Über die unendlichen Möglichkeiten, jeden Tag neu zu beginnen …
David Carter ist Kurator an einem Museum in Coventry. Seit seiner Kindheit sammelt er Erinnerungsstücke, die er zu einer Art privatem Museum zusammengetragen hat. Mit Hilfe dieser Alltagsobjekte, die er fein säuberlich beschriftet, bringt er eine gewisse Ordnung in sein Leben. Doch eines Tages erfährt David durch Zufall, dass er nicht der leibliche Sohn seiner Mutter ist, und mit einem Schlag brechen alle Gewissheiten für ihn zusammen. Er begibt sich fortan auf die Suche nach seiner Vergangenheit – eine Suche, die zur Obsession wird und die ihn immer wieder dahin zurückführt, dass es nicht nur „so“ oder „so“, sondern immer auch noch ganz anders gewesen sein könnte ...
Nominiert für den Booker Prize.
Die Inhaltsangabe kann sich auf eine andere Ausgabe dieses Titels beziehen.
Jon McGregor wurde 1976 in Bermuda (GB) geboren. Er wuchs in Norfolk (GB) auf und lebt nun in Nottingham. "Nach dem Regen" ist sein erster Roman. Er entstand im Laufe von zwei Jahren auf einem Hausboot. 2002 gelangte er damit als einziger Debütant auf die Booker Prize Longlist, im Jahr darauf erhielt er den "Somerset Maugham Award" und 2004 in der Kategorie Best Newcomer den "British Book Award".
Sie kamen früh am Morgen, liefen mit den anderen über Bahnschwellen und Feldwege und Landstraßen und Äcker, langgestreckte, flache Anhöhen hinab zum träge dahinfließenden Fluß, hinunter zu den offenen Toren der Stadtmauern. Als die Nacht in ihrem Rücken der Dämmerung wich, ließen die schwerfälligen Bewegungen der Körper erkennen, daß sie schon seit vielen Stunden oder gar Tagen unterwegs waren, über ihnen hing der Atem als Dampf in der kalten Morgenluft. Sie kamen fast lautlos, das Wischen taunassen Grases an den Knöcheln, das Schmatzen und Platschen des schlammigen Bodens unter den Füßen, das Husten und Murmeln erster Gespräche, als ein paar Sätze ihren Weg durch die Reihen machten. Da wären wir. Sind fast da. Nur noch den Hügel hinunter, und dann setzen wir uns hin. Zigaretten wurden angezündet, hunderte von Zigaretten, schmale, ledrige Finger rollten gekonnt eine Prise Tabak in ein Papierblättchen, ohne dabei aus dem Tritt zu geraten. Zigaretten wurden geschnorrt, angeboten, geteilt, an nervöse junge Hände weitergereicht, die begierig auf den ersten beißenden Geschmack des Erwachsenseins warteten; die Jungen schützten die Zigarette mit ihren Händen vor dem Wind, wie sie es bei ihren Vätern und Onkeln und älteren Brüdern abgeguckt hatten, husteten, als der Rauch in ihren unverbrauchten Lungen brannte, sich nach oben kräuselte und mit den kalten Atemwolken vermischte, während sie zwischen blühenden Weißdornhecken und Böschungen voller Himmelschlüssel hindurchgingen, hinunter, in Richtung der Stadtmauer. Alle trugen sie Anzüge oder etwas, das dem ähnelte: wollene Westen und ordentlich geknotete Halstücher, dicke Tweedjacken mit abgeschabten Ellbogen und Manschetten, Englischlederhosen mit ausgefransten Säumen, die in die Stiefel gesteckt waren. Die Jüngeren hatten Kleiderbündel dabei, in braunes Packpapier verpackt und mit Bindfaden zusammengeschnürt, über die Schulter geworfen oder mit feuchten Händen an die Brust gedrückt; allmählich beschleunigten sie ihr Tempo, wurden den Berg hinab gezogen vom Anblick der Stadt, von der Begierde, als erste da zu sein, von der Ungeduld der von hinten nachdrängenden Männer und Jungen, noch benommen vom Schlaf, mit vom langen Marsch schmerzenden Gliedern, doch alles war vergessen, als sie sich dem Ziel ihrer Reise näherten.
Von der Kuppe des Hügels, wo andere erst jetzt den letzten langen Abstieg begannen, sah die Stadt still und reglos aus; sie war vom blassen Nebel eines Maimorgens verhüllt und verströmte dasselbe Versprechen wie jede aus der Ferne betrachtete Stadt, dieselbe magnetische Anziehungskraft aus Hoffnungen und Möglichkeiten. Als die ersten Männer und Jungen in die Stadt kamen und ihre dröhnenden Stiefel über das Kopfsteinpflaster stampften, wurden die Fenster gerade aufgemacht und die Vorhänge zurückgezogen, und langsam erwachte die Stadt. Verschlafene Kinder spähten aus kleinen Fenstern in den Obergeschossen, das gedämpfte Gemurmel und Gepolter verkündete den Beginn des Tages, den sie so sehnlich erwartet hatten; sie riefen zu den Kindern in den Häusern auf der anderen Straßenseite hinüber und schnitten ihnen Fratzen. Gastwirte öffneten die Türen und Rolläden ihrer Kneipen, fegten den Boden und standen mit dem Besen in der Hand in der Tür und sahen den ersten Gästen entgegen. Budenbesitzer bereiteten die Eröffnung ihrer Stände rund um den Marktplatz vor und behielten den Trupp Polizisten im Auge, der vor dem neuen Rathaus stand. Und von allen Ecken des langgestreckten Platzes, von der Straße, die von der Brücke im Osten hereinführte, vom Torbogen am Pförtnerhaus im Westen, von der Straße, die sich im Süden am Fluß entlang schlängelte, tauchte die Armee der Arbeiter auf, wurden die Ankömmlinge vor Aufregung immer schneller, riefen Freunden, die sie in den letzten sechs Monaten nicht gesehen hatten, einen Gruß zu, sahen sich nach anderen um, erkundigten sich nach dem Befinden der Kinder und Frauen. Und das Gedränge der Menschen auf dem Platz wurde stärker und lauter, und die Väter legten ihren jüngsten Söhnen die Hand auf die Schulter und hielten sie dicht bei sich, wollten sie nicht zu schnell gehen lassen, lauschten den über sie hinweg gerufenen Gesprächsfetzen, hielten Ausschau nach den Bauern und Vorarbeitern und warteten, daß die Geschäfte des Tages begannen.
Mary Friel stand bei ihrem Vater und ihren Brüdern und sah sich um, der jüngste hielt ihre Hand umklammert. Alles klar bei dir, Tommy? flüsterte sie zu ihm hinunter. Nickend blickte er mit einem verärgerten Ausdruck auf seinem Kindergesicht zu ihr hoch und zog die Hand weg.
Schon wenig später, wie auf ein unsichtbares Signal hin, begannen überall auf dem Platz die Verhandlungen. Suchst du Arbeit, Kleiner? fragten die elegant gekleideten Herren und warfen einen Blick auf die Jungen. Wieviel soll's denn sein? Und die älteren Jungen, die ihren Preis kannten, oder sagen konnten, daß sie Erfahrung hatten, stark waren, mehr schafften, versuchten ihr Glück mit acht, neun, zehn Pfund, während die Jüngeren, die es nicht besser wußten oder nicht mehr verlangen konnten, sechs oder sieben sagten, wie es ihnen aufgetragen worden war. Die Verhandlungen wurden mit einem knappen Kopfnicken und der Übergabe des braunen Papierpakets abgeschlossen, der Anweisung, wo man sich nachmittags treffen würde, manchmal mit einem oder zwei Shilling als Geschenk, damit der Junge etwas für den Tag hatte, manchmal nicht; manchmal wurde der Vater auf ein Bier eingeladen, um das Unangenehme der Szene zu übertünchen, manchmal nicht.
Es war das erste Mal, daß Mary mit in der Stadt beim Gesindemarkt war. Bisher hatte sie immer ihrem Vater hinterhergesehen, wenn er mit ihren Brüdern loszog; hatte in der niedrigen Tür gestanden und zum Abschied gewinkt, neben sich ihre Schwester Cathy, Tommy, der sich an den Händen der beiden festhielt, und ihre Mutter, die sich, lange bevor sie verschwunden waren, abwandte und sagte wir haben keine Zeit, hier den ganzen Tag herumzustehen. Aus den Erzählungen ihres Vaters, wenn er abends allein zurückkam, hatte sie eine gewisse Vorstellung davon gehabt; sie und Cathy lagen im Bett und lauschten, während er leise bei den letzten Torfsoden des verlöschenden Feuers mit ihrer Mutter sprach. Aber auf so viele Menschen war sie nicht gefaßt gewesen, und so viel Lärm, und die Art, wie ihr Vater starr geradeaus blickte, wenn ein Herr auf ihn zukam und fragte sucht dein Junge eine Stelle?
Sobald der Preis ausgehandelt war, verließen sie den Platz, ermahnten Tommy, sich gut zu benehmen, hart zu arbeiten und dem Mann zu gehorchen und sie am nächsten Markttag in sechs Monaten wieder dort zu treffen. Sie durchquerten die Stadt auf dem Weg zum Fluß, Mary, ihr Vater, ihre beiden älteren Brüder, die jetzt zu alt waren, um sich als Jungknechte zu verdingen, hinaus zum Hafen, wo sie das Schiff nach England besteigen wollten. Mary hörte zu, wie ihre Brüder sich mit ihrem Vater unterhielten, als sie dasaßen und aufs Boot warteten, Anekdoten aus ihrer Zeit als junge Knechte erzählten, vom Dreschen und Unkrautrupfen und Steinesammeln, vom frühen Aufstehen und den endlosen Träumen von Essen. Sie saß ein wenig abseits, sah hoch zu den Hügeln am anderen Flußufer und spürte immer noch den Abdruck der Hand ihres kleinen Bruders. Andere Männer gesellten sich zu ihnen, kamen vom Marktplatz herüber, zündeten sich Zigaretten an, hockten sich auf Getreidesäcke und Wollkisten und redeten darüber, wo es dieses Jahr angeblich Arbeit geben solle. Sie folgten der Ernte von Lancashire hoch nach Berwick und weiter bis nach Fife. Neue Kanäle rund um Birmingham. Munition in Glasgow, Manchester, Coventry, Leeds. Sprachen über die beste Art dorthin zu kommen, die billigsten Unterkünfte, welche Namen man erwähnen sollte, damit man am Ende der Reise auch tatsächlich Arbeit ergatterte. Ein paar Männer warfen neugierige Blicke hinüber zu Mary, fragten sich, was sie wohl dort machte. Zu wem sie gehören mochte, bis die Blicke von ihrem Vater mit...
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Taschenbuch. Zustand: Gut. 1. Mängelexemplar, leichte Gebrauchsspuren---. nein. Artikel-Nr. 101448
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Zustand: Sehr gut. Gebraucht - Sehr gut -'Alle Archive der Welt wären nicht genug, solange er nicht wüsste, nach wem oder was und wo er suchen sollte.'David ist Museums-Kurator. Seit seiner Kindheit sammelt er Gegenstände, um die Vergangenheit festzuhalten. Doch von einem Tag auf den anderen bricht sein geregeltes Leben zusammen. Er muss erfahren, dass er nicht der Sohn seiner Eltern ist. An seiner verzweifelten, jahrelangen Suche nach der wirklichen Mutter zerbricht fast die Ehe mit Eleanor, seiner von Depressionen gebeutelten Frau. Nichts lässt sich unbeschadet über die Zeit retten.Mit einem unverwechselbaren Sound erzählt der Roman Davids Lebensgeschichte vom Kriegsende bis in die Gegenwart. Ein bewegender Roman über die Liebe und die unendlichen Möglichkeiten, jeden Tag - so oder so - neu zu beginnen. Taschenbuch, Größe: 12 x 3.5 x 18.4 cm. Artikel-Nr. 66166
Anzahl: 1 verfügbar