Ein Stammbaum - Hardcover

Modiano, Patrick

 
9783446209220: Ein Stammbaum

Inhaltsangabe

Patrick Modiano erzählt von seiner unglücklichen Kindheit: Von seiner Mutter, die 1942 nach Paris kommt um eine Schauspielkarriere zu beginnen. Von seinem Vater, der während der Okkupation als Jude verfolgt wird, ein Lebemann ist und bei zwielichtigen Geschäften immer wieder Geld verliert. Und von der Ehe der Eltern, einer einzigen Fehlentscheidung. Patrick wird in Internate abgeschoben, flieht, wird wieder eingesperrt und bricht schließlich mit seinem Vater. Er schlägt sich mit kleinen Diebstählen durch, bis er ein Buch schreibt, das auf Anhieb ein Erfolg wird. Atemlos und unsentimental legt Modiano mit dieser autobiographischen Erzählung Zeugnis ab - ein erschütterndes Buch, frei von Pathos und Selbstmitleid.

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Über die Autorinnen und Autoren

Patrick Modiano, 1945 in Boulogne-Billancourt bei Paris geboren, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den großen Romanpreis der Académie française, den Prix Goncourt, den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und 2014 den Nobelpreis für Literatur. Bei Hanser erschienen unter anderem die Romane Place de l'Étoile (2010), Im Café der verlorenen Jugend (2012), Der Horizont (2013), Gräser der Nacht (2014), Damit du dich im Viertel nicht verirrst (2015), der Prosatext Schlafende Erinnerungen (2018), das Theaterstück Unsere Anfänge im Leben (2018) sowie zuletzt die Romane Unsichtbare Tinte (2021) und Unterwegs nach Chevreuse (2022).

Elisabeth Edl, 1956 geboren, lehrte als Germanistin und Romanistin an der Universität Poitiers und arbeitet heute als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin in München. Sie wurde u. a. mit dem Paul-Celan-Preis, Petrarca-Preis, Voß-Preis, dem Österreichischen Staatspreis, dem Romain Rolland-Preis und dem Prix lémanique de la traduction ausgezeichnet. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und Chevalier de l'Ordre des Arts et des Lettres der Republik Frankreich.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Offenbar will man mich aus Paris forthaben. Im September 1960 werde ich im Collège Saint-Joseph in Thônes angemeldet, in den Bergen der Haute-Savoie. Ein Monsieur Jacques Gérin und seine Frau Stella, die Schwester meines Vaters, sind meine Kontaktpersonen. Sie mieten am Ufer des Sees von Annecy, in Veyrier, ein weißes Haus mit grünen Fensterläden. Doch abgesehen von den wenigen Sonntagen, an denen ich Ausgang habe und das Collège für ein paar Stunden verlassen darf, können sie nicht viel für mich tun.
»Jacky« Gérin dilettiert »im Textilgewerbe«, er stammt aus Lyon, ein Bohemien, der klassische Musik, Skifahren und schöne Autos liebt. Stella Gérin hingegen korrespondiert mit dem Anwalt Pierre Jaccoud in Genf, der gerade unter Mordanklage im Gefängnis sitzt. Als Jaccoud freigelassen wird, besucht sie ihn in Genf. Ich treffe ihn mit ihr zusammen in der Bar des Mövenpick, um 1963 herum. Er redet mit mir über Literatur und besonders über Mallarmé.
Jacky Gérin spielt in Paris den Strohmann für Onkel Ralph, den jüngeren Bruder meines Vaters: die »Établissements Gérin« in der Rue d'Hauteville Nr. 74 werden in Wirklichkeit von Onkel Ralph geleitet. Ich habe nie herausgefunden, womit diese Établissements Gérin sich eigentlich befaßten, eine Art Lagerhalle, in deren hinterstem Winkel Onkel Ralph sein Büro hatte und »Material« verkaufte. Ein paar Jahre später fragte ich ihn, warum diese Firma »Gérin« hieß und nicht »Modiano« wie er selbst. Er antwortete mir mit seinem Pariser Akzent: »Weißt du, mein Lieber, italienisch klingende Namen waren schlecht angeschrieben nach dem Krieg...«
Während der letzten Feriennachmittage lese ich am kleinen Strand von Veyrier-du-Lac Den Teufel im Leib und Der Sabbat. Ein paar Tage vor Schulanfang schickt mein Vater mir einen scharfen Brief, der geeignet ist, den inneren Halt eines Jungen zu erschüttern, welcher bald wieder im Internat eingesperrt sein wird. Will er sein Gewissen beschwichtigen, indem er sich einredet, er habe recht, einen Straffälligen seinem Schicksal zu überlassen? »ALBERT RODOLPHE MODIANO, 15 QUAI DE CONTI, Paris, 6.Arrondissement, 8.September 1960. Ich schicke Dir den Brief zurück, den Du mir aus Saint-Lô geschrieben hast. Ich muß Dir sagen, daß ich beim Empfang dieses Briefes keine Sekunde geglaubt habe, Dein Wunsch, nach Paris zurückzukehren, sei dadurch begründet, daß Du Dich auf eine eventuelle Prüfung in Deiner zukünftigen Schule vorbereiten willst. Und deshalb habe ich beschlossen, daß Du gleich am nächsten Morgen mit dem 9-Uhr-Zug nach Annecy fahren sollst. Ich warte Dein Betragen in dieser neuen Schule ab und kann nur für Dich hoffen, daß Dein Verhalten vorbildlich ist. Ich hatte die Absicht, nach Genf zu fahren und Dich zu besuchen. Diese Reise erscheint mir vorläufig zwecklos. ALBERT MODIANO.«
Meine Mutter kommt auf einen Sprung in Annecy vorbei, bloß um mir zwei Sachen für meine Ausstattung zu kaufen, einen grauen Kittel und ein Paar gebrauchter Schuhe mit Kreppsohlen, die rund zehn Jahre halten und in denen ich nie nasse Füße haben werde. Sie verläßt mich lange vor Schulanfang. Es ist immer traurig, wenn ein Kind ins Internat muß und man weiß, daß es dort eingesperrt sein wird. Man möchte es gern bei sich behalten. Stellt sie sich diese Frage? Offenbar finde ich vor ihren Augen keine Gnade. Und außerdem muß sie für längere Zeit nach Spanien.
Immer noch September. Schulanfang, ein Sonntagabend. Die ersten Tage im Collège Saint-Joseph sind hart für mich. Aber ich gewöhne mich schnell ein. Seit vier Jahren lebe ich nun schon in Internaten. Meine Kameraden in Thônes sind fast alle bäuerlicher Herkunft, und sie sind mir lieber als die verwöhnten Strolche auf der École du Montcel.
Leider wird kontrolliert, was wir lesen. 1962 werde ich für ein paar Tage vom Unterricht ausgeschlossen, weil ich Phil und Vinca gelesen habe. Meinem Französischlehrer, Abbé Accambray, verdanke ich die »Sondererlaubnis«, Madame Bovary zu lesen, die den anderen Schülern verboten ist. Ich habe das Exemplar des Buches behalten, in dem steht: »Genehmigt - Sekunda« mit der Unterschrift von Kanonikus Janin, dem Schuldirektor. Abbé Accambray hatte mir einen Roman von Mauriac empfohlen, Die Wege des Meeres, der mir sehr gut gefallen hat, vor allem das Ende - so daß ich mich noch heute an den letzten Satz erinnere: »...comme dans les aubes noires d'autrefois«, wie in den schwarzen Morgendämmerungen von einst. Er gab mir auch Die Entwurzelten zu lesen. Hatte er gespürt, daß das, was mir ein wenig fehlte, ein Dorf in der Sologne oder im Valois war, oder vielmehr der Traum, den ich davon haben mochte? Meine Lieblingsbücher, im Schlafsaal, im Nachttisch: Das Handwerk des Lebens von Pavese. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, mir das zu verbieten. Manon Lescaut. Töchter der Flamme. Sturmhöhe. Tagebuch eines Landpfarrers.
Ein paar Stunden Ausgang einmal im Monat, und der Sonntagabendbus bringt mich ins Collège zurück. Ich warte auf ihn am Fuß eines hohen Baumes, beim Gemeindeamt von Veyrier-du-Lac. Oft muß ich während der ganzen Fahrt stehen. Bauern kehren heim zu ihren Höfen, nach einem Sonntag in der Stadt. Die Nacht bricht herein. Es geht vorbei am Schloß von Menthon-Saint-Bernard, am kleinen Friedhof von Alex und an dem der Helden vom Plateau des Glières. Diese Sonntagabendbusse und diese Züge Annecy-Paris, überfüllt wie in der Okkupationszeit. Übrigens sind Busse und Züge mehr oder weniger dieselben wie damals.
Putsch in Algier, ich verfolge die Ereignisse im Schlafsaal, mit einem kleinen Transistorradio, und sage mir, ich müßte die allgemeine Panik nutzen und aus dem Collège weglaufen. Doch am nächsten Sonntagabend ist die Ordnung in Frankreich wiederhergestellt.

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ISBN 10:  3423144351 ISBN 13:  9783423144353
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH &..., 2014
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