Mein Leben als Mann: Roman - Hardcover

Roth, Philip

 
9783446207653: Mein Leben als Mann: Roman

Inhaltsangabe

Peter Tarnopol, ein begabter junger Schriftsteller, ist mit dem Proletarierkind Maureen verheiratet, die eigentlich seine Muse sein soll. Doch die Ehe beruht auf moralischer Erpressung, aus der sich Tarnopol auch nach dem Tod seiner Frau nicht befreien kann. Aus verzweifelten Empfindungen und ätzenden Wahrheiten, Akten von Schwäche, Zartgefühl und schockierender Grausamkeit hat Roth ein Tragödie geschaffen, in der es um sexuelle Not und Blindheit geht.

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Über die Autorin bzw. den Autor

Philip Roth wurde 1933 in Newark, New Jersey, geboren und starb 2018 in New York City. 1998 erhielt er für Amerikanisches Idyll den Pulitzerpreis. Ebenfalls 1998 wurde ihm im Weißen Haus die National Medal of Arts verliehen, und 2001 erhielt er die höchste Auszeichnung der American Academy of Arts and Letters, die Gold Medal, mit der unter anderem John Dos Passos, William Faulkner und Saul Bellow ausgezeichnet worden sind. Er hat zweimal den National Book Award und den National Book Critics Circle Award erhalten, dreimal den PEN/Faulkner Award und außerdem den PEN/Nabokov Award und den PEN/Saul Bellow Award. Bei Hanser erschienen zuletzt u.a. Das sterbende Tier (Roman, 2003), Shop Talk (Ein Schriftsteller, seine Kollegen und ihr Werk, 2004), Jedermann (Roman, 2006), Mein Leben als Mann (Roman, Neuausgabe 2007), Eigene und fremde Bücher, wiedergelesen (2007), Exit Ghost (Roman, 2008), Empörung (Roman, 2009), Portnoys Beschwerden (Neuübersetzung, 2009), Die Demütigung (2010) und Nemesis (2011), außerdem 2018 in Neuausgaben die Romane Amerikanisches Idyll, Der menschliche Makel und Verschwörung gegen Amerika sowie Mein Leben als Sohn.

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Bei den zornigen Ergüssen über ihren Familiennamen war Sharon komischer denn je - allerdings unfreiwillig. In Wahrheit fand Zuckerman sie, wenn sie nicht gerade eine heiße Nummer für ihn abzog, ziemlich langweilig. Sie hatte von nichts eine Ahnung. Weder konnte sie das G in »length« richtig aussprechen noch das H in »when« oder »why« aspirieren, ganz zu schweigen von »whale«, falls das Gespräch je zufällig auf Melville gekommen wäre. Dafür hatte sie ein Cockney-Philadelphia-O drauf, wie er es sonst allenfalls bei Taxifahrern gehört hatte. Kapierte sie ausnahmsweise eine seiner Pointen, dann seufzte sie und rollte die Augen gen Himmel, so als wären seine Feinsinnigkeiten denen ihres Vaters gleichzu setzen - Zuckerman, der H.L. Mencken des Bass College!, dessen Leitartikel (über Verfehlungen der Verwaltung und der Studentenschaft) Miss Benson mit dem gnadenlosen Witz eines Jonathan Swift verglichen hatte! Wie sollte er jemals mit Sharon nach Bass fahren, um Miss Benson zu besuchen? Was, wenn Sharon anfinge, Miss Benson ihre ebenso sinn- wie endlosen Anekdoten von sich und irgendwelchen High-School-Freundinnen zu erzählen? Oh, wenn sie ins Reden kam, konnte sie einen in Langeweile ertränken! In Gesprächen brachte Sharon selten einen Satz zu Ende, denn meistens pappte sie zu Zuckermans Verdruß, die Wörter mit Hilfe einer klebrigen Mixtur von »weißt du« und »ich finde« zusammen oder mit begeisterten Ausrufen wie »echt toll«, »echt irre« und »echt Klasse« ... letzteres gewöhnlich zur Charakterisierung der Bande von Halbwüchsigen, mit der sie sich als Fünfzehnjährige in Atlantic City rumgetrieben hatte, erst im vorletzten Sommer. Vulgär, kindisch, ungebildet, bar jener Zartheit des Gefühls und Vornehmheit des Geistes, die er inzwischen so bewunderte in den Romanen - und in der Person - von Virginia Woolf, deren Foto während seines letzten Semesters in Bass über seinem Schreibtisch an die Wand gepinnt war. Als er nach diesem wilden und verrückten Monat zur Armee ging, war er insgeheim erleichtert, Als und Minnas hochaufgeschossenen Sprößling zurückgelassen zu haben (scheinbar so, wie er sie vorgefunden hatte); sie war eine faszinierende Sklavin und toll im Bett, aber kaum die richtige Seelenpartnerin für jemanden, der gegenüber großen Autoren und großen Büchern empfand wie er. So jedenfalls schien es ihm bis zu dem Tag, an dem man ihm sein M1-Gewehr aushändigte und er feststellte, daß er jeden brauchte, den er hatte. »Ich liebe deinen Schwanz«, schluchzte das Mädchen ins Telefon. »Dein Schwanz fehlt mir so sehr. Oh, Nathan, ich spiele mit meiner Möse, ich spiele mit meiner Möse und stelle mir vor, daß du es bist. Oh, Nathan, soll ich kommen, jetzt hier am Telefon? Nathan -?« In Tränen aufgelöst, voller Entsetzen, wankte er aus der Telefonzelle: allein der Gedanke, daß es ihn und seine Genitalien schon bald nicht mehr geben würde! Oh, und wenn nur die Genitalien dran glauben mußten, während er weiterlebte - angenommen, unter seinen Stiefeln würde eine Landmine explodieren, und dann würde man ihn zurückschicken zu einem Mädchen wie Sharon Shatzky, mit einer Leerstelle zwischen den Beinen. »Nein!« befahl er sich. »Hör auf, so was zu denken! Schluß damit! Benutz deinen Verstand! Ist doch bloß ein irrationales Schuld gefühl wegen Sharon und der Gurke - ist doch bloß die Angst vor Strafe, weil du die Tochter vor der Nase des Vaters gebumst hast! Klassischer Fall von Bestrafungsphantasien! So was kann einfach nicht passieren!« Ihm jedenfalls nicht, das war es, was er meinte, denn in einem Krieg passieren solche Dinge durchaus, und zwar jeden Tag. Und dann landete er nach acht Wochen Infanterieausbildung und weiteren acht Wochen auf der MP School in der Schreibstube einer Versorgungseinheit in Fort Campbell, im hintersten Süd westen von Kentucky, sechzig Meilen östlich von Paducah und achttausend Meilen östlich von den Landminen. Glückspilz Zuckerman! Nutznießer eines jener administrativen Irrtümer, durch die aus Verdammten urplötzlich Begnadigte werden und aus Sonntagskindern über Nacht Todeskandidaten. Auch solche Dinge passieren jeden Tag. Zuckerman konnte nur mit den Zeigefingern tippen und war gänzlich unbedarft, was Ablage und das Ausfüllen von Formularen anging; doch zu seinem Glück war der für den ihm zugeteilten Bereich verantwortliche Hauptmann so froh darüber, einen Juden als Prügelknaben zu haben - und auch solche Dinge passieren -, daß er bereit war, sich mit einem unfähigen Gehilfen abzufinden. Er verzichtete darauf, den administrativen Fehler zu korrigieren - was jener unfähige Gehilfe ständig befürchtete -, der Zuckerman nach Fort Campbell statt in sein blutiges Verderben befördert hatte, das im Schlamm hinter einem Puff in Seoul auf ihn lauerte, und er forderte auch keinen Ersatz für ihn an. Statt dessen nutzte Captain Clark die Gelegenheit, sich jeden Nachmittag einzuspielen, ehe er zur täglichen Runde über den Golfplatz beim Flug ha fen aufbrach, indem er Baumwoll-Golfbälle aus seinem Büro hinüber zu der Nische schlug, in der sein inkompetenter Schreiber saß. Zuckerman gab sich alle Mühe, einen gelassenen Eindruck zu machen, wenn die Golfbälle von seinem Hemd abprallten. »Treffer, Sir«, sagte er mit einem Lächeln. »Nich ganss«, erwiderte sein Vorgesetzter, auf das Spiel konzentriert, »nich ganss ...«, und er fuhr fort, Golfbälle durch die offene Tür seines Büros zu peitschen, bis er endlich sein Ziel traf. »Ah, das isses, Zuckelman, genau auf den Rüssel.« Sadistischer Hund! Südstaaten-Schwein! Jeden Tag nach Dienstschluß machte sich Zuckerman auf den Weg zum Büro des Generaladjutanten, um sich offiziell über Captain Clark zu beschweren (der, soweit er wußte, heimlich Mitglied des Ku-Klux-Klan war). Aber da Zuckerman eigentlich in Kentucky gar nicht sein durfte, sondern einen Vernichtungskrieg in Korea führen sollte (wo er noch immer landen konnte, wenn er sich mit Clark anlegte), erschien es ihm jedesmal wieder ratsam, seine Empörung zu unterdrücken und zum Abendessen in die Kantine zu gehen und anschließend in die Standortbibliothek, wo er seine Lektüre von Werken der Bloomsbury-Gruppe fortsetzte, sich dabei allerdings etwa alle Stunde eine Pause gönnte, um einen weiteren Blick auf den jüngsten obszönen Brief der verdorbenen Halbwüchsigen zu werfen, die endgültig aufzugeben er sich immer noch nicht ganz hatte entschließen können. Aber verdammt noch mal, er war sauer! Seine Menschenwürde! Seine Menschenrechte! Seine Religion! Oh, wie er jedesmal, wenn so ein Baumwoll-Golfball weich von seinem Fleisch abprallte, vor Empörung kochte ... was jedoch (wie der gemeine Soldat Zuckerman sehr genau wußte) etwas ganz anderes ist, als blutüberströmt zu sein. Auch ist es etwas ganz anderes als das, was in der Literatur, und im übrigen auch im Leben, mit Leiden oder Schmerz bezeichnet wird. Zuckerman würde den Schmerz freilich noch früh genug kennenlernen - als Entfremdung, als Demütigung, als wütende und gnadenlose Feindschaft, in Gestalt von Widersachern, die keine respektablen Dekane oder liebenden Väter oder beschränkten Offiziere im Army Quartermaster Corps waren; o ja, schon bald würde der Schmerz in seinem Leben eine Rolle spielen, und das nicht ganz ohne sein Zutun. Sein liebender Vater hatte ihn gewarnt: Wer den Schlamassel sucht, der wird ihn auch finden - und es sollte eine große Überraschung werden. Denn an Schärfe und an Dauer, an purer Schmerzhaftigkeit sollte es alles übertreffen, was er zu Hause, in der Schule oder bei der Armee erlebt hatte, und es sollte alles übertreffen, was er sich ausgemalt hatte, wenn er das gequälte, seelenvolle Gesicht von Virginia Woolf betrachtete oder als er seine ausgezeichnete Abschlußarbeit über die unterschwellige Seelenangst in ihren Romanen schrieb. Schon bald nachdem er dank eines schicksalhaften Versehens - seine letzte üppige Portion Anfängerglück, wie sich herausstellen sollte - in die ländlichen Gefilde der amerikanischen Südstaaten geraten war statt auf die Schlachtfelder Koreas, sollte den...

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