Lilly hat kein Glück mit Männern. Die 112 kg schwere Dentalhygienikerin aus Tel Aviv wird kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen und fristet ihr Singledasein. Ein Treffen mit einem alten Liebhaber, der jetzt Tigerdompteur ist, stellt ihr Leben auf den Kopf: Sie bekommt ein Tigerbaby geschenkt. Ebenso rasant, wie das Tigerjunge wächst, verändert sich Lilly. Sie wird selbstbewusster, aggressiver, und in den Abendstunden geht sie auf Beutezug in den Bars von Tel Aviv... Alona Kimhis neuer Roman balanciert mit atemberaubendem Geschick auf der Grenze zwischen Realität und Phantasie: unterhaltsam, frech und sentimental.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Der Japaner spürte meinen Blick und wandte mir sein Gesicht zu.
»Manchmal finde ich dieses Gemenschel einfach widerwärtig«, sagte er, als
hätte er die stumme Frage in meinem Blick gelesen.
Der rostige, brüchige Klang seiner Stimme zeugte von Überresten eines
kindlichen Soprans, den er vor nicht allzu langer Zeit noch gehabt haben
musste. Das kurz geschnittene Haar bildete eine weiche Bürste auf dem Kopf,
die schmalen Augenschlitze waren so lang, dass sie praktisch bis zu den
Schläfen reichten, doch die geradezu comicartigen, spitzen, gebogenen
Wimpern, die seinen Blick überschatteten, nahmen seinem Aussehen ein wenig
das Fremde, das von den Schlupflidern und der asiatischen Schrägstellung
der Augen herrührte. Die obere Hälfte des Gesichts mit den feinen,
ebenmäßigen Zügen schien so gar nicht zur unteren Hälfte zu passen, die
etwas beinahe Klobiges hatte, und nur die scharfe Kontur des Kiefers
bewahrte ihn vor dem primitiven Aussehen einer Gestalt von Gauguin. Er war
ungefähr gleich alt wie ich, so dass ich mich überlegen genug fühlte, um
einen ironischen Ton anzuschlagen.
»Von welchem Gemenschel redest du?«
Die schrägen Comicaugen musterten mich kühl.
»Von der Liebe. Alles daran ist so menschlich. Du bist Sklave von etwas,
das du nicht im Ansatz verstehst, aber du hast gar keine Wahl als dich
diesem Etwas zu unterwerfen, weil du ein Mensch bist und die Natur oder
Gott oder weiß der Teufel wer dich so gemacht hat.«
Die Stewardess näherte sich mit dem Getränkewagen und reichte mir mit einem
wissenden Lächeln den Tomatensaft, den sie bereits als "mein Getränk" registriert hatte. Und da sah ich das erste Mal, dass das flache Gesicht
meines Platznachbarn den gefrorenen Ausdruck verlor und sich zu einer
verwöhnten Grimasse verzog.
»Ich glaube, ich nehme den Dom Pérignon, aber nur wenn er sehr kalt ist.«
Noch Monate später war dies für mich der Moment, in dem mich der
Realitätssinn verließ und ich nach geheimen, verborgenen Seiten suchte,
eine Betrachtungsweise, bei der das Gegenüber alle objektiven Eigenschaften
verliert und in der ganzen Pracht seiner Einzigartigkeit erscheint. Die ver
zogenen Lippen, das Naserümpfen - diese Grimasse, die der Wahl der
Champagnersorte voranging, verriet eine fremde, aristokratische
Kinderstube, die ich aus den Büchern meiner Jugendzeit kannte, eine
Erziehung, wie man sie kleinen Lords und Prinzen angedeihen ließ. Vor
meinem geistigen Auge sah ich Kinder in gebauschten Samthosen und
Spitzenjabots auf der schwindsüchtigen Brust, die, von gestrengen
Privatlehrern begleitet, nach einer starren Tagesordnung lebten und
mindestens drei Dienstmädchen brauchten, um ihre Morgentoilette zu
absolvieren. Ich wollte alles über den japanischen Lord Fauntleroy erfahren
und ließ mir daher umgehend den plebejischen Tomatensaft durch den
Champagner ersetzen, den auch er gewählt hatte.
Und ich erfuhr so einiges über ihn. Er war zwanzig Jahre alt, in Tokio
geboren, und flog nach Amerika, um dort sein Studium der Philosophie und
Mathematik mit einem Doktor der Philosophie abzuschließen. Seinen
klangvollen Namen, Momotaro, hatte er vom Helden eines Kinderbuchs, einem
Jungen, der aus einem Pfirsichkern heraus geboren wurde. Aber ich dürfe ihn
ruhig Taro nennen, sagte er, ein Privileg, das ich gern annahm, ja ich
schmolz förmlich dahin von dem fremden Geschmack auf meiner Zunge, bis ich
mir vorkam wie eine unverbesserliche Schmeichlerin und das Gesäusel
umgehend abstellte.
Dass sein Vater kein Herzog war, sondern plastischer Chirurg, änderte kein
bisschen an meinem Eindruck, dass ich es mit einem geborenen Aristokraten
zu tun hatte.
Mit schicksalhafter Symmetrie zollte Taro - in meinen Augen völlig
ungerechtfertigt - mir Bewunderung, als ich ihm erzählte, meine Eltern
seien Theaterschauspieler. Zuerst versuchte ich noch, ihm zu erklären, wie
scheel angesehen das jiddische Theater in Israel war, doch gab ich diese
Haltung sehr schnell auf und sonnte mich in meinem neuen Status als Tochter
von Theaterbohemiens: Taro genoss die Geschichten aus dem grauen Alltag
meiner Eltern so sehr, dass die schwarzen Augenschlitze etwas runder
wurden. Mein damaliger beruf licher Wunschtraum gehörte ja in den
wissenschaftlichen Bereich und somit ans entgegengesetzte Ende der Skala,
außerdem bin ich von Natur aus keine Angeberin; jedes Lügen, und sei es nur
aus Not, bringt mich zu sehr in Bedrängnis, als dass ich die strategischen
Vorteile genießen könnte. Aber dank et licher dünnstieliger Gläser
Champagner hob ich mit einem Mal doch ein bisschen ab, und meine Eltern, so
hausbacken wie Filzpantoffeln, wurden durch meine Erzählungen zu
exzentrischen Stars, die ständig probten oder auf Tournee waren, was jedoch
dank der Faszination fürs Theater, die auch auf unseren familiären Rahmen
abstrahlte, jederzeit wieder wettgemacht wurde. Von den sanften Wellen
meines Schwipses getragen, erfand ich alles frei hinzu, was meine Eltern je
für sich erträumt hatten: Meine Mutter wurde zu einem Star der verhaltenen,
kühlen Art, leichtfüßig und so schlank, dass ihr selbst in ihrem Alter noch
junge Rollen angeboten wurden, Liebhaberinnen und Revolutionärinnen. Meinen
Vater dagegen beschrieb ich als klassischen Hauptdarsteller, aber nicht von
der Hau-drauf-Sorte, eher der intelligente, empfindsame Typ, die ideale
Besetzung für einen Helden, dessen Seele einer oder gar mehreren ungeheuren
Zerreißproben ausgesetzt wird. Doch verbreitete ich mich nicht nur über
männliche und weibliche Rollen im Repertoire des jiddischen Theaters,
sondern auch über diejenigen der international bekannten Klassiker, indem
ich Taro meine Vor behalte hinsichtlich der Rolle des Macbeth darlegte, die
mein Vater vor kurzem bekommen hatte, und auch ausführlich schilderte, wie
sehr meine Mutter körperlich und emotional mitgenommen war, als sie sich
die Rolle der Nastasja Filipovna in der jiddischen Uraufführung von Der
Idiot erarbeiten musste.
Meine armen Eltern ahnten natürlich nicht, welch glorreiche Karriere ich
ihnen andichtete, zwei alte "Aktjoren", wie man auf Jiddisch sagt, die in
der Produktion von A chassene in Stettl, eine Hochzeit im Stettl, nicht mal
Statistenrollen abbekommen hatten, ja die überhaupt nur besetzt wurden,
weil sie klein genug waren, um halbwüchsige Mädchen und Burschen zu
spielen, und weil sie so schön singen konnten: Jiddische Theaterstücke
lebten von Gesangseinlagen, erklärte ich, ohne gute Stimme habe man da
keine Chance.
Selbst Monia Schneiderman, der schlitzohrige Direktor des Ensembles, dem
meine Eltern angehörten, geriet in den Geschichten, die ich für meinen
asiatischen Freund erfand, zu einer Art jiddischer Peter Brook: ein hoch
begabter Regisseur voller Ideale im erbitterten Kampf um den Erhalt und die
Wiedererweckung der jiddischen Kultur, der man in Israel eine herbe Abfuhr
erteilt hatte.
Wieder einmal streckt mir das Gedächtnis spöttisch die Zunge heraus. Was
geschah damals und in welcher Reihenfolge, und wie geschah es überhaupt?
War die Unterhaltung auf Anhieb in Schwung gekommen oder hatte Taros Blick,
viel zu ernst für einen Zwanzigjährigen, mich anfangs eingeschüchtert? Was
hatte mich stärker beeindruckt: die Exotik seiner Herkunft oder die
Unerschrockenheit, mit der er seine Meinung über Konzeptkunst,
Entscheidungsfreiheit und deren Umsetzung, die intuitive Unterscheidung
zwischen Gut und Böse kundtat?
Wann ließen wir davon ab, auf Teufel komm raus Eindruck zu schinden, und
begannen, uns gegenseitig mit köstlichen Fragezeichen zu bombardieren?
Nabokov? Fitzgerald? Shakespeare? Der Pate? Rendezvous nach Ladenschluss?
Erich Kästner? Tom und...
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