieltes an sich hatte, jedenfalls nicht an diesem Abend. Ihr langes, schmales Gesicht war von feinen, gerade fallenden schwarzen Haaren eingerahmt, die bis über die Schultern reichten - der Schnitt sollte anscheinend einen Fehler verdecken, der allerdings kaum äußerlicher Natur sein konnte, denn, ganz gleich, was sie verbergen wollte, ihr Äußeres war erlesen sanft und makellos. Sie wurde von ihrem Mann grenzenlos geliebt und war der Quell seiner Lebenskraft, das war aus der unverstellten Zärtlichkeit ersichtlich, mit der seine Blicke und Gesten sie einhüllten, selbst wenn sie etwas sagte, was ihm nicht unbedingt gefiel. Es war deutlich, dass beide sie als die Brillantere betrachteten und dass seine Persönlichkeit in ihre eingebettet war. Sie hieß Jamie Logan, sein Name war Billy Davidoff, und als sie mir die Wohnung zeigten, schien er Gefallen daran zu finden, mich respektvoll Mr. Zuckerman zu nennen.
Es war eine hübsche Wohnung mit drei großen Zimmern, möbliert mit modernen, teuren europäischen Möbeln, Kelims und einem wunderschönen Perserteppich im Wohnzimmer. Im Schlafzimmer gab es einen großen Arbeitsplatz mit Blick auf eine hohe Platane im Hof und im Wohnzimmer einen zweiten, von dem aus man auf eine Kirche blickte. Überall waren Bücherstapel, und wo keine mit Büchern gefüllten Regale standen, hingen gerahmte Fotos von Statuen, die Billy in italienischen Städten aufgenommen hatte. Woher kam das Geld, mit dem die beiden Dreißigjährigen diese bescheidene Opulenz finanzierten? Ich nahm an, dass es von ihm stammte und dass sie sich in Amherst oder Williams oder Brown kennengelernt hatten: ein fügsamer, reicher, weichherziger jüdischer Junge und ein starkes, leidenschaftliches armes Mädchen, irisch, vielleicht halb italienisch, das von der Grundschule an immer alle Erwartungen übertroffen hatte, mit enormem Ehrgeiz, vielleicht sogar so etwas wie eine Aufsteigerin ...
Doch ich irrte mich. Es war ihr...

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