Die Intrige: Theorie und Praxis der Hinterlist - Hardcover

Matt, Peter Von

 
9783446207318: Die Intrige: Theorie und Praxis der Hinterlist

Inhaltsangabe

Intrigen gehören zu unserer Zivilisation, und das schon seit Adam und Eva. Peter von Matt hat sich dieses Phänomens angenommen und führt uns die zahlreichen Facetten der Intrige anhand von wunderbaren Beispielen aus der Weltliteratur vor: das Kuckucksei und das Trojanische Pferd, Lady Macbeth und die Marquise de Merteuil, der durchtriebene Fuchs, Mr. Ripley und viele mehr. Es geht um die Täter, ihre Helfer und die Opfer und das Wesen der Intrige. Und dabei erklärt Peter von Matt auch gleich noch das Wesen ihres Hauptakteurs: des Menschen.

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Über die Autorin bzw. den Autor

Peter von Matt (Luzern 1937 – Zürich 2025) war bis 2002 Professor für Germanistik an der Universität Zürich. Er war Mitglied verschiedener Akademien und des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. 2014 wurde er mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen zuletzt: Das Kalb von der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik der Schweiz (2012), Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur (2017) und Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten. Die Möglichkeiten der Literatur (2023).

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Es gibt den Bericht über den Kuckuck, und es gibt den Bericht über die Eroberung der Stadt Troja. Beides sind großartige Geschichten aus dem Leben auf dem blauen Planeten. Hier wie dort will einer in des andern Nest.
Wie macht es der Kuckuck? Jedermann weiß das, und doch bleibt es eine gute Geschichte. Zu einer guten Geschichte gehört, daß man sie gerne wieder hört, auch wenn man sie seit vielen Jahren kennt.
Der Kuckuck läßt seine Eier von andern Vögeln ausbrüten, läßt seine Nachkommen von andern Vögeln aufziehen, und er muß dazu die Nachkommen dieser andern Vögel nach und nach ums Leben bringen. In das besetzte Nest eines brütenden Vogelpaars ein fremdes Ei zu legen, ist nicht einfach. Der männliche Kuckuck, der von Natur aus recht massig aussieht und in mancher Hinsicht an die Konturen eines Raubvogels erinnert, tut zunächst so, als wolle er das ausgewählte fremde Nest angreifen. Er täuscht eine eierräuberische Attacke vor. Dadurch lenkt er das Brutpaar ab. Die beiden müssen ihr Gelege verteidigen und das Nest für kurze Zeit verlassen. Dies ist der Moment für das Kuckucksweibchen. Es fliegt unauffällig an den Tatort, wirft eines der legitimen Eier aus dem fremden Nest und legt ein eigenes zu den verbliebenen. Dieses Kuckucksei hat die Größe, die Farbe und die Sprenkelung der andern Eier; in einem Rotkehlchennest ist es also anders beschaffen als im Nest einer Grasmücke. Wenn das brütende Paar zu seinem Nest zurückkehrt, nachdem es den vermeintlichen Räuber vertrieben hat, setzt es seine Bruttätigkeit fort und das Kuckuckspaar macht sich über das rausgeschmissene Ei her und frißt es leer. Der junge Kuckuck, obwohl später gekommen, schlüpft dann etwas früher als die Nestgenossen und wirft diese, als erste große Arbeit seines noch ungefiederten Lebens, aus dem Nest. Er schiebt sich unter die Geschwister und kippt sie über den Rand. Die unfreiwilligen Stiefeltern aber füttern alles, was einen Schnabel aufsperrt, auch wenn zuletzt nur noch ein einziges, riesiges offenes Maul da ist.
So erobert der Kuckuck das fremde Nest. In ähnlicher Weise eroberten die Griechen nach zehn Jahren Belagerung die Stadt Troja. Auch diese Geschichte ist bekannt; das trojanische Pferd gehört zu den zähesten Restbeständen klassischer Bildung. Das deutet auf eine Story von elementarer Bannkraft.
Am Anfang steht eine Naturbeobachtung. Kalchas, der Priester und Seher der Griechen, teilt deren allgemeine Verzweiflung über das immer aussichtslosere Unternehmen. Troja ist einfach nicht zu erstürmen. Da sieht Kalchas, der von Berufes wegen stets nach Zeichen und Orakeln Ausschau hält, wie ein Raubvogel eine Taube verfolgt. Diese flüchtet sich in eine Felsspalte. Der Raubvogel rennt vergeblich an den schmalen Riß an, stößt sich fast den Schädel ein dabei. Schließlich zieht er sich zurück und versteckt sich in einem Baumwipfel, um dort still zu warten. Die Taube verläßt ihre Burg, weil die Luft wieder rein scheint, und jetzt erwischt sie der Räuber.
Ist das ein Zeichen der Götter, oder ist Kalchas ein früher Ornithologe? Jedenfalls zieht er aus der Beobachtung den Schluß, daß auch Troja nur durch eine List zu erobern sei. Das teilt er den griechischen Heerführern mit. Die glauben das gern, aber wissen dennoch nicht weiter.
Unter den Generälen sitzt auch Odysseus. Polymétis nennt man ihn und polyméchanos. Das eine heißt, daß er eine schwierige Situation rasch analysierend durchdenken kann, das andere, daß er sie mit unerwarteten Mitteln zu lösen versteht. Odysseus ist der einzige, der auch in Wut und Leidenschaft nie blind attackiert. Jetzt macht ihn die Erzählung des Priesters schöpferisch. Er entwirft einen Plan. Er erfindet die List mit dem hölzernen Pferd. Ein riesiges Roß soll gebaut werden, höher als die Stadtmauern von Troja. Dieses soll eines Morgens einsam auf den leeren Feldern vor der Stadt stehen, als Abschiedsgruß der abgezogenen griechischen Heerhaufen. Die Trojaner sollen es für ein segenbringendes Weihegeschenk an die Götter halten und in ihre Stadt hereinziehen. Der Pferdebauch aber wird hohl sein, und in ihm werden die besten griechischen Krieger stecken.
Die Idee leuchtet den vernarbten Kämpfern ein. Nur zwei besonders ausdauernde Kämpfer, Neoptolemos und Philoktet, finden sie beschämend, unehrenhaft, unsoldatisch. Sie wollen weiterhin gegen die Mauern anrennen wie der Raubvogel gegen den Fels.
Die beiden werden überstimmt, aber ihr Einwand bleibt wichtig für die Geschichte der moralischen Beurteilung von List, Verstellung und Intrige. So sehr der unvergleichliche Intellekt des Odysseus immer wieder gerühmt wird, vor allem bei Homer, gibt es doch auch früh schon Vorbehalte gegen das Prinzip der Verstellung überhaupt. Auch Achill, der Unbezwingbare, dem im offenen Zweikampf keiner gewachsen ist, formuliert die Maxime seines Lebens so:

Denn der Mann ist mir so verhaßt wie die Pforten des Hades,
Der ein anderes birgt im Sinn und ein anderes ausspricht.
Das ist gewiß mehr der Ausdruck von Stolz und Überlegenheit als das Zeichen eines sittlichen Empfindens, welches die Wahrheit als höchsten Wert begreift und daraus die Pflicht zur Ehrlichkeit und die Verwerflichkeit der Lüge ableitet. Ich bin so stark, daß ich nicht zu lügen brauche, dürfte das heißen. Wer lügt, ist schwach, und
was schwach ist, verachte ich. Aber was immer der Beweggrund sein mag, der klare Gegensatz ist damit begründet, aus dem sich mitder Zeit dann tatsächlich die Systeme der Sittlichkeit entwickeln werden. Überaus aussagekräftig indessen ist, daß Achill, der Täter, seinen Grundsatz in einer direkten Gegenrede zu Odysseus, dem Planer, äußert.
Das Intrigenprojekt ist also entworfen. Der Plan steht fest, aber damit ist Troja noch lange nicht erobert. Erstens muß das Roß gebaut werden. Dafür, weiß wieder Odysseus, haben wir den Epeios, den besten aller Holzbaumeister. Und dieser bringt das Ungetüm tatsächlich in kurzer Frist zustande, nachdem die Griechen gewaltig Bäume geschlagen haben auf allen umliegenden Bergen. Das kunstreiche Gebilde, das so natürlich erscheint, daß man denken muß, gleich wird das Pferd wiehern, weist Klappen und Türen auf, die nur von innen zu öffnen sind, und Zugleitern, die ein lautloses Aussteigen ermöglichen. Auch steht es bereits auf Rollen, damit der Plan nicht etwa noch an der technischen Unbeholfenheit der Trojaner scheitert.
Zum andern aber muß dafür gesorgt werden, daß die Trojaner auf die Sache hereinfallen. Die Information, was das Ganze zu bedeuten habe, muß also auf irgendeine Art mitgeliefert werden, und sie muß so überzeugend sein, daß die Trojaner das Pferd auch tatsächlich in die Stadt schaffen. Denn sie könnten es ja auch einfach stehen lassen oder zur Feier des Tages anzünden, was dem eingeschlossenen Elitetrupp heiße Stunden bescheren würde. Ohne eine Zusatzintrige wäre also das Roß so chancenlos wie ein der Größe des Kuckucks entsprechendes Ei im Nest eines Zaunkönigs.
Odysseus selbst kann nicht gut hingehen und die Trojaner bereden. Er ist einschlägig zu gut bekannt. Hat er sich doch noch vor kurzem als Bettler verkleidet in die Stadt geschlichen und aus dem Tempel das höchste Heiligtum gestohlen, das Palladium, ein wunderbar vom Himmel gefallenes Bild der Pallas Athene. Dabei hat er tüchtig gemordet. Man haßt ihn. Und noch Dante wird ihn viele Jahrhunderte später für diesen Diebstahl in die Flammen der untersten Hölle stecken.
Der große Intrigant braucht also einen Helfer. Und wie er es auch in der Sophokles-Tragödie »Philoktet« tut, instrumentalisiert Odysseus gerade diese seine eigene Verhaßtheit, um die Hasser zu überlisten. Er sucht einen Mann, der ein Meister der Verstellung, der Lüge und des Heuchelns ist, der aber zugleich bereit ist, sein Leben zu riskieren und sogar eine mögliche Folter in Kauf zu nehmen. Den findet er in der Person des Sinon.
Dieser Sinon war einst so sprichwörtlich wie das trojanische Pferd selbst. Heute kennt ihn niemand mehr. Aber er gehört zu den herausragenden...

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