Verwandte Artikel zu Nachtschatten: Roman

Nachtschatten: Roman - Hardcover

Lars Saabye Christensen

 
9783442751341: Nachtschatten: Roman

Inhaltsangabe

»Ich hatte eine schöne Kindheit. Mutter ging früh zu Bett. Vater starb, als ich zwölf Jahre alt war.«

Solch ein unverwechselbarer Ton, solch ein lapidarer Beginn gelingt nur einem: Lars Saabye Christensen. In »Nachtschatten« erzählt er die Geschichte des jungen Adrian – Sohn einer depressiven Mutter und eines geheimnisumwitterten Vaters, der sich erschießt, als der Junge zwölf Jahre alt ist. Kurz zuvor hat Adrian ihn noch besucht an seinem Arbeitsplatz, und noch Jahre später wird er das Schild am Büro des Vaters hängen sehen: »Bin gleich zurück.« Die Mutter zieht sich nach dem Selbstmord des Vaters ins Schlafzimmer zurück; die magere, bösartige, ältere Schwester des Vaters übernimmt das Regiment und macht Adrian das Leben zur Hölle. Doch dieser kämpft. Um eine Zukunft, um Anerkennung, um Zugehörigkeit. Dabei steht er sich oft selbst am meisten im Weg. Näheren Kontakt hat er nur zu Emilie, einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Sie, die viel allein ist und von den anderen nicht beachtet wird, sucht Adrians Nähe. Und dieser sieht sie, fotografiert sie sogar. Als sie plötzlich spurlos verschwindet, spitzt sich die Situation zu. Hat Adrian etwas damit zu tun? Wer lügt in dieser Geschichte, und welche Geheimnisse verbergen die einzelnen Familienmitglieder wirklich?

Ein aufwühlendes, berührendes, schamloses, zu Herzen gehendes Buch: Wenn der »Halbbruder« eine Fotografie ist, so ist »Nachtschatten« das Negativ dieses Fotos.

Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.

Über die Autorin bzw. den Autor

Lars Saabye Christensen, 1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher sind vielfach preisgekrönt und wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Mit seinem Roman "Der Halbbruder", für den er den "Nordischen Literaturpreis" erhielt, feierte er in ganz Europa und den USA Triumphe. Der Autor lebt in Oslo.

Aus dem Klappentext

"Eigenwillig und wortgewaltig: Der norwegische Schriftsteller Lars Saabye Christensen brilliert mit der melancholisch-wundersamen Familiensaga 'Der Halbbruder' [...]. Selten hat ein Schriftsteller so klug, feinfühlig und liebevoll von den Mühen des Erwachsenwerdens, von Geschwisterliebe, Freundschaft, Tod und der Kraft der Vergebung erzählt."
Angela Gatterburg im Spiegel

"Diese Familiensaga wärmt das Herz, wie es nur absolute Lieblingsbücher können."
Brigitte

"Hinreißend!"
Stern

Auszug. © Genehmigter Nachdruck. Alle Rechte vorbehalten.

Ich hatte eine schöne Kindheit. Mutter ging früh zu Bett. Vater starb, als ich zwölf Jahre alt war. Ich war Einzelkind. Wir wohnten in einer großen Wohnung in der Straße hinter dem Schloss. Ich kann mich an die drei Stuben erinnern, die ineinander übergingen, durch breite Schiebetüren geteilt, die immer offenstanden, und an die schweren Portieren mit Quasten, die zur Seite gerafft waren, wie ein dunkler Bühnenvorhang. Vater saß im Sessel in der hintersten Stube und las in der Life. Das Licht von den hohen Fenstern – entweder waren es die Straßenlaternen oder der Mond im Herbst oder aber die Sonne, die sich in grünen Bündeln durch den wilden Wein ihren Weg bahnte, wenn der Frühling kam – ließ seine weißen Handschuhe leuchten, als wären es nur diese Hände, die von ihm sichtbar waren. Ab und zu schaute er auf, bemerkte mich und zögerte einen Moment lang, bevor er weiterblätterte. Ich stand so weit entfernt, dass ich nicht sehen konnte, ob er lächelte oder sich gestört fühlte.
Als er tot war, fühlte ich keine Trauer, nur eine Art Erschöpfung. Es war meine Tante, die mir mitteilte, dass er tot war. Ich kam aus der Schule, Ende September, an einem Tag, an dem schon etwas Merkwürdiges geschehen war, denn ich hatte die brutale Einsamkeit meiner Mutter gesehen, es regnete, und da war dieses dürre Klappergestell, meine unverheiratete Tante, Vaters ältere Schwester, die so alt war, dass sich viele fragten, ob die beiden wirklich gleichen Ursprungs sein konnten, und jedes Mal, wenn ich sie sah, kam mir in den Sinn, wie unmöglich doch die Vorstellung war, dass Vater von irgendjemandem der kleine Bruder war.
Sie knackte mit den Fingern, das war eine schlechte Angewohnheit von ihr, fünf Mal ein trockenes Knacken.
»Er ist tot«, sagte die Tante.
»Wer?«
»Dein Vater.«
Dann strich sie mir schnell mit der Hand übers Gesicht, das vom Regen ganz nass war, vielleicht glaubte sie ja, ich hätte angefangen zu weinen. Sie folgte mir zu meiner Mutter nach drinnen. Deren Weinen war echt. Es war übrigens das erste Mal, dass ich in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer war, das jetzt ihr allein gehören sollte. Ein breiter Nachttisch stand zwischen den Betten. Vaters Handschuhe lagen unter der Lampe. Jetzt konnte ich sehen, dass sie fleckig waren, die Finger ganz grau, von Druckerschwärze oder vom Tabak. Sie leuchteten nicht mehr.
»Kann ich die Hefte haben?«, fragte ich.
Mutter schaute mich an, verwundert.
»Was meinst du?«
»Life. Kann ich sie jetzt haben?«
Mutter setzte sich im Bett auf, hob die Hand, und ich glaubte, sie wollte mich schlagen, und duckte mich, aber meine Tante konnte sie aufhalten.
»Nun, nun, das war doch nicht so gemeint«, flüsterte sie.
Aber ich hatte es genau so gemeint. Ich wollte die Hefte haben. Es gab keine Hintergedanken in meinen Worten, keine Bosheit in meinem frommen Wunsch. Mutters Augen wurden trocken und kalt. Sie war seiner Ideen überdrüssig, und sie war meiner überdrüssig, als wenn alles, was passiert war, meine Schuld gewesen wäre.
»Du solltest dich schämen«, sagte sie. »Schäm dich!«
Und vielleicht war es genau da, in diesem Augenblick, als Mutter sagte, ich solle mich schämen, dass mir meine Schamlosigkeit ungewohnt deutlich vor Augen stand. Es ist mein Gebrechen, und es ist vorgekommen, dass ich mich gefragt habe: Ist das der Punkt, wo das Licht eindringt, oder ist es der Punkt, wo das Dunkel hervorquillt?
Ich habe kein Schamgefühl.
Vater wurde sieben Tage später im Vestre Krematorium beigesetzt. Erst da beschloss Mutter aufzustehen. Sie weinte und kleidete sich schwarz. Es war die Tante, die alles organisiert hatte, Blumen, Anzeige, Telefonate, Anwälte, Polizei. Sie war diejenige, die ins Krankenhaus fuhr, um meinen Vater zu sehen, ihren Bruder, zum letzten Mal, aber das wurde ihr nicht erlaubt, der Sarg, in dem er lag, war bereits verplombt. Es war Vaters Arzt, Doktor Ask, der es ihr abschlug, er sagte, er tue das aus Rücksicht auf uns alle, denn Vater war kein schöner Anblick.
Doch das, was man nicht zu sehen bekommt, wird vor unseren Augen nur noch schlimmer. Es wächst. Es verschwindet nie. Unwissenheit ist ein Treibhaus, in dem die schrecklichsten Blumen wachsen.
Das Wetter war an dem Tag gar nicht so schlecht.
Ich saß in der ersten Reihe zwischen Mutter und Tante. Mutter hatte aufgehört zu weinen. Die Tante war immer noch wütend. Den ganzen Mittelgang hinunter lagen Blumen, als wäre der Sarg an einem Seil aus Blumenstängeln vertäut. Hinter mir hörte ich Stimmen, die kraftvoll sangen, Stimmen, die schwiegen, und einige, die nur flüsterten. Es gab nicht einen freien Platz. Einige mussten sogar unter den Bogengängen an den Wänden stehen. Der Pfarrer sagte, dass mein Vater, der Patentingenieur, zweiter Vorsitzender im Norwegischen Erfinderverein von 1955-59, im Gedächtnis bleiben und niemals vergessen werden würde. Da war es ganz still im Krematorium. Der Pfarrer sagte, dass mein Vater Spuren hinterlassen habe.
Und während der Pfarrer das sagte, hatte ich das Gefühl, als rede er von jemand anderem, einem, von dem ich nicht wusste, wer es sein sollte. Und ich dachte weiter, dass wir wohl auf der falschen Beerdigung gelandet waren, dass das nur einer von Mutters Einfällen war, ihre verrückteste Idee bis jetzt, es war gar nicht mein Vater, der da im Sarg lag, die Blumen waren nicht für ihn bestimmt. Aber vielleicht kannten ja alle, die an diesem Tag im Krematorium waren, meinen Vater jeweils auf andere Art und Weise? Was hätte ich geantwortet, wenn mich jemand gefragt hätte, wer mein Vater war? Ich hätte gesagt: der Mann mit den schmutzigen Handschuhen in der hintersten Stube.
Die Feier fand ihren Abschluss am Grab, wie es so schön heißt. Ich sah kein Grab, nur den Sarg, der sich langsam zwischen Blumen und Kränzen hinuntersenkte, und gleichzeitig hörte ich das Geräusch einer Art von Motor, vielleicht waren es auch nur die Flammen im Keller darunter. Aber nein. Das Geräusch kam von meiner Mutter. Sie war die Einzige, die nicht aufgestanden war. Sie saß da, die Kiefer fest zusammengepresst, und knirschte mit den Zähnen, ihr Gesicht schien schief und viel zu kurz zu sein, es war, als hätte sie den Mund voller Grashüpfer und Angst, sie könnten herausspringen. Sie schaute nach unten und war nicht mehr in der Lage, jemandem in die Augen zu sehen. Sie schämte sich wegen Vaters Tod.
Mutter war Witwe geworden. Und ab jetzt werde ich sie nur noch so nennen: die Witwe.
Ich beugte mich vor und schaute in das längliche Loch im Boden, dort, wo der Sarg gestanden hatte. Es sah aus wie ein Fahrstuhlschacht, voll mit Blumen, aber es fuhren hier keine Kabinen hoch und runter.
Vater unser.
Einer von Vaters Erfindern, ich glaube, er hieß Holmsen, warf eine Rose hinein. Sie fiel und fiel und erreichte nie den Boden. Er trug eine Sonnenbrille, sein Haar war grau geworden, innerhalb eines einzigen Monats war es dünn und grau geworden, ich konnte sehen, dass es verwelkt war.
Am liebsten hätte ich ihn über den Rand geschubst.
Stattdessen flüsterte ich:
»War nett letztes Mal.«
Es durchzuckte ihn.
Jetzt stand auch die Tante da.
»Dass Sie es wagen! Verschwinden Sie!«
Der Mann, der Holmsen hieß und eine neue Skibindung erfunden hatte, behielt die Sonnenbrille auf, holte tief Luft und ging, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen.
Der du bist im Himmel.
Doktor Ask, Vaters Freund und Arzt, dieser lange, dünne Mann mit den traurigen Augen, aber heute nicht, heute gab es einen anderen Glanz in ihnen, er blieb an seinem Platz stehen, als sich die Kapelle endlich geleert hatte. Dann kam er zu uns. Die Witwe war bereits in ihrer eigenen Welt, und er konnte nichts tun, als ihr vorsichtig auf die Schulter zu klopfen. So blieb er lange Zeit stehen, als wäre auch er aus dieser Welt verschwunden, bis sich die Tante laut räusperte.
Doktor Ask wandte sich uns zu.
Er nahm die...

„Über diesen Titel“ kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.