Ein solches Buch hat es noch nicht gegeben: Alle großen Debatten der deutschen Politik in einem Band. Von Thomas Manns Aufarbeitung der deutschen Schuld zur Friedenspolitik Willy Brandts, von Karl Jaspers Protest gegen die Atombewaffnung zu Wolf Biermanns Verteidigung des Irakkriegs, von der Anerkennung der DDR bis zur "Wende" von 1989, von der Ökologie bis zur Genmanipulation. Debatten und Auseinandersetzungen, die sechs Jahrzehnte deutscher Politik hautnah erleben lassen - in ihrem aktuellen Kontext erklärt und kommentiert.
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Eberhard Rathgeb, 1959 in Buenos Aires geboren, lebt in Norddeutschland auf dem Land. Für seinen ersten Roman Kein Paar wie wir (Hanser, 2013) wurde er mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen die Romane Das Paradiesghetto (2014), Cooper (2016) und Karl oder Der letzte Kommunist (2018).
Als der Zweite Weltkrieg im Mai 1945 zu Ende war, teilten die vier Siegermächte die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien das Land der Besiegten in Zonen auf, besetzten gemeinsam die Hauptstadt Berlin und richteten dort einen Alliierten Kontrollrat ein. Sie wollten alle Entscheidungen, von denen ganz Deutschland betroffen war, gemeinsam fällen. Auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 wurde beschlossen, Deutschland zu entmilitarisieren, zu entnazifizieren, zu demokratisieren und zu dezentralisieren. Das besiegte Land sollte den Siegern Reparationen zahlen. Die Gebiete, die östlich der Oder-Neiße-Linie lagen, sollten unter sowjetische beziehungsweise unter polnische Verwaltung kommen. Deutsche Bevölkerungsgruppen sollten aus Polen, der Tschechoslowakei, aus Jugoslawien und Ungarn ausgesiedelt werden. Im November 1945 begann der Nürnberger Prozeß gegen vierundzwanzig Hauptkriegsverbrecher. Der Prozeß stand unter der Hoheit der vier Siegermächte. Die Alliierten wollten Gericht halten über Nationalsozialisten, nicht über das deutsche Volk, sie wollten Gericht halten über einen Verbrecherstaat, nicht über die deutsche Nation sie wollten ein völkerrechtliches Exempel statuieren.
Sollte es mit Deutschland wieder aufwärts gehen, dann mußten Deutsche beim Aufbau mit Hand anlegen. Der amerikanische Außenminister James F. Byrnes hatte in einer Rede in Stuttgart im September 1946 hervorgehoben, das amerikanische Volk wolle dem deutschen Volk helfen, wieder »einen ehrenvollen Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der Welt« einzunehmen. Diese Worte fielen, nachdem wenige Monate vorher Winston Churchill davon gesprochen hatte, daß sich ein Eiserner Vorhang durch Europa ziehe, welcher die freie westliche von der kommunistischen östlichen Welt trenne. Einen Monat nach Byrnes Stuttgarter Rede erklärte der amerikanische Präsident Harry S. Truman, daß die Vereinigten Staaten die freien Völker im Kampf gegen den Kommunismus unterstützen würden. Diese Absicht wurde die Truman-Doktrin genannt. Der amerikanische Außenminister George Marshall sprach wenig später davon, daß die europäischen Völker einen gemeinsamen Plan zum Aufbau Deutschlands fassen sollten, die Vereinigten Staaten wollten die dazu notwendige wirtschaftliche Hilfe geben. Die Sowjetunion blieb außen vor, so daß diese Unterstützung schließlich nur Westdeutschland und anderen europäischen Ländern zugute kam. Mit der Währungsreform in den westlichen Zonen einerseits und in der sowjetischen Zone andererseits im Sommer 1948 war die Teilung Deutschlands bare Münze geworden.
Die Integration der Westzonen in die freie und der Ostzone in die kommunistische Welt hatte zur Folge, daß sich das Augenmerk der Sieger von der Strafverfolgung der Mitläufer des Hitler-Regimes abwandte und den Aufgaben der deutschen Zukunft zuwandte. Auf dem Weg in diese Zukunft wurden auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ehemalige Nationalsozialisten wieder zur Mitarbeit herangezogen.
Der Philosoph Jean Améry, der seine Leiden im Konzentrationslager nicht verwinden konnte und Ende der siebziger Jahre Selbstmord verübte, sah auf seinen Reisen durch das westliche Deutschland der Nachkriegsjahre auffallend stolze Gesichter, die ihm wie aus Stein gemacht schienen. Viele Deutsche im Westen genauso wie im Osten unterschieden zwischen der deutschen Führung, welche das nichtsahnende Volk verführt habe, und dem deutschen Volk, das von seiner verbrecherischen Führung verführt worden sei. Der Kern des Volkes und der Kern der Nation blieben auf diese Weise gut. Viele Deutsche hatten auch nach dem Krieg am Nationalsozialismus grundsätzlich wenig auszusetzen.
Die Mehrzahl der Deutschen litt, abgesehen von der materiellen Not der ersten Nachkriegsjahre, vor allem unter dem Los der Besiegten. Weder in den westlichen Zonen noch in der sowjetisch besetzten Zone überwog das Gefühl der Befreiung die Qual und die Schmach der Niederlage. Die Niederlage wurde um so stärker empfunden, als die begangenen Verbrechen zu dem geführt hatten, was in Westdeutschland in den achtziger Jahren als ein »Zivilisationsbruch« bezeichnet wurde.
Die Deutschen hatten nach der Kapitulation im Ersten Weltkrieg ihre inneren Angelegenheiten bald wieder in die eigenen Hände nehmen können. Ihnen wurden damals drastische Sanktionen auferlegt, sie wurden entwaffnet, verloren Land und mußten hohe Reparationen an die Sieger zahlen. Einige Deutsche sollten sich in Kriegsverbrecherprozessen verantworten sie wurden aber nicht ausgeliefert. Die Deutschen blieben ihre eigenen Herren nicht einmal die Kriegsschuldfrage war eindeutig geklärt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war das anders. Die Sieger konnten sich nicht mit den üblichen Maßnahmen zufriedengeben, mit denen die Kriegstreiber bestraft wurden. Die Ungeheuerlichkeit der von den Deutschen begangenen Verbrechen und auch die Tatsache, daß von deutschem Boden zum zweiten Mal ein Weltkrieg ausgegangen war, ließen die Siegermächte zu besonderen Sanktionen greifen. Diese Sanktionen machten aus den Siegern moralische Richter Richter, die sich offenbar für ihre eigenen Verbrechen im Krieg nicht zu verantworten hatten. Dieser Vorwurf gegen eine sogenannte Siegerjustiz wurde damals und auch später von Deutschen immer wieder erhoben, und er richtete sich vor allem gegen die Sowjetunion und die von ihr verübten Kriegsverbrechen. Vor allem die Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten gegen Kriegsende, aber auch der amerikanische Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945 und auf Nagasaki einen Monat später schürten die Ressentiments von Deutschen gegen das Richteramt der Sieger.
Die Angst vor der Rache der Sieger war groß, und sie war, wie sich schnell herausstellte, vor allem in der Sowjetischen Besatzungszone berechtigt. Tausende von Deutschen verschwanden auf Jahre in den sowjetischen Arbeitslagern, wo viele den Tod fanden, während die Amerikaner gefangene Soldaten, die sie in Deutschland nur in Notlagern unter katastrophalen Bedingungen unterbringen konnten, häufig schon nach wenigen Wochen und Monaten nach Hause schickten.
Es war für die Deutschen, die aus dem nationalsozialistischen Wahn in das Elend der Niederlage fielen und aus den Schrecken des Krieges kamen oder aus den Kellern der zerstörten Häuser krochen, nicht selbstverständlich, unmittelbar nach dem Ende des Krieges am Aufbau ihres Landes unter der Leitung der Siegermächte mitzuarbeiten. Das roch nach Verrat nicht nur an der persönlichen Geschichte, sondern auch am nationalen Schicksal. In diese Situation fiel Carlo Schmids Aufruf »Vaterländische Verantwortung«, der am 26. September 1945 in der »Stuttgarter Zeitung« erschien. Schmid, 1896 in Südfrankreich geboren, hatte am Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger teilgenommen und war während des »Dritten Reiches«, nachdem ihn die Nationalsozialisten wegen mangelnder weltanschaulicher Zuverlässigkeit von allen Berufungen und Beförderungen ausgeschlossen hatten, als juristischer Berater der deutschen Oberfeldkommandantur in Lille tätig gewesen. Unmittelbar nach dem Krieg war er Professor für Öffentliches Recht in Tübingen und wurde von der französischen Militärverwaltung mit der Aufgabe betreut, das neugebildete Land Württemberg-Hohenzollern aufzubauen. Er gehörte 1948/49 zum Parlamentarischen Rat, war Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei und lehrte von 1953 bis zu seiner Emeritierung in Frankfurt am Main Politische Wissenschaften.
Carlo Schmid versuchte im September 1945 seine Landsleute davon zu überzeugen, daß sie Deutschland nicht verrieten, wenn sie mit den Alliierten zusammenarbeiteten. Er sprach nicht von einer nationalen, sondern von einer vaterländischen Verantwortung der Deutschen. Die Zukunft dessen, was deutsche Nation hieß, war vor dem Hintergrund der im Namen Deutschlands durchgeführten Verbrechen beängstigend schwarz, während die Gegenwart der unmittelbaren Nachkriegszeit die Deutschen...
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